Gedanken an Markus Volk (* 21 .Februar 1980; † 27. November 2012) – Gastbeitrag

Markus Volk war gemeinsam mit mir Kampagnenmitglied bei „Ich weiss was ich tu“ und Botschafter des Welt-Aids-Tages der Kampagne „Positiv zusammen leben – Aber sicher!“ – Kurz vor dem Weltaidstag, am 27. November 2012, ist er an Krebs verstorben. Ein paar Gedanken von Kay Bohlen, der 2010 gemeinsam mit Markus in der Welt-Aids-Tag-Kampagne agierte und sein Botschafterkollege war.

Markus vor seinem Plakat zum Welt-Aids-Tag

Markus vor seinem Plakat zum Welt-Aids-Tag

Im Sommer 2010 lernte ich Botschafter Markus in der Berliner Aidshilfe kennen, wo die erste Vorbesprechung zur neuen Kampagne „Positiv zusammen leben…aber sicher!“ stattfand. Ein quirliger junger Mensch, der kein Blatt vor den Mund nahm und immer sagte, was er dachte. Begleitet wurde er von zwei Freunden, die mit ihm zusammen auf den Welt-Aids-Tag-Plakaten 2010 erscheinen sollten. Alle Botschafter/Innen lebten in unterschiedlichen Bundesländern, so dass mir die Idee kam, einen E-Mail-Verteiler einzurichten, damit der Informationsfluss untereinander geregelt werden konnte. Und wer wollte, konnte über die Kampagne hinaus in Kontakt bleiben.

Von Zeit zu Zeit sprach ich mit Markus am Telefon über die Erfahrungen mit der Presse, mit Arbeitskolleg/Innen und Freunden. Für uns war klar: die Kampagne hatte uns ein großes Stück weitergebracht, selbstbewusst mit HIV in der Öffentlichkeit zu leben.

Stets nach dem Motto „Nach dem Welt-Aids-Tag ist vor dem Welt-Aids-Tag“ rauschte 2010 an uns vorbei und eine neue Liga von Botschafter/Innen war für 2011 in der Kampagne aktiv. Ich blieb dabei und auch Markus bekundete mit Wohlwollen sein weiteres Engagement für 2011.

Doch im Sommer 2011 erhielt ich einen Anruf und Markus berichtete, man habe bei ihm Magenkrebs diagnostiziert. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung mit einer Krebserkrankung vor vielen Jahren konnte ich mir in Ansätzen vorstellen, was nun auf den jungen Mann zukommen würde. Markus war gefasst und er war hoffnungsvoll. Er wollte die Krankheit angehen und besiegen. Wir telefonierten regelmäßig. Er erzählte von den Operationen, der Chemotherapie und den etlichen Komplikationen, die immer wieder auftraten. Doch nie klang Markus verzagt oder unsicher, ob er die Krankheit überstehen könnte. Es gab Hoffnung und an die glaubte er – an die glaubte ich. Zunächst.

Als er dann zum Jahresende 2011 wieder einige Wochen ins Krankenhaus musste, hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, die ganze Geschichte könnte wesentlich ernster verlaufen als zuerst vermutet. Die Wochen vergingen und die Abstände unserer Telefonate wurden zunehmend größer.

Im Juni 2012 rief mich Markus an nachdem er kurz zuvor erfahren hatte, er sei austherapiert und der Krebs sei unheilbar. Er sprach völlig klar, gefasst und in keinster Weise verbittert oder verzweifelt. Im Gegenteil: Markus machte bereits Pläne, wie er seine verbleibende Lebenszeit gestalten würde. Mindestens zwei Reisen wollte er noch unternehmen. Euro Disney und vielleicht Gran Canaria. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt einen dieser Trips noch realisieren konnte, höchstwahrscheinlich nicht. Jedenfalls wurde mir bei diesem Telefonat klar, dass ich Markus noch einmal sehen wollte und sprach diesen Wunsch aus. Zu meiner Freude stimmte er einem Besuch zu und freute sich darauf, seinen Botschafterkollegen aus dem Ruhrgebiet wieder zu sehen.

Wir verabredeten uns für den 21. Juni 2012 gegen Mittag. Sommeranfang. Ein wenig mulmig war mir zumute, als ich morgens in den Zug stieg, weil ich nicht genau wusste, was mich in Frankfurt erwarten würde. Auch wenn ich selbst den Krebs erlebt habe und auch schon viele nahestehende Menschen daran habe sterben sehen, so war dieses Treffen mit Markus von einer besonderen und anderen Art. Ich kam in seiner Wohnung an und er war fröhlich, jedoch sichtlich durch die vielen Therapien gezeichnet. Schließlich hatte ich Markus als etwas pummelig kennengelernt. Jetzt war er dürr und blass und ich suchte vergeblich die Ähnlichkeit zu seinem ehemaligen Äußeren, mit dem er sich so erfolgreich in der Kampagne präsentiert hatte.

Aber seine Quirligkeit, seine manchmal divaesken Ausbrüche – die hatte Markus noch. Und er strahlte auch eine unfassbare Transparenz aus, eine Klarheit und Stärke, wie ich sie zuvor noch bei keinem Menschen erlebt hatte. Die folgenden fünf Stunden saßen wir beieinander und sprachen über all die Dinge, die einen beschäftigen, wenn man nicht mehr viel Lebenszeit übrig hat. Wir ließen die Kampagnenzeit Revue passieren. Und wir lachten viel, aßen Eis und gingen mit seiner Hündin spazieren. Hin und wieder klingelte das Telefon und als Markus mit einem Bestatter sprach, um seine Urne zu „bestellen“, war ich tief beeindruckt. Er sagte wortwörtlich „Guten Tag, mein Name ist Volk und ich hätte gerne eine Regebogen-Urne. Die bekommt man doch bei Ihnen? Die soll für eine Beerdigung sein…für meine Beerdigung.“ Für mich klang das Ganze wie in einem Film. Er war so direkt und klar und kam ohne Umschweife zur Sache. Diese scheinbare Kompromisslosigkeit ist eine der tollen Charaktereigenschaften, die ich immer in guter Erinnerung behalten werde.

Meine Besuchszeit war begrenzt, denn Markus war am späten Nachmittag mit Freunden verabredet. Die Freunde, bei denen er das letzte halbe Jahr bis zu seinem Tod gelebt hat. Wir verabschiedeten uns an einer U-Bahnstation und Markus sagte „Es wäre schön, wenn wir uns nochmal sehen würden.“ Ich nahm mir das zu Herzen und hoffte, es könne tatsächlich erneut zu einem Treffen kommen.

Es kam anders. Markus musste wieder ins Krankenhaus und erneut operiert werden. Danach wurde er auf eine Schmerzmedikation eingestellt, die ihm die verbleibende Zeit erträglich machen sollte. Wir telefonierten seltener miteinander. Gelegentlich schrieb ich eine SMS. In der Zwischenzeit hatte Markus seine eigene Wohnung aufgelöst und zog zu seinen besten Freunden, bei denen er bis zu seinem Tod blieb. Ein erneutes Treffen hatte er mit mir für den 22. August 2012 verabredet. Der Tumor in seinem Magen und die Schmerztherapie hatten ihn aber schon so geschwächt, dass er diesen Termin absagen musste. Darauf war ich eingestellt und irgendwie hatte ich im Juni bereits geahnt, dass wir uns nicht wiedersehen würden.

Am 15. Oktober bekam ich im Urlaub die letzte SMS von Markus. Einen Monat danach wurden Textnachrichten von seinen Freunden beantwortet, denn Markus wünschte sich Ruhe und ließ nicht mehr viele Menschen an sich heran, schlief viel.

Umso tröstlicher ist es heute zu wissen, dass seine besten Freunde an seiner Seite waren und seine Hand hielten während er starb. Genau so und nicht anders hatte es sich Markus gewünscht. Er war mit sich und der Welt im Reinen. Ein 32 Jahre junger Mann, der einen Großteil seiner Zeit in die HIV Prävention investiert hat. Blickt man heute auf sein Plakatmotiv von 2010 und liest dort „Ich habe HIV. Und mich zum Glück getraut, es meinen Freunden zu sagen.“ tröstet es mich, dass seine besten Freunde an seiner Seite waren, als er seinen letzten Atemzug machte. Ich bin dankbar, ein Stück seines Lebens- und Leidensweges begleitend mitgegangen zu sein.

Wir zeigen in der Kampagne „Positiv zusammen leben, aber sicher!“ immer wieder Menschen, die gut mit HIV leben und die es geschafft haben, sich mit ihrer Infektion auseinanderzusetzen und vor allen Dingen durchzusetzen. Markus war so ein Mensch. Auch wenn heute oft über das „neue Aids“ gesprochen wird, das kein Todesurteil mehr ist, zeigt der Tod von Markus, dass hinter den Kulissen einer Kampagne Schicksale passieren, die vom Schrecken HIV/Aids bestimmt sind. Und das motiviert uns Hinterbliebene, weiterzumachen…

Lieber Markus: Danke, dass du bei uns warst. Auf Wiedersehen, du tolle Seele!

Dein Botschafterkollege Kay

Ursprünglich hat Kay diesen Nachruf für die offizielle Seite zum Welt-Aids-Tag geschrieben, man findet ihn nun dort, wenn man in der Botschaftergalerie auf das Profil von Markus klickt: https://www.welt-aids-tag.de/werdebotschafter/index.php

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