„HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

Die beiden schwulen Socken „Socke und Schuss“ haben ihre eigene Facebookseite, auf der sie aus ihrem Leben berichten und häufig Sex, HIV und Szenegeschehen thematisieren. Ich habe mit ihnen über ihr Dasein zwischen Waschgängen und Sexabenteuern gesprochen.Socke und Schuss

Ihr beiden habt euch während eines Waschgangs kennengelernt. Sockes Partner erging es wie vielen anderen von eurer Art: Er verschwand einfach in der Waschmaschine. Nun führt ihr eine Zweckgemeinschaft. Ich stelle mir das als ein Art Waschtrauma vor. Habt ihr keine Angst, dass sich diese Geschichte wiederholt und einer verloren geht?

Socke: Da sagst du was Marcel. Schwule Jungs und Männer und auch wir als schwule Socken, haben ja manchmal besonders Angst jemanden zu verlieren und wieder alleine durch’s Leben zu müssen!

Schuss: Ja, aber dafür haben wir uns ja nun einen Sockenschuss zugelegt. Kennste oder? Das is ‘ne Pistole, die uns beiden mit einem kleinen Faden aneinander heftet. Also „Safer Wasch“ in der Maschine sozusagen!

Wenn man die Steckbriefe zu euch auf eurer Website liest, bekommt man schnell den Eindruck, dass ihr sehr verschieden seid. Nun heißt es ja auch, dass sich Gegensätze anziehen. Bereichern Unterschiedlichkeiten eure Beziehung?

Schuss: Also ich bin schon eher der dominantere Typ, auch nach dem Waschgang.

Socke: Mir kommt das entgegen, ich lasse mich gerne mal einfach fallen und auf links krempeln! Von daher sind unsere unterschiedlichen Rollen beim Sex SEHR bereichernd und anregend.

Socke hat eine positive HIV-Diagnose bekommen. Was hat sich dadurch für Dich verändert? Und wie stand Dir dabei Schuss zur Seite?

Socke: Um ehrlich zu sein, standen wir irgendwann vor der Entscheidung, ob wir unsere Beziehung öffnen wollen. Wir haben uns entschieden es zu tun, um unsere Auswärtsspiele entspannter genießen zu können. Und bei ‘ner schnellen Nummer im Darkroom können Schwanz und Gehirn auf Sex, anstatt auf Kommunikation schalten.
Das Testergebnis fühlte sich trotzdem wie ‘ne kalte Dusche an, aber Schuss hat mir geholfen und sozusagen den Schonwaschgang eingestellt. Erstmal alles sortieren, miteinander reden und das Wichtigste, er steht zu mir. Weil ich offen mit meiner HIV-Infektion umgegangen bin, habe ich das Gefühl, dass wir seitdem auch offener über Wünsche und Bedürfnisse reden können.

Wenn ich Menschen von meinem HIV-Status erzähle, dann höre ich oft, dass sich viele gar nicht trauen zum Test zu gehen. Einerseits, weil es ihnen unangenehm ist mit dem oder der Berater*in über die Thematik zu sprechen. Anderseits aber auch, weil sie Angst vor dem Ergebnis haben. Was würdet ihr diesen Personen raten?

Socke: Wir haben in unserem kleinen virtuellen zu Hause ja eine ganze Reihe von tollen Anlaufstellen gesammelt, wo man sich auf HIV und auch andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen kann. Da sitzen gut ausgebildete ehren- und hauptamtliche schwule Männer, die praktisch alles schon mal gehört haben, was sich im Bereich zwischen Socken und Kopf bei Männern abspielen kann. Also keine Sorge!

Schuss: Eins steht fest, je schneller man sein positives Testergebnis weiß, umso schneller wird man handlungsfähig und kann auf die Infektion reagieren! Das ist bei den guten Therapiemöglichkeiten heutzutage durchaus wichtig geworden.

Was ist denn für euch der größte Benefit der HIV-Therapie?

Schuss: Seit Socke unter der Nachweisgrenze ist, benutzen wir keine Kondome mehr. Denn wir wissen, dass diese geringe Viruslast eine Ansteckung verhindert: Hier ein guter Link!.

Socke: Die Pillen ermöglichen mir im Endeffekt ein genauso langes Leben, wie allen anderen Socken, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen sind.

Auf Facebook teilt ihr Gedanken zum Jahreswechsel, zur LSBTIQ*-Szene, informiert über Depressionen und andere psychische Erkrankungen oder verleiht Auszeichnungen an Szenelokalitäten. Ist euch die Mischung an Themen wichtig und wenn ja warum?

Schuss: Gut recherchiert! Wir lieben aufmerksame Follower!

Socke: Die Mischung macht‘s halt! Wer hat schon nur weiße Socken im Schrank. Die Szene ist bunt, es gibt einiges rund um Sexualität zu erzählen und wir wollen auf schwule Lebenswelten aufmerksam machen.

Wie kriegt ihr diese Offenheit hin, was Themen zu Liebe und Sex angeht?

Schuss: Offenheit? Bei uns wird jedes offene Loch sofort gestopft!

Socke: OMG! Ich würde es eher so ausdrücken: Nur wer spricht, dem kann geholfen werden. Wir haben immer öfter das Gefühl, dass in der Szene weniger kommuniziert wird. Wir wünschen uns den Dialog zwischen den Generationen, einen Kampf für gleiche Rechte, der aber nicht auf Kosten derer stattfinden kann, die anders sind und dies auch bleiben wollen. Das wir in einem Land leben, in dem man mittlerweile offen über sexuelle Identitäten reden kann, ist etwas, das wir uns nicht nehmen lassen werden. Denn da gibt es ja immer wieder Menschen und auch ein paar faule Socken, die uns das streitig machen wollen.

Wenn es um Sex geht, dann geht es ja auch um Fragen zu Vorlieben. Mich stört es, wenn andere in sozialen Netzwerken als „zu tuntig, fett, alt“ oder für ihre Fetische abgewertet werden. Wie ist eure Haltung dazu?

Schuss: Fetische und Kinks sind geilst, soll doch jeder das machen, worauf er Lust hat, so lange es beiden oder wie vielen auch immer Spaß macht.

Socke: Ich denke, die Abgrenzung zu Tunten, dickeren Menschen oder Männern mit Bart, Brille oder was sonst noch alles nicht gemocht werden könnte, hat viel mit einer vermeintlich eigenen Aufwertung zu tun. Mit dem Finger auf andere zeigen, lenkt von eigenen Schwächen ab. Aber das ist jedenfalls kein Thema für einen Kurzwaschgang!

Da habt ihr Recht. Wenn man eure Beiträge weiterhin verfolgt, wird man ja immer wieder auf eure Haltung dazu stoßen. Welche weiteren Themen haltet ihr für – gerade in der Szene – zu wenig diskutiert, obwohl sie eigentlich häufig vorkommen?

Schuss: Als ich mich mit der HIV-Infektion von Socke auseinander gesetzt habe, ist mir eigentlich erst da bewusst geworden, wie sehr Positive nach wie vor ausgegrenzt und abgewertet werden. Sie verschweigen die Infektion immer noch häufig im Bekannten- und Freundeskreis und auch die Familie weiß oft nicht Bescheid. Selbst in der Szene, wo jeder „einen“ kennt, der „einen“ kennt, halten sich Tabus hartnäckig.

Socke: HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat. Nach ganz vielen Jahren der Information und Auseinandersetzung mit dem Thema ist es überraschend, dass diese Mischung nach wie vor Gründe für Stigmatisierung liefern kann.

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Reaktionen freundlich sind. Was macht ihr, wenn jemand sich homophob äußert oder zum Beispiel Socke wegen seiner Infektion angreift? Ignorieren, in den Dialog gehen oder Konversation durch blocken unterbinden?

Socke: Den Dialog zu führen, ist immer noch genauso wichtig wie vor dreißig Jahren, wenn auch zu anderen Themen, die unsere Szene aktuell bewegen. Geblockt werden bei uns Trolle und Nutzer, die Hetze gegen Minderheiten mit Meinungsfreiheit verwechseln. Das kam zum Glück so gut, wie nie vor. Wir finden unsere Fans ein wenig vergleichbar mit Buntwaschmittel. Sie sind bunt in der Zusammensetzung und dürfen uns in Diskussionen und Kommentaren gerne den Kopf waschen, aber nicht zu heiß, dann schalten wir wirklich auf Schonwaschgang oder einfach aus.

Schuss: Word!

Zum Abschluss eine lockere Frage: Ist der Sebi von „Kasalla“ in real genauso süß, wie er in eurem Interview aussieht? Habt ihr seine Nummer? Frage für einen Freund!

Schuss: Ich sage dir eins, mir qualmte bei dem Interview nicht nur die Socke!

Socke: Schuss! A propos Schuss, der Sebi ist wirklich einer!

So ihr beiden, ich muss mich jetzt auf die Socken machen. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin Erfolg!

Socke und Schuss ist ein Präventionsprojekt von Herzenslust NRW, dass sich an Schwule und Männer, die Sex mit Männern haben richtet.
Facebookseite von Socke und Schuss: https://bit.ly/SockeUndSchuss
Website von Socke und Schuss: https://sockeundschuss.de

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Safer Sex ohne Kondom, Schutz durch Therapie, Kombinierte Prävention.

Ich habe gestern, auf der Mitgliederversammlung der Deutschen AIDS-Hilfe, einen Inputvortrag zum Thema „Kombinierte Prävention, Schutz durch Therapie“ gehalten. Diesen möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten. Et voilà, hier gibt es die schriftliche Version!

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Eines der Bilder aus der „Wussten Sie eigentlich?“-Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe.

Was ist der Schutz durch Therapie?

Safer Sex war schon immer vielfältig. Die dazugehörigen Botschaften von Aidshilfen ebenfalls. Es gab nie nur „die eine“ Botschaft, welche vermittelt wurde. Das liegt natürlich auch daran, dass jede/r andere Risiken eingeht und somit nicht für alle jeweils eine Pauschalbotschaft gelten kann. Die klassischen Safer-Sex-Botschaften lauten: „Beim Geschlechtsverkehr Kondome benutzen, beim Oralverkehr kein Sperma in den Mund gelangen lassen.“

Nun ist es aber so, dass Wissenschaft und Forschung immer neue Erkenntnisse mit sich bringen. Im Bereich der Prävention von sexuell übertragbaren Infektionen, vor allem was HIV/Aids betrifft, hat sich einiges in den letzten Jahrzehnten getan.

Auch wenn ich glaube, dass die meisten Anwesenden heute folgende Infos schon kennen, möchte ich diese noch mal kurz einbringen: HIV-Medikamente blockieren die Vermehrung von HIV im Blut. Nach einer gewissen Zeit (diese variiert von Person zu Person, manchmal handelt es sich um Wochen, manchmal auch um Monate) sind mit den gängigen Verfahren meist keine Viren mehr nachweisbar, man sagt dann, dass die Viruslast sich unter der Nachweisgrenze befindet. Wenn eine Therapie sogar mehrere Monate lang gut wirkt, sind auch in Körperflüssigkeiten (z. B. Sperma) und Schleimhäuten (z. B. Scheiden- oder Analschleimhaut) keine oder nur sehr wenige Viren zu finden. Da für eine HIV-Übertragung erhebliche Mengen HI-Viren notwendig sind, ist eine Übertragung in diesem Fall extrem unwahrscheinlich.

Diese Schutzwirkung der HIV-Therapie ist mittlerweile wissenschaftlich bewiesen. Die Studie „HPTN 052“ hat im Jahr 2011 gezeigt: Eine gut wirksame HIV-Therapie senkt das Risiko der Übertragung um 96 Prozent. Weltweit ist nur ein Fall beschrieben, bei dem es trotz wirksamer HIV-Therapie zu einer Übertragung gekommen ist.

Kondome senken das Risiko einer HIV-Übertragung bei souveräner Handhabung um etwa 95 Prozent. Kommen Anwendungs- oder Materialfehler hinzu, dann beeinträchtigen diese die Schutzwirkung. Hinzu kommen „kleine Risiken“ (z. B. beim Oralverkehr), die durch das Kondom nicht abgedeckt werden. Mittlerweile weiß man also, dass eine wirksame antiretrovirale Therapie (ART) beim Sex genauso effektiv vor einer HIV-Übertragung schützt wie Kondome.

Erhöhen andere sexuell übertragbare Infektionen das Risiko einer HIV-Infektion? Und hilft das Kondom nicht außerdem generell, sich vor anderen Infektionen als HIV zu schützen?

Nun könnte man natürlich sagen: Bei unbehandelten HIV-Positiven erhöhen Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV erheblich. Das ist auch richtig. Bei HIV-Positiven, die aber unter Therapie sind, scheinen dieselben Infektionen hingegen nicht ins Gewicht zu fallen. Das sagen neuere Forschungsergebnisse aus. Dieser Wissenstand wird zurzeit auch durch weitere Studien abgesichert.

Prävention kann aber auch schon heute darauf hinweisen, dass andere sexuell übertragbare Infektionen beim Thema „Schutz durch Therapie“ kaum eine Rolle spielen. Entscheidend ist: In Studien wie in Arztpraxen sind bisher, mit einer Ausnahme, keine HIV-Übertragungen dokumentiert – und zwar auch dann nicht, wenn andere sexuell übertragbare Infektionen vorlagen.

Natürlich muss man auch immer wieder deutlich machen, dass es absolute Sicherheit beim Sex prinzipiell nie geben wird. Weder beim Kondomgebrauch, noch beim Schutz durch Therapie. So was sollten wir nicht unter den Tisch fallen lassen. Wobei mir immer wieder auffällt, dass besonders beim Schutz durch Therapie auf das Restrisiko verwiesen wird, welches man doch unmöglich hinnehmen kann. Beim Kondom kommt genau dieses Restrisiko eher seltener zur Sprache.

Da ich jetzt die ganze Zeit über HIV spreche, möchte ich aber auch sagen, dass generell folgendes gelten sollte: Man kann sich natürlich auch mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen anstecken. Das Risiko sich mit diesen zu infizieren, kann durch den Kondomgebrauch gesenkt werden. Dies gehört selbstverständlich thematisiert.

Zugleich müssen wir dabei deutlich machen, dass Kondome nur teilweise vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen (zum Beispiel 60 Prozent bei Syphilis , 40 bis 60 Prozent bei Tripper). Die Syphilis wird beim Sex unter Männern auch leicht oral übertragen.

Deshalb empfiehlt die Deutsche AIDS-Hilfe regelmäßige Untersuchungen auf sexuell übertragbare Infektionen. Dies dient nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern ist auch ein Beitrag zu Unterbrechung von Infektionsketten und zur HIV-Prävention. Die Deutsche AIDS-Hilfe fordert daher die Kostenübernahme für regelmäßige Untersuchungen und mehr niedrigschwellige Test- und Untersuchungsangebote. Die Diagnostik sexuell übertragbarer Infektionen für schwule Männer ist in Deutschland nach der EMIS-Studie (2010) völlig unzureichend.

Der Schutz durch Therapie darf nicht dazu führen, dass man HIV-Positive Menschen einem Zwang aussetzt, die HIV-Therapie zu beginnen!

Wo wir aufpassen müssen ist, dass diese Botschaften keinen Therapiezwang unterstützen. In der internationalen Fachwelt wird die Schutzwirkung der HIV-Therapie häufig mit einem anderen Fokus diskutiert. Die zentrale Aussage lautet dort: Möglichst viele Menschen auf HIV zu testen und gegebenenfalls zu behandeln verhindert neue Infektionen. Diese Sichtweise kann dazu führen, dass Persönlichkeits- und Patientenrechte missachtet werden.

Es ist natürlich toll, dass die Medizin zur Verhinderung von Infektionen führen kann. Allerdings liegt die freie Entscheidung, über den Beginn und den Zeitpunkt des Beginns einer HIV-Therapie beim Einzelnen. Verständliche Informationen über Vor- und Nachteile eines individuellen Therapiestarts  also gerne, einen Zwang aber bitte nicht. Das hat immer diesen Unterton, dass Positive doch die Gesellschaft schützen können und ihrer Verantwortung gegenüber der Volksgesundheit nachkommen sollen. Absolut abzulehnen!

Kurz gesagt: Es gibt keine guten und schlechten HIV-Positiven Menschen. Diese moralische Spaltung, in die einerseits Therapierten und andererseits Unbehandelten, ist menschenverachtend.

Klassische Safer-Sex-Botschaften werden von einer Erweiterung nicht bedroht. Es gibt nicht die bessere oder schlechtere Botschaft. Aber: Die Voraussetzung dafür, dass Menschen selbstbestimmt handeln können, ist Wissen!

So, was machen wir nun damit?

Die klassischen Safer-Sex-Botschaften habe ich eingangs bereits erwähnt, die neuen Infos sollten dafür sorgen, dass eine dritte hinzukommt. Mir ist besonders wichtig hier das „hinzukommen“ ganz deutlich zu betonen. Denn: Es geht nicht darum die eine Botschaft gegen die andere auszuspielen. Das Kondom soll als Präventionswerkzeug also nicht verschwinden. Aber: Wenn wir von Safer Sex sprechen, dann meinen wir, dass das Risiko einer HIV-Übertragung reduziert wird. Dies gewährleisten sowohl die klassischen Botschaften, als auch die HIV-Therapien.

Genau so wenig wie irgendwer das Recht hat, das Kondom zu verbannen und darüber quasi eine unausgesprochene Zensur walten zu lassen, dürfen die belegbaren Erkenntnisse zu den HIV-Therapien verschwiegen werden. Es geht hier ja auch nicht um eine Empfehlung auf Kondome zu verzichten, ganz im Gegenteil. Worum es geht ist Wissen. Wissen ist Macht. Das Recht auf Wissen hat jede/r. Ich finde Aidshilfe hat die Pflicht die Menschen zu informieren, damit diese sich dann selbstbestimmt entscheiden können, wie sie mit diesem Wissen umgehen. Die Entscheidung, welche Möglichkeit jemand ergreift, kann nur er oder sie selbst treffen.

Es ist wichtig, darüber zu sprechen!

Wir müssen aber die Schutzwirkung der Therapie offen kommunizieren. Denn sie kann einige Vorteile haben:

  • Sie kann Ängste von Menschen mit HIV und deren PartnerInnen lindern und damit zu Gesundheit, Wohlbefinden und einer erfüllten Sexualität beitragen.
  • Sie kann dazu beitragen, dass Menschen mit HIV weniger Zurückweisung erfahren, die meist auf Angst zurückzuführen ist.
  • Sie kann die Kommunikation über (Safer) Sex fördern.
  • Sie kann die Bereitschaft zum HIV-Test erhöhen. Damit steigt die Chance auf frühzeitige Erkennung von HIV-Infektionen und rechtzeitige medizinische Behandlung, die wiederum zur Vermeidung weiterer Infektionen beiträgt.

Das Rechtssystem darf den Schutz durch Therapie nicht weiter ignorieren!

Eine besondere Bedeutung kommt dem Wissen von der Schutzwirkung der HIV-Therapie im Rechtssystem zu. Menschen mit HIV können für Sex ohne Kondom bestraft werden, wenn sie ihre Infektion nicht offengelegt haben. Das gilt sogar wenn keine Übertragung stattfindet.

Die Deutsche AIDS-Hilfe lehnt diese Praxis ab. So lange sie jedoch besteht, müssen Gerichte verlässlich anerkennen: Die HIV-Therapie ist ein wirksamer Schutz des Partners bzw. der Partnerin. Wenn eine HIV-Übertragung so gut wie ausgeschlossen ist, darf auch niemand bestraft werden. Der Kondomgebrauch wird zurecht als wirksamer Schutz akzeptiert – es gibt keinen Grund, die Schutzwirkung der Therapie anders zu beurteilen.

Die Botschaften zu erweitern und zu vermitteln wird nicht leicht, aber es ist möglich!

Ich möchte nun ganz kurz anschneiden, was ich glaube woher die Vorbehalte gegen den Schutz durch Therapie kommen. Denn ich glaube dass diese eine wichtige Rolle spielen werden, wenn man sich über diesbezügliche Präventionsbotschaften Gedanken macht.

1. Das Kondom ist sichtbar. Heißt also, ich kann es mir aktiv überstülpen oder sehen, dass es da ist und genutzt wird. Man kann es auch schmecken und riechen. Oder soll ich sagen leider schmecken und riechen? In den meisten Fällen finde ich persönlich genau das nicht so angenehm. Aber gut. Beim Schutz durch Therapie muss man zuallererst miteinander sprechen und dann natürlich auf die Infos aus diesen Gesprächen vertrauen können. Meiner Ansicht nach ist gerade das Vertrauen für viele Leute ein Problem. Es geht also um ein Gefühl, mit dem man sich wohlfühlen muss. So lange keine eindeutige Kommunikation stattfindet, ist aber die Verwendung von Kondomen zu empfehlen.

2. Es gab schon so viele Sensationsmeldungen über HIV/Aids. Ob es nun um eine Heilung, Impfung oder sonst was ging. Vollkommen egal. Ich denke wer jahrelang immer wieder feststellen musste, dass solche Meldungen im Nachhinein doch zu einem Großteil relativiert werden mussten, dem fällt es schwer nun die, über die wir heute sprechen, anzunehmen. Den Beleg, dass es nicht um eine Vermutung, sondern um Fakten geht, haben wir bereits. Nun kommt es darauf an, ob wir es schaffen, das Wissen auch vom Kopf in den Bauch zu bekommen. Vielleicht müssen wir noch mehr daran arbeiten, alte Schreckensbilder zu durchbrechen, damit dieses Glauben leichter fällt.

3. Nach 30 Jahren mit der Kondombotschaft, erzeugt die Aussage, auch kondomloser Sex könne Safer Sex sein, große Ängste, zum Beispiel vor einem Anstieg der HIV-Infektionen. Gerade Menschen mit HIV haben oft verinnerlicht, dass sie unter keinen Umständen auf Kondome verzichten dürfen. Solche Ängste sind allzu verständlich und müssen offen diskutiert werden können. Es gilt dabei deutlich zu machen: Niemand will von Kondomen abraten. Es geht um sachliche Informationen zu einer weiteren Möglichkeit sich zu schützen.

Mir ist bewusst dass die Botschaften – nicht nur wegen der eben drei genannten Punkte – nicht gerade einfach zu kommunizieren sind, aber wir haben meiner Ansicht nach, wie eben schon gesagt, die Pflicht dieses Wissen zu verbreiten.

Weitere Infos:
Safer Sex geht auch anders, Kampagne zum 30. Geburtstag der Deutschen AIDS-Hilfe.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

 

 

 

DER SPIEGEL zur Kompassnadel. Weniger kritisch geht kaum.

Wie man in meinem letzten Beitrag lesen kann, habe ich die Laudatio auf die Print- und Onlineredaktionen des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL gehalten, welche die Kompassnadel des Schwulen Netzwerk NRW erhalten haben. Nun habe ich mir, wie fast immer, am Sonntag Abend den neuen SPIEGEL gekauft und einen Absatz zum Thema darin gefunden, auf den ich gerne reagieren möchte.

DER SPIEGEL Nr. 22/1987 (Quelle: spiegel.de)

DER SPIEGEL Nr. 22/1987 (Quelle: spiegel.de)

Bevor ich damit beginne, mich auf die Veröffentlichung im SPIEGEL zu beziehen, möchte ich kurz etwas erwähnen: Ich bin natürlich weiterhin Befürworter der Preisverleihung. Die Gründe dafür habe ich in meiner Laudatio beschrieben, deswegen wiederhole ich mich dahingehend nicht. Gerne streite ich mich über das Für und Wider, den SPIEGEL auszuzeichnen. Mit diesem Artikel hier möchte ich die Reaktion – wenn man es denn so nennen kann – im SPIEGEL allerdings getrennt davon kritisieren.

Folgendes steht über die Preisverleihung im aktuellen SPIEGEL (Heft 29/2013) auf der letzten Seite, unten rechts:

„Das schwule Netzwerk Nordrhein-Westfalen hat SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE die „Kompassnadel“ verliehen, eine Auszeichnung für die Förderung der Akzeptanz von Homosexuellen: Die SPIEGEL-Berichte zeichneten ein „ausgewogenes und realistisches Bild von schwulem Leben in Deutschland und vor allem auch in anderen Ländern, in denen Homosexuelle unterdrückt, verfolgt und ermordet werden“. Die Nominierung hatte Proteste hervorgerufen; Kritiker verwiesen auf die von ihnen als tendenziös empfundene Aids-Berichterstattung des SPIEGEL in den achtziger Jahren.“

Ende. Mehr kann man dazu nicht lesen. Was man dort lesen kann finde ich, um es nett auszudrücken, absolut unverständlich.

Tendenziös ist ein nettes Wort. Meiner Meinung nach zu weichgespült, als dass es sich eignet, um die damalige Berichterstattung zu beschreiben. Wörter die es aus meiner Sicht besser getroffen hätten: Homophob, menschenverachtend, stigmatisierend oder hetzerisch. Wie auch in meiner Laudatio beschrieben, kann ich trotz des Wandels zum heutigen Journalismus differenzieren und sehe was die Vergangenheit angerichtet hat.

Vergangenheit ist ein gutes Stichwort. Der letzte Satz hat einen fahlen Beigeschmack. Dort wird das „tendenziöse“ Empfinden lediglich Kritikern zugeordnet. So einfach ist das aber nicht. Nicht nur Kritiker, sondern auch Befürworter des Preises können die damalige Berichterstattung als absolut unmissverständlich menschenverachtend benennen. Dies tun auch einige. Dazu zähle ich mich, aber auch viele mit denen ich gesprochen habe.

Dr. Markus Verbeet war als Vertreter des SPIEGEL bei der Preisverleihung. In seiner Dankesrede sprach er davon, dass es in der Redaktion nun um Aufarbeitung geht. In einem Eintrag auf dem SPIEGELblog, der ein paar Tage später veröffentlicht wurde, ist keine Rede mehr davon. Er schreibt zwar „In der Zwischenzeit arbeiten wir beim SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE daran, dem Preis gerecht zu werden: durch eine Berichterstattung, die ausgewogen, realistisch und feinfühlig ist…“, aber von einem Blick in die Vergangenheit ist nichts zu spüren.

In meiner Laudatio habe ich geschrieben, dass ich finde, dass es Zeit für eine längst überfällige Entschuldigung ist. Im Blatt. Mir ist bewusst, dass eine Entschuldigung eigentlich (!) nur von den damaligen Schreibern kommen kann. Natürlich hätte ich verstanden, wenn sich die heutige(n) Redaktion(en) deswegen so einen Schritt nicht wagen. Auch wenn ich immer noch finde, dass es sich als symbolisches Zeichen der Versöhnung trotzdem eignet.

Allerdings hält nichts und niemand die heutigen Mitarbeiter davon ab, sehr deutliche und kritische Worte über die Hetze ihrer Vorgänger zu finden. Das was aber abgedruckt wurde, ist nicht nur zu wenig. Nein. Es ist sogar ein Schlag ins Gesicht derer, die die damalige Zeit miterleben mussten.

Was mich nämlich am meisten stört ist folgendes: Das geschrieben wird, es gehe um ein Empfinden. Es liest sich so, als ob die Berichterstattung nicht homophob oder tendenziös war, sondern nur ein paar Schwule – die sich nun aufregen – es so empfinden.

Ich lehne ein Schwarz-Weiß-Denken von beiden Seiten, Kritikern und Befürwortern, ab. Man kann erwarten, dass alle bereit dazu sind, zu differenzieren und andere Meinungen auszuhalten. Diese Erwartung gilt auch für den SPIEGEL. Es erscheint aber so, als ob dort – zumindest wenn wir das bisher veröffentlichte sehen, wer weiß, was noch kommt – sehr weiß gedacht wird. So weiß ist die Weste des Magazins aber nicht.

Zu jeder Biographie gehören Narben. Wir alle haben keine weiße Weste. Nobody’s perfect. Sich den Fehlern zu stellen, diese zu erkennen, sie zu benennen und daraus zu lernen. Das erwarte ich.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Kompassnadel für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE: Meine Laudatio inkl. Vorwort

Am Samstag wurde beim CSD-Empfang des Schwulen Netzwerk NRW die Kompassnadel an Falk Steinborn und die Print- und Onlineredaktionen des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL verliehen. Ich durfte die Laudatio für den/die letzteren Preisträger halten. Die Verleihung war sehr umstritten und auch ich war in der letzten Woche Vorwürfen ausgesetzt, dass ich zu jung bin um diese Laudatio zu halten und instrumentalisiert werde. Mein Vorwort, in dem ich darauf eingehe, und meine Laudatio könnt ihr hier lesen.

Foto: Michael Jähme

Foto: Michael Jähme

Vorwort

Bevor ich beginne, möchte ich ganz kurz auf eine Debatte eingehen, die es – aufgrund dessen, dass ich die Laudatio halte – im Vorfeld gegeben hat. Es wurde in offenen Briefen und Pressestatements geschrieben, dass ich zu jung sei, um das hier zu machen, schließlich habe ich die 80er Jahre nicht miterlebt, und dazu noch instrumentalisiert werde.

Es passiert mir nicht zum ersten Mal, dass mir Kompetenz wegen meines Alters abgesprochen wird, im Gegenteil. Was ich darüber denke? Ich glaube junge Menschen brauchen Freiräume, in denen sie kreativ sein können, auch Fehler machen dürfen. In denen sie sich auch verlaufen dürfen, auf dem Weg, sich und ihre Haltungen zu finden. Wer ihnen diesen Raum nicht geben will, der verhindert schon von vornherein, dass sie überhaupt Gutes erreichen können. Es wäre toll, wenn man respektiert, was ich denke und fühle. Denn ich respektiere es andersherum genauso, was sicherlich in der Laudatio gleich auch sichtbar wird.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob denen, die so etwas verbreiten, bewusst ist, welches Signal sie an junge Leute senden. Nämlich eines, dass sie zu gewissen Dingen nichts sagen dürfen, einfach weil sie zu jung sind. Ich muss, weil sich heute hier im Saal auch einige junge Leute befinden, mit folgendem Appell ein Gegensignal setzen:

Lasst euch davon nicht beirren und probiert euch aus. Bringt eure Ideen ein und setzt sie auch durch. Findet eure Position, egal wie kontrovers und provokativ sie ist. Oft dauert es ganz lange, bis man seine Haltung findet. Aber wenn man, so wie ich heute, hier oben steht und weiß, dass was man gleich sagt, dass ist keine Meinung eines anderen, sondern die eigene, über die man gerne streiten, aber zu der man auch stehen kann. Dann ist das ein unglaublich hohes Gut!

Außerdem sind wir die Zukunft. Alleine deswegen sind unsere Gedanken wichtig, berechtigt und gut genug, um sie zu äußern. Wir alle müssen verschiedene Meinungen aushalten, egal auf welcher Seite wir stehen. Ihr habt etwas zu sagen, dann traut euch auch bitte, es laut zu sagen.

Genau so laut möchte ich kurz auf den Vorwurf der Instrumentalisierung eingehen. Diese Bühne, die mir heute geboten wird, die nutze ich, weil ICH es will. Denn bei aller Kritik im Vorfeld möchte ich die Sache auch von einer anderen Seite beleuchten. All das was ich sage, kommt von mir und ist ehrlich gemeint. Nicht jedem wird das gefallen, aber: Ich bin echt. Ich spiele keine Rolle. Auch wenn es manchem nicht passt was ich sage.

Kurz vor dieser Laudatio, mit der ich jetzt sofort beginne, hat jemand zu mir gesagt: Dafür gibt man sich doch nicht her… Ich gebe mich nicht her, sondern es ist mir ein Anliegen heute hier zu stehen! Vielen Dank!

Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen und Freunde, Sehr geehrter Herr Dr. Verbeet,

der Landesvorsitzende der Aidshilfe NRW, Arne Kayser, hat den Konflikt, der dieser Preisverleihung vorangegangen ist, bereits angesprochen. Auch ich bin der Ansicht, dass die Diskussionen im Vorfeld des heutigen Tages wichtig waren und wir über den Umgang von Massenmedien mit Bildern vom Leben mit HIV im Gespräch bleiben sollten.

Die Emanzipation von Minderheiten ist immer ein ganzes Stück Arbeit, sie kostet Zeit und braucht auch Ausdauer. Das kann man z. B. an der Frauenbewegung beobachten, aber auch an der ersten Schwulenbewegung und den aktuellen schwul-lesbischen Debatten gut erkennen. Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir mit unseren Forderungen auch andere Lebensweisen, die für ihre Anerkennung plädieren, nicht aus dem Blick verlieren.

Hanns Joachim Friedrichs hat mal gesagt „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Vor diesem Hintergrund sind Sie, die SPIEGEL-Redakteure, gute Journalisten, die auch zu unseren Themen distanziert und engagiert zugleich berichten.

In der Vorbereitung auf diese Laudatio habe ich mich aber natürlich auch mit der Kritik an der Preisvergabe beschäftigt und intensiv mehrere Artikel des SPIEGEL, vielleicht sogar alle, aus den 80er Jahren durchforstet. In denen kann man z. B. von „Homosexuellen-Seuche“ lesen. In einer Veröffentlichung fragt ein Journalist: „Ist eine moderne Seuche in Sicht oder werden nur Homosexuelle dran glauben müssen?“. Nur Homosexuelle. Nur. Als ob das nicht schon genug wäre. Das waren, auch aus meiner Sicht, durchaus menschenverachtende Texte, die dazu führten, dass ein politisches und gesellschaftliches Klima gefördert wurde, welches man mit nur einem Wort beschreiben kann: Homophob.

Die Debatte hat auch gezeigt, dass der Schmerz und das Trauma von damals für viele Schwule, HIV-positive und an Aids Erkrankten keine entfernten Begriffe sind, sondern immer noch zur Gegenwart gehören. Ich weiß nicht, wie es sich damals angefühlt haben mag, dazu bin ich zu jung. Und dazu bin ich tatsächlich zu jung. Aber wenn ich die alten Artikel lese, dann macht das was mit mir. Es lässt mich verstehen, warum es für einige unerträglich ist, dass ein Magazin ausgezeichnet wird, das damals mit für Diffamierung und Ausgrenzung verantwortlich war.

Sehr geehrter Dr. Herr Verbeet, Sie, als Vertreter des SPIEGEL, haben sich vor dieser Veranstaltung auch mit Kritikern unterhalten. Hier im Saal gibt es einige Menschen, die wütend über diese Preisverleihung sind. Verletzt, wegen der Berichterstattung ihres Magazins. Meine Bitte ist: Nehmen Sie die Inhalte aus diesen Gesprächen mit. Ich glaube, Sie haben verstanden, was diese Menschen bewegt. Deswegen bin ich sicher, dass Sie solch eine Berichterstattung, die in den 80er Jahren durchaus Normalität beim SPIEGEL war, nie wieder zulassen würden.

Das was jetzt kommt ist wichtig. Es ist mir ein Bedürfnis dies zu fordern. Und zwar deutlich zu fordern. Ich finde auch, dass es Zeit für eine längst überfällige Entschuldigung ist. Nicht nur hier und heute, sondern am besten auch am Ort des Geschehens – im Blatt.

Auch wenn es nicht Sie und ihre heutigen Kollegen und Kolleginnen direkt waren, das möchte ich ausdrücklich betonen, die diese Artikel geschrieben haben. Dennoch wäre es ein wichtiges Zeichen der Versöhnung. Einer muss den ersten Schritt dazu machen. Erster Schritt, weil mir bewusst ist, dass damit nicht alles vom Tisch ist, sondern der Dialog erst angemessen beginnt. Umso besser, wenn dieser erste Schritt von jenen gemacht wird, die heute bei dem Magazin arbeiten, welches für den Schmerz verantwortlich ist. Und an die, die tief verletzt sind, auch eine Bitte: Wenn es passiert, nehmt es an. Aufeinander zugehen müssen dann beide Seiten. Was wir brauchen ist Aufarbeitung und Verständnis, auch wenn seitdem einige Jahre vergangen sind, in denen sich der SPIEGEL gewandelt hat.

Um Ihnen diesen Wandel, hin zu einer positiven Berichterstattung, zu verdeutlichen, möchte ich nun gerne persönlich werden: Als ich mit 12, 13, 14 Jahren in meiner Pubertät bemerkt habe, dass ich schwul bin, da war ich damit alleine. In den meisten Schulbüchern existierten als Beispiele nur heterosexuelle Paare. Auf dem Schulhof wurde (und ich glaube wird auch immer noch) schwul höchstens als Schimpfwort benutzt. Auch in meinem Freundes- und Familienkreis wurde das Thema totgeschwiegen.

In derselben Zeit bemerkt man als junger Mensch aber auch, dass Politik und Nachrichten nicht nur Pflichtstoff sind, den man von seinen Lehrern aufgezwungen bekommt, sondern die Beschäftigung damit auch Spaß machen kann. So war‘s auch bei mir.

Dann fällt einem sehr schnell auf, wie wichtig eine Berichterstattung sein kann, die einem aufzeigt, dass man vielleicht anders ist, als die anderen, aber das doch gar nicht so schlimm ist. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

Der SPIEGEL war DAS Medium, welches mich persönlich während meiner Selbstfindungsphase gestärkt hat. Plötzlich merkte ich, dass Homosexualität sehr wohl Thema sein kann, wenn auch nicht in meinem direkten Umfeld. Ich las Dinge, die ich beim Boulevard vermisste. Davon, dass natürlich auch ein Fußballprofi schwul sein kann und es sicherlich einen gibt, der es ist. Von Kritik an homophoben Kirchenvertretern. Und Berichten über unvorstellbar schwulenfeindliche Gesetze in anderen Ländern.

Hierzu muss ich kurz sagen, dass ich auf der Weltaidskonferenz in Amerika, AfrikanerInnen und OsteuropäerInnen kennengelernt habe, die genau von dieser Rechtssprechung betroffen sind. Für mich sind diese Gesetze also nicht irgendetwas, das weit weg ist und am anderen Ende der Welt passiert. Sondern ich verbinde damit Gesichter und Geschichte. Vor allem verbinde ich damit Freundschaften. Umso wichtiger dass man darüber spricht.

Als ich mit 20 Jahren dann meine HIV-Diagnose bekomme haben, war das genau zu der Zeit, in der Nadja Benaissa verhaftet und vorgeführt wurde. Sie erinnern sich sicher alle hier an diesem Moment, der uns auch weit in der Prävention zurück geworfen hat. Schauen Sie sich mal im Netz um. Sie finden auch heute noch Begriffe wie „Biowaffe“ und „Virusschleuder“. Das sind leider keine Phänomene von gestern. Beides Bezeichnungen, die stigmatisierend, beleidigend und schlichtweg falsch sind. Aber das waren Worte, die mir Boulevardmagazine als erstes vermittelt haben. Kurz nach meiner Diagnose war ich, zumindest aus der Sicht einiger Medien, der verantwortungslose „Todesengel“.

Nicht aber für den SPIEGEL, der inzwischen, ich betone inzwischen, einen für mich wichtigen Gegenpol darstellte. Ein Medium, welches nicht auf Sensationsjournalismus, sondern auf eine fundierte, ausgewogene und informative Berichterstattung setzt.

Sie, Herr Dr. Verbeet, und Ihre Kollegen und Kolleginnen erreichten und erreichen damit aber nicht nur mich oder uns als Community, sondern als Massenmedium unglaublich viele Leute. Keine Frage, auch andere Medien haben in diesem Sinne berichtet, doch der SPIEGEL ist nun mal im Printbereich und mit seinem Onlineportal nahezu unerreicht.

Für junge Leute ist zum Beispiel das Internet der erste Anlaufpunkt, um an Informationen zu kommen. Tageszeitungen oder TV-Nachrichten werden nur in seltenen Fällen gelesen oder geschaut. Ich weiß aber natürlich auch, dass viele andere Leute für Printmedien dankbar sind. Und gerade diese Dualität der herkömmlichen und der neuen Medien zeichnet ihre Redaktion aus. Damit erreichen Sie die, die wir erreichen wollen und müssen. Denn ihr Publikum ist vielfältig und kommt aus allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten.

Ihre Redaktion ist mit anderen Leuten besetzt als in den 80er Jahren. Der SPIEGEL hat sich gewandelt. Der Zeitgeist und wir, sowie die Situation in der wir uns befinden, ebenso. Das „spiegelt“ sich auch im Wandel Ihrer Berichterstattung.

Die Diskussionen um die morgige CSD-Parade hier in Köln sowie über bundespolitische Themen der Gleichstellung in den letzten Wochen und Monaten haben gezeigt, dass wir lange noch nicht alles erreicht haben. Die Angleichung an die Ehe ist wichtig, weil gleiche Pflichten auch gleiche Rechte bedeuten müssen, aber sie beendet nicht die Homophobie, die in vielen Köpfen fest verankert ist. Gesetze sind also ein richtiges symbolisches Zeichen, aber sie reichen alleine nicht aus, um unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern.

Wir sind demnach weit gekommen, aber dürfen jetzt nicht an Fahrt verlieren. Wir wollen gleich behandelt werden, aber auch anders sein und bleiben dürfen. Jeder sollte das Recht haben, für sich den Lebensentwurf zu wählen und zu leben, der zu ihm passt und mit dem er oder sie am glücklichsten ist. Ob offene Partnerschaften, Beziehungen, die von mehr als zwei Personen geführt
werden, oder sexuelle Selbstbestimmung. Ob Tunte, Lederkerl, Diva, unauffällig oder eine bunte Mischung aus all dem. Das letzte was wir brauchen, ist Akzeptanz durch Anpassung. Denn Vielfalt ist unsere Stärke!

Und indem Sie im SPIEGEL und bei SPIEGEL Online diese unterschiedlichen Lebensweisen einer breiten, zumeist heterosexuellen Leserschaft näher bringen, wirken Sie daran mit, dass die Gesellschaft sich für diese anderen Lebensformen öffnet.

Sie müssen sich also nicht mit uns gemein machen. Aber mit dieser Kompassnadel werden Sie dafür ausgezeichnet, zu (be)schreiben, und zwar realistisch zu beschreiben wie wir sind.

Schreiben Sie weiter darüber, wie es ist, heute als Jugendlicher der unreflektierten Homophobie Gleichaltriger auf dem Schulhof zu begegnen. Schreiben Sie wie es ist, als junger Mann mit HIV auf viele Vorurteile und Stigma, selbst unter Schwulen, zu stoßen. Schreiben Sie wie es ist, trotz gleicher Pflichten noch nicht überall gleiche Rechte zu bekommen.

Kurz: Schreiben Sie immer wieder darüber, wie wir sind. Ich. Die Leute im Saal. Die Menschen draußen auf dem Straßenfest. Denn wir alle wollen als Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* Personen, mit all der Unterschiedlichkeit und Vielfalt die uns ausmacht, in diesem Land und überall auf der Welt offen und akzeptiert leben.

Für mich als jungen, schwulen HIV-Aktivisten ist es wichtig, ein Medium wie den SPIEGEL an meiner Seite zu wissen.

Deswegen, sehr geehrter Herr Dr. Verbeet, gratuliere ich Ihnen und natürlich allen Kollegen und Kolleginnen aus Ihren Redaktionen in Hamburg ganz herzlich zum Erhalt der Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW – Herzlichen Glückwunsch!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

DANKE Homo-Hasser! DANKE liebe AIDS-Hilfe! (Gastbeitrag)

Heute hat mir jemand, der in Wolfsburg lebt, einen Kommentar über seine Gedanken – zu der Stadt aus der er kommt, den Positiven Begegnungen und der Gewaltattacke der vergangenen Samstag Nacht – zukommen lassen. Vielen Dank, dass ich diese Worte als Gastbeitrag verwenden darf!

DANKE Homo-Hasser! DANKE liebe AIDS-Hilfe!

(Ein zynischer, offenherziger, emotionaler und ehrlicher Kommentar)

Hier in Wolfsburg war es noch nie ein leichtes Pflaster für Schwule und Lesben. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es gibt keine Szene wo man sich trifft. Wagt man es, sich herzlich mit einer Umarmung zu begrüßen, hört mans schnell am ZOB aus den Ecken rufen: „Ey! SCHWUCHTEL!“. Beim Spazieren um den Allersee zieht man besser keine modischen Klamotten oder gar enge Jeans an, die einen also Homo outen könnten, sonst ist man schnell gezwungen, einen Schritt schneller zu gehen um den zwielichtigen, pöbelnden Gruppen zu entgehen.

Umso interessanter fand ich, Wolfsburg als Wahl zum Konferenzort der gesamten Deutschen AIDS-Hilfe zu machen. Denn hier gibt es nicht einmal einen CSD. Schwul und lesbisch ist man hier nicht. Der intellektuelle Homo wählt zwischen offenem Outing oder Karriere innerhalb der Volkswagen-Hierarchie. Kaum einer ist bereit, die Nachteile für ein offenes Outing in Kauf zu nehmen. Aber eins ist man hier in Wolfsburg ganz sicher nicht: Krank oder gar HIV positiv!

Aha! Eine Konferenz also! Danke AIDS Hilfe!

Ich möchte mich bei der gesamten Deutschen AIDS-Hilfe bedanken, dass ihr es in das große Industriedorf Wolfsburg geschafft habt, sowie für das außerordentliche Engagement. Eigentlich war alles friedlich. Bis zum Schluss. Bis einem alten und jungen Homo ordentlich die Fresse poliert wurde.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und mich bei den Homo-Hassern bedanken!

Danke Homo-Hasser!

Ich versuche mich seit einiger Zeit gegen das Klischee, Wolfsburg sei ein engstirniges, intolerantes, dekadentes Stück Erde, zur Wehr zu setzen (besonders gegenüber benachbarten Großstädtern). Danke, dass ihr es schafft, dass dieses Klischee nicht nur ein Klischee bleibt.

Auf den Webseiten der Tageszeitungen lese ich – in den Leserkommentaren – zu der Prügelattacke, wie beschränkt es von den Angreifern gewesen sei zuzuschlagen, schließlich könnten Sie sich mit HIV infizieren. wenn ihnen „Blutprobe ins Gesicht spritzt“.

Bitte macht euch keine Sorgen um eure Gesundheit. Sollten die beiden, die Ihr verdrescht habt, nicht nur schwul, sondern auch HIV positiv gewesen sein und ihr ein bisschen Blut beim Draufschlagen abbekommen haben, keine Angst! Euch wird nichts passieren. Ihr bleibt gesund.Eine Medikamenteneinnahme hilft nicht nur beim länger leben der positiven, sondern schützt effektiv die Infektion weiter zu verbreiten. Euer Risiko strebt also gegen null. Wie gut, dass die zwei nicht nur an sich selbst denken, sondern auch Ihr Umfeld schützen, also in diesem Fall euch.

Bitte macht euch keine Sorgen, dass Ihr mit ernsthaften Konsequenzen für diese Aktion rechnen müsst. Mit zwei Mal 2,0 Promille, seid Ihr ohnehin nicht voll schuldfähig. Außerdem werden die Anwälte eurer Eltern das schon wieder gerade biegen. Mein Tipp: Immer schön abstreiten. Mit der Aktion bekommt Ihr höchstens ein paar Sozialstunden. Voll peinlich. Und wie mickrig! Nicht dass Ihr noch wie Schlappschwänze dasteht.

Irgendwie kann ich euch ja verstehen. Fühlt man sich machtlos gegen „die da oben“ richtet sich der Hass schnell gegen „die da unten“. Im Übrigen sind die Homos ja auch gar keine richtigen Menschen und die mag eh keiner. Männer verhalten sich wie Frauen, Frauen wie Männer. Das schafft mancher Erwachsener nicht zu verarbeiten. Da rutscht einem schon mal die Hand aus. Man möge es den kleinen 19 Jährigen nachsehen.

Außerdem ist es völlig normal, dass man einen Schlagstock dabei hat. Gegen 1:35 Uhr muss man sich ja irgendwie gegen die schlechte Welt da draußen verteidigen. Da fangen wir doch gleich mal mit den Drecksschwuchteln an. Sie sind verkehrt herum und wollen auch noch für Richtig anerkannt werden. Frechheit! Ach! Wie herrlich einfach und simpel die Welt doch sein kann.

Zum Thema Wolfsburgs- aufgeschlossenes und offenes Image und so: Der Volksmund sagt: „Der erste Eindruck zählt.“ Der Psychologe weiß: „Der letzte Eindruck ist der, welcher bleibt.“

So gesehen hättet Ihr zum Abschluss der Veranstaltung nicht besser zum Ausdruck bringen können, wie weit wir vom Thema Offenheit entfernt sind und was es bedeutet, wenn Ablehnung in Hass umschlägt und wie wichtig der Kampf gegen Diskriminierung ist.

Danke Teilnehmer!

Danke, dass ihr euch getraut habt, öffentlich aufzutreten und dem Kongress und allen HIV infizierten ein Gesicht zu geben. Ihr seid für unsere Rechte eingestanden, habt dafür gekämpft und habt euch gegen Beleidigungen zur Wehr gesetzt und Gefahr ausgesetzt. Mit eurer Präsenz habt ihr der Öffentlichkeit versucht ein neues Bild zu vermitteln, dass HIV positive längst keine Gefahr mehr für Ihre Umwelt sind und daher Ängste unbegründet.

Ich habe leider als Teilnehmer gefehlt. Gerne wäre ich teil der Community gewesen, doch eigentlich bin ich in dem Punkt Öffentlichkeit auch nicht anders, als die vielen anderen hier. Ich habe einen sehr guten Job. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe mein Leben. Es dürften viele Schranken sein, die sich mir schließen, wenn ich offen mit meiner Infektion umgehen würde. Meine Lebensperspektiven würden sich vermutlich stark einschränken. Umso mehr bewundere ich die Leute, die es schaffen offen und ohne Wenn und Aber mit Ihrer Infektion umzugehen. Trotz aller Nachteile, trotz Ausgrenzung, trotz Arbeitsplatzverlust, trotz Demütigungen in der Familie.

Ich wäre gerne dabei gewesen, doch ich habe mich entschieden, dass es nicht das richtige ist. Vor meiner Infektion hätte ich sicherlich positive Leute gemieden wenn ich davon erfahren hätte. Nicht weil mein Kopf mir nicht gesagt hätte, dass ich mit der Information dass jemand positiv ist besser dran bin als ohne. Es ist vielmehr eine emotionale Angst gewesen, die diese Distanz hat aufkommen lassen bei dem bloßen Gedanken. Eine Art Selbstschutz. Jetzt da ich selbst positiv bin, tue ich mich schwer von jemand anderem etwas zu fordern, was ich vorher selbst nicht geben konnte. Nicht weil ich es nicht gewollt hätte, sondern weil ich es nicht konnte. Dennoch hätte ich die vielen Lebensgeschichten der positiven gerne gehört.

Ob ich mich eines Tages bekennen werde weiß ich nicht. Werde ich mir Dinge anhören müssen, warum gerade ich als Kondomprediger positiv geworden bin? Werde erklären müssen, weshalb das Kondom mich nicht vor der Infektion geschützt hat? Werden sich meine schwulen Freunde von mir abwenden, weil genau diese unbestimmte Angst auch in ihnen ist und sie sie nicht unterdrücken können? Wird alles reden umsonst sein?

Ich dachte immer ich verhalte mich besser als andere. Doch es hat mich erwischt. Ich werde nun anstelle einer totbringenden Krankheit eine chronische Krankheit haben. Dank der Medikamente. Ich bin so glücklich, dass ich noch ein paar Lebensjahre geschenkt bekomme. Praktisch eine normale Lebenserwartung, mit ein paar Wehwehchen mehr zwischendurch, sagen die Ärzte. Mit nur einer Tablette Täglich. Ich will immer noch etwas in dieser Welt erreichen. Dafür sorgen, dass diese kalte Welt wenigstens ein bisschen wärmer wird. Ich bin jetzt 25 und habe immer noch die Möglichkeit, diese Welt weiter zu gestalten und zu einem besseren Ort zu machen. Ohne Hass. Ohne Angst. Ich kann immer noch etwas für diese Gesellschaft leisten.

Bis zum Zeitpunkt meiner Infektion dachte ich noch: „Wer sich heute noch mit HIV infiziert, hat was falsch gemacht.“ Ich hatte keine Ahnung.

Ich wünsche mir, dass die Medikamente weiterhin so gut werden. Das HIV das wird, was heute Syphilis ist. Behandelbar, aber vor allem genauso seinen Schrecken verliert. Das die Gesellschaft keine Angst mehr davor hat. Denn rein logisch und von den Fakten her, braucht Sie sich schon lange nicht mehr vor einem positiven zu fürchten. Doch wahrscheinlich sind die Bilder und Ängste der 80er und 90er Jahre zu präsent. Als nicht Betroffener ist es wahrscheinlich an einem vorbei gegangen, dass positive behandelte praktisch keine Gefahr für eine Übertragung darstellen. Sie arbeiten, sind teilweise Mütter und Väter. Doch vor allem sind sie eins: Teil der Gesellschaft!

Freundschaft mit einem HIV-Positiven, eine Geschichte.

Dies ist ein ganz besonderer Gastbeitrag. Nicht ich beschreibe, welche Erfahrungen ich mit meiner HIV-Infektion gemacht habe. Sondern ein Freund von mir berichtet, wie er mit mir umgeht und welche Gefühle er diesbezüglich hat. Ganz passend zum Thema meines Plakates „HIV-Positiv und Freund sein?„.

Mein Name ist Markus und man kennt mich im Web (inzwischen allerdings auch im Real Life) unter meinem Pseudonym Magic M(arkus). als Betreiber des Blogs „Gay-Party-Guide and more…„. Marcel hat mich gefragt ob ich einen Gastbeitrag schreiben würde und ich stimmte sofort zu. Lange habe ich überlegt worüber ich schreiben könne, aber was liegt eigentlich näher als darüber zu schreiben wie wir uns kennenlernten, was überhaupt dazu geführt hat und alles zusammenhängt. Vielleicht mag auch der eine oder andere daraus Erkenntnisse für sich gewinnen, für andere sowie den Umgang und die Freundschaft mit einem HIV-Positiven Menschen, es wäre zumindest wünschenswert.

Alles fing damit an das Marcel an einem Wettbewerb teilnahm mit einem Video zum Thema „Was mich antreibt“ und sein erstes Blog unter dem Pseudonym „Vorstadtclown“ ins Leben rief. Das passierte alles relativ kurz nachdem Marcel von seiner HIV-Infektion wußte und ist damit über zwei Jahre her. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wußte ist das Marcel öfter auch einen Blick in mein Blog geworfen hatte wenn er seine Wochenendaktivitäten plante. Zu dem Zeitpunkt hat Marcel auch viele sehr persönliche Dinge in seinem Blog veröffentlicht und nach dem ich einige Beiträge gelesen hatte sowie auch das Video kannte wurde ich zum Stammleser und Abonennten seines vorherigen Kanals bei YouTube. Ich fragte mich was ist das eigentlich für ein Mensch welcher so offen mit dieser Krankheit umgeht und den Schritt in die Öffentlichkeit vollzieht wohl ahnend bzw. wissend das HIV nach wie vor immer noch von Diskriminierung, Stigmatisierung und inzwischen sogar Kriminalisierung, wenn man einige Urteile der letzten Jahre betrachtet, geprägt ist. Wenn wir von Diskriminierung und Ausgerenzung reden ist damit durchaus genauso gut die schwul-lesbische Szene gemeint, vielleicht würde der eine oder andere erwarten das so etwas dort eher weniger präsent ist, dem ist allerdings nicht so. Davon abgesehen fand ich durch seine Blog Posts sowie den Beginn der Veröffentlichung von Videos Marcel von Anfang an symphatisch und dachte mir das es für mich überhaupt keinen Unterschied macht ob HIV-Positiv oder nicht, denn letztendlich ist er derselbe Mensch wie vor der Infektion. Ein Mensch definiert sich doch über seinen Charakter, sein Wesen und sein Handeln und das ist letztendlich das Entscheidende.

So verfolgte ich eine ganze Zeit lang Marcel online und hoffte das wir uns einmal persönlich kennenlernen würden nachdem ich schon soviel gelesen und gesehen hatte. Da wir beide ständig in Köln am Wochenende verkehrten, inzwischen wohnen wir sogar beide in der Stadt, wußte ich das im Frühjahr des vorletzten Jahres Marcel am selben Abend in einem Club in Köln war. Da in meinem Blog kein Foto von mir existiert lag es an mir auf Marcel zuzugehen. Als ich das tat wirkte er eher schüchtern und zurückhaltend auf mich, allerdings vom ersten Augenblick an symphatisch und ich mochte ihn auf Anhieb. Wir unterhielten uns beide eine kurze Zeit und im Verlaufe des Abends war ein jeder von uns mit seinen Freunden beschäftigt und man verlor sich aus den Augen, das war der Anfang.

In den folgenden Wochen und Monaten begegneten wir uns häufig auf irgendwelchen Parties und Events, begrüßten uns und führten von Mal zu Mal immer längere und intensivere Gespräche. Von einem meiner beiden besten Freunde abgesehen gibt es bis dato keinen Menschen mit dem ich mich länger auf Parties unterhalten habe obwohl diese eigentlich auch zum Feiern gedacht sind.

Leider haben viele Menschen Berührungsängste mit HIV-Positiven, ich kann mich an keine Situation erinnern in der das bei mir der Fall gewesen wäre, im Gegenteil ich war derjenige welcher auf Marcel zuging und sich darüber freute das er ebenfalls bei den Events anwesend war, auch an Gesprächsstoff hat es uns bis heute nie gemangelt. Mit der Zeit lernten wir uns immer besser kennen und ich war derjenige der Marcel immer herzlicher begrüßte, Marcel kann durchaus schüchterner wirken als es scheint, was nach anfänglichem und förmlichen Händeschütteln bedeutete das man den anderen bespielsweise in den Arm nimmt zur Begrüßung oder auch wenn es einem Menschen vielleicht emotional gerade nicht so gut geht, was vorgekommen ist, dem anderen körperliche Nähe zu geben und da zu sein, ein Getränk oder das Essen miteinander zu teilen und viele Dinge wie Freunde und Menschen die sich mögen miteinander umgehen, im Endeffekt ganz alltägliche und selbstverständliche Dinge. Was sollte mir schon dabei passieren? Gar nichts, so einfach ist das und doch so schwer für manche Menschen zu begreifen.

Ich ging und gehe mit Marcel um wie mit jedem anden Menschen auch den ich mag und der mir näher steht, warum sollte ich das auch anders handhaben denn es gibt dafür keinen Grund. HIV ist ein Thema was jeden betreffen kann und jeder sollte im Sinne der Verantwortung für sich selbst aber auch gegenüber dem anderen darüber informiert und aufgeklärt sein, leider bestätigt sich oft im Leben das dies nicht der Fall ist und noch viel zu tun bleibt. Eigentlich sollte jeder Mensch was die Übertragungswege und Risiken betrifft Bescheid wissen. Von daher ist alles ganz entspannt, zumindest aus aufgeklärter und informierter Sicht.

Gegen Ende des vorletzten Jahres rückte Marcel durch sein Wirken bei der IWWIT-Kampagne, u. a. mit einem Zitat das ihn bis heute begleitet: „Ich wollte nie wieder Sex haben.“, verstärkter in den Fokus der Öffentlichkeit. Begleitet durch Printkampagnen und Interviews in Zeitschriften u. ä. lernten auch die Menschen Marcel „näher kennen“ wenn man so will, die bisher nichts von ihm wußten und gerade in der schwul-lesbischen Szene geht der Informationsfluß oftmals recht schnell. Marcel schrieb vor einiger Zeit im Zusammenhang mit einer Geste von Lady Diana in Bezug auf HIV, obwohl es keinesfalls direkt vergleichbar ist fühlte ich mich doch an folgende Situation seinerzeit ein wenig erinnert. Man muß vorwegschicken, auch wenn in meinem Blog oder Fotostream bei Flickr keine Fotos von mir existieren, im Web auf Portalen mit Partyfotos doch sehr viele. In dieser Zeit während der oben angesprochenen Kampagne begegneten wir uns sehr oft auf einer der Parties in Köln. Wie gewohnt wurde ich von einem der mir bekannten Fotografen angesprochen, dieses Mal wollte ich aber ausdrücklich nicht mit irgendjemand anderes sondern nur mit Marcel an diesem Abend fotografiert werden (eigentlich läßt er sich gar nicht so gerne fotografieren), zum einen weil es bisher kein gemeinsames Fotos von uns gab, aber auch zum anderen da ihn doch recht viele damals schon vom Sehen und der Kampagne jetzt kannten um zu zeigen, wir sind befreundet und das ist gut so, vollkommen selbstverständlich für mich, ohne wenn und aber.

Anfang letzten Jahres fiel uns dann beiden auf das obwohl wir uns ständig sehen noch nie etwas gemeinsam unternommen haben, das änderten wir. Von da an haben wir oftmals etwas gemeinsam unternommen und es war für mich immer völlig normal mit einem Menschen den ich mag so umzugehen wie oben beschrieben. Da ich bzw. wir im Verlaufe des Jahres auch häufig mit dem Auto unterwegs waren habe ich mich vor eine ganz andere Frage gestellt die für die meisten Menschen sicher sehr an die Substanz gehen würde, da es sich um keine einfache Situation handelt. Als Vielfahrer der schon sehr oft Unfälle miterlebt hat auf den Autobahnen von leicht über schwer bis hin zu tödlich, was wäre bespielsweise wenn wir einen schwereren Autounfall hätten, das muss bekannterweise keineswegs selbstverschuldet sein und ich nicht die Option hätte mich selbst zu schützen weil ich z. B. den Verbandskasten nicht erreichen kann aber gleichzeitig Marcel eine Verletzung hätte die umgehendes Handeln meinerseits erfordern würde um Schlimmeres zu verhindern? Würde ich aus Angst und um mich vor einer eventuellen eigenen Infektion zu schützen die Hilfe versagen? Würde ich dabei zusehen und in dem Bewußtsein weiterleben ich hätte ernste Konsequenzen verhindern können? Nein, das würde ich nicht wie bei einem anderen Freund ebenso wenig und keinen Unterschied machen, denn dafür habe ich von Teenagerzeiten an schon viele tragische Dinge miterleben müssen wo ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte irgendetwas dagegen zu tun.

Grundsätzlich ist es übrigens nicht so das ich auf die Tatsache das Marcel HIV-positiv ist nicht reagiere im Gegenteil, allerdings in ganz anderer Form als das jetzt der geneigte Leser vielleicht erwartet, denn es passiert in Form einer freundschaftlichen Fürsorge. Ich will damit zum Ausdruck bringen das z. B. wenn gesundheitliche Komplikationen auftreten, das müssen sie nicht aber können sie in vielfältiger Art und Weise, generell was das Wohlbefinden von Marcel betrifft ihm sicherlich mehr meine Aufmerksamkeit gilt als jemand (einem Freund) der völlig gesund ist oder aber nicht HIV-positiv. Das bedeuted nicht das ich ihn in die sprichwörtliche „Watte packen“ würde, aber ihm gilt diesbezüglich mein besonderes Augenmerk, was für mich als Freund ebenso vollkommen selbstverständlich und wichtig ist.

Apropos letztes Jahr, ein Jahr in dem sich für Marcel einiges änderte aber auch viel bewegt wurde. Gegen Ende des Jahres, obwohl die Vorbereitungen schon im Herbst anfingen, war Marcel Teil einer großen und bis dato so nicht dagewesenen Kampagne zum Welt-Aids-Tag. An ihm und seinen drei weiteren Kampagnenbotschaftern, es war auch eine Frau darunter, kam aufgrund der Anzeigen, Plakate, Postkarten, TV- und Kinospots sowie Artikeln in den Leitmedien und auch Lokalmedien kaum jemand vorbei.

Auf dem Bildmotiv von Marcel prangte in grossen Buchstaben: „HIV Positiv & Freund sein?“ und ich dachte mir nur als ich zum ersten Mal davon erfuhr und es sah: „Ja, genauso ist es.“ – wird sind Freunde und das ist für mich völlig normal, es gibt nichts was dagegen sprechen würde. Zugleich war ich als ich das erste Mal das Plakatmotiv sah unglaublich stolz auf Marcel auf das was er das ganze Jahr über im Rahmen der IWWIT-Kampagne, der Kampagne zum Welt-Aids-Tag und auch sonst gemacht hat, angefangen vom Blog über die Videos bis hin zu vielen weiteren Taten. Aber vor allen Dingen stolz auf ihn als Mensch und was ihn ausmacht von seinem Charakter her und seinem Wesen, stolz darauf mit ihm befreundet zu sein. Das ganze letzte Jahr über habe ich ihn auf vielen Wegen im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützt wo immer es ging und das habe ich verdammt gerne getan. Als die Kampagne begann habe ich etlichen Menschen erzählt das wir befreundet sind, was es mit der Kampagne auf sich hat, worum es geht und warum das alles so wichtig ist und zwar denjenigen die es hören wollten genauso wie denjenigen die es nicht hören wollten, ich habe ihnen einfach keine Wahl gelassen. 😉

In dem Sinne, schön das wir befreundet sind.

Markus

Alles hat seine Geschichte. Auch Aids.

Ulrich Würdemann ist u. a. Betreiber von Ondamaris – einer Website, die von der Deutschen AIDS-Stiftung mit dem Medienpreis 2007/2008 ausgezeichnet wurde – und nimmt uns in diesem Gastbeitrag mit auf eine Zeitreise, die in den 1980er Jahren beginnt und sogar bis in die Zukunft reicht.

Ulrich Würdemann (September 2010)

Alles begann 1981. Forscher beobachten eine seltsame Häufung von Pilzinfektionen und seltenen Lungenentzündungen bei Schwulen in Los Angeles, später auch in San Francisco und New York. Im Juni 1981 erscheint ein erster Bericht über das, was später ‚Aids‘ genannt wird, in der Fachpresse (dem ‚MMWR‘). Schon wenig später berichtet mit der New York Times auch die erste Publikums-Zeitung, im März 1982 schließlich berichtet in Deutschland erstmals der ‚Spiegel‘, unter dem Titel “Schreck von drüben”.

So beginnt ‚die Geschichte von Aids‘ (bzw. von der Wahrnehmung von Aids, denn die Anfänge von HIV liegen weit früher).

So beginnt Anfang der 1980er Jahre beginnt die Geschichte einer Epidemie, die bald das Leben (nicht nur) der Schwulen dramatisch verändert. Die Geschichte einer Infektion, die sich – zunächst schleichend, bald jedoch mit massiver Wucht, in die Leben vieler Menschen drängt, auch in meines.

2012, gut dreißig Jahre später. Zahlreiche Feiern haben stattgefunden in den vergangenen Jahren, Jubiläen unzähliger Organisationen, die sich im Kampf gegen Aids engagiert haben. Was gab es zu feiern? 30 Jahre. Erinnern. Geschichte.

Geschichten, wie HIV sich mal schleichend langsam, mal überschlagend schnell in unsere, auch in mein Leben drängte, es aufzusaugen drohte.

Wie wichtig ist HIV in meinem Leben? Ein weiter Bogen ließe sich spannen, von Ignoranz bis Dominanz, von Verharmlosen bis Hoff­nungslosigkeit, von Liebestrunkenheit bis zu tiefstem Absturz. Fast wäre es wohl möglich, eine Art ‚Typologie der HIV-Relevanz‘ in meinem Leben zu erstellen – von Null auf Hundert, mit allerlei Achterbahn mittendrin. Geht es auch wieder zurück? Hört das irgendwann einmal auf?

 Anfang der 1980er

An die ersten Berichte über diese „neue Schwulen-Seuche“, wie sie damals tituliert wurde, kann ich mich gut erinnern, und auch an meine Reaktionen. „Haben die jetzt wieder etwas Neues gefunden, um uns weiter zu unterdrücken?“ Die Schwulen der Generation vor mir hatten mühsam gekämpft, um die Freiheiten, auch die sexuellen Freiheiten, zu erreichen, die ich nun gerade in vollen Zügen genoss. Wollten die uns das alles wieder weg nehmen? War da überhaupt etwas dran? Oder übertrei­ben die wieder mal?

Mit HIV (das diesen Namen erst später erhielt) wollte ich damals zunächst nichts zu tun haben. Okay, an das mit den Kondomen, da musste ich mich wohl gewöhnen. Ein kleiner, hauchdünner  Schritt war es, mit dem HIV in mein Leben drang.

In Urlauben, gern an Frankreichs schwulen Stränden, erleben wir – anders als in den Homoszenen zuhause – weiterhin ‚das pralle Leben‘. Sex, als sei Aids ein fernes Gespenst, safer Sex etwas für neurotische Großstädter (die genau hier ihren Urlaub machen). Es ist Urlaub, die Sorgen sind fern, Kondome bei Franzosen anscheinend noch unbeliebter als bei uns. Weitgehend sorgenfrei scheint das schwule Standleben hier weiter zu toben.

Mitte der 1980er

Irgendwann begann Aids, mehr Raum in meinem Leben einzunehmen. Ob ich wollte oder nicht (nein, ich wollte nicht), HIV drängte sich mehr in mein Leben. Nicht schleichend, sondern ganz ra­sant. Wegschauen war vorbei. Zunehmend mehr Freunde und Bekannte erkrankten. Die ersten ster­ben.

Ende der 1980er

Und es wurde nicht besser. Monatelang, jahrelang nicht. Im Gegenteil.

Kein Zeichen von Hoffnung.
Kein Lichtstreif am Horizont.
Immer mehr Freunde und Bekannte kamen an, sagten dieses traurige „du, ich hab’s auch“.
Hoffnungslosigkeit schwang bei jedem Test, jeder Diagnose sofort mit.
Zahle ich jetzt den Preis für mein liederliches Lotterleben, wie sie es uns einzureden versuchen? Hat ‚es auch mich erwischt‘? Und wenn ja – wie lange habe ich noch?

Immer mehr Lover, Weggefährten, Mitstreiter starben.
Die Zahl der Trauerkarten und Einladungen zu Begräbnissen in unserem Briefkarten nahm irgend­wann ein Maß an, für das mir nur ein Wort in Erinnerung bleibt: ‚unerträglich‘

Um HIV kam ich nicht mehr herum. Aids war längst tief drin in meinem Leben.

Anfang der 1990er

Im Sommer 1989 lernte ich in Paris einen jungen Mann kennen. Eine ‚große Liebe‘ meines Lebens.Wir verbrachten traumhaft schöne Momente mit einander, positive Momente. Irgendwann in den 1980ern hatte ich selbst die Diagnose ‚HIV-positiv‘ bekommen. Auch er war positiv. Seelenver­wandte waren wir, Gefährten. (Ich habe über die Zeit mit ihm auf unserem privaten Blog 2mecs ge­schrieben „Einige Tage mit dir“ http://www.2mecs.de/wp/?p=4327.)

HIV hatte sich wieder weiter voran in mein Leben gedrängt, wieder eine Stufe mehr auf der Leiter der Aids-Eskala­tion, eine unerträgliche. Nicht nur waren große Teile meines persönlichen Umfelds HIV-positiv, nicht nur hatte ich selbst längst mein Testergebnis in der Tasche. Nein, nun war auch einer der Menschen, die mir am nächsten sind, einer den ich liebe, positiv – und erkrankte, erkrankte schwer.

Ich erlebte mit ihm, mit uns nicht nur ’sein‘ HIV, sei fortschreitendes Erkranken. Mir war nur zu bewusst: du er­lebst hier auch dein HIV. Du erlebst auch dich selbst – in irgend einer nicht allzu fernen Zukunft. So wie ihm wird es bald auch dir ergehen.

Im Herbst 1990 starb Jean-Philippe.

Selten habe ich mein Leben elendiger empfunden.
Und lange hinterher stand immer wieder eine Frage im imaginären Raum meiner stillen Gedanken: Warum er? Warum ich nicht? Eine Frage, die heute nur schwer verständlich erscheinen mag. Eine Frage, auf die es keine ‚vernünftige‘ Antwort gibt. Keine Antwort die erträglich ist.

Mitte der 1990er

Irgendwann konnte ich auch meiner eigenen HIV-Infektion nicht mehr so locker umgehen wie zu­vor viele Jahre lang. Ich ging regelmäßig zum Arzt, ließ Werte kontrol­lieren, versuchte halbwegs auf eine gesunde Lebensführung zu achten. Nahm erste Medikamente gegen HIV, als sie verfügbar wurden. Bemühte mich aber, mein ich, mein Sein nicht von HIV bestimmen zu lassen.

Doch das funktionierte  irgendwann nicht mehr. HIV drängte sich noch weiter vor in mein Leben, nahm nun eine zunehmend wichtigere Rolle ein. Ich erkrankte oft, vielfach an ‚harmlosen‘ Dingen, doch zu­nehmend häufiger, schwerer.

Bis mein Körper irgendwann ’nein‘ sagte, nicht mehr wollte. Ich wachte eines Morgens auf, im Krankenhaus, unter Sauerstoff. PcP – eine der Erkrankun­gen, die damals Horror-Gefühle bei jedem Positiven auslösten. Eines der untrüglichen Zeichen: nun ist es soweit.

HIV begann, mein Leben zu dominieren.

1996

„Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Die Worte des Arztes waren eindeutig. Und sie überraschten meinen Mann und nicht, nicht mehr. Zu viel war passiert in den vergangenen Wochen und Monaten. Mein eigener Horizont war immer enger geworden. Reichte nur mit großer Mühe noch über mich, mein kleines beschissenes Leben, das pure Über-Leben bis zum nächsten Morgen hinaus.

Die maximale Eskalationsstufe schien erreicht. HIV hatte sich so massiv in mein Leben gedrängt, das kaum noch Raum für anderes war. HIV hatte mein Leben okkupiert. Zu einhundert Prozent. Es fraß mich auf.

Immer noch 1996

„Es gibt da ein neues Medikament. Noch nicht in Europa zugelassen, aber gute Studiendaten.“ We­nige Wochen später. Der Arzt kann mir zaghaft Hoffnung machen.
Einige Wochen, einige Probleme mit der Krankenkasse, einen Arztwechsel später: plötzlich macht es ‚peng‘. Plötzlich, einige Wochen nachdem ich mit der neuen ‚Kombi‘ begonnen hatte. Eines Tages merkte ich ‚da ist ja doch noch Leben in dir‘. Wachte auf, fühl­te mich. Fühlte mich – ein klein wenig kräftiger. Ein Wort, ein Gedanke, der mir sehr lange nicht mehr gekommen war.

Es war ein kleiner Hoffnungsschimmer – aber er sagte: viel­leicht kannst du doch die Hoheit über dein Leben zurück gewinnen, zumindest für einige Wochen, einige schöne Tage noch.

In den 2000ern

Ein Auf und Ab folgte. Wirken die Pillen? Und wie lange? Wann versagen sie wieder? Trotz aller neuen Hoffnungen, HIV war immer da, ganz vorne im Bewusstsein. Die Drohung des Sterbens war immer präsent.

Mein Leben mit HIV, mit den Pillen ist zu dieser Zeit nicht immer einfach. Die eine Kombi macht so massive Neben­wirkungen, dass ich mich kaum ohne Unterhose zum Wechseln aus dem Haus traue. Die andere führt zu Taubheit an den Füßen, Neuropathien. Irgendwann werden die Arme und Beine immer dün­ner, Löcher schleichen sich ins Gesicht – Lipodystrophie.

Und doch: ich lebe. Und ich lebe zunehmend besser. Lerne mit Neben- und Wechselwirkungen um­zugehen. Therapiewechsel. Irgendwann auch Kombi-Therapien, die ich ruhigen Gewissens als ‚ver­träglich‘ empfinde.

HIV ist noch da, nimmt zuerst weiter einen sehr großen Raum in meinem Leben ein. Aber der Raum wird kleine. Schleichend reduziert sich der Einfluss, den HIV auf mein Leben hat, dem ich ihm gewähren muss.

Und doch – HIV und Aids haben Wunden hinterlassen in mir, die nur sehr langsam heilen (tun sie das?). Schmerzen, die immer wieder aufbrechen. Schaue ich (was ich vermeide) in alte Adressbücher, schreit mich eine Einsamkeit des Zurückgelassenen an. Erinnere ich mich an früher, an Menschen, die ich liebe, mit denen ich mich engagierte, die mich durch mein, durch unsere Leben begleiteten – ist da eine unendliche Traurigkeit. Leere.

2012

Inzwischen, und schon seit einigen Jahren, kann und soll Aids wieder weit weniger Raum in mei­nem Le­ben einnehmen, deutlich weniger. Ja, es gibt noch die täglichen Pillen, die dreimonatigen Arztbesu­che. Gelegentliche Positiventreffen. Meine Site ondamaris.

In meinem Fühlen, in dem was mich persönlich beschäftigt, nimmt Aids hingegen seit Jahren  weni­ger Raum ein. HIV okkupiert nicht mehr mein Leben. Ich versuche, ihm ständig weniger Raum zu­zugestehen. Eine kleine, ganz private ‚Normalisierung‘.
Das Leben ist längst zurück gekehrt, mit all seinen  Freuden, Banalitäten und Alltagssorgen.

HIV – ist noch da, und wird es wohl, so keine Wunder geschehen, auch mein Leben lang bleiben. Aber HIV dominiert nicht mehr mein Leben. Ist ein Teil davon, ein kleiner. Bestimmt es nicht mehr.

Im Gegenteil, in den letzten Jahren verliert es an Bedeutung, für mich, in meinem Leben, wird HIV zunehmend – unwichtiger.

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Was ich mir für die Zukunft wünsche?
Dass HIV und Aids wieder dorthin verschwinden, wo sie hingehören: in die Bedeutungslosigkeit.
Hier, und überall auf der Welt, unabhängig von Industrialisierung oder ‚Wohlstand‘.
Und dass der Weg, die Menschen die diesen Weg gegangen sind, die diesen Weg nicht überlebt ha­ben, erinnert werden.

Alles hat seine Geschichte. Auch Aids.
Geschichten haben für gewöhnlich ein Ende.
Auch die Geschichte von Aids.

Vielen Dank an Ulli, dass ich seinen Gastbeitrag verwenden durfte. Ich habe mich vor allem sehr über die Mischung aus allgemeinen und persönlichen Aspekten gefreut. Meiner Meinung nach sollten viele junge Menschen (zu denen ich mich natürlich auch zähle) diese Worte lesen, um ein bisschen besser zu verstehen, wie schlimm die Anfangszeit war und welche Gefühle damit immer noch verbunden werden. Aber auch diejenigen, die ein „altes Bild“ von HIV haben, sollen verstehen, dass wir sehr viel weiter sind und vieles „einfacher, wenn auch nicht unbedingt einfach“ geworden ist.