Regenbogenkick: Der alljährliche Anti-Homostigma-Rage

Wenn mich jemand homophob anmacht, dann gibt es ab sofort einen Regenbogenkick. Das gilt auch für Homohasser in den eigenen Reihen, die sich wegen dem bisschen „Straight Acting“ oder weil sie „Heterolike“ sind für etwas Besseres halten.

Anti-Homostigma-Rage

Mäuschen, ich habe in der Theater-AG immer ein „Sehr Gut“ bekommen. Gut, einmal habe ich eine Tunte gespielt, was meinem Naturell sehr entgegen kam. Mein Talent reichte aber weit darüber hinaus. Wenn ich wollte könnte ich mich auch „Hetero verhalten“. Ich will es aber nicht. Denn spätestens wenn ich einen Schwanz lutsche oder gefickt werde, falle ich als das auf, was ich bin: Schwul. Queer. Ein Mann, der Männer begehrt.

Du bist allerdings auch nicht unschwuler, nur weil du rein aktiv bist. Wir werden nicht erst schwul oder zumindest gay-curious, wenn ein Schwanz uns mit aller Kraft zeigt, dass die Prostata ein Zentrum des Lusterdbebens sein kann. Der Glaube, die sexuelle Rolle macht dich männlicher oder weiblicher, ist nicht mehr als das Hereinfallen auf alte Geschlechterklischees.

Ich habe als passiver Part schon Männer gefickt, ohne das sie es merkten. Wer sich fallen lässt und der Leidenschaft den Handlungsstrang überlässt, der fickt den anderen. Egal ob aktiv oder passiv. Noch besser fand ich es, wenn beide (oder alle die halt dabei sind) sich gleichzeitig darauf einlassen konnten. Dann wurde es so gut, dass ich nicht selten für diese Momente all die Scheiße vergaß, die das „anders sein“ oft mit sich bringt. Ich war glücklich. Denn meine sexuelle Leidenschaft unterscheidet sich zwar von jener der Mehrheit, ich habe aber das Glück meine Bedürfnisse zu erkennen und den Mut sie auszuleben. Es ist diese Mischung aus Glück und Mut, die selten (ganz ist wohl niemand davor gefeit) dazu führt, dass ich andere abwerten muss, um mich selbst besser zu fühlen.

Letztens wollte mich ein Typ ficken, der sich als sehr männlich und aktiv inszenierte. In seinem Profil stand, dass er sehr häufig von „den Boys“ bestätigt bekommt, wie gut er im Bett sei. „Super Voraussetzungen“, war mein Gedanke. Erfahrung und positive Bewertungen schaden ja nie. Er fragte mich, ob ich denn öfter Sex habe. Ich war ehrlich, schließlich chatteten wir Samstag Nacht. Keine Uhrzeit, zu der ich mit dem Onlinestatus „Beziehung“ auf die Suche gehe. Woraufhin er mir mitteilte Nutten nicht ausstehen zu können. Nun ja, mein Interesse an einer (aktiven) Nutte, die ihre Doppelmoral nur auf das Gegenüber anwandt, schwand schnell.

Es ist ein ähnlicher Mechanismus, der hier eintrat. Schwul ist nur, wer sich ficken lässt, weil das angeblich der weibliche Part ist. Eine Nutte ist höchstens der, der sich ficken lässt, weil das angeblich der weibliche Part ist (und wir alle wissen ja, dass Frauen dadurch zu Schlampen werden, was Männer zu Helden macht). Die Wahrheit aber ist, dass du genauso schwul bist. Und dass es deine Unsicherheit ist, die dich auf der Suche nach dem „heterolikem“ Strohhalm einholt.

Weniger unsicher waren diejenigen, welche in der Christopher Street vor dem Stonewall Inn 1969 den Aufstand probten. Es waren vor allem Tunten, Drags, Trans*personen und lesbische Frauen die den Satz „Stonewall was a riot“ mit Leben füllten. Sie lebten ein queeres, ein anderes Leben, als es noch mit Razzien, Strafverfolgung und massiver gesellschaftlicher Verfolgung einher ging. Mir geht es nicht darum, die heutigen Schwierigkeiten queerer Menschen zu relativieren. Mir ist aber wichtig, dass wir – gerade wo man immer häufiger auf Tuntenhass und die Sehnsucht nach Anpassung stößt – nicht vergessen woher die Lorbeeren kommen, auf denen wir sitzen. Wer sich nicht auf ihnen ausruhen, sondern weitere ernten will, kommt nicht drumherum Zukunft auch durch Erinnerung zu schaffen. Das geht nur gemeinsam und es geht nur, wenn wir alle mitnehmen, die unsere „Community“ ausmachen.

Vielleicht kommt es jetzt sehr überraschend, aber: Ich war selbst lange homophob. Ich kenne die Hintergründe und den Wunsch endlich so zu sein, wie die anderen. Aber dieser Wunsch wird ein Wunsch bleiben. Ich habe so lange nach unten getreten, bis ich keine Kraft mehr hatte. Denn ich wurde abhängig vom Treten, um mich selbst ertragen zu können. Das Glück aber wartet dort, wo wir das Unveränderbare annehmen. Wir sind nicht gleich. Aber wir sind dennoch gut. Denn man muss nicht gleich sein, um gut zu sein. Gleichbehandlung sollte und wird auch eines Tages ohne Gleichheit möglich sein.

Oft höre ich von der einen Seite, dass „Tunten, Schrille und Freaks uns schaden, weil wir anders behandelt werden, sobald wir uns so verhalten“. Die andere Seite behauptet, dass „Spießer Feiglinge seien, die sowieso nicht für die Emanzipation tun“.
Warum kann das eine nicht mit dem anderen funktionieren kann? Wer Klischees erfüllt, der hat genauso ein Recht darauf Teil der Gesellschaft, wie alle, die es nicht tun. Wir müssen Klischees weder widerlegen, noch erfüllen. Beides schadet niemanden, also sollte beides keinen Anlass bieten es jeweils negativ zu bewerten. Ist die Voraussetzung für Akzeptanz, dass kein Klischee erfüllt werden darf, dann handelt es sich vielleicht gar nicht um solche. Andersherum darf jeder sein „spießiges“ (ich nutze es als neutrale Beschreibung) Leben führen. Es macht die Freiheit aus, dass jeder er selbst sein kann, solange er niemand anderes verletzt. Das gilt immer in beide Richtungen.

Mein Wunsch sind CSDs, an denen Normalos, Spießer, Tunten, Freaks, Twinks, Daddys, Lesben, Drags, Schwule, Bis, Fetischgruppierungen, Bären, Butches, Femmes, Trans*, Inter* sowie alle die ich jetzt nicht explizit nenne oder bei denen sich einige Zuschreibungen mischen, nebeneinander feiern und demonstrieren. Bitte ohne sich gegenseitig Schuldzuweisungen zu machen. Das hilft nur denen, die uns allen nicht wohlgesonnen sind.

Happy Pride! 

Offenlegung: Der Autor war auch schon mal aktiv. Er hat den anderen dabei aber nicht gefickt. Die Leidenschaft fehlte.
Abschließend: Ich spreche viel über Abwertung und mein Text klingt an einigen Stellen selbst nach welcher. An dieser Stelle sei gesagt, dass ich nichts gegen aktive Nutten (im Gegenteil, hahaha, omg, lol) habe. Auch nichts gegen jene, die einem männlichen Bild entsprechen. Ich kritisiere nicht ihr Sein, sondern ihr – damit auch indirekt mein früher eigenes – abwertendes Verhalten.

Dieser Text wurde zuerst am 19. Juni 2017 auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht. Es ist mein bis dahin am meisten gelesener Post. Daher dachte ich, dass es sich auch lohnt, ihn  – auch aus Anlass des kommenden ColognePride-Wochenendes – hier noch mal zugänglich zu machen.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LSBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

 

„Ich liebe Schwule!“ – Gott im Interview

Gott wird seit vielen Jahrhunderten als Argument für menschenverachtende Positionen herangezogen. Ich habe mit ihm über die Bibel, seine Meinung zu LSBTIQ*, das Verhältnis zum Teufel und die „Ehe für Alle“ gesprochen.

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Gott: „Nehmen Sie dieses Bild, da liegen meine Haare gut…“ (Foto: Christian Anderl)

Ich freue mich sehr, dass Sie Zeit für ein Interview gefunden haben. Zunächst einmal bin ich etwas unsicher, wie ich Sie ansprechen soll?

Ich habe vollstes Verständnis für Ihre Verunsicherung. Es liegt sicherlich auch an meinen vielen Bezeichnungen, die in der Welt kursieren. Das war auch alles ein großes Missverständnis, denn irgendjemand hat einfach den Namen meines Grindrprofils („Allah“, Anmerkung der Redaktion) in Umlauf gebracht. Ich hatte ihn gewählt, um anonym zu bleiben. Da ich aber unvorsichtig handelte und sehr schnell Facepics verschickte, war ich dies natürlich nicht lange. Die Szene ist ein Dorf. Das spricht sich schnell rum. Nennen Sie mich einfach Gott.

Kommen wir zu einem Thema, welches alle brennend interessieren dürfte. Viele behaupten „Gott hasst Schwule!“. Jetzt, wo ich Sie hier vor mir habe, möchte ich die Chance nutzen, um zu erfahren, ob da etwas dran ist.

Was? Nein! Ich liebe Schwule! Hat nicht einer von denen das Haargel erfunden? Ich starte direkt eine Petition im Internet, um einen bundesweiten Feiertag für diese wichtige Leistung einzuführen. Übrigens gilt meine Liebe auch lesbischen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen. Das ist hier doch ein vielfältiger Blog, oder? Also bitte auch alle mitdenken!

Entschuldigung, ich hatte vermutet sie mit dem LSBTIQ*-Buchstabenkürzel zu überfordern!

Wieso das denn? Ich habe sie doch alle gemacht! Viel schlimmer finde ich Parteienkürzel, die nicht halten was sie versprechen. Schreibt nicht christlich drauf, wo es nicht drin ist. Ich lasse mich ungern als Feigenblatt benutzen.

Ihre Einstellung überrascht mich. Schließlich findet man in der Bibel schon ein paar Stellen, die eine Abneigung gegenüber LSBTIQ* vermuten lassen könnten.

Bibel? Das sagt mir nichts! Nennen Sie mir bitte eine entsprechende Stelle aus dem Buch.

Da wäre zum Beispiel diese hier: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel.“

Wer hat das denn geschrieben? Klingt wie jemand, der sich schwer mit Twitter tut und nicht adäquat in 140 Zeichen auszudrücken weiß. Keine Buchempfehlung von mir. Die Menschen sollten bei J. K. Rowling und Stephen King bleiben. Das ist wenigstens unterhaltsame Fiktion.

Wo wir gerade von Feiertagen sprachen. Es ist kein klassischer Feiertag, aber wenn ich sie richtig verstehe, dann haben Sie demnach auch nichts gegen den CSD?

Auf gar keinen Fall! Der kommt auf meiner Favoritenliste direkt nach Liza Minelli und den Golden Girls.

Es ist Ihnen auch nicht zu viel Nacktheit, Party und Sex?

Himmel nein, ich habe euch doch nicht gemacht, damit ihr euch wie Heteros benehmt. Wobei die ja zum Glück auch immer häufiger ihre strengen Vorgaben zu Sexualität und Beziehungen überdenken. Vergeht ja kaum ein Tag, an dem kein Artikel dazu auf ze.tt oder bento veröffentlicht wird. Die sind doch repräsentativ, oder?

Das ist toll. Könnten Sie dies auch Ihren Anhänger*innen vermitteln?

Wissen Sie, dass probiere ich seit Ewigkeiten. Wir hatten ja früher nüschts. Leider auch keine Medizinkenntnisse, weshalb sie in meinen Jugendjahren noch sehr fehleranfällig war. Seit einer Mandeloperation leide ich an einem Sprachfehler und werde öfter falsch verstanden. Es stimmt, ich spreche zu den Menschen. Jedoch sagte ich „Homosexualität ist Freude pur…“ und nicht „Homosexualität ist gegen die Natur…“, wie so viele behaupten.

Hoffentlich lesen das hier dann die richtigen Menschen!

Das hoffe ich auch. In der Vergangenheit schrieb ich bereits diverse Verlage an, um meine frohe Botschaft unter die Leute zu bringen. Aber als „Gott“ erhalte ich nie eine Antwort auf meine Manuskripteinsendungen. Wahrscheinlich nimmt mich keiner ernst, weil es für ein Pseudonym gehalten wird. Wenn ich allerdings unter anderem Namen veröffentliche, dann nehmen dies wiederum die Glaubensgemeinschaften nicht ernst. Die sagen ja immer „Gott steht über allem“. Dabei bin ich gar kein Top, sondern Versatile Bottom. Es ist ein Teufelskreis.

Gibt es diesen Teufel eigentlich?

Klar, aber auch er kämpft mit Vorurteilen. Gut, ich habe nach unserer Trennung etwas schlecht über ihn geredet, vielleicht auch die ein oder andere Lüge über seine Penislänge verbreitet. So sind Tunten halt. Allerdings können wir heute wieder normal miteinander umgehen.

Das ist schön zu hören. Möchten Sie zum Abschluss noch eine Botschaft an die Leute richten?

Ich würde lieber eine Frage stellen. Da mir der Sinn von Selbstkasteiung ja noch nie so richtig klar war, würde ich gerne wissen, warum Sie diese „Ehe für Alle“ wollen? Aber eigentlich kann es mir ja egal sein, wenn Sie sich in dasselbe Unglück stürzen wie die heterosexuelle Mehrheit. Meinen Segen dafür haben Sie!

Vielen Dank für das Gespräch!

Anderes Interview: „HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Rehabilitation der §175-Opfer: Generationenübergreifende Geschichte geschrieben!

Das Bundeskabinett beschloss heute, die Opfer des § 175 zu entschädigen. Die Zustimmung des Bundestags ist nur noch formeller Natur. Damit erfahren nicht nur jene Gerechtigkeit, die verurteilt wurden oder unter dem Klima des sogenannten „Schwulenparagraphen“ litten. Es hat auch Bedeutung für die Freiheit der heutigen, jüngeren Generation. Denn es gibt keine geteilte Freiheit.

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Offene Rechnung: Die Kampagne zu Rehabilitation und Entschädigung von §175-Opfer der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren.

Hiermit wird Geschichte geschrieben

2001 bemerkte ich gerade „irgendwie anders“ zu sein. Damals konnte ich dieses Gefühl aber nicht definieren. Mit 11 Jahren hatte das Wort „schwul“ erst mal noch nichts mit mir zu tun. Deswegen habe ich die damalige Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes auch nicht wirklich wahrgenommen.

Die heute im Kabinett beschlossene Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer des
§ 175 hingegen, ist auch für mich (obwohl ich seit Jahren aktivistisch unterwegs bin) ein Gänsehautmoment. Erstmals habe ich das Gefühl, einen historischen Moment, was LSBTIQ*-Politik in Deutschland angeht, hautnah mitzuerleben. Denn hiermit wird Geschichte geschrieben.

Eine Geschichte, die von vielen Verbänden, z. B. der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren, der Deutschen AIDS-Hilfe oder dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, den dort engagierten Menschen, aber auch Aktivist*innen von außerhalb geschrieben wurde. Sie handelt von Unrecht, welches in der Vergangenheit geschehen ist und erst 1994, durch die komplette Abschaffung des § 175, gestoppt wurde. Dennoch hat diese Geschichte auch mit jenen zu tun, die ohne diesen Straftatbestand aufgewachsen sind.

Nur eine Gesellschaft, in der alle ihre Rechte erhalten,
ist eine Gesellschaft, 
von der wir alle profitieren

Für mich war es nicht immer ein wichtiges Anliegen, auch für Andere einzustehen. Lange habe ich egoistisch nur eigene Probleme, selbst erlebte Diskriminierung und politische Forderungen, von denen ich persönlich profitiere, in den Blick genommen.

Dabei darf man jedoch eines nie vergessen: Nicht wir haben über unsere Hautfarbe, unsere Herkunft, unseren Körper, unsere sexuelle/geschlechtliche Identität, den Ort oder den Zeitpunkt unserer Geburt entschieden. Es war Glück. Das ist kein Verdienst. Dies bringt die Pflicht mit sich, auch ein Auge auf die zu werfen, die dieses Glück nicht hatten.

Gemeinsam mit ihnen sollten wir für sie und gleichzeitig uns kämpfen. Denn nur eine Gesellschaft, in der alle ihre Rechte erhalten, ist eine Gesellschaft, von der wir alle profitieren.

Die Betroffenen waren schon immer Opfer und noch nie Täter

Für die noch lebende Vorgeneration schwuler Männer freue ich mich. Natürlich für die, welche verurteilt wurden und die nun eine Chance auf Rehabilitation und Entschädigung haben. Aber auch jene, solche „nur“ im Klima, dass der §175 schaffte, aufgewachsen sind. Denn auch ohne Verurteilung hatte dieser Paragraph Einfluss auf Leben, Gefühle und Karrieren vieler dieser Menschen.

Natürlich kommt es für zahlreiche von ihnen, die bereits verstorben sind, zu spät. Es ist jedoch wichtig, dass einige noch miterleben können, wie das Unrecht als solches benannt und aufgehoben wird. Denn sie waren schon immer Opfer und noch nie Täter.

Es gibt keine geteilte Freiheit

Ihre früheren Kämpfe führten sie auch für uns heute. Unsere heutigen Kämpfe führen wir deswegen auch für sie. Es gibt keine geteilte Freiheit, einerseits die unsere und andererseits die ihre. Die eine ist stark mit der anderen verbunden. Das gilt übrigens auch für LSBTIQ*-Rechte weltweit.

Danke an alle, die sich jahrelang für diesen Moment eingesetzt haben. Ihr habt Geschichte geschrieben. Herzliche Glückwünsche an alle, die, wenn auch späte, Gerechtigkeit erfahren. Ihr habt es verdient! ❤

Ähnliche Artikel:
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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LSBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Mr. Gay Germany ist nicht Manns genug…

Pascal aus München ist Mr. Gay Germany. In Kommentaren wird er als als Milchbubi, zu jung und zu wenig Mann bezeichnet. Das ist nichts anderes als Bodyshaming und Altersdiskriminierung, von denen nicht nur ältere und/oder fülligere Menschen betroffen sind.

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Mr. Germany 2016: Pascal aus München. (Foto: https://facebook.com/mrgaygermany)

Schönheit ist subjektiv

Die Attraktivität einer Person kann ich erst einmal nur für mich beurteilen. Selbst die gesellschaftliche Vorstellung von selbiger unterliegt dem Wandel der Zeit. Gewinner*innen von Schönheitswettbewerben sind also einerseits das Spiegelbild eines derzeit geltendes Ideals. Andererseits angewiesen darauf, dass sie den individuellen Nerv und Geschmack der jeweiligen Jury treffen.

Offensichtlich ist das dem 21-jährigen Pascal aus München bei der Wahl zum „Mr. Gay Germany“ gelungen. Am vergangenen Wochenende kürte ihn die Jury in Köln zum Sieger des diesjährigen Wettbewerbs. Neben seiner Optik, kam scheinbar auch seine Kampagne „Don’t hide“ gut an, jene sich um Anlaufstellen in Schulen und Jugendzentren für LSBTIQ*-Jugendliche (Lesbische, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Queere) dreht.

Das dies für Pascal kein Modethema ist, beweist er allein durch sein Engagement als Gruppenleiter in Münchens queerem Jugendzentrum „diversity“. Hier bringt er sich bereits seit 2 1/2 Jahren aktiv ein.

Ein Milchbubi ohne Ausstrahlung und Lebenserfahrung

Zugegebenermaßen erfuhr ich eher durch Zufall von Pascals Erfolg. Das Ergebnis war Teil der Kategorie „Bild des Tages“ auf dem Nachrichtenportal Queer.de, welches ich regelmäßig besuche. Ohne die anderen Kandidaten und ihre Inhalte zu kennen, gefiel mir der Einsatz des Gewinners für junge LSBTIQ*.

Unter dem Artikel und auf Facebook konnte man verschiedene Kommentare zum Sieg von Pascal lesen. Mich wundert es natürlich nicht, dass ein Wettbewerb, in dem es auch (vielleicht sogar vor allem, das kann ich nicht beurteilen) um Aussehen geht, ein Echo hierauf erzeugt. Die Themen ähneln sich sehr.

Alter.

„Ich bin dafür, dass eine Mindestaltersgrenze von 30 eingeführt wird. Dann hat das wenigstens was mit Mann zu tun, hat genug Lebenserfahrung und bringt genug Ausstrahlung mit!“

Körperbild.

„Zu jung….Zu dünn….Zu wenig Mann“

Mangelnde Männlichkeit.

„Was für ein Schönling, ein Mann ist das nicht“

Diese drei Aussagen sind nur Beispiele für zahlreiche Reaktionen. Immer wieder dreht es sich darum, dass ein Mr. ein Mann sein muss, der Sieger keiner sei und sein Aussehen sowie Alter ihn sowieso bei den Schreibenden durchfallen lassen.

Bezüglich des Alters bin ich fair. Ich würde auch die Organisator*innen der Mr. Gay Germany Wahl, die nur Kandidaten bis 40 Jahren zulassen, gerne mal auf einen Trip durch die Kölner Altstadtszene und über ihren Horizont mitnehmen. Dort gibt es Paradebeispiele von Sexiness über alle Körperbilder und Altersklassen hinweg. Apropos, bald ist wieder Bear Pride in Köln. Die Zeit im Jahr, in der ich besonders viel und erfolgreich flirte.

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Die Szene ist nicht frei von Lookism

Lookism nennt man es, wenn Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person ist. Diejenigen, welche bestimmte Vorstellungen von Attraktivität nicht erfüllen, wertet man verbal oder körperlich ab. Das ist an vielen Stellen Alltag. Die Szene kann hier nicht als Ausnahme betrachtet werden. „Keine Tunten, Fetten, Alten, Schwarzen und Asiaten“ oder „Schau in den Spiegel, bevor Du mir schreibst“, stehen in nicht wenigen Profilen auf Datingplattformen wie Gayromeo oder Grindr.

Ich hab in den Spiegel geschaut. Fand mich ganz annehmbar, deswegen weiß ich aber nicht automatisch, ob dies auch Deinem Geschmack entspricht. So richtig (!) tuntig werde ich nach zwei Kölsch (vorher vielleicht in unbeobachteten Situationen). Wie hoch jedoch Deine Testosteronlatte liegt und ob ich ihr gewachsen bin? Gute Frage…

Bodyshaming ist in alle Richtungen möglich

Bemerkenswert viele Menschen erteilen solchen Ansagen mittlerweile eine Absage. Es ist weitgehend Konsens, dass die Abwertung aufgrund von Körperform, Kilozahl oder Gesichtszügen keine akzeptable Sache ist. Dachte ich zumindest.

Philipp Kienzl beschrieb im Juli 2016 auf Ze.tt, mit welchen Bezeichnungen für seinen Körper er sich auseinandersetzen muss. Wir alle haben schon hunderte Artikel darüber gelesen, wie sich fülligere Personen zur Wehr setzen. Philipp allerdings gilt als das Gegenteil. Ihm wird oft Untergewicht vorgeworfen, weshalb man ihn als „Zahnstocher“, „Lauchstange“ oder „Spargeltarzan“ bezeichnet. Klingt lustig, beleidigt ihn aber.

Ebenso wie man niemandem „Fleischwalze“, „Schwabbelbacke“ oder „Adipösi“ an den Kopf werfen sollte, versteht sich dies umgekehrt. Dünne Zeitgenossen sind kein Freiwild, die vermeintliche Scherze oder Beleidigungen über sich ergehen lassen müssen.

Wie wäre es also, wenn man jenes Phänomen auf die aktuelle Mr. Gay Wahl überträgt? Stellen wir uns vor, ein älterer, beharrter Bär hätte den Titel ergattert. Ein Mannsbild, für das der Begriff „Straight Acting“ oder der Ausruf „Woof“ quasi erfunden wurden. Manche Leute hätten den „Opa“ ausgelacht oder sich über den „fetten Körper“ echauffiert.

Darauf wären zurecht die Vorwürfe des Bodyshamings und der Altersdiskriminierung erhoben worden. Andersherum, sobald jemand als Milchbubi bezeichnet wird, handelt es sich ebenfalls darum. Es ist Abwertung einer Person und in dem Falle sogar ganzen Gruppe, behauptet man, erst ab 30 könnte ein Mann ein Mann sein, Lebenserfahrung besitzen und Ausstrahlung haben.

Hier werden im Übrigen heteronormative Stereotype übernommen, die auf Geschlechterrollen aufbauen. Es sind dieselben Argumente, die viele Homophobe nutzen. Auch sie wollen keine „verweichlichten“, sondern nur „richtige“ Männer akzeptieren. Wo das Problem liegt, beide Arten von Männern (und Frauen) nebeneinander existieren zu lassen, konnte mir noch niemand plausibel erklären.

Mir ist dieses Vorurteil bewusst, junge Menschen, vor allem junge schwule Männer, seien immer total von ihrer Attraktivität überzeugt und gehen entsprechend arrogant mit anderen um. Es gibt jedoch genügend von ihnen, die sich aus den verschiedensten Gründen nicht wohl in ihrer Haut fühlen. Deine Worte prallen also nicht an einer Wand ab, sondern verletzen möglicherweise. Es ist nicht zu viel verlangt, sich darüber Gedanken zu machen.

Die Mr. Gay Germany Wahl ist kein spezieller Fall, in dem Höflichkeit und Respekt nicht zählen

Darf es denn im speziellen Fall der Mr. Gay Germany Wahl, nicht auch eine spezielle Reaktion geben? Nehmen wir an, jemand, der es sonst nie tun würde, macht abfällige Bemerkungen über das Aussehen von Pascal. Mit der Begründung, dieser Stelle sich ja einem Wettbewerb, in dem es vorrangig um die Optik geht. Also müsse er auch damit leben, dass er manchen eben nicht gefällt.

Nein, das kann keine Begründung sein. Wir müssen alle akzeptieren, nicht den Geschmack jeglicher Menschen zu treffen. Optisch oder zwischenmenschlich. Es gibt aber einen großen Unterschied, zwischen nicht gefallen und herabsetzen. Im Endeffekt geht es um das äußern einer Ich-Perspektive, die niemand pauschalisieren kann.

Mir hätte (äußerlich) ein anderer Typ Mann als Mr. Gay Germany mehr zugesagt. Dennoch wurde von anderen entschieden. Die eben genauso ihre eigene subjektive Wahrnehmung haben. Wer das versteht und akzeptiert, dem fällt auch leichter, trotzdem Glückwünsche an Pascal zu senden.

Auch an Orten, wo es um Sexualität und körperliches Begehren geht, sollte eine faire Atmosphäre herrschen. Im Cruisingclub wird es auch nicht akzeptiert, Leute zu beleidigen, die unseren ästhetischen Nerv nicht treffen, nur weil dort das Aussehen eine wichtige Komponente spielt. Selbst will man so ja auch nicht behandelt werden.

Jede*r hat das Recht auf einen eigenen Geschmack. Aber niemand besitzt ein Recht, die Mitmenschen deswegen abzuwerten

Natürlich kann man, ganz unabhängig der Mr. Thematik und auf allgemeiner Ebene gesehen, argumentieren, dass sexuelle und optische Vorlieben Geschmackssache sind. Jede*r hat das Recht auf einen eigenen Geschmack. Aber niemand besitzt ein Recht, die Mitmenschen deswegen abzuwerten. Ich ficke auch nur mit Leuten, die mir gefallen. Der Unterschied ist, dass ich den Fokus genau darauf lege.

Manche Profiltexte lesen sich so negativ. Es stellt sich die Frage, ob diese Personen bei der Bestellung im Restaurant aufzählen, was sie alles auf gar keinen Fall bekommen möchten, geschweige denn essen würden. Es reicht doch völlig aus, die Speisen zu wünschen, welche einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Das Sexleben wird auch nicht besser, wenn ich mich ausführlich mit allem was mich abturnt beschäftige.

Nicht auszuschließen ist, dass sich jemand bei Dir meldet, der nicht in Dein Raster passt. Das kann jedoch ebenso passieren, obwohl er Deinen theoretischen Wünschen nach Alter, Bartwuchs, (Schwanz)Größe und Haarfarbe entspricht. Manchmal passt es nicht. Ein einfaches „Du bist nicht mein Typ“ hilft an dieser Stelle. Es erfüllt seinen Zweck, ganz ohne irgendwen zu verletzten.

Wo liegt eigentlich das Problem, wenn Du eine Nachricht von einer für Dich unattraktiven Person bekommst? Warum greift es Dich so an? Weil er glaubt, bei Dir eine Chance haben zu können, während Du in einer soooo viel höheren Liga spielst? Sieh es positiv: Jede Nachricht ist ein Zeichen Deiner unfassbaren Attraktivität. Auf dieses Kompliment darf man guten Gewissens höflich reagieren.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LSBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Kampagnenstart: “Offene Rechnung: § 175 StGB. Wir kämpfen um Rehabilitation.“ | BISS im Interview

BISS ist der „bissige“ Name für die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren. Der Verein steht für eine selbstbewusste Generation an älteren schwulen Männern. Ich habe mit Vorstandsmitglied Wolfgang Vorhagen über Vereinsgründung, politische Ziele, die heute startende Kampagne „Offene Rechnung: §175 StGB“, und die Community gesprochen, in der das Thema „Älter werden“ oft Tabu ist und Stoff für Stigmatisierung bietet.

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Lieber Wolfgang, die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) vertritt, wie der Name schon sagt, die ältere Generation. Selbst ist BISS allerdings noch sehr jung. Am 1. Juni 2016 feiert der Verein sein 1-jähriges. Wie kam es hierzu?

Seit 2011 führt die Akademie Waldschlösschen, zusammen mit der Schwulenberatung und finanziert über die Deutsche AIDS-Hilfe, jährlich das bundesweite Treffen der Gruppen von schwulen Männern 50 + („Wir haben noch viel Saft…“) durch. Da gibt es inzwischen eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppen älterer Schwuler in Deutschland, die sich nun zunehmend auch vernetzen. Und aus diesem Treffen heraus ist die Idee gekommen, einen Bundesverband älterer Schwuler zu gründen. Schließlich sind wir die erste Generation schwuler Männer (und auch lesbischer Frauen), die selbstbewusst ihre Homosexualität lebt – und dies soll auch im Alter so bleiben.

Musstet ihr vor der Gründung die berühmten dicken Bretter bohren, um ausreichend Unterstützung zu bekommen oder seid ihr in Politik und Community sofort auf offene Ohren und Türen gestoßen?

Die Politik – v.a. das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend – hat sofort bei unserem ersten Besuch in Berlin sehr positiv reagier. Bei unserer Gründungsveranstaltung am 1. Juli letzten Jahres in Frankfurt/Main bekamen wir von dem zuständigen Staatssekretär Dr. Kleindiek gleich eine finanzielle Unterstützung noch für das 2. Halbjahr 2015 zugesagt, sodass wir zügig mit unserer Arbeit loslegen konnten. In der Community hat die Gründung von BISS ebenfalls einiges an Aufmerksamkeit erzeugt, allerdings glaube ich, dass es da noch viel zu tun gibt, um das „Angstthema Älterwerden“ offensiv anzugehen, der gar nicht so seltenen Diskriminierung von älteren Schwulen in der Szene entgegen zuwirken und z.B. deutlich zu machen, unter welchen Bedingungen die heutige Generation schwuler Männer über 60 ihr Coming out bewerkstelligen musste. Das gehört mit zur Geschichte der 2. Schwulenbewegung dazu, die ein Teil der heute über 60-70-jährigen Schwulen initiiert hat.

Bevor ich die Interviewfragen zusammenstelle, spreche ich mit Freund*innen über die Themen und Gesprächspartner. Gerade meine heterosexuellen Bekanntschaften haben oft gesagt, dass sie nicht wissen, wie sinnvoll eine explizit homosexuelle Seniorenvertretung ist, da wir aus ihrer Sicht – egal ob homo oder hetero – doch alle gleich seien. Eine Haltung, die der LGBTIQ*-Community an vielen Stellen entgegenschlägt. Welche Rolle spielt die Unterscheidung der sexuellen Identität und sind unter euren Bündnispartnern auch Organisationen für Senioren im Allgemeinen?

Dass alle gleich sind, egal welche sexuellen Lebensstile bevorzugt werden, ist Unsinn. Wir leben in einer heteronormativen Gesellschaft, in der es bis heute noch lange nicht selbstverständlich ist, z.B. schwul oder lesbisch zu sein. Und das betrifft natürlich auch den Bereich der Altenpflege. Es gibt etliche Berichte von älteren schwulen Paaren oder auch Singles über Diskriminierungserfahrungen in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Bei vielen Mitarbeiter_innen ist das Thema noch nicht wirklich im Bewusstsein und auch hier ist für BISS noch einiges zu tun. Wir haben inzwischen auch mit den Wohlfahrtsverbänden Kontakt aufgenommen, die ja neben den Kirchen viele Einrichtungen für ältere Menschen betreiben. Großes Interesse auf Zusammenarbeit zeigt sich auch bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO).

Viele Menschen innerhalb eures Vereins kommen aus der Zeit, in der die Aids-Krise stattfand. Damals haben sich viele Gruppen (Schwule, Frauen, Drogengebrauchende Menschen etc.) zusammengetan, um gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen und Erkrankte zu unterstützen. Wie sieht das bei euch aus? Habt ihr bzw. sucht ihr nach Bündnissen mit Partner*innen, die auf den ersten Blick nicht viel mit euch gemeinsam haben?

Zunächst einmal ist Aids natürlich ein Thema bei BISS, denn es stimmt, dass viele von uns älteren Schwulen die Aids-Krise von Beginn an erlebt haben, ja z.T. traumatisiert wurden. Entweder durch die heftigen Erkrankungen, die sie selbst erlitten haben und natürlich durch den Verlust von Freunden und Wegbegleitern. Und da hat es in der Tat Bündnisse gegeben, die bis heute beispielhaft sind (z.B. Drogengebraucher*innen, Sexarbeiter*innen etc.). Wichtig ist, dass, so unterschiedlich die Lebenswelten sein mögen, es um einen gemeinsamen Nenner geht – politisch wie gesellschaftlich. Und da spielen die Organisationen und Selbsthilfegruppen, die es im Altenbereich gibt, eine wichtige Rolle, von bundesweiten Vernetzungen und Vertretungen wie Wohlfahrtsverbänden und Senioren-Organisationen bis hin zu Stadtteilarbeit in Altenselbsthilfegruppen. Das wird ja schon von regionalen Gruppen von älteren Schwulen seit längerer Zeit gemacht. Mitmischen und sichtbar sein ist die Devise – nur so verändert sich auch die Situation älterer Schwuler und Lesben.

Mir würden natürlich auch viele spezielle Dinge einfallen, die ich mit einem Leben als schwuler Senior verbinde. Ihr beschäftigt euch also sicher mit einer großen Bandbreite an Inhalten. Hat eure Arbeit dennoch besondere Schwerpunkte und wie sehen diese aus?

Die regionalen Gruppen, die ja bereits vor der Gründung von BISS existierten und die ja auch wichtige Impulse zur Gründung geliefert haben, dienen ja schon der Vernetzung vor Ort, aber auch darüber hinaus. Strukturen zu stärken, Neugründungen  von Initiativen und Gruppen vor Ort zu unterstützen, z.B. auch durch bundesweite Treffen und Fachtagungen – das ist ein wichtiger Aufgabenbereich von BISS. Politisch und gesellschaftlich für altersgerechte Wohnformen für Schwule einzutreten ist ein weiterer Aufgabenbereich, was u.a. bedeutet, hier zur Diskussion einzuladen und Ansätze vor Ort zu unterstützen. Bei allem geht es um gesellschaftliche Teilhabe und politische Partizipation. Des Weiteren geht es darum, die Geschichte und Lebenssituation älterer Schwuler nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und uns für die Wiedergutmachung der Opfer des § 175 einzusetzen.

Jährlich findet am 17. Mai der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie statt. Das Datum wurde zur Erinnerung an den 17. Mai 1990 gewählt, als die Weltgesundheitsorganisation beschloss, Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen. Hat diese Bezeichnung – die sicher auch gesellschaftlichem Klima entsprach, von dem vor allem die ältere Generation betroffen war – trotz ihrer Streichung noch bis in die heutige Zeit spürbare Nachwirkungen?

Es leben heute noch viele schwule Männer und lesbische Frauen unserer Generation versteckt, die die Zeiten der gesellschaftlichen Kriminalisierung, Diskriminierung und des Makels Homosexualität als Krankheit erlebt und verinnerlicht haben. Ihre Biografie ist eine gebrochene, geprägt von Selbsthass und einem heimlichen und oft reduzierten Sexleben. Mit wurde das vor kurzem wieder am Rande eines Seminars hier im Waldschlösschen deutlich, in dem ein älterer schwuler Mann mir seine Geschichte erzählte mit Scheinheirat, einem heimlichen  und nur marginal praktizierten Sexleben, Selbstmordversuchen und einer nur ganz langsamen Versöhnung mit seiner Homosexualität. Aber vor dem Hintergrund der Brüchigkeit gesellschaftlicher Toleranz und Akzeptanz sind auch junge Schwule und Lesben vor der Selbststigmatisierung noch keineswegs gefeit.

Da Du auch das Sexleben ansprichst. Ihr plädiert dafür, auch mit einem Blick in die Vergangenheit, den Begriff der sexuellen Vielfalt zu nutzen, statt ihn – wie es der CSD Deutschland vorschlug – durch menschliche Vielfalt zu ersetzen. Was würde aus eurer Sicht verloren gehen, wenn dies sich ändert?

Da kann ich nur aus einer unserer Stellungnahmen zitieren: „Wenn „sexuelle Vielfalt“ durch „menschliche Vielfalt“ ersetzt wird, wird die Sexualität von Schwulen und Lesben wieder ins Private zurückgedrängt.“ Und genau da wollen uns u.a. konservative und rechtspopulistische gesellschaftliche Kräfte wie z.B. die sog. „besorgten Eltern“, AfD etc. haben. Sexualität(en) sind aber auch politisch, immer dann, wenn sie gegen den gesellschaftlichen Mainstream gelebt werden und Anfeindungen unterworfen sind, gegen die es gilt, sich zur Wehr zu setzen. Sexuelle Vielfalt muss sich öffentlich zeigen und auch so benannt werden, nur dann findet ein gesellschaftlicher Diskurs statt, ansonsten haben wir verloren! „Die menschliche Sexualität in ihrer lebendigen Vielfalt bleibt das identitätsstiftende Merkmal unserer Community“.

Du hast eben als Schwerpunkt von der Thematik rund um den § 175 gesprochen. Er ermöglichte die strafrechtliche Verfolgung von Schwulen und wurde erst 1994 vollständig gestrichen. Zuletzt fand in Berlin ein von euch organisiertes Hearing mit Politik und Verbänden zum Thema statt. Dieses hatte zum Ziel, eine gemeinsame politische Vorgehensweise zur Aufhebung der Urteile nach 1945 zu entwerfen. Kannst Du uns kurz sagen, welche Ergebnisse oder zumindest Pläne für weitere Schritte es gab?

Es hat sich ein Facharbeitskreis aus dem Hearing von BISS Anfang des Jahres gebildet, der mit Unterstützung von Politikern (parteiübergreifend), dem LSVD, der Deutschen AIDS-Hilfe, der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und anderen Akteur*innen nun sehr gezielt unter dem Motto “Offene Rechnung: § 175“ weitere Schritte und politische Strategien diskutieren und umsetzen will, um möglichst zeitnah eine Aufhebung der Urteile nach § 175 StGB nach 1945 und damit eine Rehabilitierung der noch lebenden Betroffenen zu erreichen, die ja inzwischen in hohem Alter sind. Am 11. April fand bereits ein weiteres Treffen in Berlin statt.

Das Thema Rehabilitation von Opfern und Verurteilten des §175 bewegt mich auch persönlich. Gleichzeitig bemerke ich, dass viele junge, als auch ältere Menschen, sich nicht damit beschäftigen. Wandel findet leichter statt, wenn er von einer breiten Masse mitgetragen wird. Habt ihr Strategien, um die Solidarität mit dieser wichtigen politischen Forderung in der Community zu verstärken?

Sicher ist das Thema nicht besonders „sexy“ und es ist nicht einfach, die Verdrängungsmechanismen, die es auch in der Community gibt, zu durchbrechen. Schließlich scheint es uns heute doch fast allen gut zu gehen, warum sich also mit einem Thema aus der dunklen Vergangenheit beschäftigen. Schaut man sich allein das Familienbild der AfD an, die Reaktionen der sogenannten besorgten Eltern auf das Thema „sexuelle Vielfalt“ im Sexualkundeunterricht oder Medienkampagnen aus dem konservativen Lager, dann müsste es Schwulen und Lesben dämmern, das wir uns mit unseren gesellschaftlichen Gleichstellungsbestrebungen auch weiterhin auf brüchigem Eise befinden. Unter anderem das kann auch ein Bewusstsein schaffen für die Geschichte von Unterdrückung und Kriminalisierung von Schwulen in der Vergangenheit. Die Strategie heißt vor allem Informieren, vor Ort Veranstaltungen zu diesem Thema machen, in Medien präsent zu sein, auf den CSDs mit diesem Thema zu erscheinen und die Community über unsere weitere Arbeit zu informieren. Du siehst, es liegt noch viel Arbeit vor uns!

Umso schöner, dass unter anderem ihr sie so kraftvoll angeht! Wolfgang, ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Euch weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit mit BISS.

Zu meinem letzten Interview: „HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!
Zur Kampagnenwebsite „Offene Rechnung: § 175 StGB“: http://www.offene-rechnung.org/
BISS Website: http://schwuleundalter.de/
BISS auf Facebook: https://www.facebook.com/schwuleundalter

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Keine Alternative für Deutschland und Homosexuelle!

Immer mehr Schwule und Lesben machen sich mit der Alternative für Deutschland und ihren Positionen gemein. Doch diese Alternative ist keine für Deutschland und auch nicht für Homo-, Bi-, Trans-, Intersexuelle oder andere Minderheiten. Ein Kommentar, der vor den gestrigen Landtagswahlen entstand, aber durch deren Ergebnisse noch an Aktualität gewonnen hat.

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Es gibt tatsächlich immer mehr Schwule und Lesben, auch in meiner Facebooktimeline (warum funktioniert die Filterbubble eigentlich nicht, wenn es nötig wäre?), die sich mit der Alternative für Deutschland und ihren Positionen gemein machen. Da heißt es dann oft, dass diese Partei die einzige sei, die „uns“ vor homophoben Moslems schützt. Zuletzt gelesen in einem SPIEGEL ONLINE-Interview mit Mirko Welsch, dem Bundessprecher der „Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD“.

Betrachten wir doch zuallererst einmal die Ironie, dass man eine Partei dafür lobt gegen Homophobie zu kämpfen, die in den eigenen Reihen genug Homophobe vorweisen kann. Nicht nur an der Basis, sondern auch in Schlüsselpositionen. Beatrix von Storch, die stellvertretende Parteichefin und Berliner Vorsitzende, ist hier nur ein Beispiel. Diese ist (übrigens gemeinsam mit ihrem Mann Sven von Storch) Vorstand des Vereins „Zivile Koalition e.V.“. Dieser wiederrum ist u. a. Träger der „Initiative Familienschutz“, die unter Federführung von Hedwig Freifrau von Beverfoerde die „Demo für Alle“ organisiert.

Die „Demo für alle“ – freilich ein absurder Name, wenn man gegen die Akzeptanz von Minderheiten kämpft – setzt sich für einen Stopp der Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder ein. Deswegen bekämpft sie unter anderem die Darstellung sexueller Vielfalt an Schulen, welche ungefähr genauso viel mit Frühsexualisierung zu tun hat, wie die aktuelle Politik der CDU links ist.

Dieser Kampf gegen Frühsexualisierung und Gender-Ideologie, betrifft alle jungen Menschen, die auf der Suche nach ihrer Identität sind. Ihnen wird erschwert, sich und all die Veränderungen – die man eben irgendwann im frühen Alter mitmacht – richtig einzuordnen, weil kein offener Umgang mit Sexualität, dem Wandlungsprozess des eigenen Körpers und erstmalig auftretenden „neuen“ Gefühlen möglich ist.

Sexuelle Minderheiten leiden hierunter besonders, weil sie oftmals keine Menschen kennen, zumindest nicht bewusst, die ähnlich fühlen. Wo der persönliche Austausch fehlt, ist zumindest der im Unterricht – begleitet durch erfahrene Pädagogen oder Aufklärungsprojekte wie SchLAu NRW – eine Möglichkeit zu helfen. In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder hervorzuheben, wie wichtig Sichtbarkeit ist, um Ausgrenzung vorzubeugen.

Zwar behaupten die Organisator*innen der „Demo für Alle“ sehr beharrlich, dass sie überparteilich seien und mit der AfD nichts zu tun haben. Dennoch hat selbst Beatrix von Storch im Hamburger Wahlkampf ganz offen über ihre Involvierung in die Aktionen des Bündnisses gesprochen, wie queer.de berichtet. Vielleicht ist mit überparteilich aber auch einfach gemeint, dass der CDUler Guido Wolff ebenfalls ein Unterstützer ist.

Auch andere Menschen innerhalb der Partei machen durch Interviewäußerungen und fragliche Aktionen, ihre Position gegenüber sexuellen Minderheiten deutlich. So wollte die thüringische AfD-Abgeordnete Corinna Herold von der Landesregierung wissen, wie viele Homo-, Bi- und Transsexuelle in dem Bundesland leben. Das erinnert an bereits vergangene Zeiten, in denen die Registrierung selbiger normal war.

Unabhängig von diesen Menschen, lebt die AfD davon, vermeintlich einfache Lösungen auf komplexe Probleme zu geben. Sie lebt davon, bestimmte Gruppen verantwortlich zu machen und in Sippenhaft zu nehmen. Es würde nur ein Problem geben, wenn sich das Thema um Flüchtende und Migrant*innen „erledigt“ hätte. Schnell würde spürbar: Soziale Ungleichheit verschwindet nicht, wenn „die Ausländer*innen“ weg sind. Genauso wenig wie (an vielen Stellen strukturelle) Homophobie oder die Unzufriedenheit über eigene Lebensumstände.

Hier müssen die etablierten Parteien sich schon fragen, ob eine gerechtere Politik, die Diskriminierungsschutz und Gleichstellung für alle Menschen beinhaltet, nicht eine langfristige Antwort auf Parolen bietet, die Effekthascherei gleichkommen. Stattdessen schlagen viele Teile der Altparteien in die gleich Kerbe, indem sie eine Reduzierung der Zahlen an Flüchtenden als große Oberlösung verkaufen. Eine Einigung mit Europa zur Verteilung von Flüchtenden, mag ein Puzzleteil sein. Alleine wird aber auch dies keine Dauerlösung. Denn die „Sorgen der Menschen“, von denen oft gesprochen wird, liegen tiefer. Nicht umsonst gibt es immer mehr Nichtwähler*innen.

In den Medien ist sehr häufig die Rede davon, dass die Thematik um Flüchtende der AfD in die Karten spielt. Aus meiner Sicht ist es eine Kombination aus sozialer Ungleichheit, einer oft nicht greifbaren Unzufriedenheit mit dem eigenen Status und dem Gefühl, dass man nun auch noch mit neuen Mitbürger*innen „konkurrieren“ muss. Flüchtende dienen nun als Ventil und lösen einen Argwohn gegenüber „Fremden“ aus, bzw. verstärken diesen, denn er ist ja nicht einfach so vom Himmel gefallen. Das sagt aber meist weniger über die Flüchtenden und dazugehörige Vorurteile aus, sondern mehr über jene, die ganz vorne bei der Ausgrenzung dabei sind.

Gäbe es keine Flüchtenden mehr oder zumindest so viele weniger, dass nicht mehr von einer „Krise“ gesprochen werden kann, dann bliebe eine Leere. Das entstehende Vakuum müsste irgendwie wieder ausgefüllt werden. Mit den nächsten Sündenböcken. Es braucht eine Zielscheibe. Der Fokus verschiebt sich. Niemand kann sagen, dass Homo-, Bi-, Trans-, und Intersexuelle dann nicht plötzlich (noch mehr, sie tun es ja schon, wie oben beschrieben) im Spotlight stehen werden. Natürlich gilt das auch für andere Minderheiten.

Die AfD spielt damit, dass sie die Partei ist, die die „alten Werte erhält“ und befriedigt damit die Sehnsucht derer, die Angst vor Veränderung haben. Wir alle haben unsere Ängste und Sorgen im Leben. Wer aber mit dem Finger pauschal auf Schwächere zeigt, der ist nicht besser als die, die „uns“ verantwortlich machen, wo wir es nicht sind. Die Eheöffnung schadet auch keiner Familie. Unsere Sichtbarkeit keinen Kindern. Solche Argumentationen sind also ähnlich schlüssig, wie gewisse Ressentiments gegen Flüchtende.

Sie bietet also als Partei keine Alternative, in Form von vernünftigen Lösungen, für all das, was sie kritisiert. Schön beschrieben, was ihre Positionen für alle (nicht nur Minderheiten) bedeutet, ist das auf dem Campact Blog. Da hilft eben nur Ablenkung durch Stimmungsmache. Schaut auf die anderen. Dann schaut ihr nicht auf euch und auch nicht auf uns. So fällt gar nicht auf, wie viel heiße Luft zwischen den laut und aggressiv gesprochenen Zeilen steckt.

Nein, die AfD schützt „uns“ nicht vor Moslems. Und schon gar nicht davor, dass ihre Mechanismen auch uns immer stärker bedrohen. Die Saat wirkt gegen das Fremde und die Anderen. Im Zweifel werden auch „wir“ das mit der Zeit sein.

Lesetipp: Queer.de hat kurz nach der Fertigstellung dieses Artikels ausführlich beschrieben, dass die AfD neue Schwerpunkte setzen will. Interne E-Mails des Parteivorstands zeigen deutlich, dass auch Homo- und Transphobie dazugehören sollen. Es wird also immer offensichtlicher, wo die Reise hingeht.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

„HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

Die beiden schwulen Socken „Socke und Schuss“ haben ihre eigene Facebookseite, auf der sie aus ihrem Leben berichten und häufig Sex, HIV und Szenegeschehen thematisieren. Ich habe mit ihnen über ihr Dasein zwischen Waschgängen und Sexabenteuern gesprochen.Socke und Schuss

Ihr beiden habt euch während eines Waschgangs kennengelernt. Sockes Partner erging es wie vielen anderen von eurer Art: Er verschwand einfach in der Waschmaschine. Nun führt ihr eine Zweckgemeinschaft. Ich stelle mir das als ein Art Waschtrauma vor. Habt ihr keine Angst, dass sich diese Geschichte wiederholt und einer verloren geht?

Socke: Da sagst du was Marcel. Schwule Jungs und Männer und auch wir als schwule Socken, haben ja manchmal besonders Angst jemanden zu verlieren und wieder alleine durch’s Leben zu müssen!

Schuss: Ja, aber dafür haben wir uns ja nun einen Sockenschuss zugelegt. Kennste oder? Das is ‘ne Pistole, die uns beiden mit einem kleinen Faden aneinander heftet. Also „Safer Wasch“ in der Maschine sozusagen!

Wenn man die Steckbriefe zu euch auf eurer Website liest, bekommt man schnell den Eindruck, dass ihr sehr verschieden seid. Nun heißt es ja auch, dass sich Gegensätze anziehen. Bereichern Unterschiedlichkeiten eure Beziehung?

Schuss: Also ich bin schon eher der dominantere Typ, auch nach dem Waschgang.

Socke: Mir kommt das entgegen, ich lasse mich gerne mal einfach fallen und auf links krempeln! Von daher sind unsere unterschiedlichen Rollen beim Sex SEHR bereichernd und anregend.

Socke hat eine positive HIV-Diagnose bekommen. Was hat sich dadurch für Dich verändert? Und wie stand Dir dabei Schuss zur Seite?

Socke: Um ehrlich zu sein, standen wir irgendwann vor der Entscheidung, ob wir unsere Beziehung öffnen wollen. Wir haben uns entschieden es zu tun, um unsere Auswärtsspiele entspannter genießen zu können. Und bei ‘ner schnellen Nummer im Darkroom können Schwanz und Gehirn auf Sex, anstatt auf Kommunikation schalten.
Das Testergebnis fühlte sich trotzdem wie ‘ne kalte Dusche an, aber Schuss hat mir geholfen und sozusagen den Schonwaschgang eingestellt. Erstmal alles sortieren, miteinander reden und das Wichtigste, er steht zu mir. Weil ich offen mit meiner HIV-Infektion umgegangen bin, habe ich das Gefühl, dass wir seitdem auch offener über Wünsche und Bedürfnisse reden können.

Wenn ich Menschen von meinem HIV-Status erzähle, dann höre ich oft, dass sich viele gar nicht trauen zum Test zu gehen. Einerseits, weil es ihnen unangenehm ist mit dem oder der Berater*in über die Thematik zu sprechen. Anderseits aber auch, weil sie Angst vor dem Ergebnis haben. Was würdet ihr diesen Personen raten?

Socke: Wir haben in unserem kleinen virtuellen zu Hause ja eine ganze Reihe von tollen Anlaufstellen gesammelt, wo man sich auf HIV und auch andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen kann. Da sitzen gut ausgebildete ehren- und hauptamtliche schwule Männer, die praktisch alles schon mal gehört haben, was sich im Bereich zwischen Socken und Kopf bei Männern abspielen kann. Also keine Sorge!

Schuss: Eins steht fest, je schneller man sein positives Testergebnis weiß, umso schneller wird man handlungsfähig und kann auf die Infektion reagieren! Das ist bei den guten Therapiemöglichkeiten heutzutage durchaus wichtig geworden.

Was ist denn für euch der größte Benefit der HIV-Therapie?

Schuss: Seit Socke unter der Nachweisgrenze ist, benutzen wir keine Kondome mehr. Denn wir wissen, dass diese geringe Viruslast eine Ansteckung verhindert: Hier ein guter Link!.

Socke: Die Pillen ermöglichen mir im Endeffekt ein genauso langes Leben, wie allen anderen Socken, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen sind.

Auf Facebook teilt ihr Gedanken zum Jahreswechsel, zur LSBTIQ*-Szene, informiert über Depressionen und andere psychische Erkrankungen oder verleiht Auszeichnungen an Szenelokalitäten. Ist euch die Mischung an Themen wichtig und wenn ja warum?

Schuss: Gut recherchiert! Wir lieben aufmerksame Follower!

Socke: Die Mischung macht‘s halt! Wer hat schon nur weiße Socken im Schrank. Die Szene ist bunt, es gibt einiges rund um Sexualität zu erzählen und wir wollen auf schwule Lebenswelten aufmerksam machen.

Wie kriegt ihr diese Offenheit hin, was Themen zu Liebe und Sex angeht?

Schuss: Offenheit? Bei uns wird jedes offene Loch sofort gestopft!

Socke: OMG! Ich würde es eher so ausdrücken: Nur wer spricht, dem kann geholfen werden. Wir haben immer öfter das Gefühl, dass in der Szene weniger kommuniziert wird. Wir wünschen uns den Dialog zwischen den Generationen, einen Kampf für gleiche Rechte, der aber nicht auf Kosten derer stattfinden kann, die anders sind und dies auch bleiben wollen. Das wir in einem Land leben, in dem man mittlerweile offen über sexuelle Identitäten reden kann, ist etwas, das wir uns nicht nehmen lassen werden. Denn da gibt es ja immer wieder Menschen und auch ein paar faule Socken, die uns das streitig machen wollen.

Wenn es um Sex geht, dann geht es ja auch um Fragen zu Vorlieben. Mich stört es, wenn andere in sozialen Netzwerken als „zu tuntig, fett, alt“ oder für ihre Fetische abgewertet werden. Wie ist eure Haltung dazu?

Schuss: Fetische und Kinks sind geilst, soll doch jeder das machen, worauf er Lust hat, so lange es beiden oder wie vielen auch immer Spaß macht.

Socke: Ich denke, die Abgrenzung zu Tunten, dickeren Menschen oder Männern mit Bart, Brille oder was sonst noch alles nicht gemocht werden könnte, hat viel mit einer vermeintlich eigenen Aufwertung zu tun. Mit dem Finger auf andere zeigen, lenkt von eigenen Schwächen ab. Aber das ist jedenfalls kein Thema für einen Kurzwaschgang!

Da habt ihr Recht. Wenn man eure Beiträge weiterhin verfolgt, wird man ja immer wieder auf eure Haltung dazu stoßen. Welche weiteren Themen haltet ihr für – gerade in der Szene – zu wenig diskutiert, obwohl sie eigentlich häufig vorkommen?

Schuss: Als ich mich mit der HIV-Infektion von Socke auseinander gesetzt habe, ist mir eigentlich erst da bewusst geworden, wie sehr Positive nach wie vor ausgegrenzt und abgewertet werden. Sie verschweigen die Infektion immer noch häufig im Bekannten- und Freundeskreis und auch die Familie weiß oft nicht Bescheid. Selbst in der Szene, wo jeder „einen“ kennt, der „einen“ kennt, halten sich Tabus hartnäckig.

Socke: HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat. Nach ganz vielen Jahren der Information und Auseinandersetzung mit dem Thema ist es überraschend, dass diese Mischung nach wie vor Gründe für Stigmatisierung liefern kann.

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Reaktionen freundlich sind. Was macht ihr, wenn jemand sich homophob äußert oder zum Beispiel Socke wegen seiner Infektion angreift? Ignorieren, in den Dialog gehen oder Konversation durch blocken unterbinden?

Socke: Den Dialog zu führen, ist immer noch genauso wichtig wie vor dreißig Jahren, wenn auch zu anderen Themen, die unsere Szene aktuell bewegen. Geblockt werden bei uns Trolle und Nutzer, die Hetze gegen Minderheiten mit Meinungsfreiheit verwechseln. Das kam zum Glück so gut, wie nie vor. Wir finden unsere Fans ein wenig vergleichbar mit Buntwaschmittel. Sie sind bunt in der Zusammensetzung und dürfen uns in Diskussionen und Kommentaren gerne den Kopf waschen, aber nicht zu heiß, dann schalten wir wirklich auf Schonwaschgang oder einfach aus.

Schuss: Word!

Zum Abschluss eine lockere Frage: Ist der Sebi von „Kasalla“ in real genauso süß, wie er in eurem Interview aussieht? Habt ihr seine Nummer? Frage für einen Freund!

Schuss: Ich sage dir eins, mir qualmte bei dem Interview nicht nur die Socke!

Socke: Schuss! A propos Schuss, der Sebi ist wirklich einer!

So ihr beiden, ich muss mich jetzt auf die Socken machen. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin Erfolg!

Socke und Schuss ist ein Präventionsprojekt von Herzenslust NRW, dass sich an Schwule und Männer, die Sex mit Männern haben richtet.
Facebookseite von Socke und Schuss: https://bit.ly/SockeUndSchuss
Website von Socke und Schuss: https://sockeundschuss.de

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.