Regenbogenkick: Der alljährliche Anti-Homostigma-Rage

Wenn mich jemand homophob anmacht, dann gibt es ab sofort einen Regenbogenkick. Das gilt auch für Homohasser in den eigenen Reihen, die sich wegen dem bisschen „Straight Acting“ oder weil sie „Heterolike“ sind für etwas Besseres halten.

Anti-Homostigma-Rage

Mäuschen, ich habe in der Theater-AG immer ein „Sehr Gut“ bekommen. Gut, einmal habe ich eine Tunte gespielt, was meinem Naturell sehr entgegen kam. Mein Talent reichte aber weit darüber hinaus. Wenn ich wollte könnte ich mich auch „Hetero verhalten“. Ich will es aber nicht. Denn spätestens wenn ich einen Schwanz lutsche oder gefickt werde, falle ich als das auf, was ich bin: Schwul. Queer. Ein Mann, der Männer begehrt.

Du bist allerdings auch nicht unschwuler, nur weil du rein aktiv bist. Wir werden nicht erst schwul oder zumindest gay-curious, wenn ein Schwanz uns mit aller Kraft zeigt, dass die Prostata ein Zentrum des Lusterdbebens sein kann. Der Glaube, die sexuelle Rolle macht dich männlicher oder weiblicher, ist nicht mehr als das Hereinfallen auf alte Geschlechterklischees.

Ich habe als passiver Part schon Männer gefickt, ohne das sie es merkten. Wer sich fallen lässt und der Leidenschaft den Handlungsstrang überlässt, der fickt den anderen. Egal ob aktiv oder passiv. Noch besser fand ich es, wenn beide (oder alle die halt dabei sind) sich gleichzeitig darauf einlassen konnten. Dann wurde es so gut, dass ich nicht selten für diese Momente all die Scheiße vergaß, die das „anders sein“ oft mit sich bringt. Ich war glücklich. Denn meine sexuelle Leidenschaft unterscheidet sich zwar von jener der Mehrheit, ich habe aber das Glück meine Bedürfnisse zu erkennen und den Mut sie auszuleben. Es ist diese Mischung aus Glück und Mut, die selten (ganz ist wohl niemand davor gefeit) dazu führt, dass ich andere abwerten muss, um mich selbst besser zu fühlen.

Letztens wollte mich ein Typ ficken, der sich als sehr männlich und aktiv inszenierte. In seinem Profil stand, dass er sehr häufig von „den Boys“ bestätigt bekommt, wie gut er im Bett sei. „Super Voraussetzungen“, war mein Gedanke. Erfahrung und positive Bewertungen schaden ja nie. Er fragte mich, ob ich denn öfter Sex habe. Ich war ehrlich, schließlich chatteten wir Samstag Nacht. Keine Uhrzeit, zu der ich mit dem Onlinestatus „Beziehung“ auf die Suche gehe. Woraufhin er mir mitteilte Nutten nicht ausstehen zu können. Nun ja, mein Interesse an einer (aktiven) Nutte, die ihre Doppelmoral nur auf das Gegenüber anwandt, schwand schnell.

Es ist ein ähnlicher Mechanismus, der hier eintrat. Schwul ist nur, wer sich ficken lässt, weil das angeblich der weibliche Part ist. Eine Nutte ist höchstens der, der sich ficken lässt, weil das angeblich der weibliche Part ist (und wir alle wissen ja, dass Frauen dadurch zu Schlampen werden, was Männer zu Helden macht). Die Wahrheit aber ist, dass du genauso schwul bist. Und dass es deine Unsicherheit ist, die dich auf der Suche nach dem „heterolikem“ Strohhalm einholt.

Weniger unsicher waren diejenigen, welche in der Christopher Street vor dem Stonewall Inn 1969 den Aufstand probten. Es waren vor allem Tunten, Drags, Trans*personen und lesbische Frauen die den Satz „Stonewall was a riot“ mit Leben füllten. Sie lebten ein queeres, ein anderes Leben, als es noch mit Razzien, Strafverfolgung und massiver gesellschaftlicher Verfolgung einher ging. Mir geht es nicht darum, die heutigen Schwierigkeiten queerer Menschen zu relativieren. Mir ist aber wichtig, dass wir – gerade wo man immer häufiger auf Tuntenhass und die Sehnsucht nach Anpassung stößt – nicht vergessen woher die Lorbeeren kommen, auf denen wir sitzen. Wer sich nicht auf ihnen ausruhen, sondern weitere ernten will, kommt nicht drumherum Zukunft auch durch Erinnerung zu schaffen. Das geht nur gemeinsam und es geht nur, wenn wir alle mitnehmen, die unsere „Community“ ausmachen.

Vielleicht kommt es jetzt sehr überraschend, aber: Ich war selbst lange homophob. Ich kenne die Hintergründe und den Wunsch endlich so zu sein, wie die anderen. Aber dieser Wunsch wird ein Wunsch bleiben. Ich habe so lange nach unten getreten, bis ich keine Kraft mehr hatte. Denn ich wurde abhängig vom Treten, um mich selbst ertragen zu können. Das Glück aber wartet dort, wo wir das Unveränderbare annehmen. Wir sind nicht gleich. Aber wir sind dennoch gut. Denn man muss nicht gleich sein, um gut zu sein. Gleichbehandlung sollte und wird auch eines Tages ohne Gleichheit möglich sein.

Oft höre ich von der einen Seite, dass „Tunten, Schrille und Freaks uns schaden, weil wir anders behandelt werden, sobald wir uns so verhalten“. Die andere Seite behauptet, dass „Spießer Feiglinge seien, die sowieso nicht für die Emanzipation tun“.
Warum kann das eine nicht mit dem anderen funktionieren kann? Wer Klischees erfüllt, der hat genauso ein Recht darauf Teil der Gesellschaft, wie alle, die es nicht tun. Wir müssen Klischees weder widerlegen, noch erfüllen. Beides schadet niemanden, also sollte beides keinen Anlass bieten es jeweils negativ zu bewerten. Ist die Voraussetzung für Akzeptanz, dass kein Klischee erfüllt werden darf, dann handelt es sich vielleicht gar nicht um solche. Andersherum darf jeder sein „spießiges“ (ich nutze es als neutrale Beschreibung) Leben führen. Es macht die Freiheit aus, dass jeder er selbst sein kann, solange er niemand anderes verletzt. Das gilt immer in beide Richtungen.

Mein Wunsch sind CSDs, an denen Normalos, Spießer, Tunten, Freaks, Twinks, Daddys, Lesben, Drags, Schwule, Bis, Fetischgruppierungen, Bären, Butches, Femmes, Trans*, Inter* sowie alle die ich jetzt nicht explizit nenne oder bei denen sich einige Zuschreibungen mischen, nebeneinander feiern und demonstrieren. Bitte ohne sich gegenseitig Schuldzuweisungen zu machen. Das hilft nur denen, die uns allen nicht wohlgesonnen sind.

Happy Pride! 

Offenlegung: Der Autor war auch schon mal aktiv. Er hat den anderen dabei aber nicht gefickt. Die Leidenschaft fehlte.
Abschließend: Ich spreche viel über Abwertung und mein Text klingt an einigen Stellen selbst nach welcher. An dieser Stelle sei gesagt, dass ich nichts gegen aktive Nutten (im Gegenteil, hahaha, omg, lol) habe. Auch nichts gegen jene, die einem männlichen Bild entsprechen. Ich kritisiere nicht ihr Sein, sondern ihr – damit auch indirekt mein früher eigenes – abwertendes Verhalten.

Dieser Text wurde zuerst am 19. Juni 2017 auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht. Es ist mein bis dahin am meisten gelesener Post. Daher dachte ich, dass es sich auch lohnt, ihn  – auch aus Anlass des kommenden ColognePride-Wochenendes – hier noch mal zugänglich zu machen.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LSBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

 

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