Ich bin privatsexuell!

Wo fängt Privatsphäre an? In der Regel respektiert jeder die Antwort, dass jeder Mensch – ist er nicht gerade Bundespräsident – das für sich selbst beantworten muss. Aber versucht man es in die Praxis umzusetzen… – Ein Gastbeitrag von KWiNK!

Gastautor „KWiNK“

Hier konkret, worum es geht: Eine größere Zahl Menschen (20.000 bei YouTube, weitere 4.500 bei Twitter und 2.500 bei Facebook – das macht mich nicht wirklich prominent, eher milde bekannt mit künstlichem Prominenzaroma, aber immerhin) verfolgen das, was ich im Internet so treibe. Sie stellen mir auch Fragen über das, was ich dort tue, und zu meiner Person. Manche beantworte ich gerne, bei anderen muss ich möglichst freundlich vermitteln, dass das niemanden außer mir und meinem nächsten Umfeld etwas angeht. Letztere Antwort gebe ich auch auf die Frage nach meiner sexuellen Orientierung. Und das überrascht viele.

Im Internet, wo „GAY!“ noch immer als gängige und vernichtende Kritik zählt, halten die meisten User es mittlerweile für völlig selbstverständlich, dass man sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ganz klar bekennt, ob man schwul, hetero, bi, trans oder was auch immer ist. Schließlich ist das ein ziemlich elementarer Teil der Identität. Man sollte doch stolz darauf sein. Oder wie oder was?

Nein, sage ich. Ist es nicht und bin ich nicht. Weil es in meinen Posts und Videos nicht um meine sexuellen Erlebnisse und Bedürfnisse geht. Weil ich 99% der Leute, die sich für das, was ich online mache, interessieren, nie im wahren Leben treffen werde und mit noch sehr viel weniger, wenn überhaupt, werde ich ins Bett gehen oder woanders Nackt-Artistik praktizieren. Welchen Unterschied macht es demnach, was für Menschen mich anziehen? Und überhaupt, warum sollte ich stolz auf die Veranlagung sein, mit der ich geboren wurde?

Der Punkt ist, dass die User noch immer gewisse Wertevorstellungen mit der Sexualität eines Menschen verbinden. Wenn sie wissen, ob ich in diese oder jene Richtung tendiere, können sie mich einordnen, mir ein weiteres Etikett aufkleben und sehen meine Videos oder lesen meine Posts in dem Wissen, dass ich das als Homo-/Hetero-/Bi-/Trans-/Irgendwassexueller von mir gebe. Die einen werden mich deswegen weniger hoch ansehen, einige vielleicht sogar verachten (Grüße an jenen Menschen, der mir schrieb, ich müsse mir Hilfe suchen und mich von meiner Homosexualität heilen lassen), wieder andere werden sich in ihrer Toleranz sonnen, dass sie die Videos dieses anderssexuellen anschauen und Freunden gegenüber sagen können: „Ist ja nichts dabei.“

Diese Befriedigung gebe ich den Leuten aber nicht. Weil es nicht wichtig ist, was ich bin, sondern was ich sage. Könntet Ihr, wenn ich mit Euch rede, bitte in meine Augen und nicht auf meinen Penis schauen? Tausend Dank.

Meistens stoße ich damit zumindest vordergründig auf Verständnis. Die Antwort, ich würde meine Sexualität nicht öffentlich machen, weil zu viele Leute da Wertvorstellungen mit verbinden, beendet meist Diskussionen. Den Folgekommentar „Wenn du es nicht sagst, bist du also schwul!“ kenne ich allerdings auch. Das sind die Leute, die noch immer denken, Schwule, Bis und Transen hätten Grund, sich zu verstecken. Und es könne keine Heterosexuellen geben, die jeden Verdacht der Homosexualität nicht sofort weit von sich wiesen (wie der oben Gegrüßte, dem ich, außer dass ich mich nicht festlegen wollte, keinen Anhaltspunkt gegeben hatte, dass ich schwul sein könnte). Genau die verkrusteten Rollenbilder, die ich zu boykottieren versuche.

Diese Leute enthüllen mir aber in der Regel mehr über sich, als ich ihnen von mir preisgebe. Für solche Leute habe ich mir noch eine Antwort angewöhnt. Wenn jemand unter eines meiner YouTube-Videos „GAY!“ schreibt, antworte ich mit „Homophob!“ Wer von uns hat das Problem? Nuff said.

KWiNK, 18. Januar 2012

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12 Gedanken zu “Ich bin privatsexuell!

  1. Danke, KWiNK, für diesen super Artikel! Mich beschäftigt das Thema schon seit einiger Zeit und bin genau deiner Meinung. Im Grunde genommen ist es doch völlig egal, ob man jetzt Frauen, Männer, oder Ponys attraktiv findet, solang man selbst damit glücklich ist und niemandem schadet.
    Ich bin froh darüber, dass es Leute gibt wie dich, die klar kommunizieren, dass sexuelle Ausrichtung völlig nebensächlich ist und nicht alle etwas angehen muss! Danke 🙂

  2. Well said! Es geht mir auch immer gegen den Strich, wenn Leute versuchen, mich aufgrund meiner Sexualität in eine Schublade zu stecken und annehmen ich würde bestimmte tun/lassen. Gerade die Sache mit dem“Etikett“ ist besonders fragwürdig, auch in anderen Kontexten, wenn jemand gerade herauszufinden versucht, wen/was er/sie mag, zum Beispiel. Dann wird es oft schwer, wenn man sich nichteinma in die Gängigen Etiketten einordnen kann. Insofern sollten wir versuchen, gegen solche Typisierung (selbst wenn sie unter dem Motto der Toleranz abläuft) zu unterbinden, und da machst du einen großen und tollen Schritt in die richtige Richtung. Danke dafür! LG Nana

  3. Ich gebe zu bedenken, wenn alle Homosexualität in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, dann überlassen wir die Definitionen endgültig den Heteros, die sich ja dauernd bestätigen lassen, dass SIE die bestimmende Mehrheit seien…

    Und keineR lernt, dass soviele Heteros sich genauso der homosexuellen Lust – allerdings nur „bedienen“, wie die angeblich nur „paar Schwulen“…

    Solange ich meine sexuelle Identität nicht selbst angeben kann, überlasse ich Anderen, über mich zu bestimmen. Und mich fragt auch niemand, ob ich den ganzen Dramaqueen-Scheiss der Heteros in allen Medien lesen wolle, der höchstens auf den Börsen-Seiten fehlt…

    Gewisse soziale Einstellungen sind ohne Identitätsangaben gar nicht für Andere verständlich. Oder willst Du „heterolike“ über Schwuchteln schimpfen?
    Dabei muss keiner eine Regenbogenfahne vorantragen, aber gut, wenn mann sie dabei hat! 😛

  4. @bajazbasel
    Ah! Auf den Einwand habe ich gewartet. 🙂

    Und das muss ganz klar sein: Diese Haltung, wie ich sie beschreibe, funktioniert nur als Gegenentwurf. Diejenigen, die offen mit ihrer Sexualität umgehen, muss es genauso geben, sonst verschwindet das Thema im Tabu und das wäre absolut kontraproduktiv.

    Was ich nur einfordere ist das recht, es auch Privatsache sein zu lassen und kein Theater daraus zu machen, wer oder was jemand ist. Die Errungenschaften der Gleichstellungsbewegung in den letzten Jahren waren toll, haben aber dazu geführt, dass von jedem gleich erwartet wird, sich zu positionieren, um positioniert werden zu können und dabei geht genau das Ziel, nämlich das Gleichsein nicht obwohl man „anders“ ist, sondern weil es keinen verdammten Unterschied macht, verloren. Ich möchte einfach in der Öffentlichkeit nicht unterschieden werden. Das ist alles.

  5. Danke für den ergänzenden Kommentar!

    Das ist der einzige Punkt, der mir oben gefehlt hat!

    Die Kernaussage, dass es jedem ohne „schiefe Blicke“ oder vermeintlich schlaue Rückschlüsse möglich sein sollte das Privatleben so weit nach außen zu tragen wie er/sie es selbst möchte, kann ich nämlich absolut unterstützen!

  6. Dass Homophobe eigentlich Arschlöcher seien ist so ein Meme, das gerade rumspukt. Und mich allmählich nervt.

    Ich finde das Wort „Homophobie“ super. Weil es aussagt, was hinter der Ablehnung einer Privatsache anderer Leute steckt. Nämlich die eigene irrationale Angst vor etwas, das man sich emotional nicht erklären kann.

  7. Guter Text, einziges Manko habe ich jedoch:
    Transsexualitaet ist keine Sexualitaet wie man sie sich unter Homo/bi/pan/oder aehnliches vorstellt. Der Begriff dient nur den Krankenkassen und spricht vielmehr von einer Identitaet.
    Mir als Transmann ist es einfach wichtig, dass man, neben all den anderen Vorurteilen, Trans und Homo nicht auch noch in ein Boot wirft, denn sie haben nichts miteinander gemein. Das wollte ich bloß kurz darstellen. 🙂

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