2015 geht’s um mehr als Eheöffnung!

Islamischer Staat, Boko Haram, EU-Krise, Ukraine-Krise, Nahost-Krise, PEGIDA-Bewegung oder Fanatiker, die zuletzt in Paris gezeigt haben, was sie von unseren Werten halten. All das wird 2015 mit Sicherheit öfter Thema sein. Aber auch was LGBTIQ* (Lesben, Schwule, Bi-, Trans*- und Intersexuelle, Queerpersonen ) Themen angeht wird es ein wichtiges Jahr.

Regenbogen kleinere Größe

Im gerade vergangenen 2014 ist eines aufgefallen: Der Ton wird schärfer. Gleichzeitig werden alte Vorurteile neu und manchmal subtiler verpackt. Hass wird unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit verkauft. Angeblich menschliche Ängste werden als Vorwand benutzt um auszugrenzen.

Unter Adjektiven wie „besorgt“, gehen Eltern und andere Menschen auf die Straße, die gegen sexuelle Vielfalt in Schulplänen sind. Das klingt immer gut. Wir erwarten schließlich von Eltern – eigentlich von der Gesellschaft insgesamt – dass sie sich um den Nachwuchs sorgen. Kinder sind schließlich nicht nur unsere Zukunft, sondern bis zu einem bestimmten Alter schlicht abhängig von Erwachsenen.

Ich bin übrigens auch besorgt. Ebenfalls um die Kinder. Aber aus einem anderen Grund. Ich möchte rufen: „Schützt eure Kinder vor euch selbst!“. Denn was werden diese fühlen, wenn sich herausstellt, dass sie lesbisch, schwul, bi-, trans*- oder intersexuell sind und ihre Eltern gegen die Sichtbarkeit genau dieser Gruppen auf die Straße gehen? Man möchte es sich gar nicht erst vorstellen.

„Sichtbarkeit“ ist übrigens ein gutes Stichwort. Auf ihr baut fast alles auf. Deswegen ist sie so wichtig. Und sollte dort verteidigt werden, wo sie bereits herscht. Dort erkämpft, wo sie noch fehlt. Aber was macht Sichtbarkeit so wichtig?

Nehmen wir Deutschland stellt man fest, dass die Gesellschaft überwiegend für Gleichstellung ist, es herrscht ein offeneres Klima als früher. Auch wenn es natürlich einen Teil Radikaler gibt, die niemals Pro, sonder immer Contra sein werden.

Wenn wir die letzten 20 Jahre anschauen, dann hat sich das nahezu rasant entwickelt. Von der Abschaffung des §175, über die Einführung der Lebenspartnerschaft, bis hin zu aktuellen Diskussionen um die komplette Eheöffnung oder eben die Darstellung sexueller Vielfalt in Lehrplänen.

Der Kampf um Sichtbarkeit und Solidarität, den Aidshilfen, Verbände und Aktivist*innen vor Jahrzehnten kämpften – wofür man heute nur dankbar sein kann – spielt dabei wahrscheinlich die größte Rolle. Sie machten sich bemerkbar, standen für sich und uns heute ein und starteten eine Welle, die 1994 mit der kompletten Abschaffung der Kriminalisierung, also des §175, so richtig Fahrt aufnahm.

Sichtbarkeit sorgt dafür, dass Menschen überhaupt die Möglichkeit haben sich mit einem Thema auseinander zu setzen, es zu verstehen, sich dafür zu öffnen und es schließlich auch zu akzeptieren. Das fällt besonders im Vergleich mit Russland und anderen Staaten auf, die LGBTIQ* durch Verschärfungen von Gesetzen immer weiter in die Unsichtbarkeit drücken. Wer will sich schon dort outen, wo Verfolgung oder Repression die Folge sind?

Was Menschen nicht kennen, lehnen sie oft leider ab. Nicht zwingend, es gibt natürlich zum Glück auch neugierige, offene Leute, aber häufig fällt auch das Gegenteil auf. Dies ist bei uns übrigens nicht anders, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Was Aufgeschlossenheit gegenüber Migrant*innen betrifft, sind Bürger*innen in den Bundesländern mit den höchsten Anteilen an Ausländer*innen am offensten. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, die dort am meisten Zulauf haben, wo die wenigsten Ausländer*innen leben, lassen grüßen.

Dies ist so, weil Sichtbarkeit und Zusammenleben sensibilisieren und Vorurteile abbauen. Die russische Regierung z. B. unterdrückt in Bezug auf sexuelle Vielfalt diese Möglichkeit mit ihrer Gesetzgebung und Panikmache. Durch staatliche Zensur, auch medialer Form, nimmt sie der Bevölkerung eine wichtige Möglichkeit, das Andere und vor allem die Anderen kennen und akzeptieren zu lernen.

Worum geht es also, wenn Menschen fordern, dass sexuelle Vielfalt nicht an Schulen thematisiert werden darf? Wenn sich wieder Männer und Frauen darüber aufregen, dass „die kleine Minderheit“ an Lesben, Schwulen, Bi-, Trans*- und Intersexuellen zu viel mediale Aufmerksamkeit bekommt, weil es angeblich Wichtigeres gibt? Es geht um die Bekämpfung von Sichtbarkeit. Jene ist – wie gesagt – die Grundlage, auf die vieles aufbaut. Gleichberechtigung. Offenheit. Freiheit. Akzeptanz.

2015 wird der Kampf um diese, für uns hier, aber auch für viele andere Menschen an verschiedenen Orten auf der Welt, weitergehen. Vielleicht ist es der wichtigste Kampf, der seit der Aids-Krise bestritten wurde. Davor habe ich Respekt, weil es um einiges geht. Aber es macht auch Lust auf die Auseinandersetzung, weil sie uns voranbringen kann.

Wir sollten uns mit anderen Minderheiten zusammentun. Migrant*innen, Menschen mit Behinderung oder einfach alle die, die es schwer haben und unter Stigmatisierung leiden. Denn auch für sie gilt Sichtbarkeit als eines der wichtigsten Mittel, um ein realistisches Bild von sich zu zeigen und so auf weniger Diskriminierung zu hoffen.

PEGIDAner*innen greifen nicht nur Ausländer an. Besorgte Eltern nicht nur LGBTIQ*-Personen. Antisemit*innen nicht nur Personen jüdischen Glaubens. Sie alle greifen – weil ihre Parolen nicht selten die Menschenwürde antasten – unsere Verfassung und unsere Werte an. Dagegen müssen wir uns gemeinsam stellen. Laut und vor allem: Sichtbar!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

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7 Gedanken zu “2015 geht’s um mehr als Eheöffnung!

  1. Die Koalition mit anderen „Minderheiten“ ist wichtig, elementar ist die Abgrenzung von Reaktionären, gerade auch innerhalb der „Szene“, da die neurechten Homos à la Spahn, Berger oder Jan F. die Koalition mit ebenfalls benachteiligten Menschengruppen torpedieren, indem sie, getrieben von einer gezielten Vorurteilsbereitschaft, Interessengruppen anhand Verleumdungen gegeneinander ausspielen. Infam ist es, wenn Projekte wie das Berliner Schwuz oder Kreuzberger CSD als „Queer-Pegida“ verunglimpft werden: http://reiserobby.de/ist-das-neukoellner-schwuz-antisemitisch/

  2. Hallo lieber Marcel,
    dich kann mich deinem Vortrag nur anschliessen. Eingedenk dessen das die LGBTI* Bewegung in den letzten 40 jahren sehr von der kämpferischen Gleichheitsbewegung der Schwarzen in den USA und der Frauenbewegung im Einsatz um gleiche Rechte profititiert hat, kann ich deinen Ansasatz im Sinne der Theorie der Gruppenbezogenen Menschenfeindlchkeit nur unterstützen. Denn anstatt das sich Minderheiten gegenseitig diskriminieren und abwerten, kann es eine grosse Chance sein gerade aufgrund der aktuellen Ereignisse zusammen gegen die Abwertung durch den scheinbaren konservativen Mainstream und durch gewisse Interessengruppen anzugehen.
    Wenn nun aktuell (fast ) deutschlandweit grosse Bevölkerungsgruppen gemeinsam gegen populistische rechte Gruppierungen wie Pegida, die Abwertung von Migranten und auch gleichzeitig die faschistoiden Anschläge von radikalislamischen Tätern angehen im Sinne des Einsatzes gegen spaltende und angstmachende Tendenzen für eine freie und plurale Gesellschaft, dann sollte wir das auch positiv sehen und uns im Schulterschluss mit diesen Menschen für die gemeinsamen Grundwerte der Aufklärung stark machen – Liberté, Égalité, Fraternité !
    Auch hier erhalten Menschen die sich mit Genderforschung oder den Einsatz für unsere Rechte Gewalt- und Morddrohungen, auch diejenigen die sich für die Schule der Vielfalt einsetzen. Wo es doch so wichtig ist junge LGBTi* Menschen vor Mobbing zu schützen, die hohe Selbstmordrate zu stoppen durch Aufklärung, Wissen und Information.
    Gerade hier zeigt sich wie wichtig Wissen, Aufklärung und der Dialog mit allen Beteiligten ist. Genau diesem verweigern sich jedoch die sogenannten besorgten Eltern, finanziert von radikalchristlichen Evangeliken und unterstützt von den bekanntermassen LGBTI* feindlichen Russischen Interessengruppen aus dem Ausland wird hier massiv mit unwahren Behauptungen Stimmung gegen schulische Aufklärung betrieben.
    Aus Unwissenheit und tendenziöser Desinformation ensteht Angst, aus Angst ensteht letzt endlich Intoleranz und Hass.

    Du hast das, worum es geht sehr gut umrissen, in diese Richtung sollten wir unsere Aufmerksamkeit und unser Engagement lenken !

  3. Deinen Gedanken kann ich gut folgen, wenn es um Schutz und Toleranz für queere Menschen als Minderheit geht. Dass der Ton mittleweile härter wird, aber aber auch andere Ursachen, deshalb würde ich gern was ergänzen: Toleranz und Respekt gilt immer nur dem Fremden, Anderen. Wir bewegen uns, nach Kämpfen um Entkriminalisierung und gegen Diskriminierung aber auf das Ziel der Akzeptanz zu, und das verlangt ein echtes gegenseitiges Verständnis von Mehrheit und Minderheit, was allen Seiten etwas neues abverlangt. Mit einem CSD machen wir uns in der Öffentlichkeit sichtbar, mit der Darstellung von queeren Paaren im Schulbuch werden akzeptiertermaßen unübersehbar. Das ist eine andere Qualität, die auch die Mehrheit in die Pflicht nimmt. Bis heute ist es normal, dass Eltern und Lehrer das Anderssein von jungen Menschen so lange ignorieren / übersehen, bis sie ihr Coming out haben. Dann fallen plötzlich Sätze wie „Na, eigentlch habe ich mir das schon immer gedacht“. Da ist dann doch was schief gelaufen in der Begleitung der Entwicklung. Es geht auch darum, die Menschen und Familien, die sich bisher mit LGBTT-Themen nicht beschäftigt haben, in die Pflicht zu nehmen. Das macht Menschen, die gerade mit Sexualität und Körperlichkeit nicht offen umgehen mögen, Angst und es ist wichtig auf diese Ängste einzugehen. Wir müssen nicht nur sichtbar sein, sondern für alle berührbar und ansprechbar. Man wird nicht schwul oder HIV-positiv wenn man einen Schwulen berührt – beim Sport, beim Tanz o.ä. Ansteckend ist nur die Freude an der menschlichen Begegnung. Die wichtigesten Aufgaben liegen noch vor uns.

  4. Pingback: CSDs können gar nicht schrill genug sein | Kommentar | Der Teilzeitblogger

  5. Pingback: Mr. Gay Germany ist nicht Manns genug… | Marcel Dams

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