CSDs können gar nicht schrill genug sein!

Die Geschichte zeigt, dass heutige Freiheiten nicht durch Heteronormativität erstritten wurden. Akzeptanz durch Anpassung ist diese Bezeichnung nicht wert. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

Stonewall

Schon mal das Zitat „Stonewall was fitting in“ gehört? Natürlich nicht. Korrekt ist nämlich „Stonewall was a riot“. Die Menschen in der Stonewall Bar haben einen Aufstand durchgeführt, statt sich zu fügen oder anzupassen. Auf diesen Aufstand in der Christopher Street gehen die heutigen CSDs zurück.

Manchmal kann es schon wundern, dass viele Leute die Worte „Christopher Street Day“ ganz selbstverständlich nutzen, aber sich anscheinend nie damit beschäftigt haben, woher dieser Begriff kommt. Dann würde sich nämlich fast jegliche Diskussion darum erledigen, ob wir uns an diesen Tagen „zu schwul“, „zu anders“ oder „zu schrill“ geben.

Chris Fleischhauer, von Beruf Lottofee, findet derzeitige CSDs kontraproduktiv. Er betont, dass die meisten Schwulen „ganz normal“ – was aus seiner Sicht bedeutet, dass sie kaum von heterosexuellen Männern zu unterscheiden seien – sind.

Herr Fleischhauer ist weder der erste, noch der einzige, welcher CSDs dafür kritisiert, wie sich LGBTIQ* dort präsentieren. Die Debatte gab es schon immer und sie flammt in unterschiedlichen Abständen auch immer mal wieder auf.

Im Detail sieht die Kritik nicht jedes Mal gleich aus. Hier sind die Tunten Schuld, dort ist zu viel nackte Haut das Problem und manchmal wird einfach zu viel gefeiert. Halbnackte, angetrunkene Tunten, die zu Madonna kreischen und tanzen (oder beides gleichzeitig, die können das, sogar richtig gut), sind für manch einen wohl der Super-GAU.

Etwas Geschichte vorweg: In der Stonewall Bar waren es vor allem Tunten, Drag Queens und Transvestiten, die sich zur Wehr gesetzt haben. Damit wurde eine selbstbewusste und sichtbare Bewegung geschaffen.

Es handelt sich also um nicht weniger als Geschichtsverdrehung, zu behaupten, dass diese uns das Leben schwer machen. Die heutigen CSDs würden ohne sie wohl kaum stattfinden. Im Grunde genommen würde es uns sogar schaden, wenn wir einen Teil „unserer“ Vergangenheit wieder unsichtbar machen würden.

Ich möchte, dass wir – im Alltag durch die Gesellschaft und juristisch vom Gesetzgeber – gleich behandelt werden, aber auch anders sein und bleiben dürfen. Jeder sollte das Recht haben, für sich den Lebensentwurf zu wählen und zu leben, der zu ihm passt und mit dem er oder sie am glücklichsten ist.

Ob offene Partnerschaften oder sexuelle Selbstbestimmung. Ob Tunte, Lederkerl, Diva, unauffällig oder eine bunte Mischung aus alledem. Das Letzte was wir brauchen, ist Akzeptanz durch Anpassung. Denn Vielfalt ist unsere Stärke!

Richtig ist, dass vor allem die großen CSDs sehr kommerzialisiert erscheinen oder auch sind. Aber machen wir uns doch nichts vor. Irgendwie muss man sich finanzieren. Kritisieren kann man natürlich, dass Unternehmen oder politische Parteien für sich werben, die nichts für uns leisten oder sogar gegen uns agieren.

Wer sich nicht für unsere Interessen einsetzt oder wessen Aktivitäten diesen sogar widersprechen, der hat schlichtweg nichts dort zu suchen. Ich bezweifle aber, dass man pauschal gesehen nicht gleichzeitig politisch und kommerziell sein kann.

In Bezug auf den Kommerz dreht sich die Kritik auch darum, dass es vielen nur um eine große Party geht. Aber wieso sollten wir unsere oben genannte Vielfalt nicht feiern dürfen? Wie großartig ist es bitteschön, verglichen mit der Vergangenheit, dass zumindest ein Teil der LGBTIQ* Menschen frei von bestimmten Sorgen ist.

Es ist doch toll, dass Menschen sie selbst sein können, ohne damit automatisch bedrohliche Gedanken zu verbinden. Denn für andere ist diese Art von Gedankengängen leider immer noch Alltag.

Alltag ist für manche LGBTIQ* auch, dass sie bereits einen „Happy Pride“ hatten, wenn sie ihn nur überleben. Ist diese Party, die wir hierzulande feiern, also überhaupt politisch? Oder nur ein Saufgelage, bei dem gevögelt wird? Ich finde wir sollten feiern und – wer es möchte – auch saufen und ficken. Warum? Weil wir es können!

Das ist in diesem Fall kein abgedroschener Satz, sondern tatsächlich eine Begründung. Alleine dass wir in einem Land leben, in dem die Polizei eine solche Demonstration begleitet, statt sie aufzulösen, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein hart erkämpftes Gut.

Party kann eben doch politisch sein. Genau dann, wenn Vielfalt, Liebe und das Leben gefeiert werden. Das war vor nicht allzu langer Zeit noch verboten. Wir sind sichtbar. Und Sichtbarkeit ist die Grundlage, auf die vieles aufbaut. Gleichberechtigung. Offenheit. Freiheit. Akzeptanz.

„Ich möchte dass ihr feiert. Oft ist unsere einzige Hoffnung, davon zu träumen, wie es sein könnte. Das macht manchmal traurig. Aber es macht auch Mut. Feiert, weil ihr es dürft. Wir würden es auch tun. Irgendwann werden wir es tun. Vielleicht ja alle zusammen.“

Diese Aussage stammt von einer nigerianischen Freundin von mir. Es ist wichtig die Vergangenheit zu kennen und um die Umstände an anderen Orten zu wissen. Denn dann kommen wir vielleicht auch davon weg, dass einige Personen in gute und schlechte CSD-Teilnehmer*innen oder Communitymitglieder*innen unterscheiden und denen in die Karten spielen, die uns sowieso nicht wohl gesonnen sind.

Bleiben wir also sexy, tuntig, provokativ, spießig und/oder politisch. Seid, wer ihr seid. Denn dies bereichert uns alle. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

In diesem Sinne wünsche ich allen viele tolle Erlebnisse‬. Trefft viele alte und neue Bekannte. Verführt und lässt euch verführen. Genießt die Sonne, die gute Laune, die Liebe und die Freundschaft. Aber vergesst bei alledem nicht die, die es nicht so leicht haben.

Ähnlicher Artikel: Merkels Verlogenheit zur #EheFürAlle bei #NetzFragtMerkel

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Merkels Verlogenheit zur #EheFürAlle bei #NetzFragtMerkel

Angela Merkel spricht davon, dass „wir“ viel erreicht haben. Dabei war es ihre Partei, die das Lebenspartnerschaftsgesetz verhindern wollte und bis heute – in Sachen Gleichstellung Homosexueller – vom Bundesverfassungsgericht vor sich hergetrieben wird.

Am Montag hat YouTuber „LeFloid“ sein Interview mit Angela Merkel veröffentlicht. Es gab leider – obwohl das auch zu erwarten war – keine besonders neuen Erkenntnisse, daher möchte ich mich auf einen kleinen Teil dessen konzentrieren, um den es inhaltlich ging.

Im Interview nimmt dieser Teil etwas mehr als zwei Minuten ein. Wenn in der Kürze die Würze liegt, dann hat sie in diesem Fall bei mir für Magenverstimmung gesorgt, um mal auf bestimmte Bauchgefühle anzuspielen.

In Sachen Ehe für alle sagt Angela Merkel (im Interview ab 4.15) zunächst:

„Ich bin erst mal jemand, der sehr stark dafür ist, dass wir alle Diskriminierung abbauen.“

Diesen Satz hat sie bereits mehrfach gesagt und er war schon immer fragwürdig. Angela Merkel und ihre Partei sind gegen die Gleichstellung Homosexueller. Das ist Diskriminierung. Wobei ich persönlich mich dabei ungern auf die Ehe beschränke. Die fehlende Rehabilitation der Opfer des § 175, zählt für mich dazu. Aber auch der nicht ausreichende Schutz vor Diskriminierung.

Was ich aber viel schlimmer und auch irgendwie dreister finde ist, was sie danach sagt:

„Wir haben ja viel geschafft“

Dabei bezieht sie sich auf die letzten 25 Jahre. Aber Nein! Nicht wir haben viel erreicht und schon gar nicht die CDU oder Angela Merkel!

Was bei den ganzen Debatten um die Eheöffnung auffällt ist, dass ein Großteil der Unionspolitiker*innen darauf verweist, wie angeblich fortschrittlich das Lebenspartnerschaftsgesetz ist. 2001 galt das vielleicht noch, aber sicher keine 14 Jahre später mehr. Heute haben uns viele Staaten, von denen man es damals nicht gedacht hätte, sogar überholt.

Mit diesem Argument wird auch versucht die Gemüter zu beruhigen. Gleiche Rechte stehen euch zwar nicht vollständig zu, aber ein halb leeres Glas könnte man doch auch als halb voll betrachten. Dieser Optimismus geht manchmal so weit, dass einige dieser Gleichstellungsblockierer fast vor Stolz platzen, so toll geht es LGBTIQ* in unserem Land.

Es sind die Parteien CDU und CSU und teilweise auch genau dieselben Abgeordneten, die damals massiv gegen dieses Gesetz gekämpft haben. Sich damit zu schmücken, wie weit „wir“ gekommen sind und so zu tun, als hätte man irgendeinen Anteil daran, obwohl dem nicht so ist, ist ziemlich scheinheilig.

Dasselbe gilt übrigens auch für all die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. In den letzten Jahren war genau dieses der Motor, was die Gleichstellung in Deutschland angeht. Ich bin ziemlich sicher, dass es das weiterhin bleiben wird. Abgesehen von der Behebung kosmetischer Mängel, spielt nämlich auch die SPD in der aktuellen Regierung keine Glanzrolle.

Es wird eine Zeit kommen, in der wird die Gleichstellung Homosexueller so normal sein wie das Frauenwahlrecht. Niemand wird es hinterfragen. Vielleicht werden sich die Menschen nicht mal mehr vorstellen können, wie es heutzutage war.

Wir können uns sicher darauf freuen, dass Politiker*innen, die überhaupt nichts gegen Diskriminierung geleistet haben, sich irgendwann damit brüsten.

Mein Gefühl sagt mir, dass die Kanzlerin überhaupt gar kein Problem mit Homosexuellen, der Ehe für alle und auch dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare hat. Nach fünf Kölsch – wenn sie geübt ist zehn – würde sie das auch zugeben. Aber auch wenn sie es „nur“ tut, um gewisse Kreise nicht zu verärgern, möchte ich das nicht akzeptieren. Und natürlich muss man sich an seinen Taten messen lassen.

Diskriminierung muss so benannt werden. Wer diskriminiert, soll wenigsten das Rückgrat haben es zuzugeben. Und bitte nicht so tun, als ob er oder sie eine Art Kämpfer*in gegen Ungleichbehandlung sei. Das macht mich persönlich nur noch wütender, weil es unglaublich verlogen ist.

Ähnlicher Artikel: 2015 geht’s um mehr als Eheöffnung!

Lesetipps: Beim Zaunfink habe ich bereits etwas über dieses Thema gelesen. Er hat auch einen Artikel des Tagesspiegel verlinkt, der meinem thematisch ähnelt und detaillierte Hintergründe beinhaltet. Zu guter Letzt hat Merkel auch beim „Bürgerdialog“ etwas zur Eheöffnung gesagt.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

2015 geht’s um mehr als Eheöffnung!

Islamischer Staat, Boko Haram, EU-Krise, Ukraine-Krise, Nahost-Krise, PEGIDA-Bewegung oder Fanatiker, die zuletzt in Paris gezeigt haben, was sie von unseren Werten halten. All das wird 2015 mit Sicherheit öfter Thema sein. Aber auch was LGBTIQ* (Lesben, Schwule, Bi-, Trans*- und Intersexuelle, Queerpersonen ) Themen angeht wird es ein wichtiges Jahr.

Regenbogen kleinere Größe

Im gerade vergangenen 2014 ist eines aufgefallen: Der Ton wird schärfer. Gleichzeitig werden alte Vorurteile neu und manchmal subtiler verpackt. Hass wird unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit verkauft. Angeblich menschliche Ängste werden als Vorwand benutzt um auszugrenzen.

Unter Adjektiven wie „besorgt“, gehen Eltern und andere Menschen auf die Straße, die gegen sexuelle Vielfalt in Schulplänen sind. Das klingt immer gut. Wir erwarten schließlich von Eltern – eigentlich von der Gesellschaft insgesamt – dass sie sich um den Nachwuchs sorgen. Kinder sind schließlich nicht nur unsere Zukunft, sondern bis zu einem bestimmten Alter schlicht abhängig von Erwachsenen.

Ich bin übrigens auch besorgt. Ebenfalls um die Kinder. Aber aus einem anderen Grund. Ich möchte rufen: „Schützt eure Kinder vor euch selbst!“. Denn was werden diese fühlen, wenn sich herausstellt, dass sie lesbisch, schwul, bi-, trans*- oder intersexuell sind und ihre Eltern gegen die Sichtbarkeit genau dieser Gruppen auf die Straße gehen? Man möchte es sich gar nicht erst vorstellen.

„Sichtbarkeit“ ist übrigens ein gutes Stichwort. Auf ihr baut fast alles auf. Deswegen ist sie so wichtig. Und sollte dort verteidigt werden, wo sie bereits herscht. Dort erkämpft, wo sie noch fehlt. Aber was macht Sichtbarkeit so wichtig?

Nehmen wir Deutschland stellt man fest, dass die Gesellschaft überwiegend für Gleichstellung ist, es herrscht ein offeneres Klima als früher. Auch wenn es natürlich einen Teil Radikaler gibt, die niemals Pro, sonder immer Contra sein werden.

Wenn wir die letzten 20 Jahre anschauen, dann hat sich das nahezu rasant entwickelt. Von der Abschaffung des §175, über die Einführung der Lebenspartnerschaft, bis hin zu aktuellen Diskussionen um die komplette Eheöffnung oder eben die Darstellung sexueller Vielfalt in Lehrplänen.

Der Kampf um Sichtbarkeit und Solidarität, den Aidshilfen, Verbände und Aktivist*innen vor Jahrzehnten kämpften – wofür man heute nur dankbar sein kann – spielt dabei wahrscheinlich die größte Rolle. Sie machten sich bemerkbar, standen für sich und uns heute ein und starteten eine Welle, die 1994 mit der kompletten Abschaffung der Kriminalisierung, also des §175, so richtig Fahrt aufnahm.

Sichtbarkeit sorgt dafür, dass Menschen überhaupt die Möglichkeit haben sich mit einem Thema auseinander zu setzen, es zu verstehen, sich dafür zu öffnen und es schließlich auch zu akzeptieren. Das fällt besonders im Vergleich mit Russland und anderen Staaten auf, die LGBTIQ* durch Verschärfungen von Gesetzen immer weiter in die Unsichtbarkeit drücken. Wer will sich schon dort outen, wo Verfolgung oder Repression die Folge sind?

Was Menschen nicht kennen, lehnen sie oft leider ab. Nicht zwingend, es gibt natürlich zum Glück auch neugierige, offene Leute, aber häufig fällt auch das Gegenteil auf. Dies ist bei uns übrigens nicht anders, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Was Aufgeschlossenheit gegenüber Migrant*innen betrifft, sind Bürger*innen in den Bundesländern mit den höchsten Anteilen an Ausländer*innen am offensten. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, die dort am meisten Zulauf haben, wo die wenigsten Ausländer*innen leben, lassen grüßen.

Dies ist so, weil Sichtbarkeit und Zusammenleben sensibilisieren und Vorurteile abbauen. Die russische Regierung z. B. unterdrückt in Bezug auf sexuelle Vielfalt diese Möglichkeit mit ihrer Gesetzgebung und Panikmache. Durch staatliche Zensur, auch medialer Form, nimmt sie der Bevölkerung eine wichtige Möglichkeit, das Andere und vor allem die Anderen kennen und akzeptieren zu lernen.

Worum geht es also, wenn Menschen fordern, dass sexuelle Vielfalt nicht an Schulen thematisiert werden darf? Wenn sich wieder Männer und Frauen darüber aufregen, dass „die kleine Minderheit“ an Lesben, Schwulen, Bi-, Trans*- und Intersexuellen zu viel mediale Aufmerksamkeit bekommt, weil es angeblich Wichtigeres gibt? Es geht um die Bekämpfung von Sichtbarkeit. Jene ist – wie gesagt – die Grundlage, auf die vieles aufbaut. Gleichberechtigung. Offenheit. Freiheit. Akzeptanz.

2015 wird der Kampf um diese, für uns hier, aber auch für viele andere Menschen an verschiedenen Orten auf der Welt, weitergehen. Vielleicht ist es der wichtigste Kampf, der seit der Aids-Krise bestritten wurde. Davor habe ich Respekt, weil es um einiges geht. Aber es macht auch Lust auf die Auseinandersetzung, weil sie uns voranbringen kann.

Wir sollten uns mit anderen Minderheiten zusammentun. Migrant*innen, Menschen mit Behinderung oder einfach alle die, die es schwer haben und unter Stigmatisierung leiden. Denn auch für sie gilt Sichtbarkeit als eines der wichtigsten Mittel, um ein realistisches Bild von sich zu zeigen und so auf weniger Diskriminierung zu hoffen.

PEGIDAner*innen greifen nicht nur Ausländer an. Besorgte Eltern nicht nur LGBTIQ*-Personen. Antisemit*innen nicht nur Personen jüdischen Glaubens. Sie alle greifen – weil ihre Parolen nicht selten die Menschenwürde antasten – unsere Verfassung und unsere Werte an. Dagegen müssen wir uns gemeinsam stellen. Laut und vor allem: Sichtbar!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Safer Sex ohne Kondom, Schutz durch Therapie, Kombinierte Prävention.

Ich habe gestern, auf der Mitgliederversammlung der Deutschen AIDS-Hilfe, einen Inputvortrag zum Thema „Kombinierte Prävention, Schutz durch Therapie“ gehalten. Diesen möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten. Et voilà, hier gibt es die schriftliche Version!

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Eines der Bilder aus der „Wussten Sie eigentlich?“-Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe.

Was ist der Schutz durch Therapie?

Safer Sex war schon immer vielfältig. Die dazugehörigen Botschaften von Aidshilfen ebenfalls. Es gab nie nur „die eine“ Botschaft, welche vermittelt wurde. Das liegt natürlich auch daran, dass jede/r andere Risiken eingeht und somit nicht für alle jeweils eine Pauschalbotschaft gelten kann. Die klassischen Safer-Sex-Botschaften lauten: „Beim Geschlechtsverkehr Kondome benutzen, beim Oralverkehr kein Sperma in den Mund gelangen lassen.“

Nun ist es aber so, dass Wissenschaft und Forschung immer neue Erkenntnisse mit sich bringen. Im Bereich der Prävention von sexuell übertragbaren Infektionen, vor allem was HIV/Aids betrifft, hat sich einiges in den letzten Jahrzehnten getan.

Auch wenn ich glaube, dass die meisten Anwesenden heute folgende Infos schon kennen, möchte ich diese noch mal kurz einbringen: HIV-Medikamente blockieren die Vermehrung von HIV im Blut. Nach einer gewissen Zeit (diese variiert von Person zu Person, manchmal handelt es sich um Wochen, manchmal auch um Monate) sind mit den gängigen Verfahren meist keine Viren mehr nachweisbar, man sagt dann, dass die Viruslast sich unter der Nachweisgrenze befindet. Wenn eine Therapie sogar mehrere Monate lang gut wirkt, sind auch in Körperflüssigkeiten (z. B. Sperma) und Schleimhäuten (z. B. Scheiden- oder Analschleimhaut) keine oder nur sehr wenige Viren zu finden. Da für eine HIV-Übertragung erhebliche Mengen HI-Viren notwendig sind, ist eine Übertragung in diesem Fall extrem unwahrscheinlich.

Diese Schutzwirkung der HIV-Therapie ist mittlerweile wissenschaftlich bewiesen. Die Studie „HPTN 052“ hat im Jahr 2011 gezeigt: Eine gut wirksame HIV-Therapie senkt das Risiko der Übertragung um 96 Prozent. Weltweit ist nur ein Fall beschrieben, bei dem es trotz wirksamer HIV-Therapie zu einer Übertragung gekommen ist.

Kondome senken das Risiko einer HIV-Übertragung bei souveräner Handhabung um etwa 95 Prozent. Kommen Anwendungs- oder Materialfehler hinzu, dann beeinträchtigen diese die Schutzwirkung. Hinzu kommen „kleine Risiken“ (z. B. beim Oralverkehr), die durch das Kondom nicht abgedeckt werden. Mittlerweile weiß man also, dass eine wirksame antiretrovirale Therapie (ART) beim Sex genauso effektiv vor einer HIV-Übertragung schützt wie Kondome.

Erhöhen andere sexuell übertragbare Infektionen das Risiko einer HIV-Infektion? Und hilft das Kondom nicht außerdem generell, sich vor anderen Infektionen als HIV zu schützen?

Nun könnte man natürlich sagen: Bei unbehandelten HIV-Positiven erhöhen Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV erheblich. Das ist auch richtig. Bei HIV-Positiven, die aber unter Therapie sind, scheinen dieselben Infektionen hingegen nicht ins Gewicht zu fallen. Das sagen neuere Forschungsergebnisse aus. Dieser Wissenstand wird zurzeit auch durch weitere Studien abgesichert.

Prävention kann aber auch schon heute darauf hinweisen, dass andere sexuell übertragbare Infektionen beim Thema „Schutz durch Therapie“ kaum eine Rolle spielen. Entscheidend ist: In Studien wie in Arztpraxen sind bisher, mit einer Ausnahme, keine HIV-Übertragungen dokumentiert – und zwar auch dann nicht, wenn andere sexuell übertragbare Infektionen vorlagen.

Natürlich muss man auch immer wieder deutlich machen, dass es absolute Sicherheit beim Sex prinzipiell nie geben wird. Weder beim Kondomgebrauch, noch beim Schutz durch Therapie. So was sollten wir nicht unter den Tisch fallen lassen. Wobei mir immer wieder auffällt, dass besonders beim Schutz durch Therapie auf das Restrisiko verwiesen wird, welches man doch unmöglich hinnehmen kann. Beim Kondom kommt genau dieses Restrisiko eher seltener zur Sprache.

Da ich jetzt die ganze Zeit über HIV spreche, möchte ich aber auch sagen, dass generell folgendes gelten sollte: Man kann sich natürlich auch mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen anstecken. Das Risiko sich mit diesen zu infizieren, kann durch den Kondomgebrauch gesenkt werden. Dies gehört selbstverständlich thematisiert.

Zugleich müssen wir dabei deutlich machen, dass Kondome nur teilweise vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen (zum Beispiel 60 Prozent bei Syphilis , 40 bis 60 Prozent bei Tripper). Die Syphilis wird beim Sex unter Männern auch leicht oral übertragen.

Deshalb empfiehlt die Deutsche AIDS-Hilfe regelmäßige Untersuchungen auf sexuell übertragbare Infektionen. Dies dient nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern ist auch ein Beitrag zu Unterbrechung von Infektionsketten und zur HIV-Prävention. Die Deutsche AIDS-Hilfe fordert daher die Kostenübernahme für regelmäßige Untersuchungen und mehr niedrigschwellige Test- und Untersuchungsangebote. Die Diagnostik sexuell übertragbarer Infektionen für schwule Männer ist in Deutschland nach der EMIS-Studie (2010) völlig unzureichend.

Der Schutz durch Therapie darf nicht dazu führen, dass man HIV-Positive Menschen einem Zwang aussetzt, die HIV-Therapie zu beginnen!

Wo wir aufpassen müssen ist, dass diese Botschaften keinen Therapiezwang unterstützen. In der internationalen Fachwelt wird die Schutzwirkung der HIV-Therapie häufig mit einem anderen Fokus diskutiert. Die zentrale Aussage lautet dort: Möglichst viele Menschen auf HIV zu testen und gegebenenfalls zu behandeln verhindert neue Infektionen. Diese Sichtweise kann dazu führen, dass Persönlichkeits- und Patientenrechte missachtet werden.

Es ist natürlich toll, dass die Medizin zur Verhinderung von Infektionen führen kann. Allerdings liegt die freie Entscheidung, über den Beginn und den Zeitpunkt des Beginns einer HIV-Therapie beim Einzelnen. Verständliche Informationen über Vor- und Nachteile eines individuellen Therapiestarts  also gerne, einen Zwang aber bitte nicht. Das hat immer diesen Unterton, dass Positive doch die Gesellschaft schützen können und ihrer Verantwortung gegenüber der Volksgesundheit nachkommen sollen. Absolut abzulehnen!

Kurz gesagt: Es gibt keine guten und schlechten HIV-Positiven Menschen. Diese moralische Spaltung, in die einerseits Therapierten und andererseits Unbehandelten, ist menschenverachtend.

Klassische Safer-Sex-Botschaften werden von einer Erweiterung nicht bedroht. Es gibt nicht die bessere oder schlechtere Botschaft. Aber: Die Voraussetzung dafür, dass Menschen selbstbestimmt handeln können, ist Wissen!

So, was machen wir nun damit?

Die klassischen Safer-Sex-Botschaften habe ich eingangs bereits erwähnt, die neuen Infos sollten dafür sorgen, dass eine dritte hinzukommt. Mir ist besonders wichtig hier das „hinzukommen“ ganz deutlich zu betonen. Denn: Es geht nicht darum die eine Botschaft gegen die andere auszuspielen. Das Kondom soll als Präventionswerkzeug also nicht verschwinden. Aber: Wenn wir von Safer Sex sprechen, dann meinen wir, dass das Risiko einer HIV-Übertragung reduziert wird. Dies gewährleisten sowohl die klassischen Botschaften, als auch die HIV-Therapien.

Genau so wenig wie irgendwer das Recht hat, das Kondom zu verbannen und darüber quasi eine unausgesprochene Zensur walten zu lassen, dürfen die belegbaren Erkenntnisse zu den HIV-Therapien verschwiegen werden. Es geht hier ja auch nicht um eine Empfehlung auf Kondome zu verzichten, ganz im Gegenteil. Worum es geht ist Wissen. Wissen ist Macht. Das Recht auf Wissen hat jede/r. Ich finde Aidshilfe hat die Pflicht die Menschen zu informieren, damit diese sich dann selbstbestimmt entscheiden können, wie sie mit diesem Wissen umgehen. Die Entscheidung, welche Möglichkeit jemand ergreift, kann nur er oder sie selbst treffen.

Es ist wichtig, darüber zu sprechen!

Wir müssen aber die Schutzwirkung der Therapie offen kommunizieren. Denn sie kann einige Vorteile haben:

  • Sie kann Ängste von Menschen mit HIV und deren PartnerInnen lindern und damit zu Gesundheit, Wohlbefinden und einer erfüllten Sexualität beitragen.
  • Sie kann dazu beitragen, dass Menschen mit HIV weniger Zurückweisung erfahren, die meist auf Angst zurückzuführen ist.
  • Sie kann die Kommunikation über (Safer) Sex fördern.
  • Sie kann die Bereitschaft zum HIV-Test erhöhen. Damit steigt die Chance auf frühzeitige Erkennung von HIV-Infektionen und rechtzeitige medizinische Behandlung, die wiederum zur Vermeidung weiterer Infektionen beiträgt.

Das Rechtssystem darf den Schutz durch Therapie nicht weiter ignorieren!

Eine besondere Bedeutung kommt dem Wissen von der Schutzwirkung der HIV-Therapie im Rechtssystem zu. Menschen mit HIV können für Sex ohne Kondom bestraft werden, wenn sie ihre Infektion nicht offengelegt haben. Das gilt sogar wenn keine Übertragung stattfindet.

Die Deutsche AIDS-Hilfe lehnt diese Praxis ab. So lange sie jedoch besteht, müssen Gerichte verlässlich anerkennen: Die HIV-Therapie ist ein wirksamer Schutz des Partners bzw. der Partnerin. Wenn eine HIV-Übertragung so gut wie ausgeschlossen ist, darf auch niemand bestraft werden. Der Kondomgebrauch wird zurecht als wirksamer Schutz akzeptiert – es gibt keinen Grund, die Schutzwirkung der Therapie anders zu beurteilen.

Die Botschaften zu erweitern und zu vermitteln wird nicht leicht, aber es ist möglich!

Ich möchte nun ganz kurz anschneiden, was ich glaube woher die Vorbehalte gegen den Schutz durch Therapie kommen. Denn ich glaube dass diese eine wichtige Rolle spielen werden, wenn man sich über diesbezügliche Präventionsbotschaften Gedanken macht.

1. Das Kondom ist sichtbar. Heißt also, ich kann es mir aktiv überstülpen oder sehen, dass es da ist und genutzt wird. Man kann es auch schmecken und riechen. Oder soll ich sagen leider schmecken und riechen? In den meisten Fällen finde ich persönlich genau das nicht so angenehm. Aber gut. Beim Schutz durch Therapie muss man zuallererst miteinander sprechen und dann natürlich auf die Infos aus diesen Gesprächen vertrauen können. Meiner Ansicht nach ist gerade das Vertrauen für viele Leute ein Problem. Es geht also um ein Gefühl, mit dem man sich wohlfühlen muss. So lange keine eindeutige Kommunikation stattfindet, ist aber die Verwendung von Kondomen zu empfehlen.

2. Es gab schon so viele Sensationsmeldungen über HIV/Aids. Ob es nun um eine Heilung, Impfung oder sonst was ging. Vollkommen egal. Ich denke wer jahrelang immer wieder feststellen musste, dass solche Meldungen im Nachhinein doch zu einem Großteil relativiert werden mussten, dem fällt es schwer nun die, über die wir heute sprechen, anzunehmen. Den Beleg, dass es nicht um eine Vermutung, sondern um Fakten geht, haben wir bereits. Nun kommt es darauf an, ob wir es schaffen, das Wissen auch vom Kopf in den Bauch zu bekommen. Vielleicht müssen wir noch mehr daran arbeiten, alte Schreckensbilder zu durchbrechen, damit dieses Glauben leichter fällt.

3. Nach 30 Jahren mit der Kondombotschaft, erzeugt die Aussage, auch kondomloser Sex könne Safer Sex sein, große Ängste, zum Beispiel vor einem Anstieg der HIV-Infektionen. Gerade Menschen mit HIV haben oft verinnerlicht, dass sie unter keinen Umständen auf Kondome verzichten dürfen. Solche Ängste sind allzu verständlich und müssen offen diskutiert werden können. Es gilt dabei deutlich zu machen: Niemand will von Kondomen abraten. Es geht um sachliche Informationen zu einer weiteren Möglichkeit sich zu schützen.

Mir ist bewusst dass die Botschaften – nicht nur wegen der eben drei genannten Punkte – nicht gerade einfach zu kommunizieren sind, aber wir haben meiner Ansicht nach, wie eben schon gesagt, die Pflicht dieses Wissen zu verbreiten.

Weitere Infos:
Safer Sex geht auch anders, Kampagne zum 30. Geburtstag der Deutschen AIDS-Hilfe.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

 

 

 

DER SPIEGEL zur Kompassnadel. Weniger kritisch geht kaum.

Wie man in meinem letzten Beitrag lesen kann, habe ich die Laudatio auf die Print- und Onlineredaktionen des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL gehalten, welche die Kompassnadel des Schwulen Netzwerk NRW erhalten haben. Nun habe ich mir, wie fast immer, am Sonntag Abend den neuen SPIEGEL gekauft und einen Absatz zum Thema darin gefunden, auf den ich gerne reagieren möchte.

DER SPIEGEL Nr. 22/1987 (Quelle: spiegel.de)

DER SPIEGEL Nr. 22/1987 (Quelle: spiegel.de)

Bevor ich damit beginne, mich auf die Veröffentlichung im SPIEGEL zu beziehen, möchte ich kurz etwas erwähnen: Ich bin natürlich weiterhin Befürworter der Preisverleihung. Die Gründe dafür habe ich in meiner Laudatio beschrieben, deswegen wiederhole ich mich dahingehend nicht. Gerne streite ich mich über das Für und Wider, den SPIEGEL auszuzeichnen. Mit diesem Artikel hier möchte ich die Reaktion – wenn man es denn so nennen kann – im SPIEGEL allerdings getrennt davon kritisieren.

Folgendes steht über die Preisverleihung im aktuellen SPIEGEL (Heft 29/2013) auf der letzten Seite, unten rechts:

„Das schwule Netzwerk Nordrhein-Westfalen hat SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE die „Kompassnadel“ verliehen, eine Auszeichnung für die Förderung der Akzeptanz von Homosexuellen: Die SPIEGEL-Berichte zeichneten ein „ausgewogenes und realistisches Bild von schwulem Leben in Deutschland und vor allem auch in anderen Ländern, in denen Homosexuelle unterdrückt, verfolgt und ermordet werden“. Die Nominierung hatte Proteste hervorgerufen; Kritiker verwiesen auf die von ihnen als tendenziös empfundene Aids-Berichterstattung des SPIEGEL in den achtziger Jahren.“

Ende. Mehr kann man dazu nicht lesen. Was man dort lesen kann finde ich, um es nett auszudrücken, absolut unverständlich.

Tendenziös ist ein nettes Wort. Meiner Meinung nach zu weichgespült, als dass es sich eignet, um die damalige Berichterstattung zu beschreiben. Wörter die es aus meiner Sicht besser getroffen hätten: Homophob, menschenverachtend, stigmatisierend oder hetzerisch. Wie auch in meiner Laudatio beschrieben, kann ich trotz des Wandels zum heutigen Journalismus differenzieren und sehe was die Vergangenheit angerichtet hat.

Vergangenheit ist ein gutes Stichwort. Der letzte Satz hat einen fahlen Beigeschmack. Dort wird das „tendenziöse“ Empfinden lediglich Kritikern zugeordnet. So einfach ist das aber nicht. Nicht nur Kritiker, sondern auch Befürworter des Preises können die damalige Berichterstattung als absolut unmissverständlich menschenverachtend benennen. Dies tun auch einige. Dazu zähle ich mich, aber auch viele mit denen ich gesprochen habe.

Dr. Markus Verbeet war als Vertreter des SPIEGEL bei der Preisverleihung. In seiner Dankesrede sprach er davon, dass es in der Redaktion nun um Aufarbeitung geht. In einem Eintrag auf dem SPIEGELblog, der ein paar Tage später veröffentlicht wurde, ist keine Rede mehr davon. Er schreibt zwar „In der Zwischenzeit arbeiten wir beim SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE daran, dem Preis gerecht zu werden: durch eine Berichterstattung, die ausgewogen, realistisch und feinfühlig ist…“, aber von einem Blick in die Vergangenheit ist nichts zu spüren.

In meiner Laudatio habe ich geschrieben, dass ich finde, dass es Zeit für eine längst überfällige Entschuldigung ist. Im Blatt. Mir ist bewusst, dass eine Entschuldigung eigentlich (!) nur von den damaligen Schreibern kommen kann. Natürlich hätte ich verstanden, wenn sich die heutige(n) Redaktion(en) deswegen so einen Schritt nicht wagen. Auch wenn ich immer noch finde, dass es sich als symbolisches Zeichen der Versöhnung trotzdem eignet.

Allerdings hält nichts und niemand die heutigen Mitarbeiter davon ab, sehr deutliche und kritische Worte über die Hetze ihrer Vorgänger zu finden. Das was aber abgedruckt wurde, ist nicht nur zu wenig. Nein. Es ist sogar ein Schlag ins Gesicht derer, die die damalige Zeit miterleben mussten.

Was mich nämlich am meisten stört ist folgendes: Das geschrieben wird, es gehe um ein Empfinden. Es liest sich so, als ob die Berichterstattung nicht homophob oder tendenziös war, sondern nur ein paar Schwule – die sich nun aufregen – es so empfinden.

Ich lehne ein Schwarz-Weiß-Denken von beiden Seiten, Kritikern und Befürwortern, ab. Man kann erwarten, dass alle bereit dazu sind, zu differenzieren und andere Meinungen auszuhalten. Diese Erwartung gilt auch für den SPIEGEL. Es erscheint aber so, als ob dort – zumindest wenn wir das bisher veröffentlichte sehen, wer weiß, was noch kommt – sehr weiß gedacht wird. So weiß ist die Weste des Magazins aber nicht.

Zu jeder Biographie gehören Narben. Wir alle haben keine weiße Weste. Nobody’s perfect. Sich den Fehlern zu stellen, diese zu erkennen, sie zu benennen und daraus zu lernen. Das erwarte ich.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Kompassnadel für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE: Meine Laudatio inkl. Vorwort

Am Samstag wurde beim CSD-Empfang des Schwulen Netzwerk NRW die Kompassnadel an Falk Steinborn und die Print- und Onlineredaktionen des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL verliehen. Ich durfte die Laudatio für den/die letzteren Preisträger halten. Die Verleihung war sehr umstritten und auch ich war in der letzten Woche Vorwürfen ausgesetzt, dass ich zu jung bin um diese Laudatio zu halten und instrumentalisiert werde. Mein Vorwort, in dem ich darauf eingehe, und meine Laudatio könnt ihr hier lesen.

Foto: Michael Jähme

Foto: Michael Jähme

Vorwort

Bevor ich beginne, möchte ich ganz kurz auf eine Debatte eingehen, die es – aufgrund dessen, dass ich die Laudatio halte – im Vorfeld gegeben hat. Es wurde in offenen Briefen und Pressestatements geschrieben, dass ich zu jung sei, um das hier zu machen, schließlich habe ich die 80er Jahre nicht miterlebt, und dazu noch instrumentalisiert werde.

Es passiert mir nicht zum ersten Mal, dass mir Kompetenz wegen meines Alters abgesprochen wird, im Gegenteil. Was ich darüber denke? Ich glaube junge Menschen brauchen Freiräume, in denen sie kreativ sein können, auch Fehler machen dürfen. In denen sie sich auch verlaufen dürfen, auf dem Weg, sich und ihre Haltungen zu finden. Wer ihnen diesen Raum nicht geben will, der verhindert schon von vornherein, dass sie überhaupt Gutes erreichen können. Es wäre toll, wenn man respektiert, was ich denke und fühle. Denn ich respektiere es andersherum genauso, was sicherlich in der Laudatio gleich auch sichtbar wird.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob denen, die so etwas verbreiten, bewusst ist, welches Signal sie an junge Leute senden. Nämlich eines, dass sie zu gewissen Dingen nichts sagen dürfen, einfach weil sie zu jung sind. Ich muss, weil sich heute hier im Saal auch einige junge Leute befinden, mit folgendem Appell ein Gegensignal setzen:

Lasst euch davon nicht beirren und probiert euch aus. Bringt eure Ideen ein und setzt sie auch durch. Findet eure Position, egal wie kontrovers und provokativ sie ist. Oft dauert es ganz lange, bis man seine Haltung findet. Aber wenn man, so wie ich heute, hier oben steht und weiß, dass was man gleich sagt, dass ist keine Meinung eines anderen, sondern die eigene, über die man gerne streiten, aber zu der man auch stehen kann. Dann ist das ein unglaublich hohes Gut!

Außerdem sind wir die Zukunft. Alleine deswegen sind unsere Gedanken wichtig, berechtigt und gut genug, um sie zu äußern. Wir alle müssen verschiedene Meinungen aushalten, egal auf welcher Seite wir stehen. Ihr habt etwas zu sagen, dann traut euch auch bitte, es laut zu sagen.

Genau so laut möchte ich kurz auf den Vorwurf der Instrumentalisierung eingehen. Diese Bühne, die mir heute geboten wird, die nutze ich, weil ICH es will. Denn bei aller Kritik im Vorfeld möchte ich die Sache auch von einer anderen Seite beleuchten. All das was ich sage, kommt von mir und ist ehrlich gemeint. Nicht jedem wird das gefallen, aber: Ich bin echt. Ich spiele keine Rolle. Auch wenn es manchem nicht passt was ich sage.

Kurz vor dieser Laudatio, mit der ich jetzt sofort beginne, hat jemand zu mir gesagt: Dafür gibt man sich doch nicht her… Ich gebe mich nicht her, sondern es ist mir ein Anliegen heute hier zu stehen! Vielen Dank!

Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen und Freunde, Sehr geehrter Herr Dr. Verbeet,

der Landesvorsitzende der Aidshilfe NRW, Arne Kayser, hat den Konflikt, der dieser Preisverleihung vorangegangen ist, bereits angesprochen. Auch ich bin der Ansicht, dass die Diskussionen im Vorfeld des heutigen Tages wichtig waren und wir über den Umgang von Massenmedien mit Bildern vom Leben mit HIV im Gespräch bleiben sollten.

Die Emanzipation von Minderheiten ist immer ein ganzes Stück Arbeit, sie kostet Zeit und braucht auch Ausdauer. Das kann man z. B. an der Frauenbewegung beobachten, aber auch an der ersten Schwulenbewegung und den aktuellen schwul-lesbischen Debatten gut erkennen. Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir mit unseren Forderungen auch andere Lebensweisen, die für ihre Anerkennung plädieren, nicht aus dem Blick verlieren.

Hanns Joachim Friedrichs hat mal gesagt „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Vor diesem Hintergrund sind Sie, die SPIEGEL-Redakteure, gute Journalisten, die auch zu unseren Themen distanziert und engagiert zugleich berichten.

In der Vorbereitung auf diese Laudatio habe ich mich aber natürlich auch mit der Kritik an der Preisvergabe beschäftigt und intensiv mehrere Artikel des SPIEGEL, vielleicht sogar alle, aus den 80er Jahren durchforstet. In denen kann man z. B. von „Homosexuellen-Seuche“ lesen. In einer Veröffentlichung fragt ein Journalist: „Ist eine moderne Seuche in Sicht oder werden nur Homosexuelle dran glauben müssen?“. Nur Homosexuelle. Nur. Als ob das nicht schon genug wäre. Das waren, auch aus meiner Sicht, durchaus menschenverachtende Texte, die dazu führten, dass ein politisches und gesellschaftliches Klima gefördert wurde, welches man mit nur einem Wort beschreiben kann: Homophob.

Die Debatte hat auch gezeigt, dass der Schmerz und das Trauma von damals für viele Schwule, HIV-positive und an Aids Erkrankten keine entfernten Begriffe sind, sondern immer noch zur Gegenwart gehören. Ich weiß nicht, wie es sich damals angefühlt haben mag, dazu bin ich zu jung. Und dazu bin ich tatsächlich zu jung. Aber wenn ich die alten Artikel lese, dann macht das was mit mir. Es lässt mich verstehen, warum es für einige unerträglich ist, dass ein Magazin ausgezeichnet wird, das damals mit für Diffamierung und Ausgrenzung verantwortlich war.

Sehr geehrter Dr. Herr Verbeet, Sie, als Vertreter des SPIEGEL, haben sich vor dieser Veranstaltung auch mit Kritikern unterhalten. Hier im Saal gibt es einige Menschen, die wütend über diese Preisverleihung sind. Verletzt, wegen der Berichterstattung ihres Magazins. Meine Bitte ist: Nehmen Sie die Inhalte aus diesen Gesprächen mit. Ich glaube, Sie haben verstanden, was diese Menschen bewegt. Deswegen bin ich sicher, dass Sie solch eine Berichterstattung, die in den 80er Jahren durchaus Normalität beim SPIEGEL war, nie wieder zulassen würden.

Das was jetzt kommt ist wichtig. Es ist mir ein Bedürfnis dies zu fordern. Und zwar deutlich zu fordern. Ich finde auch, dass es Zeit für eine längst überfällige Entschuldigung ist. Nicht nur hier und heute, sondern am besten auch am Ort des Geschehens – im Blatt.

Auch wenn es nicht Sie und ihre heutigen Kollegen und Kolleginnen direkt waren, das möchte ich ausdrücklich betonen, die diese Artikel geschrieben haben. Dennoch wäre es ein wichtiges Zeichen der Versöhnung. Einer muss den ersten Schritt dazu machen. Erster Schritt, weil mir bewusst ist, dass damit nicht alles vom Tisch ist, sondern der Dialog erst angemessen beginnt. Umso besser, wenn dieser erste Schritt von jenen gemacht wird, die heute bei dem Magazin arbeiten, welches für den Schmerz verantwortlich ist. Und an die, die tief verletzt sind, auch eine Bitte: Wenn es passiert, nehmt es an. Aufeinander zugehen müssen dann beide Seiten. Was wir brauchen ist Aufarbeitung und Verständnis, auch wenn seitdem einige Jahre vergangen sind, in denen sich der SPIEGEL gewandelt hat.

Um Ihnen diesen Wandel, hin zu einer positiven Berichterstattung, zu verdeutlichen, möchte ich nun gerne persönlich werden: Als ich mit 12, 13, 14 Jahren in meiner Pubertät bemerkt habe, dass ich schwul bin, da war ich damit alleine. In den meisten Schulbüchern existierten als Beispiele nur heterosexuelle Paare. Auf dem Schulhof wurde (und ich glaube wird auch immer noch) schwul höchstens als Schimpfwort benutzt. Auch in meinem Freundes- und Familienkreis wurde das Thema totgeschwiegen.

In derselben Zeit bemerkt man als junger Mensch aber auch, dass Politik und Nachrichten nicht nur Pflichtstoff sind, den man von seinen Lehrern aufgezwungen bekommt, sondern die Beschäftigung damit auch Spaß machen kann. So war‘s auch bei mir.

Dann fällt einem sehr schnell auf, wie wichtig eine Berichterstattung sein kann, die einem aufzeigt, dass man vielleicht anders ist, als die anderen, aber das doch gar nicht so schlimm ist. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

Der SPIEGEL war DAS Medium, welches mich persönlich während meiner Selbstfindungsphase gestärkt hat. Plötzlich merkte ich, dass Homosexualität sehr wohl Thema sein kann, wenn auch nicht in meinem direkten Umfeld. Ich las Dinge, die ich beim Boulevard vermisste. Davon, dass natürlich auch ein Fußballprofi schwul sein kann und es sicherlich einen gibt, der es ist. Von Kritik an homophoben Kirchenvertretern. Und Berichten über unvorstellbar schwulenfeindliche Gesetze in anderen Ländern.

Hierzu muss ich kurz sagen, dass ich auf der Weltaidskonferenz in Amerika, AfrikanerInnen und OsteuropäerInnen kennengelernt habe, die genau von dieser Rechtssprechung betroffen sind. Für mich sind diese Gesetze also nicht irgendetwas, das weit weg ist und am anderen Ende der Welt passiert. Sondern ich verbinde damit Gesichter und Geschichte. Vor allem verbinde ich damit Freundschaften. Umso wichtiger dass man darüber spricht.

Als ich mit 20 Jahren dann meine HIV-Diagnose bekomme haben, war das genau zu der Zeit, in der Nadja Benaissa verhaftet und vorgeführt wurde. Sie erinnern sich sicher alle hier an diesem Moment, der uns auch weit in der Prävention zurück geworfen hat. Schauen Sie sich mal im Netz um. Sie finden auch heute noch Begriffe wie „Biowaffe“ und „Virusschleuder“. Das sind leider keine Phänomene von gestern. Beides Bezeichnungen, die stigmatisierend, beleidigend und schlichtweg falsch sind. Aber das waren Worte, die mir Boulevardmagazine als erstes vermittelt haben. Kurz nach meiner Diagnose war ich, zumindest aus der Sicht einiger Medien, der verantwortungslose „Todesengel“.

Nicht aber für den SPIEGEL, der inzwischen, ich betone inzwischen, einen für mich wichtigen Gegenpol darstellte. Ein Medium, welches nicht auf Sensationsjournalismus, sondern auf eine fundierte, ausgewogene und informative Berichterstattung setzt.

Sie, Herr Dr. Verbeet, und Ihre Kollegen und Kolleginnen erreichten und erreichen damit aber nicht nur mich oder uns als Community, sondern als Massenmedium unglaublich viele Leute. Keine Frage, auch andere Medien haben in diesem Sinne berichtet, doch der SPIEGEL ist nun mal im Printbereich und mit seinem Onlineportal nahezu unerreicht.

Für junge Leute ist zum Beispiel das Internet der erste Anlaufpunkt, um an Informationen zu kommen. Tageszeitungen oder TV-Nachrichten werden nur in seltenen Fällen gelesen oder geschaut. Ich weiß aber natürlich auch, dass viele andere Leute für Printmedien dankbar sind. Und gerade diese Dualität der herkömmlichen und der neuen Medien zeichnet ihre Redaktion aus. Damit erreichen Sie die, die wir erreichen wollen und müssen. Denn ihr Publikum ist vielfältig und kommt aus allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten.

Ihre Redaktion ist mit anderen Leuten besetzt als in den 80er Jahren. Der SPIEGEL hat sich gewandelt. Der Zeitgeist und wir, sowie die Situation in der wir uns befinden, ebenso. Das „spiegelt“ sich auch im Wandel Ihrer Berichterstattung.

Die Diskussionen um die morgige CSD-Parade hier in Köln sowie über bundespolitische Themen der Gleichstellung in den letzten Wochen und Monaten haben gezeigt, dass wir lange noch nicht alles erreicht haben. Die Angleichung an die Ehe ist wichtig, weil gleiche Pflichten auch gleiche Rechte bedeuten müssen, aber sie beendet nicht die Homophobie, die in vielen Köpfen fest verankert ist. Gesetze sind also ein richtiges symbolisches Zeichen, aber sie reichen alleine nicht aus, um unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern.

Wir sind demnach weit gekommen, aber dürfen jetzt nicht an Fahrt verlieren. Wir wollen gleich behandelt werden, aber auch anders sein und bleiben dürfen. Jeder sollte das Recht haben, für sich den Lebensentwurf zu wählen und zu leben, der zu ihm passt und mit dem er oder sie am glücklichsten ist. Ob offene Partnerschaften, Beziehungen, die von mehr als zwei Personen geführt
werden, oder sexuelle Selbstbestimmung. Ob Tunte, Lederkerl, Diva, unauffällig oder eine bunte Mischung aus all dem. Das letzte was wir brauchen, ist Akzeptanz durch Anpassung. Denn Vielfalt ist unsere Stärke!

Und indem Sie im SPIEGEL und bei SPIEGEL Online diese unterschiedlichen Lebensweisen einer breiten, zumeist heterosexuellen Leserschaft näher bringen, wirken Sie daran mit, dass die Gesellschaft sich für diese anderen Lebensformen öffnet.

Sie müssen sich also nicht mit uns gemein machen. Aber mit dieser Kompassnadel werden Sie dafür ausgezeichnet, zu (be)schreiben, und zwar realistisch zu beschreiben wie wir sind.

Schreiben Sie weiter darüber, wie es ist, heute als Jugendlicher der unreflektierten Homophobie Gleichaltriger auf dem Schulhof zu begegnen. Schreiben Sie wie es ist, als junger Mann mit HIV auf viele Vorurteile und Stigma, selbst unter Schwulen, zu stoßen. Schreiben Sie wie es ist, trotz gleicher Pflichten noch nicht überall gleiche Rechte zu bekommen.

Kurz: Schreiben Sie immer wieder darüber, wie wir sind. Ich. Die Leute im Saal. Die Menschen draußen auf dem Straßenfest. Denn wir alle wollen als Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* Personen, mit all der Unterschiedlichkeit und Vielfalt die uns ausmacht, in diesem Land und überall auf der Welt offen und akzeptiert leben.

Für mich als jungen, schwulen HIV-Aktivisten ist es wichtig, ein Medium wie den SPIEGEL an meiner Seite zu wissen.

Deswegen, sehr geehrter Herr Dr. Verbeet, gratuliere ich Ihnen und natürlich allen Kollegen und Kolleginnen aus Ihren Redaktionen in Hamburg ganz herzlich zum Erhalt der Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW – Herzlichen Glückwunsch!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Die blu-Mediengruppe und der offene Brief… – Die Fortsetzung!

Gestern habe ich einen offenen Brief an die blu-Mediengruppe verfasst. Prompt hat sich auch ein Chefredakteur gemeldet, der weiterhin mit falschen Tatsachen versucht, ein negatives Bild von Migranten zu verkaufen. Die rik hat mittlerweile reagiert: Das Posting ist gelöscht!

Keinen CSD mit Nazis

Ich habe eine Reaktion von Christian Knuth, Chefredakteur, bekommen, auf die ich reagieren möchte, denn die Dinge, die er schreibt, kann und will ich so nicht stehen lassen. Hier seine Aussagen und meine Antworten darauf:

„1. richtig erkannt, wir haben auch in der schwulen Szene ein Rassismusproblem“

Vielen Dank für diese Feststellung!

„2. es hilft nichts, dieses totzuschweigen oder Denk- bzw. Redeverbote zu erteilen, in dem schon die Erwähnung des Problems als Rassismus gewertet wird.“

Niemandem geht es um ein Rede- oder Denkverbot, das habe ich in meinem Text auch nirgends geschrieben. Wie kommen Sie also darauf? Dass das Rassismusproblem thematisiert gehört, erwähne ich ausdrücklich im letzten Teil des Textes! Sie (oder Herr Alp) haben nicht das Problem erwähnt, bzw. vielleicht mit viel Phantasie am Ende, sondern in die gleiche Kerbe gehauen, indem sie auf “Tatsachen” verweisen. Das ist ein großer Unterschied.

„3. bitte checke deine Fakten, bevor du hier journalistische Qualität anmahnst. Die 16% „Nichtdeutsche Übergriffe“ stammen aus der ersten Maneo-Studie 2006/2007 und sind dort nicht abgefragt worden, sondern von den Teilnehmern ungefragt eingetragen worden. Dieses Verhalten überraschte die Macher der Studie, weswegen in der Nachfolgestudie 2008 eine Einschätzung gemacht werden konnte: „Von denen, die sich in ihrer Einschätzung sicher sind, nehmen 16.9 Prozent einen rechtsradikalen Hintergrund der Täter an. 60.4 Prozent der in Deutschland wohnenden Befragten denken, dass es Deutsche waren, folglich vermuten 39.6 Prozent eine nichtdeutsche Herkunft bzw. einen Migrationshin- tergrund bei den Tätern. Die im Bericht zur Vorjahresuntersuchung geäußerte Befürchtung, dass der dort in einer offenen Frage erhaltene Anteil nichtdeutscher Täter mit 16 Prozent der Fälle unterschätzt sein dürfte (vgl. Lippl 2007), kann damit als bestätigt angesehen werden.“

Schön, wie sie die aktuellere Studie zitieren. Leider haben Sie aber behauptet, 40 Prozent der Täter haben einen Migrationshintergrund. Ich frage erneut: Wie kommen Sie darauf? Die einzige Zahl, die im Raum stand, sind die 16% der vorigen Studie, danach eine Vermutung (danke, dass Sie dieses Wort auch selber nutzen) der Folgestudie als Tatsache zu verkaufen grenzt an Dreistigkeit. Vielleicht haben einige der Befragten auch gesagt, dass sie es nicht wissen? Sie behaupten allerdings direkt, dass es sich um Menschen mit Migrationshintergrund handelt.

Zumal die Macher der Maneo-Studie selber schreiben und sagen, dass die Studie wenig repräsentativ ist, weil nach einem “subjektivem Eindruck” gefragt wird. Und: Ich weiß nicht, wie sehr Sie sich mit Studien beschäftigen, aber es gilt nicht nur, dass viele gefälscht sind (“Glaube keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast”), sondern auch, dass die Befragten sehr oft das antworten, was man von ihnen erwartet.

Ergo: Wenn Politiker, öffentliche Personen und auch Leute wie Sie davon sprechen, dass “überproportional viele” Täter Migrationshintergrund haben, dann hat dass Einfluss auf die Antworten der Menschen. Ich frage auch hier erneut: Warum schreiben Sie, dass überproportional viele Täter einen Migrationshintergrund haben? Selbst wenn 40% einen Migrationshintergrund haben würden, was ja nur eine Vermutung ist und Vermutungen eignen sich allgemein nicht für Tatsachenbehauptungen, ist das nicht die Mehrheit! Was wollen Sie damit erreichen?

„4. genau diese 39,6 % werden von Gruppierungen wie Pro Köln genutzt, um unterschwellig oder auch ganz offen Angst zu schüren und so Zulauf für ihre „Partei“ zu generieren. Hier muss ein Diskurs geführt werden, denn ein einfaches Wegsperren dieser Gefahr von Rechts führt dazu, dass sich Opfer und Verängstigte unverstanden fühlen und den Parolen viel eher auf den Leim gehen. Das ist der Grund, warum unser Herausgeber in seinem Artikel dazu aufruft, sich gut zu überlegen ob und wie ein Ausschluss sinnvoll durchführbar ist.“

Ja, pro Köln nutzt Angst und Vorurteile, die oft auf Vermutungen basieren, sie fallen drauf rein – Herzlichen Glückwunsch!

5. der Vorwurf, wir würden Migranten als Gegner bezeichnen, ist infam und widerlich

Widerlich ist, dass sie Tatsachen verbreiten, die keine sind und auch selber gerade schreiben, dass es sich lediglich um Vermutungen handelt. Aber selbst diese weisen nicht mal auf eine “überpoportionale Mehrheit” hin.

6. wir sind nicht unpolitisch. Wie queer.de, Siegessäule und weitere sind wir Anzeigenfinanziert. Daraus journalistische Qualität abzuleiten ist schön einfach. Genau so einfach wie Studien nur zu überfliegen oder sich mit Texten eine Minute bzw. bis zum ersten Absatz zu befassen um dann die nächste Sau durchs Dorf zu jagen.

Was politisch ist, darüber kann man streiten. Das was sie da auf Ihrer Seite haben kratzt vielleicht an gewissen politischen Themen, aber nicht mehr. Queer.de und die Siegessäule sind weitaus mutiger und detailreicher, was die Berichterstattung angeht, wenn Sie diese schon als Vergleich wählen. Da wird nicht nur an der Oberfläche gekratzt.

Und: Ich habe die Studien nicht einfach überflogen, auch nicht ihren Text. Wie Sie oben sehen, studiere ich sie anscheinend anders als Sie und (was noch wichtiger ist) hinterfrage Zahlen auch gerne. Sollte man vielleicht öfter mal tun.

Übrigens: Der Text auf der rik-Facebookseite war weitaus schärfer geschrieben, als auf der blu-Seite. Des Weiteren hat irgendjemand von Ihnen aufschlussreiche Kommentare als rik-Seiteninhaber unter den Artikel gesetzt. Nachdem viele Leute sich gegen Ihre Sichtweise gewehrt haben, hieß es, diese haben “Bretter vorm Kopf” oder „wollen die Wahrheit nicht wahr haben“. Wo sind diese Kommentare hin? Warum wurde das gesamte Posting von Ihnen ohne Hinweis gelöscht?

Gerade an den Kommentaren konnte man sehr gut ablesen, was für ein Gedankengut bei Ihnen in der Redaktion herrscht. Sie können mir gerne vorwerfen ungründlich recherchiert zu haben, sie beweisen mit Ihrem Kommentar selber, wer schlecht recherchiert und Zahlen in die Welt trägt ohne die Infos zu prüfen.

Es ist feige, wenn man einfach versucht so zu tun, als wäre da nie etwas gewesen. Angemessen wäre eine Richtigstellung Ihrer angeblichen Fakten, die keine sind. Jetzt die Spuren zu verwischen und zu hoffen, dass Gras über die Sache wächst, macht es nicht besser.

So viel dazu, ich möchte aber noch kurz auf etwas anderes hinweisen, dass nicht mit dem Chefredakteur zu tun hat.

Pro Köln hat gerade eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der quasi steht, dass sie „mit ihren politischen Zielen und Forderungen auch vielen Homosexuellen aus dem Herzen spricht“. Es tut mir fast schon weh, aber ich glaube, es gibt tatsächlich unter uns Menschen, die rassistisch sind oder zumindest Vorurteile befeuern, ohne Fakten dafür in der Hand zu halten.

Zeitgleich habe ich einen anonymen Kommentar bekommen, dass ich, wegen des offenen Briefes, auf „einer schwarzen Liste“ von Rechtsnationalen eingetragen werde. Liebe Nazis, diese Einschüchterungsversuche bringen nichts. Ich habe keine Angst und mache weiter. Egal was kommt!

Pro Köln schreibt in der Pressemitteilung übrigens auch: „Wir stehen erst am Anfang unserer Kampagne…“! Ich antworte: „Ich stehe erst am Anfang meines Widerstandes…“! Wie viele andere auch! Denn die Kommentatoren bei rik, unter meinem Brief, bei Queer.de und anderswo sind zu 95% gegen Rassismus und pro Köln. Super!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.