Kompassnadel für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE: Meine Laudatio inkl. Vorwort

Am Samstag wurde beim CSD-Empfang des Schwulen Netzwerk NRW die Kompassnadel an Falk Steinborn und die Print- und Onlineredaktionen des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL verliehen. Ich durfte die Laudatio für den/die letzteren Preisträger halten. Die Verleihung war sehr umstritten und auch ich war in der letzten Woche Vorwürfen ausgesetzt, dass ich zu jung bin um diese Laudatio zu halten und instrumentalisiert werde. Mein Vorwort, in dem ich darauf eingehe, und meine Laudatio könnt ihr hier lesen.

Foto: Michael Jähme

Foto: Michael Jähme

Vorwort

Bevor ich beginne, möchte ich ganz kurz auf eine Debatte eingehen, die es – aufgrund dessen, dass ich die Laudatio halte – im Vorfeld gegeben hat. Es wurde in offenen Briefen und Pressestatements geschrieben, dass ich zu jung sei, um das hier zu machen, schließlich habe ich die 80er Jahre nicht miterlebt, und dazu noch instrumentalisiert werde.

Es passiert mir nicht zum ersten Mal, dass mir Kompetenz wegen meines Alters abgesprochen wird, im Gegenteil. Was ich darüber denke? Ich glaube junge Menschen brauchen Freiräume, in denen sie kreativ sein können, auch Fehler machen dürfen. In denen sie sich auch verlaufen dürfen, auf dem Weg, sich und ihre Haltungen zu finden. Wer ihnen diesen Raum nicht geben will, der verhindert schon von vornherein, dass sie überhaupt Gutes erreichen können. Es wäre toll, wenn man respektiert, was ich denke und fühle. Denn ich respektiere es andersherum genauso, was sicherlich in der Laudatio gleich auch sichtbar wird.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob denen, die so etwas verbreiten, bewusst ist, welches Signal sie an junge Leute senden. Nämlich eines, dass sie zu gewissen Dingen nichts sagen dürfen, einfach weil sie zu jung sind. Ich muss, weil sich heute hier im Saal auch einige junge Leute befinden, mit folgendem Appell ein Gegensignal setzen:

Lasst euch davon nicht beirren und probiert euch aus. Bringt eure Ideen ein und setzt sie auch durch. Findet eure Position, egal wie kontrovers und provokativ sie ist. Oft dauert es ganz lange, bis man seine Haltung findet. Aber wenn man, so wie ich heute, hier oben steht und weiß, dass was man gleich sagt, dass ist keine Meinung eines anderen, sondern die eigene, über die man gerne streiten, aber zu der man auch stehen kann. Dann ist das ein unglaublich hohes Gut!

Außerdem sind wir die Zukunft. Alleine deswegen sind unsere Gedanken wichtig, berechtigt und gut genug, um sie zu äußern. Wir alle müssen verschiedene Meinungen aushalten, egal auf welcher Seite wir stehen. Ihr habt etwas zu sagen, dann traut euch auch bitte, es laut zu sagen.

Genau so laut möchte ich kurz auf den Vorwurf der Instrumentalisierung eingehen. Diese Bühne, die mir heute geboten wird, die nutze ich, weil ICH es will. Denn bei aller Kritik im Vorfeld möchte ich die Sache auch von einer anderen Seite beleuchten. All das was ich sage, kommt von mir und ist ehrlich gemeint. Nicht jedem wird das gefallen, aber: Ich bin echt. Ich spiele keine Rolle. Auch wenn es manchem nicht passt was ich sage.

Kurz vor dieser Laudatio, mit der ich jetzt sofort beginne, hat jemand zu mir gesagt: Dafür gibt man sich doch nicht her… Ich gebe mich nicht her, sondern es ist mir ein Anliegen heute hier zu stehen! Vielen Dank!

Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen und Freunde, Sehr geehrter Herr Dr. Verbeet,

der Landesvorsitzende der Aidshilfe NRW, Arne Kayser, hat den Konflikt, der dieser Preisverleihung vorangegangen ist, bereits angesprochen. Auch ich bin der Ansicht, dass die Diskussionen im Vorfeld des heutigen Tages wichtig waren und wir über den Umgang von Massenmedien mit Bildern vom Leben mit HIV im Gespräch bleiben sollten.

Die Emanzipation von Minderheiten ist immer ein ganzes Stück Arbeit, sie kostet Zeit und braucht auch Ausdauer. Das kann man z. B. an der Frauenbewegung beobachten, aber auch an der ersten Schwulenbewegung und den aktuellen schwul-lesbischen Debatten gut erkennen. Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir mit unseren Forderungen auch andere Lebensweisen, die für ihre Anerkennung plädieren, nicht aus dem Blick verlieren.

Hanns Joachim Friedrichs hat mal gesagt „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Vor diesem Hintergrund sind Sie, die SPIEGEL-Redakteure, gute Journalisten, die auch zu unseren Themen distanziert und engagiert zugleich berichten.

In der Vorbereitung auf diese Laudatio habe ich mich aber natürlich auch mit der Kritik an der Preisvergabe beschäftigt und intensiv mehrere Artikel des SPIEGEL, vielleicht sogar alle, aus den 80er Jahren durchforstet. In denen kann man z. B. von „Homosexuellen-Seuche“ lesen. In einer Veröffentlichung fragt ein Journalist: „Ist eine moderne Seuche in Sicht oder werden nur Homosexuelle dran glauben müssen?“. Nur Homosexuelle. Nur. Als ob das nicht schon genug wäre. Das waren, auch aus meiner Sicht, durchaus menschenverachtende Texte, die dazu führten, dass ein politisches und gesellschaftliches Klima gefördert wurde, welches man mit nur einem Wort beschreiben kann: Homophob.

Die Debatte hat auch gezeigt, dass der Schmerz und das Trauma von damals für viele Schwule, HIV-positive und an Aids Erkrankten keine entfernten Begriffe sind, sondern immer noch zur Gegenwart gehören. Ich weiß nicht, wie es sich damals angefühlt haben mag, dazu bin ich zu jung. Und dazu bin ich tatsächlich zu jung. Aber wenn ich die alten Artikel lese, dann macht das was mit mir. Es lässt mich verstehen, warum es für einige unerträglich ist, dass ein Magazin ausgezeichnet wird, das damals mit für Diffamierung und Ausgrenzung verantwortlich war.

Sehr geehrter Dr. Herr Verbeet, Sie, als Vertreter des SPIEGEL, haben sich vor dieser Veranstaltung auch mit Kritikern unterhalten. Hier im Saal gibt es einige Menschen, die wütend über diese Preisverleihung sind. Verletzt, wegen der Berichterstattung ihres Magazins. Meine Bitte ist: Nehmen Sie die Inhalte aus diesen Gesprächen mit. Ich glaube, Sie haben verstanden, was diese Menschen bewegt. Deswegen bin ich sicher, dass Sie solch eine Berichterstattung, die in den 80er Jahren durchaus Normalität beim SPIEGEL war, nie wieder zulassen würden.

Das was jetzt kommt ist wichtig. Es ist mir ein Bedürfnis dies zu fordern. Und zwar deutlich zu fordern. Ich finde auch, dass es Zeit für eine längst überfällige Entschuldigung ist. Nicht nur hier und heute, sondern am besten auch am Ort des Geschehens – im Blatt.

Auch wenn es nicht Sie und ihre heutigen Kollegen und Kolleginnen direkt waren, das möchte ich ausdrücklich betonen, die diese Artikel geschrieben haben. Dennoch wäre es ein wichtiges Zeichen der Versöhnung. Einer muss den ersten Schritt dazu machen. Erster Schritt, weil mir bewusst ist, dass damit nicht alles vom Tisch ist, sondern der Dialog erst angemessen beginnt. Umso besser, wenn dieser erste Schritt von jenen gemacht wird, die heute bei dem Magazin arbeiten, welches für den Schmerz verantwortlich ist. Und an die, die tief verletzt sind, auch eine Bitte: Wenn es passiert, nehmt es an. Aufeinander zugehen müssen dann beide Seiten. Was wir brauchen ist Aufarbeitung und Verständnis, auch wenn seitdem einige Jahre vergangen sind, in denen sich der SPIEGEL gewandelt hat.

Um Ihnen diesen Wandel, hin zu einer positiven Berichterstattung, zu verdeutlichen, möchte ich nun gerne persönlich werden: Als ich mit 12, 13, 14 Jahren in meiner Pubertät bemerkt habe, dass ich schwul bin, da war ich damit alleine. In den meisten Schulbüchern existierten als Beispiele nur heterosexuelle Paare. Auf dem Schulhof wurde (und ich glaube wird auch immer noch) schwul höchstens als Schimpfwort benutzt. Auch in meinem Freundes- und Familienkreis wurde das Thema totgeschwiegen.

In derselben Zeit bemerkt man als junger Mensch aber auch, dass Politik und Nachrichten nicht nur Pflichtstoff sind, den man von seinen Lehrern aufgezwungen bekommt, sondern die Beschäftigung damit auch Spaß machen kann. So war‘s auch bei mir.

Dann fällt einem sehr schnell auf, wie wichtig eine Berichterstattung sein kann, die einem aufzeigt, dass man vielleicht anders ist, als die anderen, aber das doch gar nicht so schlimm ist. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

Der SPIEGEL war DAS Medium, welches mich persönlich während meiner Selbstfindungsphase gestärkt hat. Plötzlich merkte ich, dass Homosexualität sehr wohl Thema sein kann, wenn auch nicht in meinem direkten Umfeld. Ich las Dinge, die ich beim Boulevard vermisste. Davon, dass natürlich auch ein Fußballprofi schwul sein kann und es sicherlich einen gibt, der es ist. Von Kritik an homophoben Kirchenvertretern. Und Berichten über unvorstellbar schwulenfeindliche Gesetze in anderen Ländern.

Hierzu muss ich kurz sagen, dass ich auf der Weltaidskonferenz in Amerika, AfrikanerInnen und OsteuropäerInnen kennengelernt habe, die genau von dieser Rechtssprechung betroffen sind. Für mich sind diese Gesetze also nicht irgendetwas, das weit weg ist und am anderen Ende der Welt passiert. Sondern ich verbinde damit Gesichter und Geschichte. Vor allem verbinde ich damit Freundschaften. Umso wichtiger dass man darüber spricht.

Als ich mit 20 Jahren dann meine HIV-Diagnose bekomme haben, war das genau zu der Zeit, in der Nadja Benaissa verhaftet und vorgeführt wurde. Sie erinnern sich sicher alle hier an diesem Moment, der uns auch weit in der Prävention zurück geworfen hat. Schauen Sie sich mal im Netz um. Sie finden auch heute noch Begriffe wie „Biowaffe“ und „Virusschleuder“. Das sind leider keine Phänomene von gestern. Beides Bezeichnungen, die stigmatisierend, beleidigend und schlichtweg falsch sind. Aber das waren Worte, die mir Boulevardmagazine als erstes vermittelt haben. Kurz nach meiner Diagnose war ich, zumindest aus der Sicht einiger Medien, der verantwortungslose „Todesengel“.

Nicht aber für den SPIEGEL, der inzwischen, ich betone inzwischen, einen für mich wichtigen Gegenpol darstellte. Ein Medium, welches nicht auf Sensationsjournalismus, sondern auf eine fundierte, ausgewogene und informative Berichterstattung setzt.

Sie, Herr Dr. Verbeet, und Ihre Kollegen und Kolleginnen erreichten und erreichen damit aber nicht nur mich oder uns als Community, sondern als Massenmedium unglaublich viele Leute. Keine Frage, auch andere Medien haben in diesem Sinne berichtet, doch der SPIEGEL ist nun mal im Printbereich und mit seinem Onlineportal nahezu unerreicht.

Für junge Leute ist zum Beispiel das Internet der erste Anlaufpunkt, um an Informationen zu kommen. Tageszeitungen oder TV-Nachrichten werden nur in seltenen Fällen gelesen oder geschaut. Ich weiß aber natürlich auch, dass viele andere Leute für Printmedien dankbar sind. Und gerade diese Dualität der herkömmlichen und der neuen Medien zeichnet ihre Redaktion aus. Damit erreichen Sie die, die wir erreichen wollen und müssen. Denn ihr Publikum ist vielfältig und kommt aus allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten.

Ihre Redaktion ist mit anderen Leuten besetzt als in den 80er Jahren. Der SPIEGEL hat sich gewandelt. Der Zeitgeist und wir, sowie die Situation in der wir uns befinden, ebenso. Das „spiegelt“ sich auch im Wandel Ihrer Berichterstattung.

Die Diskussionen um die morgige CSD-Parade hier in Köln sowie über bundespolitische Themen der Gleichstellung in den letzten Wochen und Monaten haben gezeigt, dass wir lange noch nicht alles erreicht haben. Die Angleichung an die Ehe ist wichtig, weil gleiche Pflichten auch gleiche Rechte bedeuten müssen, aber sie beendet nicht die Homophobie, die in vielen Köpfen fest verankert ist. Gesetze sind also ein richtiges symbolisches Zeichen, aber sie reichen alleine nicht aus, um unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern.

Wir sind demnach weit gekommen, aber dürfen jetzt nicht an Fahrt verlieren. Wir wollen gleich behandelt werden, aber auch anders sein und bleiben dürfen. Jeder sollte das Recht haben, für sich den Lebensentwurf zu wählen und zu leben, der zu ihm passt und mit dem er oder sie am glücklichsten ist. Ob offene Partnerschaften, Beziehungen, die von mehr als zwei Personen geführt
werden, oder sexuelle Selbstbestimmung. Ob Tunte, Lederkerl, Diva, unauffällig oder eine bunte Mischung aus all dem. Das letzte was wir brauchen, ist Akzeptanz durch Anpassung. Denn Vielfalt ist unsere Stärke!

Und indem Sie im SPIEGEL und bei SPIEGEL Online diese unterschiedlichen Lebensweisen einer breiten, zumeist heterosexuellen Leserschaft näher bringen, wirken Sie daran mit, dass die Gesellschaft sich für diese anderen Lebensformen öffnet.

Sie müssen sich also nicht mit uns gemein machen. Aber mit dieser Kompassnadel werden Sie dafür ausgezeichnet, zu (be)schreiben, und zwar realistisch zu beschreiben wie wir sind.

Schreiben Sie weiter darüber, wie es ist, heute als Jugendlicher der unreflektierten Homophobie Gleichaltriger auf dem Schulhof zu begegnen. Schreiben Sie wie es ist, als junger Mann mit HIV auf viele Vorurteile und Stigma, selbst unter Schwulen, zu stoßen. Schreiben Sie wie es ist, trotz gleicher Pflichten noch nicht überall gleiche Rechte zu bekommen.

Kurz: Schreiben Sie immer wieder darüber, wie wir sind. Ich. Die Leute im Saal. Die Menschen draußen auf dem Straßenfest. Denn wir alle wollen als Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* Personen, mit all der Unterschiedlichkeit und Vielfalt die uns ausmacht, in diesem Land und überall auf der Welt offen und akzeptiert leben.

Für mich als jungen, schwulen HIV-Aktivisten ist es wichtig, ein Medium wie den SPIEGEL an meiner Seite zu wissen.

Deswegen, sehr geehrter Herr Dr. Verbeet, gratuliere ich Ihnen und natürlich allen Kollegen und Kolleginnen aus Ihren Redaktionen in Hamburg ganz herzlich zum Erhalt der Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW – Herzlichen Glückwunsch!

————————————————————————————————————————————

00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

Advertisements

11 Gedanken zu “Kompassnadel für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE: Meine Laudatio inkl. Vorwort

  1. Der wesentliche Vorzug einer Demokratie ist, dass unterschiedliche Meinungen und Bewertungen sichtbar und erfahrbar werden können. Im Zuge der Kontroverse um die Verleihung der Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW an die Redaktionen von Spiegel und Spiegel-online ist eine Realität der unterschiedlichen Bewertung und Wahrnehmung der Geschichte schwuler Männer und der Berichterstattung über HIV/AIDS sichtbar geworden, die manche von uns überascht und erschrocken hat..

    Der Diskurs wird dabei nicht nur auf der sachlichen Ebene geführt. Es wurde insbesondere ein emotionaler Nerv getroffen, der schmerzt. Die Schmerzen, die jetzt gespürt werden, sind die Schmerzen von damals und die Dramatik der 80er Jahre wird wiederbelebt. Das gilt es zu verstehen.

    Vielleicht waren wir Älteren uns selber zum Teil nicht bewusst, wie virulent diese Erlebnisse von Diffamierung und Verächtlichmachung in uns schlummern. Es war kein schönes gesellschaftliches Klima, in dem wir (über-)leben lernen mussten.

    Heute gibt es in bei unterschiedlichen Generationen in der schwulen Community – und manchmal auch in der einzelnen Person selber – eine Parallelität der Emotionen: Erschrecken über die erlebte Bedrohung in früheren Zeiten unseres Lebens und aber auch auf die heutige Realität bezogene Erleichterung über gesellschaftliche Entwicklungen und Teil-Abbau von Homophobie und Stigmatisierung von Menschen mit HIV.

    Die 89er Jahre der AIDS-Krise Teil unserer Geschichte als schwule Männer in Deutschland, genauso wie es Teil unserer Geschichte ist, dass es die Verfolgung und Vernichtung homosexueller Männer in KZ’s durch die Nazis gab, die ich nicht miterlebt habe, weil ich erst 1959, also danach geboren bin.

    Ich wünsche mir sehr, dass wir Verständigung miteinander suchen und das Gespräch fortsetzen, dass wir uns mit Empathie, Mitmenschlichkeit, zugewandtem Interesse und Respekt begegnen.

    Die Feindseligkeit, die uns in früheren Jahren begegnete, sollte nicht dazu führen, dass wir uns nun selber bekämpfen.

    Demokratie lebt von dem Sichtbarwerden der Unterschiedlichkeit. Und Unterschiedlichkeit gibt es eben auch in der schwulen Community. Lernen wir, damit gut umzugehen.

    Meinen Teil tue ich gerne dazu.

  2. Ein wirklich sehr guter Text bzw. Rede. Du hast alles Wichtige auf den Punkt gebracht! Besonders gut gefällt mir, was Du in Deinem Vorwort über junge Leute sagst. Du hast vollkommen recht und kannst Dich auch noch klasse ausdrücken. Dickes Lob !!!

  3. Du hast eins bewiesen: Reife ist keine Frage des Alters.
    Es in der Geschichte meist die Jungen die einen Wandel hervor riefen. Eigene Gedanken zu verwirklichen lebt den Fortschritt, auch wenn es in einigen Regionen dieser Welt zeitweise anders aussieht, so sind es meist die Alten die junge Menschen für sich instrumentalisieren; siehe Islamisten. Das leben von Dogmen ist es was eine gerechte Welt immer wieder verhindert.
    Die heutigen „Alten“ waren auch einmal jung, nur habe es viele einfach vergessen wie es ist eigene Ideen leben zu wollen, eigene Vorstellung durchzusetzen. Wenn vor 15-20 Jahren nicht junge Menschen gezeigt hätten das CSD nicht nur eine Demo der Politschwestern ist, gäbe es heute keine solchen Paraden, die auch von der Bevölkerung bejubelt wird Nicht in Köln, Frankfurt und anderswo in Deutschland.
    Wenn in den Anfängen von HIV nicht aktiv für der Rechte Positiver gekämpft worden wäre, hätten sich vielleicht die Gauweilers durchgesetzt. Wir müssen lernen den Idealismus der Jungen mit der der Erfahrung der Alten zu kombinieren. Das muss eine Gegenseitigkeit werden nur so gibt es einen Fortschritt der von allen akzeptiert wird.
    Reife ist keine Frage des Alters, ganz gewiss nicht. Ich kenne ältere die weniger Reife besitzen. Vielleicht hat deine Laudatio etwas auch in der Köpfen der alt HIVler und Bewegungsschwestern etwas bewirkt, so dass man weniger verbissen mit dem Spiegel leben oder aber auch zusammen arbeiten kann.
    Es wird aber auch gern übersehen, der Spiegel war das Magazin was am meisten über HIV geschrieben hat, das bei der Menge natürlich auch einiges an Mist raus kam ist aber auch so. Sehr viele Informationen über HIV waren eben im Spiegel zu lesen, während andere Medien das Thema lieber verschwiegen haben.
    Ein gutes hatte die negative Berichterstattung des Spiegel seiner zeit, sie hat jede Menge Leute mobilisiert dagegen zu Demonstrieren. Der Spiegel hat unfreiwillig geholfen die Schwulenbewegung in Deutschland einen großen Schritt weiter zu bringen.

  4. Die Fähigkeit zwischen distanzierter Sachlichkeit einerseits und trotz deiner pers Erfahrung andererseits zu wahren, über die ganze Strecke „sachlich“ zu bleiben zeichnet diese Laudatio, Dich Marcel aus. So gesehen bist Du was Alter = Reife betrifft mindestens 75 Jahre alt wenn nicht sogar ne Reinkarnation eines weisen Mannes. 😉

    »Diese desaströse Berichterstattung über HIVAIDS während der frühen 80er Jahre, einer Berichterstattung deren Wortwahl sich in die Köpfe — in das Bewußtsein einer ganzen Gesellschaft eingebrannt hat, mit dem Ergebnis das »Wir« Menschen mit HIV heute mit dem Ergebnis = Diskriminierung, Stigmatisierung und teilweise Kriminalisierung in unserem Alltag immer wieder konfrontiert werden, das die Bemühungen um Aufklärung konterkariert.«

    Es ist eine Tatsache das heute noch lebende Menschen mit HIV durch diese Art der damaligen Berichterstattung traumatisiert sind.

    Im Vorfeld der Diskussion mußte ich an die Jahre zurückdenken als HIV in Deutschland Thema wurde. Ich komme ja aus einer anderen Scene (Sex, Drugs and Rock n Roll) um es mal salopp zu formulieren) Nie mehr Sex zu haben, mit einer Frau zusammen zu sein . . . solche Gedanke waren für Einige aus dem Personenkreis in dem ich mich damals bewegte unerträglich. Viele sind mit HIV nicht klar gekommen. Als wir hörten das ein Freund aus den HippieTagen aus dem Leben geschieden war, hat uns das völlig umgehauen. Ob sie die damaligen Ausgaben des Spiegel gelesen habe, weiß ich nicht. Ich habe den Spiegel damals gelesen, bei mir der Hete haben sich diese Artikel und andere im ähnlichen Tenor tief eingebrannt.

    Diese Artikel haben damals beim Lesen (bei mir) Angst und Verzweiflung (bei Anderen) ausgelöst. Das Bild von Menschen mit HIV das in der Gesellschaft durch die mediale Berichterstattung – Print,TV,Tadio, vorhanden war, man sprach nur hinter vorgehaltener Hand von „Denen“ das war bedrückend.

    @ Termabox

    Ich wünsche mir sehr, dass wir Verständigung miteinander suchen und das Gespräch fortsetzen, dass wir uns mit Empathie, Mitmenschlichkeit, zugewandtem Interesse und Respekt begegnen.

    . . . und wenn s denn sein muß und gar nicht anders geht – Bereitschaft zu Verständigung, Mitmenschlichjeit und Respekt kann niemals nur einseitig sein, dann darf der Ton – die Gangart auch ruhig mal schärfer werden.

  5. Kompliment für eine wirklich hervorragende Rede! Auch die Antwort des SPIEGEL-Vertreters fand ich sehr abgewogen und überzeugend. Dennoch finde ich auch im Nachhinein die Entscheidung, ausgerechnet dem SPIEGEL die Kompassnadel zu verleihen, für falsch und unverständlich.
    Viele andere Medien haben ebenfalls sehr fair, kompetent und engagiert berichtet – dazu zähle ich z. B. die ZEIT, die Süddeutsche Zeitung (insbesondere das SZ-Magazin) oder auch ARD und ZDF. Und die sind alle nicht erst nach Protesten auf ihre jetzige Linie eingeschwenkt, sondern haben von Anfang an jeder Form von Panikmache und schwulenfeindlicher Hetze entgegengewirkt.
    Wenn es darum geht, einen „Läuterungsprozess“ zu würdigen, dann hätte das Netzewerk auch die BILD-Zeitung auszeichnen können, die nach unsäglicher Stimmungsmache in den 80-ern heute ebenfalls zu einer ziemlich seriösen Berichterstattung übergegangen ist.
    Marcels kluge und bewegende Rede hat diese Fehlentscheidung einigermaßen wieder hingebogen. Aber eine Fehlentscheidung, um nicht zu sagen eine Riesendummheit war diese Nominierung trotzdem!

  6. Pingback: Der “Spiegel” rafft sich nicht zu einer Aufarbeitung seiner dunklen Aids-Zeit auf « Stefan Niggemeier

  7. Hallo Marcel,

    Deine Rede wirkt auf mich weitgehend authentisch. Man merkt Deinen Worten an, dass Du selbst überzeugt bist von dem, was Du kundtust. Und das ist vermutlich das Wichtigste an jedweder Äußerung – und dabei leider keineswegs selbstverständlich, schon gar nicht im öffentlichen Raum.

    Auch mein Kompliment zu der von Dir in der Rede aufgespannten Brücke zwischen den beiden Lagern. Eine völlig kritiklose Laudatio wäre ein Affront gegenüber den Kritikern gewesen, eine massive Beleidigung. Das hätte den Graben zwischen den Lagern nur noch vertieft. So ist es eine Rede mit einem versöhnlichen Tenor geworden.

    In der Sache selbst, glaube auch ich, dass die Verleihung des Preises an den Spiegel eher unangemessen war. Das liegt aber weniger an den kritisierten Artikelchen des Spiegel in der frühen Zeit von HIV.

    Zwar sind auch mir ein paar Abschnitte in dem besonders kritisierten Artikel http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13526361.html übel aufgestoßen. Vor allem etwa diese Passage: „Weil jedoch niemand die schönen, erst im vorletzten Jahrzehnt errungenen sexuellen Freiheiten unterdrücken will, weil überdies kein anständiger Mensch den Homos Fixern und Prostituierten das Leben schwermachen möchte – sie haben es ja auch wirklich schwer genug -, sind die notwendigen seuchenhygienischen Maßnahmen „höchst unpopulär“.

    Das ist verdächtig mißverständlich formuliert. Man kann darin durchaus eine kaum verbrämte Hetze gegen „Homos“ sehen. Man kann es auch so lesen, als empfände der Autor dieser Zeilen es als weichliches Gutmenschentum, mit Randgruppen wie „Homos“, Prostitutierten und Fixern allzu zimperlich umzuspringen und als machte sich der Autor lächerlich über ein als zu viel, vielleicht sogar generell falsch empfundenes Verständnis („sie haben es ja auch *wirklich* schwer genug“) mit gleichgeschlechtlich lebenden Menschen.

    Der Autor distanziert sich ersichtlich nicht selbst vom Gebrauch des Schmipfwortes „Homo“, worin man kaum etwas anderes lesen kann als eine gewollte pauschale Beleidigung einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Interessanterweise wechselt der Autor bei der dritten Gruppe von der Gassensprache („Homo“, „Fixer“) wieder in die Hochsprache („Prostituierte“) zurück. Es wäre wohl negativ auf ihn – den Schreiberling in einem der vermeintlich gehobeneren Magazinen der Zeit – zurückgefallen, hätte er für Prostitutierte einen ähnlich verächtlichen, ordinären Ausdruck gebraucht wie für gleichgeschlechtlich lebende Menschen oder Drogenabhängige.

    Überhaupt ist es auch vielsagend, dass gleichgeschlechtliche Menschen völlig undifferenziert in einem Atemzug mit als „dissozial“ geltenden Bevölkerungsgruppen wie „Fixern“ und Prostituierten genannt werden. Immerhin war und ist nicht der „Homo“ per se Mitglied der Risikogruppe – sondern nur der sexuell aktive, vor allem sexuell promiskuitive „Homo“.

    Das ist freilich nur die eine Seite des Artikels. Wenn man die teils sehr subtilen homophoben Elemente einmal ausblendet, verstehe ich die Aufregung darüber schon weit weniger. Auf der reinen Sachebene liegt er doch – leider – nicht so weit neben Wirklichkeit. Wenn es denn stimmt, dass etwa das Gesundheitsministerium damals propagiert hat, dass nur schlimmstenfalls 20% der Infizierten erkrankten, dann war das tatsächlich eine Falschdarstellung – und es spricht einiges dafür, dass es eine wissentliche Falschdarstellung war.

    Es ist zwar nicht zu der biblischen Apokalypse gekommen, die der Autor genüßlich ausmalt. Aber andererseits sollte man auch nicht der Versuchung erliegen, HIV – aus heutiger Perspektive – auf ein kleines Wehwechen herunterzuspielen und die Darstellung des Schreiberlings im Gegenzug als maßlos überzogen. Damals haben sich ja tatsächlich Millionen Menschen angesteckt, Millionen Menschen sind inzwischen gestorben – viele davon unter ziemlich grauenhaften Umständen. Noch heute sterben Millionen Menschen an HIV unter den gleichen elenden Umständen. Und selbst in der westlichen Welt mit Zugang zu wirksamen Arzneien sterben noch Menschen an dieser Infektion – auch sie manchmal noch ziemlich erbärmlich.

    Vor diesem Hintergrund bezweifele ich doch stark, ob es angemessen ist, dem Autor neben der latenten demagogischen Homophobie und seinem pathetisch-tragischen Schreibstil auch gezielte „Panikmache“ / Übertreibung zu unterstellen. Für die damals Betroffenen haben sich die Weissagungen leider großteils erfüllt. Wer sich damals infizierte, starb (in aller Regel). Und aus Sicht des Individuums bedeutet der eigene Tod nun einmal das maximal mögliche Desaster, den Untergang der Welt..

    Auch viele der weiteren Prognosen haben sich leider bewahrheitet. Fast 20 Jahre nach Erscheinen des Artikels und mehr als 40 Jahre nach Auftreten der ersten Erkrankungen hat sich der Pharma- und Medizinbetrieb als unfähig oder desinteressiert erwiesen, einen Impfstoff oder gar ein Heilmittel auf den Markt zu bringen. Ich persönlich glaube, dass das weder „theoretisch“ noch praktisch unmöglich gewesen wäre. Hätte man genügend Interesse an der Entwicklung eines Impfstoffes oder einer Therapie gehabt und wäre der Druck nur groß genug gewesen, wäre HIV vermutlich schon längst kein Thema mehr. Selbst heute kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die wünschenswerte Forschung – Impfstoff, Heilung – einigen wenigen kleinen Forschungslaboren mit sehr schmalem Etat vorbehalten ist, während die Pharmaindustrie Milliarden in die Entwicklung von „Lifetime-Medikamenten“ steckt.

    Abstrahiert man daher auf die reine Sachebene, finde ich den Artikel gar nicht einmal mehr so verwerflich. Man darf auch nicht ganz vergessen, dass er dem damaligen Zeitgeist entsprach. Homophobie war damals absolut gesellschaftsfähig. So gesehen, war das ein absolut opportunistischer Artikel, der nur widergab, was viele dachten.

    Genauso opportunistisch erscheint mir der Spiegel heute, wenn – bzw. falls – er sich per dato weniger homophob gibt. Heute riskiert man nicht mehr allzu viel mit „homofreundlichen“ Aussagen.

    DAS ist für mich auch der Grund, warum der Spiegel den Preis meines Erachtens nicht verdient hat. Der Spiegel hat sich damals nicht verdient gemacht um die Verbesserung der Lebensbedingungen der gleichgeschlechtlich lebenden oder empfindenden Bevölkerungsgruppe. Und heutezutage auch nicht.

  8. Ich finde es gut, wenn gerade bei schwulen Themen, die Generationen nicht nur über sich, sondern miteinander und über einander diskutieren – denn das setzt voraus, zuzuhören, sich zu informieren, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. All das ist in der Laudatio sehr gut gelungen, wie ich finde. Obwohl „Zeitzeuge“, hätten ich und viele andere meiner Generation so einen Text bestimmt nicht zustande gebracht. Aber vielleicht kann ich eine athentische Erfahrung dazu beisteuern:

    Für mich hatten im Alter von 13, 14 Jahren, in einer Zeit, in der ich mich anfing in Jungen zu verlieben, aber diese Gefühle nicht zuordnen konnte die ersten Spiegelveröffentlichungen zum Thema HIV und Homosexualität (in dieser Reihenfolge!) große Bedeutung – allerdings eine zweischneidige: Ich las zum ertsen mal überhaupt in der elterlichen Wohnung etwas über Homosexualität, wahrscheinlich lernte ich dieses Wort damals erst kennen. Wenn man heute über die z.T. noch homophobe oder zum mindesten gönnerhaft-joviliale Berichterstattung von damals den Kopf schüttelt, sollte man bedenken, dass es damals schon fortschrittlich war, manche Themen überhaupt zu benennen und dafür bin ich den Autoren von damals dankbar. Trotzdem entlasse ich sie nicht der Verantwortung, dass sie dieses Thema in erster Linie aus Sensationslust bedienten – und Homosexualität und HIV gleichgesetzt haben. Was für einen Eindruck macht es auf einen jungen Menschen, der sich nach Liebe und Identität sehnt, wenn die erste homosexuelle Illustration, die er sieht, die Aufschrift tägt: Die tödliche Krankheit? Unauffällig und ungeoutet, bin ich damals in der Schule kaum gehänselt worden, aber in dieser Zeit versuchten zwei Mitschüler eine zeitlang, mir den Spitznamen AIDS anzuhängen …

    Mich haben die Spiegelartikel von damals aufgeklärt, meiner sexuellen Ausrichtung einen Namen gegeben. Vielleicht haben sie mich sogar vor HIV bewahrt – aber lange Zeit auch vor der Liebe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s