„Ich liebe Schwule!“ – Gott im Interview

Gott wird seit vielen Jahrhunderten als Argument für menschenverachtende Positionen herangezogen. Ich habe mit ihm über die Bibel, seine Meinung zu LSBTIQ*, das Verhältnis zum Teufel und die „Ehe für Alle“ gesprochen.

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Gott: „Nehmen Sie dieses Bild, da liegen meine Haare gut…“ (Foto: Christian Anderl)

Ich freue mich sehr, dass Sie Zeit für ein Interview gefunden haben. Zunächst einmal bin ich etwas unsicher, wie ich Sie ansprechen soll?

Ich habe vollstes Verständnis für Ihre Verunsicherung. Es liegt sicherlich auch an meinen vielen Bezeichnungen, die in der Welt kursieren. Das war auch alles ein großes Missverständnis, denn irgendjemand hat einfach den Namen meines Grindrprofils („Allah“, Anmerkung der Redaktion) in Umlauf gebracht. Ich hatte ihn gewählt, um anonym zu bleiben. Da ich aber unvorsichtig handelte und sehr schnell Facepics verschickte, war ich dies natürlich nicht lange. Die Szene ist ein Dorf. Das spricht sich schnell rum. Nennen Sie mich einfach Gott.

Kommen wir zu einem Thema, welches alle brennend interessieren dürfte. Viele behaupten „Gott hasst Schwule!“. Jetzt, wo ich Sie hier vor mir habe, möchte ich die Chance nutzen, um zu erfahren, ob da etwas dran ist.

Was? Nein! Ich liebe Schwule! Hat nicht einer von denen das Haargel erfunden? Ich starte direkt eine Petition im Internet, um einen bundesweiten Feiertag für diese wichtige Leistung einzuführen. Übrigens gilt meine Liebe auch lesbischen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen. Das ist hier doch ein vielfältiger Blog, oder? Also bitte auch alle mitdenken!

Entschuldigung, ich hatte vermutet sie mit dem LSBTIQ*-Buchstabenkürzel zu überfordern!

Wieso das denn? Ich habe sie doch alle gemacht! Viel schlimmer finde ich Parteienkürzel, die nicht halten was sie versprechen. Schreibt nicht christlich drauf, wo es nicht drin ist. Ich lasse mich ungern als Feigenblatt benutzen.

Ihre Einstellung überrascht mich. Schließlich findet man in der Bibel schon ein paar Stellen, die eine Abneigung gegenüber LSBTIQ* vermuten lassen könnten.

Bibel? Das sagt mir nichts! Nennen Sie mir bitte eine entsprechende Stelle aus dem Buch.

Da wäre zum Beispiel diese hier: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel.“

Wer hat das denn geschrieben? Klingt wie jemand, der sich schwer mit Twitter tut und nicht adäquat in 140 Zeichen auszudrücken weiß. Keine Buchempfehlung von mir. Die Menschen sollten bei J. K. Rowling und Stephen King bleiben. Das ist wenigstens unterhaltsame Fiktion.

Wo wir gerade von Feiertagen sprachen. Es ist kein klassischer Feiertag, aber wenn ich sie richtig verstehe, dann haben Sie demnach auch nichts gegen den CSD?

Auf gar keinen Fall! Der kommt auf meiner Favoritenliste direkt nach Liza Minelli und den Golden Girls.

Es ist Ihnen auch nicht zu viel Nacktheit, Party und Sex?

Himmel nein, ich habe euch doch nicht gemacht, damit ihr euch wie Heteros benehmt. Wobei die ja zum Glück auch immer häufiger ihre strengen Vorgaben zu Sexualität und Beziehungen überdenken. Vergeht ja kaum ein Tag, an dem kein Artikel dazu auf ze.tt oder bento veröffentlicht wird. Die sind doch repräsentativ, oder?

Das ist toll. Könnten Sie dies auch Ihren Anhänger*innen vermitteln?

Wissen Sie, dass probiere ich seit Ewigkeiten. Wir hatten ja früher nüschts. Leider auch keine Medizinkenntnisse, weshalb sie in meinen Jugendjahren noch sehr fehleranfällig war. Seit einer Mandeloperation leide ich an einem Sprachfehler und werde öfter falsch verstanden. Es stimmt, ich spreche zu den Menschen. Jedoch sagte ich „Homosexualität ist Freude pur…“ und nicht „Homosexualität ist gegen die Natur…“, wie so viele behaupten.

Hoffentlich lesen das hier dann die richtigen Menschen!

Das hoffe ich auch. In der Vergangenheit schrieb ich bereits diverse Verlage an, um meine frohe Botschaft unter die Leute zu bringen. Aber als „Gott“ erhalte ich nie eine Antwort auf meine Manuskripteinsendungen. Wahrscheinlich nimmt mich keiner ernst, weil es für ein Pseudonym gehalten wird. Wenn ich allerdings unter anderem Namen veröffentliche, dann nehmen dies wiederum die Glaubensgemeinschaften nicht ernst. Die sagen ja immer „Gott steht über allem“. Dabei bin ich gar kein Top, sondern Versatile Bottom. Es ist ein Teufelskreis.

Gibt es diesen Teufel eigentlich?

Klar, aber auch er kämpft mit Vorurteilen. Gut, ich habe nach unserer Trennung etwas schlecht über ihn geredet, vielleicht auch die ein oder andere Lüge über seine Penislänge verbreitet. So sind Tunten halt. Allerdings können wir heute wieder normal miteinander umgehen.

Das ist schön zu hören. Möchten Sie zum Abschluss noch eine Botschaft an die Leute richten?

Ich würde lieber eine Frage stellen. Da mir der Sinn von Selbstkasteiung ja noch nie so richtig klar war, würde ich gerne wissen, warum Sie diese „Ehe für Alle“ wollen? Aber eigentlich kann es mir ja egal sein, wenn Sie sich in dasselbe Unglück stürzen wie die heterosexuelle Mehrheit. Meinen Segen dafür haben Sie!

Vielen Dank für das Gespräch!

Anderes Interview: „HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

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Kampagnenstart: “Offene Rechnung: § 175 StGB. Wir kämpfen um Rehabilitation.“ | BISS im Interview

BISS ist der „bissige“ Name für die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren. Der Verein steht für eine selbstbewusste Generation an älteren schwulen Männern. Ich habe mit Vorstandsmitglied Wolfgang Vorhagen über Vereinsgründung, politische Ziele, die heute startende Kampagne „Offene Rechnung: §175 StGB“, und die Community gesprochen, in der das Thema „Älter werden“ oft Tabu ist und Stoff für Stigmatisierung bietet.

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Lieber Wolfgang, die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) vertritt, wie der Name schon sagt, die ältere Generation. Selbst ist BISS allerdings noch sehr jung. Am 1. Juni 2016 feiert der Verein sein 1-jähriges. Wie kam es hierzu?

Seit 2011 führt die Akademie Waldschlösschen, zusammen mit der Schwulenberatung und finanziert über die Deutsche AIDS-Hilfe, jährlich das bundesweite Treffen der Gruppen von schwulen Männern 50 + („Wir haben noch viel Saft…“) durch. Da gibt es inzwischen eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppen älterer Schwuler in Deutschland, die sich nun zunehmend auch vernetzen. Und aus diesem Treffen heraus ist die Idee gekommen, einen Bundesverband älterer Schwuler zu gründen. Schließlich sind wir die erste Generation schwuler Männer (und auch lesbischer Frauen), die selbstbewusst ihre Homosexualität lebt – und dies soll auch im Alter so bleiben.

Musstet ihr vor der Gründung die berühmten dicken Bretter bohren, um ausreichend Unterstützung zu bekommen oder seid ihr in Politik und Community sofort auf offene Ohren und Türen gestoßen?

Die Politik – v.a. das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend – hat sofort bei unserem ersten Besuch in Berlin sehr positiv reagier. Bei unserer Gründungsveranstaltung am 1. Juli letzten Jahres in Frankfurt/Main bekamen wir von dem zuständigen Staatssekretär Dr. Kleindiek gleich eine finanzielle Unterstützung noch für das 2. Halbjahr 2015 zugesagt, sodass wir zügig mit unserer Arbeit loslegen konnten. In der Community hat die Gründung von BISS ebenfalls einiges an Aufmerksamkeit erzeugt, allerdings glaube ich, dass es da noch viel zu tun gibt, um das „Angstthema Älterwerden“ offensiv anzugehen, der gar nicht so seltenen Diskriminierung von älteren Schwulen in der Szene entgegen zuwirken und z.B. deutlich zu machen, unter welchen Bedingungen die heutige Generation schwuler Männer über 60 ihr Coming out bewerkstelligen musste. Das gehört mit zur Geschichte der 2. Schwulenbewegung dazu, die ein Teil der heute über 60-70-jährigen Schwulen initiiert hat.

Bevor ich die Interviewfragen zusammenstelle, spreche ich mit Freund*innen über die Themen und Gesprächspartner. Gerade meine heterosexuellen Bekanntschaften haben oft gesagt, dass sie nicht wissen, wie sinnvoll eine explizit homosexuelle Seniorenvertretung ist, da wir aus ihrer Sicht – egal ob homo oder hetero – doch alle gleich seien. Eine Haltung, die der LGBTIQ*-Community an vielen Stellen entgegenschlägt. Welche Rolle spielt die Unterscheidung der sexuellen Identität und sind unter euren Bündnispartnern auch Organisationen für Senioren im Allgemeinen?

Dass alle gleich sind, egal welche sexuellen Lebensstile bevorzugt werden, ist Unsinn. Wir leben in einer heteronormativen Gesellschaft, in der es bis heute noch lange nicht selbstverständlich ist, z.B. schwul oder lesbisch zu sein. Und das betrifft natürlich auch den Bereich der Altenpflege. Es gibt etliche Berichte von älteren schwulen Paaren oder auch Singles über Diskriminierungserfahrungen in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Bei vielen Mitarbeiter_innen ist das Thema noch nicht wirklich im Bewusstsein und auch hier ist für BISS noch einiges zu tun. Wir haben inzwischen auch mit den Wohlfahrtsverbänden Kontakt aufgenommen, die ja neben den Kirchen viele Einrichtungen für ältere Menschen betreiben. Großes Interesse auf Zusammenarbeit zeigt sich auch bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO).

Viele Menschen innerhalb eures Vereins kommen aus der Zeit, in der die Aids-Krise stattfand. Damals haben sich viele Gruppen (Schwule, Frauen, Drogengebrauchende Menschen etc.) zusammengetan, um gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen und Erkrankte zu unterstützen. Wie sieht das bei euch aus? Habt ihr bzw. sucht ihr nach Bündnissen mit Partner*innen, die auf den ersten Blick nicht viel mit euch gemeinsam haben?

Zunächst einmal ist Aids natürlich ein Thema bei BISS, denn es stimmt, dass viele von uns älteren Schwulen die Aids-Krise von Beginn an erlebt haben, ja z.T. traumatisiert wurden. Entweder durch die heftigen Erkrankungen, die sie selbst erlitten haben und natürlich durch den Verlust von Freunden und Wegbegleitern. Und da hat es in der Tat Bündnisse gegeben, die bis heute beispielhaft sind (z.B. Drogengebraucher*innen, Sexarbeiter*innen etc.). Wichtig ist, dass, so unterschiedlich die Lebenswelten sein mögen, es um einen gemeinsamen Nenner geht – politisch wie gesellschaftlich. Und da spielen die Organisationen und Selbsthilfegruppen, die es im Altenbereich gibt, eine wichtige Rolle, von bundesweiten Vernetzungen und Vertretungen wie Wohlfahrtsverbänden und Senioren-Organisationen bis hin zu Stadtteilarbeit in Altenselbsthilfegruppen. Das wird ja schon von regionalen Gruppen von älteren Schwulen seit längerer Zeit gemacht. Mitmischen und sichtbar sein ist die Devise – nur so verändert sich auch die Situation älterer Schwuler und Lesben.

Mir würden natürlich auch viele spezielle Dinge einfallen, die ich mit einem Leben als schwuler Senior verbinde. Ihr beschäftigt euch also sicher mit einer großen Bandbreite an Inhalten. Hat eure Arbeit dennoch besondere Schwerpunkte und wie sehen diese aus?

Die regionalen Gruppen, die ja bereits vor der Gründung von BISS existierten und die ja auch wichtige Impulse zur Gründung geliefert haben, dienen ja schon der Vernetzung vor Ort, aber auch darüber hinaus. Strukturen zu stärken, Neugründungen  von Initiativen und Gruppen vor Ort zu unterstützen, z.B. auch durch bundesweite Treffen und Fachtagungen – das ist ein wichtiger Aufgabenbereich von BISS. Politisch und gesellschaftlich für altersgerechte Wohnformen für Schwule einzutreten ist ein weiterer Aufgabenbereich, was u.a. bedeutet, hier zur Diskussion einzuladen und Ansätze vor Ort zu unterstützen. Bei allem geht es um gesellschaftliche Teilhabe und politische Partizipation. Des Weiteren geht es darum, die Geschichte und Lebenssituation älterer Schwuler nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und uns für die Wiedergutmachung der Opfer des § 175 einzusetzen.

Jährlich findet am 17. Mai der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie statt. Das Datum wurde zur Erinnerung an den 17. Mai 1990 gewählt, als die Weltgesundheitsorganisation beschloss, Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen. Hat diese Bezeichnung – die sicher auch gesellschaftlichem Klima entsprach, von dem vor allem die ältere Generation betroffen war – trotz ihrer Streichung noch bis in die heutige Zeit spürbare Nachwirkungen?

Es leben heute noch viele schwule Männer und lesbische Frauen unserer Generation versteckt, die die Zeiten der gesellschaftlichen Kriminalisierung, Diskriminierung und des Makels Homosexualität als Krankheit erlebt und verinnerlicht haben. Ihre Biografie ist eine gebrochene, geprägt von Selbsthass und einem heimlichen und oft reduzierten Sexleben. Mit wurde das vor kurzem wieder am Rande eines Seminars hier im Waldschlösschen deutlich, in dem ein älterer schwuler Mann mir seine Geschichte erzählte mit Scheinheirat, einem heimlichen  und nur marginal praktizierten Sexleben, Selbstmordversuchen und einer nur ganz langsamen Versöhnung mit seiner Homosexualität. Aber vor dem Hintergrund der Brüchigkeit gesellschaftlicher Toleranz und Akzeptanz sind auch junge Schwule und Lesben vor der Selbststigmatisierung noch keineswegs gefeit.

Da Du auch das Sexleben ansprichst. Ihr plädiert dafür, auch mit einem Blick in die Vergangenheit, den Begriff der sexuellen Vielfalt zu nutzen, statt ihn – wie es der CSD Deutschland vorschlug – durch menschliche Vielfalt zu ersetzen. Was würde aus eurer Sicht verloren gehen, wenn dies sich ändert?

Da kann ich nur aus einer unserer Stellungnahmen zitieren: „Wenn „sexuelle Vielfalt“ durch „menschliche Vielfalt“ ersetzt wird, wird die Sexualität von Schwulen und Lesben wieder ins Private zurückgedrängt.“ Und genau da wollen uns u.a. konservative und rechtspopulistische gesellschaftliche Kräfte wie z.B. die sog. „besorgten Eltern“, AfD etc. haben. Sexualität(en) sind aber auch politisch, immer dann, wenn sie gegen den gesellschaftlichen Mainstream gelebt werden und Anfeindungen unterworfen sind, gegen die es gilt, sich zur Wehr zu setzen. Sexuelle Vielfalt muss sich öffentlich zeigen und auch so benannt werden, nur dann findet ein gesellschaftlicher Diskurs statt, ansonsten haben wir verloren! „Die menschliche Sexualität in ihrer lebendigen Vielfalt bleibt das identitätsstiftende Merkmal unserer Community“.

Du hast eben als Schwerpunkt von der Thematik rund um den § 175 gesprochen. Er ermöglichte die strafrechtliche Verfolgung von Schwulen und wurde erst 1994 vollständig gestrichen. Zuletzt fand in Berlin ein von euch organisiertes Hearing mit Politik und Verbänden zum Thema statt. Dieses hatte zum Ziel, eine gemeinsame politische Vorgehensweise zur Aufhebung der Urteile nach 1945 zu entwerfen. Kannst Du uns kurz sagen, welche Ergebnisse oder zumindest Pläne für weitere Schritte es gab?

Es hat sich ein Facharbeitskreis aus dem Hearing von BISS Anfang des Jahres gebildet, der mit Unterstützung von Politikern (parteiübergreifend), dem LSVD, der Deutschen AIDS-Hilfe, der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und anderen Akteur*innen nun sehr gezielt unter dem Motto “Offene Rechnung: § 175“ weitere Schritte und politische Strategien diskutieren und umsetzen will, um möglichst zeitnah eine Aufhebung der Urteile nach § 175 StGB nach 1945 und damit eine Rehabilitierung der noch lebenden Betroffenen zu erreichen, die ja inzwischen in hohem Alter sind. Am 11. April fand bereits ein weiteres Treffen in Berlin statt.

Das Thema Rehabilitation von Opfern und Verurteilten des §175 bewegt mich auch persönlich. Gleichzeitig bemerke ich, dass viele junge, als auch ältere Menschen, sich nicht damit beschäftigen. Wandel findet leichter statt, wenn er von einer breiten Masse mitgetragen wird. Habt ihr Strategien, um die Solidarität mit dieser wichtigen politischen Forderung in der Community zu verstärken?

Sicher ist das Thema nicht besonders „sexy“ und es ist nicht einfach, die Verdrängungsmechanismen, die es auch in der Community gibt, zu durchbrechen. Schließlich scheint es uns heute doch fast allen gut zu gehen, warum sich also mit einem Thema aus der dunklen Vergangenheit beschäftigen. Schaut man sich allein das Familienbild der AfD an, die Reaktionen der sogenannten besorgten Eltern auf das Thema „sexuelle Vielfalt“ im Sexualkundeunterricht oder Medienkampagnen aus dem konservativen Lager, dann müsste es Schwulen und Lesben dämmern, das wir uns mit unseren gesellschaftlichen Gleichstellungsbestrebungen auch weiterhin auf brüchigem Eise befinden. Unter anderem das kann auch ein Bewusstsein schaffen für die Geschichte von Unterdrückung und Kriminalisierung von Schwulen in der Vergangenheit. Die Strategie heißt vor allem Informieren, vor Ort Veranstaltungen zu diesem Thema machen, in Medien präsent zu sein, auf den CSDs mit diesem Thema zu erscheinen und die Community über unsere weitere Arbeit zu informieren. Du siehst, es liegt noch viel Arbeit vor uns!

Umso schöner, dass unter anderem ihr sie so kraftvoll angeht! Wolfgang, ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Euch weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit mit BISS.

Zu meinem letzten Interview: „HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!
Zur Kampagnenwebsite „Offene Rechnung: § 175 StGB“: http://www.offene-rechnung.org/
BISS Website: http://schwuleundalter.de/
BISS auf Facebook: https://www.facebook.com/schwuleundalter

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

„HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

Die beiden schwulen Socken „Socke und Schuss“ haben ihre eigene Facebookseite, auf der sie aus ihrem Leben berichten und häufig Sex, HIV und Szenegeschehen thematisieren. Ich habe mit ihnen über ihr Dasein zwischen Waschgängen und Sexabenteuern gesprochen.Socke und Schuss

Ihr beiden habt euch während eines Waschgangs kennengelernt. Sockes Partner erging es wie vielen anderen von eurer Art: Er verschwand einfach in der Waschmaschine. Nun führt ihr eine Zweckgemeinschaft. Ich stelle mir das als ein Art Waschtrauma vor. Habt ihr keine Angst, dass sich diese Geschichte wiederholt und einer verloren geht?

Socke: Da sagst du was Marcel. Schwule Jungs und Männer und auch wir als schwule Socken, haben ja manchmal besonders Angst jemanden zu verlieren und wieder alleine durch’s Leben zu müssen!

Schuss: Ja, aber dafür haben wir uns ja nun einen Sockenschuss zugelegt. Kennste oder? Das is ‘ne Pistole, die uns beiden mit einem kleinen Faden aneinander heftet. Also „Safer Wasch“ in der Maschine sozusagen!

Wenn man die Steckbriefe zu euch auf eurer Website liest, bekommt man schnell den Eindruck, dass ihr sehr verschieden seid. Nun heißt es ja auch, dass sich Gegensätze anziehen. Bereichern Unterschiedlichkeiten eure Beziehung?

Schuss: Also ich bin schon eher der dominantere Typ, auch nach dem Waschgang.

Socke: Mir kommt das entgegen, ich lasse mich gerne mal einfach fallen und auf links krempeln! Von daher sind unsere unterschiedlichen Rollen beim Sex SEHR bereichernd und anregend.

Socke hat eine positive HIV-Diagnose bekommen. Was hat sich dadurch für Dich verändert? Und wie stand Dir dabei Schuss zur Seite?

Socke: Um ehrlich zu sein, standen wir irgendwann vor der Entscheidung, ob wir unsere Beziehung öffnen wollen. Wir haben uns entschieden es zu tun, um unsere Auswärtsspiele entspannter genießen zu können. Und bei ‘ner schnellen Nummer im Darkroom können Schwanz und Gehirn auf Sex, anstatt auf Kommunikation schalten.
Das Testergebnis fühlte sich trotzdem wie ‘ne kalte Dusche an, aber Schuss hat mir geholfen und sozusagen den Schonwaschgang eingestellt. Erstmal alles sortieren, miteinander reden und das Wichtigste, er steht zu mir. Weil ich offen mit meiner HIV-Infektion umgegangen bin, habe ich das Gefühl, dass wir seitdem auch offener über Wünsche und Bedürfnisse reden können.

Wenn ich Menschen von meinem HIV-Status erzähle, dann höre ich oft, dass sich viele gar nicht trauen zum Test zu gehen. Einerseits, weil es ihnen unangenehm ist mit dem oder der Berater*in über die Thematik zu sprechen. Anderseits aber auch, weil sie Angst vor dem Ergebnis haben. Was würdet ihr diesen Personen raten?

Socke: Wir haben in unserem kleinen virtuellen zu Hause ja eine ganze Reihe von tollen Anlaufstellen gesammelt, wo man sich auf HIV und auch andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen kann. Da sitzen gut ausgebildete ehren- und hauptamtliche schwule Männer, die praktisch alles schon mal gehört haben, was sich im Bereich zwischen Socken und Kopf bei Männern abspielen kann. Also keine Sorge!

Schuss: Eins steht fest, je schneller man sein positives Testergebnis weiß, umso schneller wird man handlungsfähig und kann auf die Infektion reagieren! Das ist bei den guten Therapiemöglichkeiten heutzutage durchaus wichtig geworden.

Was ist denn für euch der größte Benefit der HIV-Therapie?

Schuss: Seit Socke unter der Nachweisgrenze ist, benutzen wir keine Kondome mehr. Denn wir wissen, dass diese geringe Viruslast eine Ansteckung verhindert: Hier ein guter Link!.

Socke: Die Pillen ermöglichen mir im Endeffekt ein genauso langes Leben, wie allen anderen Socken, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen sind.

Auf Facebook teilt ihr Gedanken zum Jahreswechsel, zur LSBTIQ*-Szene, informiert über Depressionen und andere psychische Erkrankungen oder verleiht Auszeichnungen an Szenelokalitäten. Ist euch die Mischung an Themen wichtig und wenn ja warum?

Schuss: Gut recherchiert! Wir lieben aufmerksame Follower!

Socke: Die Mischung macht‘s halt! Wer hat schon nur weiße Socken im Schrank. Die Szene ist bunt, es gibt einiges rund um Sexualität zu erzählen und wir wollen auf schwule Lebenswelten aufmerksam machen.

Wie kriegt ihr diese Offenheit hin, was Themen zu Liebe und Sex angeht?

Schuss: Offenheit? Bei uns wird jedes offene Loch sofort gestopft!

Socke: OMG! Ich würde es eher so ausdrücken: Nur wer spricht, dem kann geholfen werden. Wir haben immer öfter das Gefühl, dass in der Szene weniger kommuniziert wird. Wir wünschen uns den Dialog zwischen den Generationen, einen Kampf für gleiche Rechte, der aber nicht auf Kosten derer stattfinden kann, die anders sind und dies auch bleiben wollen. Das wir in einem Land leben, in dem man mittlerweile offen über sexuelle Identitäten reden kann, ist etwas, das wir uns nicht nehmen lassen werden. Denn da gibt es ja immer wieder Menschen und auch ein paar faule Socken, die uns das streitig machen wollen.

Wenn es um Sex geht, dann geht es ja auch um Fragen zu Vorlieben. Mich stört es, wenn andere in sozialen Netzwerken als „zu tuntig, fett, alt“ oder für ihre Fetische abgewertet werden. Wie ist eure Haltung dazu?

Schuss: Fetische und Kinks sind geilst, soll doch jeder das machen, worauf er Lust hat, so lange es beiden oder wie vielen auch immer Spaß macht.

Socke: Ich denke, die Abgrenzung zu Tunten, dickeren Menschen oder Männern mit Bart, Brille oder was sonst noch alles nicht gemocht werden könnte, hat viel mit einer vermeintlich eigenen Aufwertung zu tun. Mit dem Finger auf andere zeigen, lenkt von eigenen Schwächen ab. Aber das ist jedenfalls kein Thema für einen Kurzwaschgang!

Da habt ihr Recht. Wenn man eure Beiträge weiterhin verfolgt, wird man ja immer wieder auf eure Haltung dazu stoßen. Welche weiteren Themen haltet ihr für – gerade in der Szene – zu wenig diskutiert, obwohl sie eigentlich häufig vorkommen?

Schuss: Als ich mich mit der HIV-Infektion von Socke auseinander gesetzt habe, ist mir eigentlich erst da bewusst geworden, wie sehr Positive nach wie vor ausgegrenzt und abgewertet werden. Sie verschweigen die Infektion immer noch häufig im Bekannten- und Freundeskreis und auch die Familie weiß oft nicht Bescheid. Selbst in der Szene, wo jeder „einen“ kennt, der „einen“ kennt, halten sich Tabus hartnäckig.

Socke: HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat. Nach ganz vielen Jahren der Information und Auseinandersetzung mit dem Thema ist es überraschend, dass diese Mischung nach wie vor Gründe für Stigmatisierung liefern kann.

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Reaktionen freundlich sind. Was macht ihr, wenn jemand sich homophob äußert oder zum Beispiel Socke wegen seiner Infektion angreift? Ignorieren, in den Dialog gehen oder Konversation durch blocken unterbinden?

Socke: Den Dialog zu führen, ist immer noch genauso wichtig wie vor dreißig Jahren, wenn auch zu anderen Themen, die unsere Szene aktuell bewegen. Geblockt werden bei uns Trolle und Nutzer, die Hetze gegen Minderheiten mit Meinungsfreiheit verwechseln. Das kam zum Glück so gut, wie nie vor. Wir finden unsere Fans ein wenig vergleichbar mit Buntwaschmittel. Sie sind bunt in der Zusammensetzung und dürfen uns in Diskussionen und Kommentaren gerne den Kopf waschen, aber nicht zu heiß, dann schalten wir wirklich auf Schonwaschgang oder einfach aus.

Schuss: Word!

Zum Abschluss eine lockere Frage: Ist der Sebi von „Kasalla“ in real genauso süß, wie er in eurem Interview aussieht? Habt ihr seine Nummer? Frage für einen Freund!

Schuss: Ich sage dir eins, mir qualmte bei dem Interview nicht nur die Socke!

Socke: Schuss! A propos Schuss, der Sebi ist wirklich einer!

So ihr beiden, ich muss mich jetzt auf die Socken machen. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin Erfolg!

Socke und Schuss ist ein Präventionsprojekt von Herzenslust NRW, dass sich an Schwule und Männer, die Sex mit Männern haben richtet.
Facebookseite von Socke und Schuss: https://bit.ly/SockeUndSchuss
Website von Socke und Schuss: https://sockeundschuss.de

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

Gedanken an Markus Volk (* 21 .Februar 1980; † 27. November 2012) – Gastbeitrag

Markus Volk war gemeinsam mit mir Kampagnenmitglied bei „Ich weiss was ich tu“ und Botschafter des Welt-Aids-Tages der Kampagne „Positiv zusammen leben – Aber sicher!“ – Kurz vor dem Weltaidstag, am 27. November 2012, ist er an Krebs verstorben. Ein paar Gedanken von Kay Bohlen, der 2010 gemeinsam mit Markus in der Welt-Aids-Tag-Kampagne agierte und sein Botschafterkollege war.

Markus vor seinem Plakat zum Welt-Aids-Tag

Markus vor seinem Plakat zum Welt-Aids-Tag

Im Sommer 2010 lernte ich Botschafter Markus in der Berliner Aidshilfe kennen, wo die erste Vorbesprechung zur neuen Kampagne „Positiv zusammen leben…aber sicher!“ stattfand. Ein quirliger junger Mensch, der kein Blatt vor den Mund nahm und immer sagte, was er dachte. Begleitet wurde er von zwei Freunden, die mit ihm zusammen auf den Welt-Aids-Tag-Plakaten 2010 erscheinen sollten. Alle Botschafter/Innen lebten in unterschiedlichen Bundesländern, so dass mir die Idee kam, einen E-Mail-Verteiler einzurichten, damit der Informationsfluss untereinander geregelt werden konnte. Und wer wollte, konnte über die Kampagne hinaus in Kontakt bleiben.

Von Zeit zu Zeit sprach ich mit Markus am Telefon über die Erfahrungen mit der Presse, mit Arbeitskolleg/Innen und Freunden. Für uns war klar: die Kampagne hatte uns ein großes Stück weitergebracht, selbstbewusst mit HIV in der Öffentlichkeit zu leben.

Stets nach dem Motto „Nach dem Welt-Aids-Tag ist vor dem Welt-Aids-Tag“ rauschte 2010 an uns vorbei und eine neue Liga von Botschafter/Innen war für 2011 in der Kampagne aktiv. Ich blieb dabei und auch Markus bekundete mit Wohlwollen sein weiteres Engagement für 2011.

Doch im Sommer 2011 erhielt ich einen Anruf und Markus berichtete, man habe bei ihm Magenkrebs diagnostiziert. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung mit einer Krebserkrankung vor vielen Jahren konnte ich mir in Ansätzen vorstellen, was nun auf den jungen Mann zukommen würde. Markus war gefasst und er war hoffnungsvoll. Er wollte die Krankheit angehen und besiegen. Wir telefonierten regelmäßig. Er erzählte von den Operationen, der Chemotherapie und den etlichen Komplikationen, die immer wieder auftraten. Doch nie klang Markus verzagt oder unsicher, ob er die Krankheit überstehen könnte. Es gab Hoffnung und an die glaubte er – an die glaubte ich. Zunächst.

Als er dann zum Jahresende 2011 wieder einige Wochen ins Krankenhaus musste, hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, die ganze Geschichte könnte wesentlich ernster verlaufen als zuerst vermutet. Die Wochen vergingen und die Abstände unserer Telefonate wurden zunehmend größer.

Im Juni 2012 rief mich Markus an nachdem er kurz zuvor erfahren hatte, er sei austherapiert und der Krebs sei unheilbar. Er sprach völlig klar, gefasst und in keinster Weise verbittert oder verzweifelt. Im Gegenteil: Markus machte bereits Pläne, wie er seine verbleibende Lebenszeit gestalten würde. Mindestens zwei Reisen wollte er noch unternehmen. Euro Disney und vielleicht Gran Canaria. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt einen dieser Trips noch realisieren konnte, höchstwahrscheinlich nicht. Jedenfalls wurde mir bei diesem Telefonat klar, dass ich Markus noch einmal sehen wollte und sprach diesen Wunsch aus. Zu meiner Freude stimmte er einem Besuch zu und freute sich darauf, seinen Botschafterkollegen aus dem Ruhrgebiet wieder zu sehen.

Wir verabredeten uns für den 21. Juni 2012 gegen Mittag. Sommeranfang. Ein wenig mulmig war mir zumute, als ich morgens in den Zug stieg, weil ich nicht genau wusste, was mich in Frankfurt erwarten würde. Auch wenn ich selbst den Krebs erlebt habe und auch schon viele nahestehende Menschen daran habe sterben sehen, so war dieses Treffen mit Markus von einer besonderen und anderen Art. Ich kam in seiner Wohnung an und er war fröhlich, jedoch sichtlich durch die vielen Therapien gezeichnet. Schließlich hatte ich Markus als etwas pummelig kennengelernt. Jetzt war er dürr und blass und ich suchte vergeblich die Ähnlichkeit zu seinem ehemaligen Äußeren, mit dem er sich so erfolgreich in der Kampagne präsentiert hatte.

Aber seine Quirligkeit, seine manchmal divaesken Ausbrüche – die hatte Markus noch. Und er strahlte auch eine unfassbare Transparenz aus, eine Klarheit und Stärke, wie ich sie zuvor noch bei keinem Menschen erlebt hatte. Die folgenden fünf Stunden saßen wir beieinander und sprachen über all die Dinge, die einen beschäftigen, wenn man nicht mehr viel Lebenszeit übrig hat. Wir ließen die Kampagnenzeit Revue passieren. Und wir lachten viel, aßen Eis und gingen mit seiner Hündin spazieren. Hin und wieder klingelte das Telefon und als Markus mit einem Bestatter sprach, um seine Urne zu „bestellen“, war ich tief beeindruckt. Er sagte wortwörtlich „Guten Tag, mein Name ist Volk und ich hätte gerne eine Regebogen-Urne. Die bekommt man doch bei Ihnen? Die soll für eine Beerdigung sein…für meine Beerdigung.“ Für mich klang das Ganze wie in einem Film. Er war so direkt und klar und kam ohne Umschweife zur Sache. Diese scheinbare Kompromisslosigkeit ist eine der tollen Charaktereigenschaften, die ich immer in guter Erinnerung behalten werde.

Meine Besuchszeit war begrenzt, denn Markus war am späten Nachmittag mit Freunden verabredet. Die Freunde, bei denen er das letzte halbe Jahr bis zu seinem Tod gelebt hat. Wir verabschiedeten uns an einer U-Bahnstation und Markus sagte „Es wäre schön, wenn wir uns nochmal sehen würden.“ Ich nahm mir das zu Herzen und hoffte, es könne tatsächlich erneut zu einem Treffen kommen.

Es kam anders. Markus musste wieder ins Krankenhaus und erneut operiert werden. Danach wurde er auf eine Schmerzmedikation eingestellt, die ihm die verbleibende Zeit erträglich machen sollte. Wir telefonierten seltener miteinander. Gelegentlich schrieb ich eine SMS. In der Zwischenzeit hatte Markus seine eigene Wohnung aufgelöst und zog zu seinen besten Freunden, bei denen er bis zu seinem Tod blieb. Ein erneutes Treffen hatte er mit mir für den 22. August 2012 verabredet. Der Tumor in seinem Magen und die Schmerztherapie hatten ihn aber schon so geschwächt, dass er diesen Termin absagen musste. Darauf war ich eingestellt und irgendwie hatte ich im Juni bereits geahnt, dass wir uns nicht wiedersehen würden.

Am 15. Oktober bekam ich im Urlaub die letzte SMS von Markus. Einen Monat danach wurden Textnachrichten von seinen Freunden beantwortet, denn Markus wünschte sich Ruhe und ließ nicht mehr viele Menschen an sich heran, schlief viel.

Umso tröstlicher ist es heute zu wissen, dass seine besten Freunde an seiner Seite waren und seine Hand hielten während er starb. Genau so und nicht anders hatte es sich Markus gewünscht. Er war mit sich und der Welt im Reinen. Ein 32 Jahre junger Mann, der einen Großteil seiner Zeit in die HIV Prävention investiert hat. Blickt man heute auf sein Plakatmotiv von 2010 und liest dort „Ich habe HIV. Und mich zum Glück getraut, es meinen Freunden zu sagen.“ tröstet es mich, dass seine besten Freunde an seiner Seite waren, als er seinen letzten Atemzug machte. Ich bin dankbar, ein Stück seines Lebens- und Leidensweges begleitend mitgegangen zu sein.

Wir zeigen in der Kampagne „Positiv zusammen leben, aber sicher!“ immer wieder Menschen, die gut mit HIV leben und die es geschafft haben, sich mit ihrer Infektion auseinanderzusetzen und vor allen Dingen durchzusetzen. Markus war so ein Mensch. Auch wenn heute oft über das „neue Aids“ gesprochen wird, das kein Todesurteil mehr ist, zeigt der Tod von Markus, dass hinter den Kulissen einer Kampagne Schicksale passieren, die vom Schrecken HIV/Aids bestimmt sind. Und das motiviert uns Hinterbliebene, weiterzumachen…

Lieber Markus: Danke, dass du bei uns warst. Auf Wiedersehen, du tolle Seele!

Dein Botschafterkollege Kay

Ursprünglich hat Kay diesen Nachruf für die offizielle Seite zum Welt-Aids-Tag geschrieben, man findet ihn nun dort, wenn man in der Botschaftergalerie auf das Profil von Markus klickt: https://www.welt-aids-tag.de/werdebotschafter/index.php

DANKE Homo-Hasser! DANKE liebe AIDS-Hilfe! (Gastbeitrag)

Heute hat mir jemand, der in Wolfsburg lebt, einen Kommentar über seine Gedanken – zu der Stadt aus der er kommt, den Positiven Begegnungen und der Gewaltattacke der vergangenen Samstag Nacht – zukommen lassen. Vielen Dank, dass ich diese Worte als Gastbeitrag verwenden darf!

DANKE Homo-Hasser! DANKE liebe AIDS-Hilfe!

(Ein zynischer, offenherziger, emotionaler und ehrlicher Kommentar)

Hier in Wolfsburg war es noch nie ein leichtes Pflaster für Schwule und Lesben. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es gibt keine Szene wo man sich trifft. Wagt man es, sich herzlich mit einer Umarmung zu begrüßen, hört mans schnell am ZOB aus den Ecken rufen: „Ey! SCHWUCHTEL!“. Beim Spazieren um den Allersee zieht man besser keine modischen Klamotten oder gar enge Jeans an, die einen also Homo outen könnten, sonst ist man schnell gezwungen, einen Schritt schneller zu gehen um den zwielichtigen, pöbelnden Gruppen zu entgehen.

Umso interessanter fand ich, Wolfsburg als Wahl zum Konferenzort der gesamten Deutschen AIDS-Hilfe zu machen. Denn hier gibt es nicht einmal einen CSD. Schwul und lesbisch ist man hier nicht. Der intellektuelle Homo wählt zwischen offenem Outing oder Karriere innerhalb der Volkswagen-Hierarchie. Kaum einer ist bereit, die Nachteile für ein offenes Outing in Kauf zu nehmen. Aber eins ist man hier in Wolfsburg ganz sicher nicht: Krank oder gar HIV positiv!

Aha! Eine Konferenz also! Danke AIDS Hilfe!

Ich möchte mich bei der gesamten Deutschen AIDS-Hilfe bedanken, dass ihr es in das große Industriedorf Wolfsburg geschafft habt, sowie für das außerordentliche Engagement. Eigentlich war alles friedlich. Bis zum Schluss. Bis einem alten und jungen Homo ordentlich die Fresse poliert wurde.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und mich bei den Homo-Hassern bedanken!

Danke Homo-Hasser!

Ich versuche mich seit einiger Zeit gegen das Klischee, Wolfsburg sei ein engstirniges, intolerantes, dekadentes Stück Erde, zur Wehr zu setzen (besonders gegenüber benachbarten Großstädtern). Danke, dass ihr es schafft, dass dieses Klischee nicht nur ein Klischee bleibt.

Auf den Webseiten der Tageszeitungen lese ich – in den Leserkommentaren – zu der Prügelattacke, wie beschränkt es von den Angreifern gewesen sei zuzuschlagen, schließlich könnten Sie sich mit HIV infizieren. wenn ihnen „Blutprobe ins Gesicht spritzt“.

Bitte macht euch keine Sorgen um eure Gesundheit. Sollten die beiden, die Ihr verdrescht habt, nicht nur schwul, sondern auch HIV positiv gewesen sein und ihr ein bisschen Blut beim Draufschlagen abbekommen haben, keine Angst! Euch wird nichts passieren. Ihr bleibt gesund.Eine Medikamenteneinnahme hilft nicht nur beim länger leben der positiven, sondern schützt effektiv die Infektion weiter zu verbreiten. Euer Risiko strebt also gegen null. Wie gut, dass die zwei nicht nur an sich selbst denken, sondern auch Ihr Umfeld schützen, also in diesem Fall euch.

Bitte macht euch keine Sorgen, dass Ihr mit ernsthaften Konsequenzen für diese Aktion rechnen müsst. Mit zwei Mal 2,0 Promille, seid Ihr ohnehin nicht voll schuldfähig. Außerdem werden die Anwälte eurer Eltern das schon wieder gerade biegen. Mein Tipp: Immer schön abstreiten. Mit der Aktion bekommt Ihr höchstens ein paar Sozialstunden. Voll peinlich. Und wie mickrig! Nicht dass Ihr noch wie Schlappschwänze dasteht.

Irgendwie kann ich euch ja verstehen. Fühlt man sich machtlos gegen „die da oben“ richtet sich der Hass schnell gegen „die da unten“. Im Übrigen sind die Homos ja auch gar keine richtigen Menschen und die mag eh keiner. Männer verhalten sich wie Frauen, Frauen wie Männer. Das schafft mancher Erwachsener nicht zu verarbeiten. Da rutscht einem schon mal die Hand aus. Man möge es den kleinen 19 Jährigen nachsehen.

Außerdem ist es völlig normal, dass man einen Schlagstock dabei hat. Gegen 1:35 Uhr muss man sich ja irgendwie gegen die schlechte Welt da draußen verteidigen. Da fangen wir doch gleich mal mit den Drecksschwuchteln an. Sie sind verkehrt herum und wollen auch noch für Richtig anerkannt werden. Frechheit! Ach! Wie herrlich einfach und simpel die Welt doch sein kann.

Zum Thema Wolfsburgs- aufgeschlossenes und offenes Image und so: Der Volksmund sagt: „Der erste Eindruck zählt.“ Der Psychologe weiß: „Der letzte Eindruck ist der, welcher bleibt.“

So gesehen hättet Ihr zum Abschluss der Veranstaltung nicht besser zum Ausdruck bringen können, wie weit wir vom Thema Offenheit entfernt sind und was es bedeutet, wenn Ablehnung in Hass umschlägt und wie wichtig der Kampf gegen Diskriminierung ist.

Danke Teilnehmer!

Danke, dass ihr euch getraut habt, öffentlich aufzutreten und dem Kongress und allen HIV infizierten ein Gesicht zu geben. Ihr seid für unsere Rechte eingestanden, habt dafür gekämpft und habt euch gegen Beleidigungen zur Wehr gesetzt und Gefahr ausgesetzt. Mit eurer Präsenz habt ihr der Öffentlichkeit versucht ein neues Bild zu vermitteln, dass HIV positive längst keine Gefahr mehr für Ihre Umwelt sind und daher Ängste unbegründet.

Ich habe leider als Teilnehmer gefehlt. Gerne wäre ich teil der Community gewesen, doch eigentlich bin ich in dem Punkt Öffentlichkeit auch nicht anders, als die vielen anderen hier. Ich habe einen sehr guten Job. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe mein Leben. Es dürften viele Schranken sein, die sich mir schließen, wenn ich offen mit meiner Infektion umgehen würde. Meine Lebensperspektiven würden sich vermutlich stark einschränken. Umso mehr bewundere ich die Leute, die es schaffen offen und ohne Wenn und Aber mit Ihrer Infektion umzugehen. Trotz aller Nachteile, trotz Ausgrenzung, trotz Arbeitsplatzverlust, trotz Demütigungen in der Familie.

Ich wäre gerne dabei gewesen, doch ich habe mich entschieden, dass es nicht das richtige ist. Vor meiner Infektion hätte ich sicherlich positive Leute gemieden wenn ich davon erfahren hätte. Nicht weil mein Kopf mir nicht gesagt hätte, dass ich mit der Information dass jemand positiv ist besser dran bin als ohne. Es ist vielmehr eine emotionale Angst gewesen, die diese Distanz hat aufkommen lassen bei dem bloßen Gedanken. Eine Art Selbstschutz. Jetzt da ich selbst positiv bin, tue ich mich schwer von jemand anderem etwas zu fordern, was ich vorher selbst nicht geben konnte. Nicht weil ich es nicht gewollt hätte, sondern weil ich es nicht konnte. Dennoch hätte ich die vielen Lebensgeschichten der positiven gerne gehört.

Ob ich mich eines Tages bekennen werde weiß ich nicht. Werde ich mir Dinge anhören müssen, warum gerade ich als Kondomprediger positiv geworden bin? Werde erklären müssen, weshalb das Kondom mich nicht vor der Infektion geschützt hat? Werden sich meine schwulen Freunde von mir abwenden, weil genau diese unbestimmte Angst auch in ihnen ist und sie sie nicht unterdrücken können? Wird alles reden umsonst sein?

Ich dachte immer ich verhalte mich besser als andere. Doch es hat mich erwischt. Ich werde nun anstelle einer totbringenden Krankheit eine chronische Krankheit haben. Dank der Medikamente. Ich bin so glücklich, dass ich noch ein paar Lebensjahre geschenkt bekomme. Praktisch eine normale Lebenserwartung, mit ein paar Wehwehchen mehr zwischendurch, sagen die Ärzte. Mit nur einer Tablette Täglich. Ich will immer noch etwas in dieser Welt erreichen. Dafür sorgen, dass diese kalte Welt wenigstens ein bisschen wärmer wird. Ich bin jetzt 25 und habe immer noch die Möglichkeit, diese Welt weiter zu gestalten und zu einem besseren Ort zu machen. Ohne Hass. Ohne Angst. Ich kann immer noch etwas für diese Gesellschaft leisten.

Bis zum Zeitpunkt meiner Infektion dachte ich noch: „Wer sich heute noch mit HIV infiziert, hat was falsch gemacht.“ Ich hatte keine Ahnung.

Ich wünsche mir, dass die Medikamente weiterhin so gut werden. Das HIV das wird, was heute Syphilis ist. Behandelbar, aber vor allem genauso seinen Schrecken verliert. Das die Gesellschaft keine Angst mehr davor hat. Denn rein logisch und von den Fakten her, braucht Sie sich schon lange nicht mehr vor einem positiven zu fürchten. Doch wahrscheinlich sind die Bilder und Ängste der 80er und 90er Jahre zu präsent. Als nicht Betroffener ist es wahrscheinlich an einem vorbei gegangen, dass positive behandelte praktisch keine Gefahr für eine Übertragung darstellen. Sie arbeiten, sind teilweise Mütter und Väter. Doch vor allem sind sie eins: Teil der Gesellschaft!

Freundschaft mit einem HIV-Positiven, eine Geschichte.

Dies ist ein ganz besonderer Gastbeitrag. Nicht ich beschreibe, welche Erfahrungen ich mit meiner HIV-Infektion gemacht habe. Sondern ein Freund von mir berichtet, wie er mit mir umgeht und welche Gefühle er diesbezüglich hat. Ganz passend zum Thema meines Plakates „HIV-Positiv und Freund sein?„.

Mein Name ist Markus und man kennt mich im Web (inzwischen allerdings auch im Real Life) unter meinem Pseudonym Magic M(arkus). als Betreiber des Blogs „Gay-Party-Guide and more…„. Marcel hat mich gefragt ob ich einen Gastbeitrag schreiben würde und ich stimmte sofort zu. Lange habe ich überlegt worüber ich schreiben könne, aber was liegt eigentlich näher als darüber zu schreiben wie wir uns kennenlernten, was überhaupt dazu geführt hat und alles zusammenhängt. Vielleicht mag auch der eine oder andere daraus Erkenntnisse für sich gewinnen, für andere sowie den Umgang und die Freundschaft mit einem HIV-Positiven Menschen, es wäre zumindest wünschenswert.

Alles fing damit an das Marcel an einem Wettbewerb teilnahm mit einem Video zum Thema „Was mich antreibt“ und sein erstes Blog unter dem Pseudonym „Vorstadtclown“ ins Leben rief. Das passierte alles relativ kurz nachdem Marcel von seiner HIV-Infektion wußte und ist damit über zwei Jahre her. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wußte ist das Marcel öfter auch einen Blick in mein Blog geworfen hatte wenn er seine Wochenendaktivitäten plante. Zu dem Zeitpunkt hat Marcel auch viele sehr persönliche Dinge in seinem Blog veröffentlicht und nach dem ich einige Beiträge gelesen hatte sowie auch das Video kannte wurde ich zum Stammleser und Abonennten seines vorherigen Kanals bei YouTube. Ich fragte mich was ist das eigentlich für ein Mensch welcher so offen mit dieser Krankheit umgeht und den Schritt in die Öffentlichkeit vollzieht wohl ahnend bzw. wissend das HIV nach wie vor immer noch von Diskriminierung, Stigmatisierung und inzwischen sogar Kriminalisierung, wenn man einige Urteile der letzten Jahre betrachtet, geprägt ist. Wenn wir von Diskriminierung und Ausgerenzung reden ist damit durchaus genauso gut die schwul-lesbische Szene gemeint, vielleicht würde der eine oder andere erwarten das so etwas dort eher weniger präsent ist, dem ist allerdings nicht so. Davon abgesehen fand ich durch seine Blog Posts sowie den Beginn der Veröffentlichung von Videos Marcel von Anfang an symphatisch und dachte mir das es für mich überhaupt keinen Unterschied macht ob HIV-Positiv oder nicht, denn letztendlich ist er derselbe Mensch wie vor der Infektion. Ein Mensch definiert sich doch über seinen Charakter, sein Wesen und sein Handeln und das ist letztendlich das Entscheidende.

So verfolgte ich eine ganze Zeit lang Marcel online und hoffte das wir uns einmal persönlich kennenlernen würden nachdem ich schon soviel gelesen und gesehen hatte. Da wir beide ständig in Köln am Wochenende verkehrten, inzwischen wohnen wir sogar beide in der Stadt, wußte ich das im Frühjahr des vorletzten Jahres Marcel am selben Abend in einem Club in Köln war. Da in meinem Blog kein Foto von mir existiert lag es an mir auf Marcel zuzugehen. Als ich das tat wirkte er eher schüchtern und zurückhaltend auf mich, allerdings vom ersten Augenblick an symphatisch und ich mochte ihn auf Anhieb. Wir unterhielten uns beide eine kurze Zeit und im Verlaufe des Abends war ein jeder von uns mit seinen Freunden beschäftigt und man verlor sich aus den Augen, das war der Anfang.

In den folgenden Wochen und Monaten begegneten wir uns häufig auf irgendwelchen Parties und Events, begrüßten uns und führten von Mal zu Mal immer längere und intensivere Gespräche. Von einem meiner beiden besten Freunde abgesehen gibt es bis dato keinen Menschen mit dem ich mich länger auf Parties unterhalten habe obwohl diese eigentlich auch zum Feiern gedacht sind.

Leider haben viele Menschen Berührungsängste mit HIV-Positiven, ich kann mich an keine Situation erinnern in der das bei mir der Fall gewesen wäre, im Gegenteil ich war derjenige welcher auf Marcel zuging und sich darüber freute das er ebenfalls bei den Events anwesend war, auch an Gesprächsstoff hat es uns bis heute nie gemangelt. Mit der Zeit lernten wir uns immer besser kennen und ich war derjenige der Marcel immer herzlicher begrüßte, Marcel kann durchaus schüchterner wirken als es scheint, was nach anfänglichem und förmlichen Händeschütteln bedeutete das man den anderen bespielsweise in den Arm nimmt zur Begrüßung oder auch wenn es einem Menschen vielleicht emotional gerade nicht so gut geht, was vorgekommen ist, dem anderen körperliche Nähe zu geben und da zu sein, ein Getränk oder das Essen miteinander zu teilen und viele Dinge wie Freunde und Menschen die sich mögen miteinander umgehen, im Endeffekt ganz alltägliche und selbstverständliche Dinge. Was sollte mir schon dabei passieren? Gar nichts, so einfach ist das und doch so schwer für manche Menschen zu begreifen.

Ich ging und gehe mit Marcel um wie mit jedem anden Menschen auch den ich mag und der mir näher steht, warum sollte ich das auch anders handhaben denn es gibt dafür keinen Grund. HIV ist ein Thema was jeden betreffen kann und jeder sollte im Sinne der Verantwortung für sich selbst aber auch gegenüber dem anderen darüber informiert und aufgeklärt sein, leider bestätigt sich oft im Leben das dies nicht der Fall ist und noch viel zu tun bleibt. Eigentlich sollte jeder Mensch was die Übertragungswege und Risiken betrifft Bescheid wissen. Von daher ist alles ganz entspannt, zumindest aus aufgeklärter und informierter Sicht.

Gegen Ende des vorletzten Jahres rückte Marcel durch sein Wirken bei der IWWIT-Kampagne, u. a. mit einem Zitat das ihn bis heute begleitet: „Ich wollte nie wieder Sex haben.“, verstärkter in den Fokus der Öffentlichkeit. Begleitet durch Printkampagnen und Interviews in Zeitschriften u. ä. lernten auch die Menschen Marcel „näher kennen“ wenn man so will, die bisher nichts von ihm wußten und gerade in der schwul-lesbischen Szene geht der Informationsfluß oftmals recht schnell. Marcel schrieb vor einiger Zeit im Zusammenhang mit einer Geste von Lady Diana in Bezug auf HIV, obwohl es keinesfalls direkt vergleichbar ist fühlte ich mich doch an folgende Situation seinerzeit ein wenig erinnert. Man muß vorwegschicken, auch wenn in meinem Blog oder Fotostream bei Flickr keine Fotos von mir existieren, im Web auf Portalen mit Partyfotos doch sehr viele. In dieser Zeit während der oben angesprochenen Kampagne begegneten wir uns sehr oft auf einer der Parties in Köln. Wie gewohnt wurde ich von einem der mir bekannten Fotografen angesprochen, dieses Mal wollte ich aber ausdrücklich nicht mit irgendjemand anderes sondern nur mit Marcel an diesem Abend fotografiert werden (eigentlich läßt er sich gar nicht so gerne fotografieren), zum einen weil es bisher kein gemeinsames Fotos von uns gab, aber auch zum anderen da ihn doch recht viele damals schon vom Sehen und der Kampagne jetzt kannten um zu zeigen, wir sind befreundet und das ist gut so, vollkommen selbstverständlich für mich, ohne wenn und aber.

Anfang letzten Jahres fiel uns dann beiden auf das obwohl wir uns ständig sehen noch nie etwas gemeinsam unternommen haben, das änderten wir. Von da an haben wir oftmals etwas gemeinsam unternommen und es war für mich immer völlig normal mit einem Menschen den ich mag so umzugehen wie oben beschrieben. Da ich bzw. wir im Verlaufe des Jahres auch häufig mit dem Auto unterwegs waren habe ich mich vor eine ganz andere Frage gestellt die für die meisten Menschen sicher sehr an die Substanz gehen würde, da es sich um keine einfache Situation handelt. Als Vielfahrer der schon sehr oft Unfälle miterlebt hat auf den Autobahnen von leicht über schwer bis hin zu tödlich, was wäre bespielsweise wenn wir einen schwereren Autounfall hätten, das muss bekannterweise keineswegs selbstverschuldet sein und ich nicht die Option hätte mich selbst zu schützen weil ich z. B. den Verbandskasten nicht erreichen kann aber gleichzeitig Marcel eine Verletzung hätte die umgehendes Handeln meinerseits erfordern würde um Schlimmeres zu verhindern? Würde ich aus Angst und um mich vor einer eventuellen eigenen Infektion zu schützen die Hilfe versagen? Würde ich dabei zusehen und in dem Bewußtsein weiterleben ich hätte ernste Konsequenzen verhindern können? Nein, das würde ich nicht wie bei einem anderen Freund ebenso wenig und keinen Unterschied machen, denn dafür habe ich von Teenagerzeiten an schon viele tragische Dinge miterleben müssen wo ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte irgendetwas dagegen zu tun.

Grundsätzlich ist es übrigens nicht so das ich auf die Tatsache das Marcel HIV-positiv ist nicht reagiere im Gegenteil, allerdings in ganz anderer Form als das jetzt der geneigte Leser vielleicht erwartet, denn es passiert in Form einer freundschaftlichen Fürsorge. Ich will damit zum Ausdruck bringen das z. B. wenn gesundheitliche Komplikationen auftreten, das müssen sie nicht aber können sie in vielfältiger Art und Weise, generell was das Wohlbefinden von Marcel betrifft ihm sicherlich mehr meine Aufmerksamkeit gilt als jemand (einem Freund) der völlig gesund ist oder aber nicht HIV-positiv. Das bedeuted nicht das ich ihn in die sprichwörtliche „Watte packen“ würde, aber ihm gilt diesbezüglich mein besonderes Augenmerk, was für mich als Freund ebenso vollkommen selbstverständlich und wichtig ist.

Apropos letztes Jahr, ein Jahr in dem sich für Marcel einiges änderte aber auch viel bewegt wurde. Gegen Ende des Jahres, obwohl die Vorbereitungen schon im Herbst anfingen, war Marcel Teil einer großen und bis dato so nicht dagewesenen Kampagne zum Welt-Aids-Tag. An ihm und seinen drei weiteren Kampagnenbotschaftern, es war auch eine Frau darunter, kam aufgrund der Anzeigen, Plakate, Postkarten, TV- und Kinospots sowie Artikeln in den Leitmedien und auch Lokalmedien kaum jemand vorbei.

Auf dem Bildmotiv von Marcel prangte in grossen Buchstaben: „HIV Positiv & Freund sein?“ und ich dachte mir nur als ich zum ersten Mal davon erfuhr und es sah: „Ja, genauso ist es.“ – wird sind Freunde und das ist für mich völlig normal, es gibt nichts was dagegen sprechen würde. Zugleich war ich als ich das erste Mal das Plakatmotiv sah unglaublich stolz auf Marcel auf das was er das ganze Jahr über im Rahmen der IWWIT-Kampagne, der Kampagne zum Welt-Aids-Tag und auch sonst gemacht hat, angefangen vom Blog über die Videos bis hin zu vielen weiteren Taten. Aber vor allen Dingen stolz auf ihn als Mensch und was ihn ausmacht von seinem Charakter her und seinem Wesen, stolz darauf mit ihm befreundet zu sein. Das ganze letzte Jahr über habe ich ihn auf vielen Wegen im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützt wo immer es ging und das habe ich verdammt gerne getan. Als die Kampagne begann habe ich etlichen Menschen erzählt das wir befreundet sind, was es mit der Kampagne auf sich hat, worum es geht und warum das alles so wichtig ist und zwar denjenigen die es hören wollten genauso wie denjenigen die es nicht hören wollten, ich habe ihnen einfach keine Wahl gelassen. 😉

In dem Sinne, schön das wir befreundet sind.

Markus

Alles hat seine Geschichte. Auch Aids.

Ulrich Würdemann ist u. a. Betreiber von Ondamaris – einer Website, die von der Deutschen AIDS-Stiftung mit dem Medienpreis 2007/2008 ausgezeichnet wurde – und nimmt uns in diesem Gastbeitrag mit auf eine Zeitreise, die in den 1980er Jahren beginnt und sogar bis in die Zukunft reicht.

Ulrich Würdemann (September 2010)

Alles begann 1981. Forscher beobachten eine seltsame Häufung von Pilzinfektionen und seltenen Lungenentzündungen bei Schwulen in Los Angeles, später auch in San Francisco und New York. Im Juni 1981 erscheint ein erster Bericht über das, was später ‚Aids‘ genannt wird, in der Fachpresse (dem ‚MMWR‘). Schon wenig später berichtet mit der New York Times auch die erste Publikums-Zeitung, im März 1982 schließlich berichtet in Deutschland erstmals der ‚Spiegel‘, unter dem Titel “Schreck von drüben”.

So beginnt ‚die Geschichte von Aids‘ (bzw. von der Wahrnehmung von Aids, denn die Anfänge von HIV liegen weit früher).

So beginnt Anfang der 1980er Jahre beginnt die Geschichte einer Epidemie, die bald das Leben (nicht nur) der Schwulen dramatisch verändert. Die Geschichte einer Infektion, die sich – zunächst schleichend, bald jedoch mit massiver Wucht, in die Leben vieler Menschen drängt, auch in meines.

2012, gut dreißig Jahre später. Zahlreiche Feiern haben stattgefunden in den vergangenen Jahren, Jubiläen unzähliger Organisationen, die sich im Kampf gegen Aids engagiert haben. Was gab es zu feiern? 30 Jahre. Erinnern. Geschichte.

Geschichten, wie HIV sich mal schleichend langsam, mal überschlagend schnell in unsere, auch in mein Leben drängte, es aufzusaugen drohte.

Wie wichtig ist HIV in meinem Leben? Ein weiter Bogen ließe sich spannen, von Ignoranz bis Dominanz, von Verharmlosen bis Hoff­nungslosigkeit, von Liebestrunkenheit bis zu tiefstem Absturz. Fast wäre es wohl möglich, eine Art ‚Typologie der HIV-Relevanz‘ in meinem Leben zu erstellen – von Null auf Hundert, mit allerlei Achterbahn mittendrin. Geht es auch wieder zurück? Hört das irgendwann einmal auf?

 Anfang der 1980er

An die ersten Berichte über diese „neue Schwulen-Seuche“, wie sie damals tituliert wurde, kann ich mich gut erinnern, und auch an meine Reaktionen. „Haben die jetzt wieder etwas Neues gefunden, um uns weiter zu unterdrücken?“ Die Schwulen der Generation vor mir hatten mühsam gekämpft, um die Freiheiten, auch die sexuellen Freiheiten, zu erreichen, die ich nun gerade in vollen Zügen genoss. Wollten die uns das alles wieder weg nehmen? War da überhaupt etwas dran? Oder übertrei­ben die wieder mal?

Mit HIV (das diesen Namen erst später erhielt) wollte ich damals zunächst nichts zu tun haben. Okay, an das mit den Kondomen, da musste ich mich wohl gewöhnen. Ein kleiner, hauchdünner  Schritt war es, mit dem HIV in mein Leben drang.

In Urlauben, gern an Frankreichs schwulen Stränden, erleben wir – anders als in den Homoszenen zuhause – weiterhin ‚das pralle Leben‘. Sex, als sei Aids ein fernes Gespenst, safer Sex etwas für neurotische Großstädter (die genau hier ihren Urlaub machen). Es ist Urlaub, die Sorgen sind fern, Kondome bei Franzosen anscheinend noch unbeliebter als bei uns. Weitgehend sorgenfrei scheint das schwule Standleben hier weiter zu toben.

Mitte der 1980er

Irgendwann begann Aids, mehr Raum in meinem Leben einzunehmen. Ob ich wollte oder nicht (nein, ich wollte nicht), HIV drängte sich mehr in mein Leben. Nicht schleichend, sondern ganz ra­sant. Wegschauen war vorbei. Zunehmend mehr Freunde und Bekannte erkrankten. Die ersten ster­ben.

Ende der 1980er

Und es wurde nicht besser. Monatelang, jahrelang nicht. Im Gegenteil.

Kein Zeichen von Hoffnung.
Kein Lichtstreif am Horizont.
Immer mehr Freunde und Bekannte kamen an, sagten dieses traurige „du, ich hab’s auch“.
Hoffnungslosigkeit schwang bei jedem Test, jeder Diagnose sofort mit.
Zahle ich jetzt den Preis für mein liederliches Lotterleben, wie sie es uns einzureden versuchen? Hat ‚es auch mich erwischt‘? Und wenn ja – wie lange habe ich noch?

Immer mehr Lover, Weggefährten, Mitstreiter starben.
Die Zahl der Trauerkarten und Einladungen zu Begräbnissen in unserem Briefkarten nahm irgend­wann ein Maß an, für das mir nur ein Wort in Erinnerung bleibt: ‚unerträglich‘

Um HIV kam ich nicht mehr herum. Aids war längst tief drin in meinem Leben.

Anfang der 1990er

Im Sommer 1989 lernte ich in Paris einen jungen Mann kennen. Eine ‚große Liebe‘ meines Lebens.Wir verbrachten traumhaft schöne Momente mit einander, positive Momente. Irgendwann in den 1980ern hatte ich selbst die Diagnose ‚HIV-positiv‘ bekommen. Auch er war positiv. Seelenver­wandte waren wir, Gefährten. (Ich habe über die Zeit mit ihm auf unserem privaten Blog 2mecs ge­schrieben „Einige Tage mit dir“ http://www.2mecs.de/wp/?p=4327.)

HIV hatte sich wieder weiter voran in mein Leben gedrängt, wieder eine Stufe mehr auf der Leiter der Aids-Eskala­tion, eine unerträgliche. Nicht nur waren große Teile meines persönlichen Umfelds HIV-positiv, nicht nur hatte ich selbst längst mein Testergebnis in der Tasche. Nein, nun war auch einer der Menschen, die mir am nächsten sind, einer den ich liebe, positiv – und erkrankte, erkrankte schwer.

Ich erlebte mit ihm, mit uns nicht nur ’sein‘ HIV, sei fortschreitendes Erkranken. Mir war nur zu bewusst: du er­lebst hier auch dein HIV. Du erlebst auch dich selbst – in irgend einer nicht allzu fernen Zukunft. So wie ihm wird es bald auch dir ergehen.

Im Herbst 1990 starb Jean-Philippe.

Selten habe ich mein Leben elendiger empfunden.
Und lange hinterher stand immer wieder eine Frage im imaginären Raum meiner stillen Gedanken: Warum er? Warum ich nicht? Eine Frage, die heute nur schwer verständlich erscheinen mag. Eine Frage, auf die es keine ‚vernünftige‘ Antwort gibt. Keine Antwort die erträglich ist.

Mitte der 1990er

Irgendwann konnte ich auch meiner eigenen HIV-Infektion nicht mehr so locker umgehen wie zu­vor viele Jahre lang. Ich ging regelmäßig zum Arzt, ließ Werte kontrol­lieren, versuchte halbwegs auf eine gesunde Lebensführung zu achten. Nahm erste Medikamente gegen HIV, als sie verfügbar wurden. Bemühte mich aber, mein ich, mein Sein nicht von HIV bestimmen zu lassen.

Doch das funktionierte  irgendwann nicht mehr. HIV drängte sich noch weiter vor in mein Leben, nahm nun eine zunehmend wichtigere Rolle ein. Ich erkrankte oft, vielfach an ‚harmlosen‘ Dingen, doch zu­nehmend häufiger, schwerer.

Bis mein Körper irgendwann ’nein‘ sagte, nicht mehr wollte. Ich wachte eines Morgens auf, im Krankenhaus, unter Sauerstoff. PcP – eine der Erkrankun­gen, die damals Horror-Gefühle bei jedem Positiven auslösten. Eines der untrüglichen Zeichen: nun ist es soweit.

HIV begann, mein Leben zu dominieren.

1996

„Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Die Worte des Arztes waren eindeutig. Und sie überraschten meinen Mann und nicht, nicht mehr. Zu viel war passiert in den vergangenen Wochen und Monaten. Mein eigener Horizont war immer enger geworden. Reichte nur mit großer Mühe noch über mich, mein kleines beschissenes Leben, das pure Über-Leben bis zum nächsten Morgen hinaus.

Die maximale Eskalationsstufe schien erreicht. HIV hatte sich so massiv in mein Leben gedrängt, das kaum noch Raum für anderes war. HIV hatte mein Leben okkupiert. Zu einhundert Prozent. Es fraß mich auf.

Immer noch 1996

„Es gibt da ein neues Medikament. Noch nicht in Europa zugelassen, aber gute Studiendaten.“ We­nige Wochen später. Der Arzt kann mir zaghaft Hoffnung machen.
Einige Wochen, einige Probleme mit der Krankenkasse, einen Arztwechsel später: plötzlich macht es ‚peng‘. Plötzlich, einige Wochen nachdem ich mit der neuen ‚Kombi‘ begonnen hatte. Eines Tages merkte ich ‚da ist ja doch noch Leben in dir‘. Wachte auf, fühl­te mich. Fühlte mich – ein klein wenig kräftiger. Ein Wort, ein Gedanke, der mir sehr lange nicht mehr gekommen war.

Es war ein kleiner Hoffnungsschimmer – aber er sagte: viel­leicht kannst du doch die Hoheit über dein Leben zurück gewinnen, zumindest für einige Wochen, einige schöne Tage noch.

In den 2000ern

Ein Auf und Ab folgte. Wirken die Pillen? Und wie lange? Wann versagen sie wieder? Trotz aller neuen Hoffnungen, HIV war immer da, ganz vorne im Bewusstsein. Die Drohung des Sterbens war immer präsent.

Mein Leben mit HIV, mit den Pillen ist zu dieser Zeit nicht immer einfach. Die eine Kombi macht so massive Neben­wirkungen, dass ich mich kaum ohne Unterhose zum Wechseln aus dem Haus traue. Die andere führt zu Taubheit an den Füßen, Neuropathien. Irgendwann werden die Arme und Beine immer dün­ner, Löcher schleichen sich ins Gesicht – Lipodystrophie.

Und doch: ich lebe. Und ich lebe zunehmend besser. Lerne mit Neben- und Wechselwirkungen um­zugehen. Therapiewechsel. Irgendwann auch Kombi-Therapien, die ich ruhigen Gewissens als ‚ver­träglich‘ empfinde.

HIV ist noch da, nimmt zuerst weiter einen sehr großen Raum in meinem Leben ein. Aber der Raum wird kleine. Schleichend reduziert sich der Einfluss, den HIV auf mein Leben hat, dem ich ihm gewähren muss.

Und doch – HIV und Aids haben Wunden hinterlassen in mir, die nur sehr langsam heilen (tun sie das?). Schmerzen, die immer wieder aufbrechen. Schaue ich (was ich vermeide) in alte Adressbücher, schreit mich eine Einsamkeit des Zurückgelassenen an. Erinnere ich mich an früher, an Menschen, die ich liebe, mit denen ich mich engagierte, die mich durch mein, durch unsere Leben begleiteten – ist da eine unendliche Traurigkeit. Leere.

2012

Inzwischen, und schon seit einigen Jahren, kann und soll Aids wieder weit weniger Raum in mei­nem Le­ben einnehmen, deutlich weniger. Ja, es gibt noch die täglichen Pillen, die dreimonatigen Arztbesu­che. Gelegentliche Positiventreffen. Meine Site ondamaris.

In meinem Fühlen, in dem was mich persönlich beschäftigt, nimmt Aids hingegen seit Jahren  weni­ger Raum ein. HIV okkupiert nicht mehr mein Leben. Ich versuche, ihm ständig weniger Raum zu­zugestehen. Eine kleine, ganz private ‚Normalisierung‘.
Das Leben ist längst zurück gekehrt, mit all seinen  Freuden, Banalitäten und Alltagssorgen.

HIV – ist noch da, und wird es wohl, so keine Wunder geschehen, auch mein Leben lang bleiben. Aber HIV dominiert nicht mehr mein Leben. Ist ein Teil davon, ein kleiner. Bestimmt es nicht mehr.

Im Gegenteil, in den letzten Jahren verliert es an Bedeutung, für mich, in meinem Leben, wird HIV zunehmend – unwichtiger.

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Was ich mir für die Zukunft wünsche?
Dass HIV und Aids wieder dorthin verschwinden, wo sie hingehören: in die Bedeutungslosigkeit.
Hier, und überall auf der Welt, unabhängig von Industrialisierung oder ‚Wohlstand‘.
Und dass der Weg, die Menschen die diesen Weg gegangen sind, die diesen Weg nicht überlebt ha­ben, erinnert werden.

Alles hat seine Geschichte. Auch Aids.
Geschichten haben für gewöhnlich ein Ende.
Auch die Geschichte von Aids.

Vielen Dank an Ulli, dass ich seinen Gastbeitrag verwenden durfte. Ich habe mich vor allem sehr über die Mischung aus allgemeinen und persönlichen Aspekten gefreut. Meiner Meinung nach sollten viele junge Menschen (zu denen ich mich natürlich auch zähle) diese Worte lesen, um ein bisschen besser zu verstehen, wie schlimm die Anfangszeit war und welche Gefühle damit immer noch verbunden werden. Aber auch diejenigen, die ein „altes Bild“ von HIV haben, sollen verstehen, dass wir sehr viel weiter sind und vieles „einfacher, wenn auch nicht unbedingt einfach“ geworden ist.