CSDs können gar nicht schrill genug sein!

Die Geschichte zeigt, dass heutige Freiheiten nicht durch Heteronormativität erstritten wurden. Akzeptanz durch Anpassung ist diese Bezeichnung nicht wert. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

Stonewall

Schon mal das Zitat „Stonewall was fitting in“ gehört? Natürlich nicht. Korrekt ist nämlich „Stonewall was a riot“. Die Menschen in der Stonewall Bar haben einen Aufstand durchgeführt, statt sich zu fügen oder anzupassen. Auf diesen Aufstand in der Christopher Street gehen die heutigen CSDs zurück.

Manchmal kann es schon wundern, dass viele Leute die Worte „Christopher Street Day“ ganz selbstverständlich nutzen, aber sich anscheinend nie damit beschäftigt haben, woher dieser Begriff kommt. Dann würde sich nämlich fast jegliche Diskussion darum erledigen, ob wir uns an diesen Tagen „zu schwul“, „zu anders“ oder „zu schrill“ geben.

Chris Fleischhauer, von Beruf Lottofee, findet derzeitige CSDs kontraproduktiv. Er betont, dass die meisten Schwulen „ganz normal“ – was aus seiner Sicht bedeutet, dass sie kaum von heterosexuellen Männern zu unterscheiden seien – sind.

Herr Fleischhauer ist weder der erste, noch der einzige, welcher CSDs dafür kritisiert, wie sich LGBTIQ* dort präsentieren. Die Debatte gab es schon immer und sie flammt in unterschiedlichen Abständen auch immer mal wieder auf.

Im Detail sieht die Kritik nicht jedes Mal gleich aus. Hier sind die Tunten Schuld, dort ist zu viel nackte Haut das Problem und manchmal wird einfach zu viel gefeiert. Halbnackte, angetrunkene Tunten, die zu Madonna kreischen und tanzen (oder beides gleichzeitig, die können das, sogar richtig gut), sind für manch einen wohl der Super-GAU.

Etwas Geschichte vorweg: In der Stonewall Bar waren es vor allem Tunten, Drag Queens und Transvestiten, die sich zur Wehr gesetzt haben. Damit wurde eine selbstbewusste und sichtbare Bewegung geschaffen.

Es handelt sich also um nicht weniger als Geschichtsverdrehung, zu behaupten, dass diese uns das Leben schwer machen. Die heutigen CSDs würden ohne sie wohl kaum stattfinden. Im Grunde genommen würde es uns sogar schaden, wenn wir einen Teil „unserer“ Vergangenheit wieder unsichtbar machen würden.

Ich möchte, dass wir – im Alltag durch die Gesellschaft und juristisch vom Gesetzgeber – gleich behandelt werden, aber auch anders sein und bleiben dürfen. Jeder sollte das Recht haben, für sich den Lebensentwurf zu wählen und zu leben, der zu ihm passt und mit dem er oder sie am glücklichsten ist.

Ob offene Partnerschaften oder sexuelle Selbstbestimmung. Ob Tunte, Lederkerl, Diva, unauffällig oder eine bunte Mischung aus alledem. Das Letzte was wir brauchen, ist Akzeptanz durch Anpassung. Denn Vielfalt ist unsere Stärke!

Richtig ist, dass vor allem die großen CSDs sehr kommerzialisiert erscheinen oder auch sind. Aber machen wir uns doch nichts vor. Irgendwie muss man sich finanzieren. Kritisieren kann man natürlich, dass Unternehmen oder politische Parteien für sich werben, die nichts für uns leisten oder sogar gegen uns agieren.

Wer sich nicht für unsere Interessen einsetzt oder wessen Aktivitäten diesen sogar widersprechen, der hat schlichtweg nichts dort zu suchen. Ich bezweifle aber, dass man pauschal gesehen nicht gleichzeitig politisch und kommerziell sein kann.

In Bezug auf den Kommerz dreht sich die Kritik auch darum, dass es vielen nur um eine große Party geht. Aber wieso sollten wir unsere oben genannte Vielfalt nicht feiern dürfen? Wie großartig ist es bitteschön, verglichen mit der Vergangenheit, dass zumindest ein Teil der LGBTIQ* Menschen frei von bestimmten Sorgen ist.

Es ist doch toll, dass Menschen sie selbst sein können, ohne damit automatisch bedrohliche Gedanken zu verbinden. Denn für andere ist diese Art von Gedankengängen leider immer noch Alltag.

Alltag ist für manche LGBTIQ* auch, dass sie bereits einen „Happy Pride“ hatten, wenn sie ihn nur überleben. Ist diese Party, die wir hierzulande feiern, also überhaupt politisch? Oder nur ein Saufgelage, bei dem gevögelt wird? Ich finde wir sollten feiern und – wer es möchte – auch saufen und ficken. Warum? Weil wir es können!

Das ist in diesem Fall kein abgedroschener Satz, sondern tatsächlich eine Begründung. Alleine dass wir in einem Land leben, in dem die Polizei eine solche Demonstration begleitet, statt sie aufzulösen, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein hart erkämpftes Gut.

Party kann eben doch politisch sein. Genau dann, wenn Vielfalt, Liebe und das Leben gefeiert werden. Das war vor nicht allzu langer Zeit noch verboten. Wir sind sichtbar. Und Sichtbarkeit ist die Grundlage, auf die vieles aufbaut. Gleichberechtigung. Offenheit. Freiheit. Akzeptanz.

„Ich möchte dass ihr feiert. Oft ist unsere einzige Hoffnung, davon zu träumen, wie es sein könnte. Das macht manchmal traurig. Aber es macht auch Mut. Feiert, weil ihr es dürft. Wir würden es auch tun. Irgendwann werden wir es tun. Vielleicht ja alle zusammen.“

Diese Aussage stammt von einer nigerianischen Freundin von mir. Es ist wichtig die Vergangenheit zu kennen und um die Umstände an anderen Orten zu wissen. Denn dann kommen wir vielleicht auch davon weg, dass einige Personen in gute und schlechte CSD-Teilnehmer*innen oder Communitymitglieder*innen unterscheiden und denen in die Karten spielen, die uns sowieso nicht wohl gesonnen sind.

Bleiben wir also sexy, tuntig, provokativ, spießig und/oder politisch. Seid, wer ihr seid. Denn dies bereichert uns alle. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

In diesem Sinne wünsche ich allen viele tolle Erlebnisse‬. Trefft viele alte und neue Bekannte. Verführt und lässt euch verführen. Genießt die Sonne, die gute Laune, die Liebe und die Freundschaft. Aber vergesst bei alledem nicht die, die es nicht so leicht haben.

Ähnlicher Artikel: Merkels Verlogenheit zur #EheFürAlle bei #NetzFragtMerkel

————————————————————————————————————————————

00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Advertisements

4 Gedanken zu “CSDs können gar nicht schrill genug sein!

  1. Das Zitat deiner kenianischen Freundin hat mich sehr gerührt.
    Und mich an dieses Lied von Daniel Wirtz erinnert:

    Frei

    Du solltest träumen für all jene, denen die Angst den Schlaf geraubt,
    deren Hoffnung man zertreten irgendwo im Straßenstaub.
    Du solltest springen für all jene, deren Fuß in Ketten liegt,
    deren Willen man gebrochen, deren Freiheit man bekriegt.

    Du solltest leuchten für die Lichter, die man in Dunkelheit gesperrt,
    für die Kinder, die nicht wissen, ob die Väter wiederkehren.
    Du solltest wissen um dein Glück, das dir ein Zufall zugespielt,
    zu jeder Stunde, jeden Tag an dem du die Sonne siehst.

    Sei frei, solange es geht!
    Bleib frei, solange du lebst!
    Sei frei und reite die Welle!
    Sei frei – an ihrer Stelle!

    Du solltest sprechen für all jene, die nicht reden können von diesen Dingen,
    weil die, die es nicht hören wollen, sie sonst ganz schnell zum Schweigen bringen,
    etwas bewegen für all jene, deren Leben längst erstarrt,
    die von deiner Freiheit träumen und den Chancen, die du hast.

    Sei frei, solange es geht!
    Bleib frei, solange du lebst!
    Sei frei und reite die Welle!
    Sei frei – an ihrer Stelle!

  2. Lieber Marcel, ich bin unglücklich mit der Idee eines Kampfes gegen Heteronormativität. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was das sein soll. Auch Heteros können „schrill“ oder „angepasst“ sein. Sie sind letzlich auch ein Teil des Regenbogens.

    Ein zweites Wort, mit dem ich arge Probleme habe, ist das Verdikt des „Angepassten“. Wer urteilt darüber? Und müssen wir uns nicht alle unserer Gemeinschaft und den Aufgaben, die wir uns stellen, anpassen? Es ist durchaus möglich angepasst und trotzdem sichtbar zu sein. Regenbogeneltern, die beim Elternabend auftauchen, sind anders, ohne schrill zu sein und sie sind frei, ohne laut zu sein – nicht, weil sie etwas unterdrücken, sondern, weil Schrillheit in diesem Kontext wenig Effekt hat.

    Ich sehe das Problem der Kritik am CSD aus einem anderen Blickwinkel. Historisch entwickelten sich die Protestformen des CSD in einer Zeit, wo – sinnvollerweise – die Sexualtität aus überkommenen Zwängen und Verschwiegenheit befreit wurde. Und Sexualtität ist immer irgendwie „schrill“, „queer“, manchmal auch roh , unkontrolliert und unheimlich – unabhängig davon, dass sie auch das Gegenteil davon sein kann: Zärtlich, intim, aufregend, fröhlich, einfach nur geil, romantisch, politisch. Die Schrillen machten und machen das sichtbar, was die Gesellschaft verdrängt. Das machten und machen sie nicht unbedingt „für“ die Stillen und angepassten, sondern für sich, was ganz legitim ist. Die Schrillheit hatte einen Sinn und einen Zweck: Die Befreiung von unterdrückter Sexualität in einer modernen, freiheitlichen Gesellschaft.
    Wenn wir heute über das Adoptionsrecht verhandeln oder über Erziehung zu einer stabilen sexuellen Identität (egal ob diese eine hetero-, homo- oder transidentität ist), dann bin ich mir nicht sicher, ob Schrillheit produktiv ist. Ich glaube, hier braucht es die sonst Unsichtbaren, die Heteros, die WissenschaftlerInnen, ÄrztInnen, LehrerInnen, ErzieherInnen, die sichtbar einen Dialog mit den scheinbar Schrillen führen, um vorhandene Ängste im Umgang mit Sexualität abzubauen. Das ist dann aber auch schon kein LGBT-Thema mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Und ist das nicht das Ziel von Gleichstellung und Akzeptanz bei aller Diversität?

    Sichwort Drag Queens. Was soll daran falsch sein? Nichts ist daran falsch. Trotzdem kenne ich Transsexuelle, die mit der Aufmerksamkeit, die diese traditionellen „Super-Mann-Frauen“ auf sich ziehen, nicht so glücklich sind, weil sie in ihrem uneindeutigen Körper mit kaum vorhandenen Brüsten, fipsigen Haaren trotzdem in ihrer Weiblichkeit akzeptiert sein wollen. Mit anderen Worten: Das Outfit der Drag Queen ist eine Form des Sichtbarseins von tuntigen Eigenschaften, aber eben eine unter vielen denkbaren. CSD´s und politischer Aktivismus ist seiner Natur nach extrovertiert, Zärtlichkeit und Intimität oder auch Sehnsüchte häufig introvertiert oder intim. Das ist ein Problem, und zwar ein schwer lösbares.

    Ich kann niemandem vorschreiben, wie er oder sie sich bei einem CSD präsentiert, genauso wenig, wie man mich nicht dazu zwingen kann, mich bei einem CSD wohl oder nicht wohl zu fühlen. Ich verstehe Deine Argumantation auch durchaus. Ich glaube aber, dass diese Diskussionen inerhalb der Community nichts sind, was sie schwächt oder spaltet, sondern etwas, was sie stärkt. Der Umgang mit Sexualität(en) wird nie einheitlich, harmonisch und spannungsfrei sein, allein schon, weil wir durch Alter, Lebenssituation und zwischenmenschliche Erfahrungen und Sehnsüchte einen anderen emotionalen Umgang mit diesem sensiblen Thema haben. Ich denke, wir brauchen, wie in jeder Beziehung, eine produktive Diskussions- und Kommuniktionskultur, die diese Spannungen aushält. Das ist das, was ich unter Liebe verstehe, die Respekt verlangt – und das ist weit mehr als Selbstbewusstsein, sexuelle Identität oder sexuelles Begehren. Let´s talk about …

    P.S. Solltest Du diesen Kommentar nicht frei schalten wollen, weil er zu konträr ist, dann kann ich das als „Stiller“ verstehen und akzeptieren. Deine Beiträge fordern mich immer wieder zum Nachdenken heraus, danke dafür.

    • Hallo Lars!

      Danke erst einmal, dass Du Dir die Zeit für einen solch ausführlichen Kommentar genommen hast. Ich bin gerade mit vielen Dingen beschäftigt, daher kann ich nur in Kurzform antworten und werde auf das Wichtigste eingehen. Ich hoffe das ist ok!

      Zu Deiner Einleitung: Heteronormativität ist ein festgeschriebener Begriff. Heteros müssen nicht heteronormativ sein. LGBTI* sind nicht zwangsläufig nicht heteronormativ. Aber die Welt ist im großen und ganzen scheinbar heteronormativ, weil sie an vielen Stellen „das Andere“ nicht thematisiert oder sogar unterdrückt. Mit Angepasstheit meine ich, dass man sich anpasst an den Mainstream, obwohl man nicht so ist. Wer spißig ist, soll doch auch so bleiben. Schließlich passt er sich dann nicht an. Von anderen zu verlangen sich anzupassen, geht mir aber langsam gegen den Strich.

      Als ich Deinen Kommentar las, dachte ich, dass wir an vielen Stellen gar nicht weit auseinander liegen. Natürlich braucht es auch die Stillen und ich habe an keiner Stelle geschrieben, dass sie sich verändern sollen. Im Gegenteil. Das „bleiben wir spießig“ am Schluss habe ich bewusst geschrieben. Denn die Vielfalt macht uns aus.

      Ehrlich gesagt passiert es mir öfter, dass Menschen so argumentieren und es macht mich manchmal – nicht Dein Kommentar, der ist sehr ausgewogen und sachlich geschrieben – auch wütend. Es stimmt einfach nicht, dass irgendjemand das „Spießige“ verändern oder ausschließen wollte. Andersherum: Das Tuntige und Schrille, wird immer wieder als etwas negatives dargestellt, dass uns angeblich schadet. Selbst ohne die Vergangenheit mit einzubeziehen, würde ich solch eine Denkweise ablehnen. Aber diejenigen zu verunglimpfen, die in der Vergangenheit den Kampf an vorderster Front führten, finde ich – gelinde gesagt – Scheiße.

      Und Du hast sicherlich Recht, dass Diskussionen immer voranbringen können. Ich sehe es aber als keine gute Diskussionsgrundlage, Menschen die anders sind als man selbst, direkt als Buhmänner zu missbrauchen. Wer sich selbst – zumal in der Öffentlichkeit, wie durch die „Lottofee“ geschehen – besser darstellt, indem er andere in ein negatives Licht drückt, hat für mich kein Interesse an richtigen und wichtigen Diskussionen. Das gilt nicht nur für diesen Bereich. Man kann auch eine Meinung haben und vertreten, ohne andere zu diffamieren.

      Ich glaube die Tunte schadet der Bewegung genau so wenig, wie der Spießer. In der Öffentlichkeit wird aber auf die Tunten besonders eingedroschen. Da halte ich solche Stimmen aus den eigenen Reihen für kontraproduktiv, weil sie denen zuspielen, die uns wirklich schaden wollen.

      Liebe Grüße,
      Marcel

  3. Pingback: Deutscher Engagementpreis 2015 | Der Teilzeitblogger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s