DER SPIEGEL zur Kompassnadel. Weniger kritisch geht kaum.

Wie man in meinem letzten Beitrag lesen kann, habe ich die Laudatio auf die Print- und Onlineredaktionen des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL gehalten, welche die Kompassnadel des Schwulen Netzwerk NRW erhalten haben. Nun habe ich mir, wie fast immer, am Sonntag Abend den neuen SPIEGEL gekauft und einen Absatz zum Thema darin gefunden, auf den ich gerne reagieren möchte.

DER SPIEGEL Nr. 22/1987 (Quelle: spiegel.de)

DER SPIEGEL Nr. 22/1987 (Quelle: spiegel.de)

Bevor ich damit beginne, mich auf die Veröffentlichung im SPIEGEL zu beziehen, möchte ich kurz etwas erwähnen: Ich bin natürlich weiterhin Befürworter der Preisverleihung. Die Gründe dafür habe ich in meiner Laudatio beschrieben, deswegen wiederhole ich mich dahingehend nicht. Gerne streite ich mich über das Für und Wider, den SPIEGEL auszuzeichnen. Mit diesem Artikel hier möchte ich die Reaktion – wenn man es denn so nennen kann – im SPIEGEL allerdings getrennt davon kritisieren.

Folgendes steht über die Preisverleihung im aktuellen SPIEGEL (Heft 29/2013) auf der letzten Seite, unten rechts:

„Das schwule Netzwerk Nordrhein-Westfalen hat SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE die „Kompassnadel“ verliehen, eine Auszeichnung für die Förderung der Akzeptanz von Homosexuellen: Die SPIEGEL-Berichte zeichneten ein „ausgewogenes und realistisches Bild von schwulem Leben in Deutschland und vor allem auch in anderen Ländern, in denen Homosexuelle unterdrückt, verfolgt und ermordet werden“. Die Nominierung hatte Proteste hervorgerufen; Kritiker verwiesen auf die von ihnen als tendenziös empfundene Aids-Berichterstattung des SPIEGEL in den achtziger Jahren.“

Ende. Mehr kann man dazu nicht lesen. Was man dort lesen kann finde ich, um es nett auszudrücken, absolut unverständlich.

Tendenziös ist ein nettes Wort. Meiner Meinung nach zu weichgespült, als dass es sich eignet, um die damalige Berichterstattung zu beschreiben. Wörter die es aus meiner Sicht besser getroffen hätten: Homophob, menschenverachtend, stigmatisierend oder hetzerisch. Wie auch in meiner Laudatio beschrieben, kann ich trotz des Wandels zum heutigen Journalismus differenzieren und sehe was die Vergangenheit angerichtet hat.

Vergangenheit ist ein gutes Stichwort. Der letzte Satz hat einen fahlen Beigeschmack. Dort wird das „tendenziöse“ Empfinden lediglich Kritikern zugeordnet. So einfach ist das aber nicht. Nicht nur Kritiker, sondern auch Befürworter des Preises können die damalige Berichterstattung als absolut unmissverständlich menschenverachtend benennen. Dies tun auch einige. Dazu zähle ich mich, aber auch viele mit denen ich gesprochen habe.

Dr. Markus Verbeet war als Vertreter des SPIEGEL bei der Preisverleihung. In seiner Dankesrede sprach er davon, dass es in der Redaktion nun um Aufarbeitung geht. In einem Eintrag auf dem SPIEGELblog, der ein paar Tage später veröffentlicht wurde, ist keine Rede mehr davon. Er schreibt zwar „In der Zwischenzeit arbeiten wir beim SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE daran, dem Preis gerecht zu werden: durch eine Berichterstattung, die ausgewogen, realistisch und feinfühlig ist…“, aber von einem Blick in die Vergangenheit ist nichts zu spüren.

In meiner Laudatio habe ich geschrieben, dass ich finde, dass es Zeit für eine längst überfällige Entschuldigung ist. Im Blatt. Mir ist bewusst, dass eine Entschuldigung eigentlich (!) nur von den damaligen Schreibern kommen kann. Natürlich hätte ich verstanden, wenn sich die heutige(n) Redaktion(en) deswegen so einen Schritt nicht wagen. Auch wenn ich immer noch finde, dass es sich als symbolisches Zeichen der Versöhnung trotzdem eignet.

Allerdings hält nichts und niemand die heutigen Mitarbeiter davon ab, sehr deutliche und kritische Worte über die Hetze ihrer Vorgänger zu finden. Das was aber abgedruckt wurde, ist nicht nur zu wenig. Nein. Es ist sogar ein Schlag ins Gesicht derer, die die damalige Zeit miterleben mussten.

Was mich nämlich am meisten stört ist folgendes: Das geschrieben wird, es gehe um ein Empfinden. Es liest sich so, als ob die Berichterstattung nicht homophob oder tendenziös war, sondern nur ein paar Schwule – die sich nun aufregen – es so empfinden.

Ich lehne ein Schwarz-Weiß-Denken von beiden Seiten, Kritikern und Befürwortern, ab. Man kann erwarten, dass alle bereit dazu sind, zu differenzieren und andere Meinungen auszuhalten. Diese Erwartung gilt auch für den SPIEGEL. Es erscheint aber so, als ob dort – zumindest wenn wir das bisher veröffentlichte sehen, wer weiß, was noch kommt – sehr weiß gedacht wird. So weiß ist die Weste des Magazins aber nicht.

Zu jeder Biographie gehören Narben. Wir alle haben keine weiße Weste. Nobody’s perfect. Sich den Fehlern zu stellen, diese zu erkennen, sie zu benennen und daraus zu lernen. Das erwarte ich.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

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4 Gedanken zu “DER SPIEGEL zur Kompassnadel. Weniger kritisch geht kaum.

  1. In Anlehnung an eine Serie aus den 60er – 70er Jahren „Die Unverbesserlichen“ (Inge Meysel wurde durch die Darstellung der Mutter Scholz der eher kleinbürgerlichen Berliner Familie Scholz zur „Mutter der Nation“) trifft hier das Attribut „Die Unverstandenen“ zu. Dies und der fatale Satz „an der Berichterstatttung dieser Zeit war ja nicht alles schlecht“ sowie die fehlende Einsicht warum eine Entschuldigung fällig ist, hinterläßt mehr als nur einen fahlen Geschmack.

    • P.S.
      Zu jeder Biographie gehören Narben. Wir alle haben keine weiße Weste. Nobody’s perfect. Sich den Fehlern zu stellen, diese zu erkennen, sie zu benennen und daraus zu lernen. Das erwarte ich.

      . . das ist eine der schwersten Übungen im Leben überhaupt. Es gibt Narben die einen selbst nach Jahren, wenn man sich die „Wunden wieder mal durch den Kopf gehen läßt“ einem den Atem nehmen und kalte Schauer über den Rücken laufen lassen . . .

  2. Ich habs dank www jetzt auch noch mal nachgelesen, den Titel hatte ich ein Vierteljahrhundert gut behalten: 16.11.1987 Das Virus muß nur noch fliegen lernen Von Halter, Hans. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13526361.html Das ist nicht „tendenziös“, das war und ist übelste Scharfmacherei und Panikmache auf Gauweiler-Linie- und -Niveau. Nicht erst aus heutiger Sicht, wie Verbeet im Gürzenich meinte, das wurde damals schon so gesehn (nur nicht vom Spiegel – siehe Halter im Text zur Süßmuth-Linie). Ich lese schon lange nicht mehr Spiegel, man erfährt meist eh nur, dass sie ein großes Archiv haben. Aber das ist an dieser Stelle zumindest zum Nachlesen nütze! Schade, die Reden im Saal waren vielversprechend …

  3. Pingback: Der “Spiegel” rafft sich nicht zu einer Aufarbeitung seiner dunklen Aids-Zeit auf « Stefan Niggemeier

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