„Ich liebe Schwule!“ – Gott im Interview

Gott wird seit vielen Jahrhunderten als Argument für menschenverachtende Positionen herangezogen. Ich habe mit ihm über die Bibel, seine Meinung zu LSBTIQ*, das Verhältnis zum Teufel und die „Ehe für Alle“ gesprochen.

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Gott: „Nehmen Sie dieses Bild, da liegen meine Haare gut…“ (Foto: Christian Anderl)

Ich freue mich sehr, dass Sie Zeit für ein Interview gefunden haben. Zunächst einmal bin ich etwas unsicher, wie ich Sie ansprechen soll?

Ich habe vollstes Verständnis für Ihre Verunsicherung. Es liegt sicherlich auch an meinen vielen Bezeichnungen, die in der Welt kursieren. Das war auch alles ein großes Missverständnis, denn irgendjemand hat einfach den Namen meines Grindrprofils („Allah“, Anmerkung der Redaktion) in Umlauf gebracht. Ich hatte ihn gewählt, um anonym zu bleiben. Da ich aber unvorsichtig handelte und sehr schnell Facepics verschickte, war ich dies natürlich nicht lange. Die Szene ist ein Dorf. Das spricht sich schnell rum. Nennen Sie mich einfach Gott.

Kommen wir zu einem Thema, welches alle brennend interessieren dürfte. Viele behaupten „Gott hasst Schwule!“. Jetzt, wo ich Sie hier vor mir habe, möchte ich die Chance nutzen, um zu erfahren, ob da etwas dran ist.

Was? Nein! Ich liebe Schwule! Hat nicht einer von denen das Haargel erfunden? Ich starte direkt eine Petition im Internet, um einen bundesweiten Feiertag für diese wichtige Leistung einzuführen. Übrigens gilt meine Liebe auch lesbischen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen. Das ist hier doch ein vielfältiger Blog, oder? Also bitte auch alle mitdenken!

Entschuldigung, ich hatte vermutet sie mit dem LSBTIQ*-Buchstabenkürzel zu überfordern!

Wieso das denn? Ich habe sie doch alle gemacht! Viel schlimmer finde ich Parteienkürzel, die nicht halten was sie versprechen. Schreibt nicht christlich drauf, wo es nicht drin ist. Ich lasse mich ungern als Feigenblatt benutzen.

Ihre Einstellung überrascht mich. Schließlich findet man in der Bibel schon ein paar Stellen, die eine Abneigung gegenüber LSBTIQ* vermuten lassen könnten.

Bibel? Das sagt mir nichts! Nennen Sie mir bitte eine entsprechende Stelle aus dem Buch.

Da wäre zum Beispiel diese hier: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel.“

Wer hat das denn geschrieben? Klingt wie jemand, der sich schwer mit Twitter tut und nicht adäquat in 140 Zeichen auszudrücken weiß. Keine Buchempfehlung von mir. Die Menschen sollten bei J. K. Rowling und Stephen King bleiben. Das ist wenigstens unterhaltsame Fiktion.

Wo wir gerade von Feiertagen sprachen. Es ist kein klassischer Feiertag, aber wenn ich sie richtig verstehe, dann haben Sie demnach auch nichts gegen den CSD?

Auf gar keinen Fall! Der kommt auf meiner Favoritenliste direkt nach Liza Minelli und den Golden Girls.

Es ist Ihnen auch nicht zu viel Nacktheit, Party und Sex?

Himmel nein, ich habe euch doch nicht gemacht, damit ihr euch wie Heteros benehmt. Wobei die ja zum Glück auch immer häufiger ihre strengen Vorgaben zu Sexualität und Beziehungen überdenken. Vergeht ja kaum ein Tag, an dem kein Artikel dazu auf ze.tt oder bento veröffentlicht wird. Die sind doch repräsentativ, oder?

Das ist toll. Könnten Sie dies auch Ihren Anhänger*innen vermitteln?

Wissen Sie, dass probiere ich seit Ewigkeiten. Wir hatten ja früher nüschts. Leider auch keine Medizinkenntnisse, weshalb sie in meinen Jugendjahren noch sehr fehleranfällig war. Seit einer Mandeloperation leide ich an einem Sprachfehler und werde öfter falsch verstanden. Es stimmt, ich spreche zu den Menschen. Jedoch sagte ich „Homosexualität ist Freude pur…“ und nicht „Homosexualität ist gegen die Natur…“, wie so viele behaupten.

Hoffentlich lesen das hier dann die richtigen Menschen!

Das hoffe ich auch. In der Vergangenheit schrieb ich bereits diverse Verlage an, um meine frohe Botschaft unter die Leute zu bringen. Aber als „Gott“ erhalte ich nie eine Antwort auf meine Manuskripteinsendungen. Wahrscheinlich nimmt mich keiner ernst, weil es für ein Pseudonym gehalten wird. Wenn ich allerdings unter anderem Namen veröffentliche, dann nehmen dies wiederum die Glaubensgemeinschaften nicht ernst. Die sagen ja immer „Gott steht über allem“. Dabei bin ich gar kein Top, sondern Versatile Bottom. Es ist ein Teufelskreis.

Gibt es diesen Teufel eigentlich?

Klar, aber auch er kämpft mit Vorurteilen. Gut, ich habe nach unserer Trennung etwas schlecht über ihn geredet, vielleicht auch die ein oder andere Lüge über seine Penislänge verbreitet. So sind Tunten halt. Allerdings können wir heute wieder normal miteinander umgehen.

Das ist schön zu hören. Möchten Sie zum Abschluss noch eine Botschaft an die Leute richten?

Ich würde lieber eine Frage stellen. Da mir der Sinn von Selbstkasteiung ja noch nie so richtig klar war, würde ich gerne wissen, warum Sie diese „Ehe für Alle“ wollen? Aber eigentlich kann es mir ja egal sein, wenn Sie sich in dasselbe Unglück stürzen wie die heterosexuelle Mehrheit. Meinen Segen dafür haben Sie!

Vielen Dank für das Gespräch!

Anderes Interview: „HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

CSDs können gar nicht schrill genug sein!

Die Geschichte zeigt, dass heutige Freiheiten nicht durch Heteronormativität erstritten wurden. Akzeptanz durch Anpassung ist diese Bezeichnung nicht wert. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

Stonewall

Schon mal das Zitat „Stonewall was fitting in“ gehört? Natürlich nicht. Korrekt ist nämlich „Stonewall was a riot“. Die Menschen in der Stonewall Bar haben einen Aufstand durchgeführt, statt sich zu fügen oder anzupassen. Auf diesen Aufstand in der Christopher Street gehen die heutigen CSDs zurück.

Manchmal kann es schon wundern, dass viele Leute die Worte „Christopher Street Day“ ganz selbstverständlich nutzen, aber sich anscheinend nie damit beschäftigt haben, woher dieser Begriff kommt. Dann würde sich nämlich fast jegliche Diskussion darum erledigen, ob wir uns an diesen Tagen „zu schwul“, „zu anders“ oder „zu schrill“ geben.

Chris Fleischhauer, von Beruf Lottofee, findet derzeitige CSDs kontraproduktiv. Er betont, dass die meisten Schwulen „ganz normal“ – was aus seiner Sicht bedeutet, dass sie kaum von heterosexuellen Männern zu unterscheiden seien – sind.

Herr Fleischhauer ist weder der erste, noch der einzige, welcher CSDs dafür kritisiert, wie sich LGBTIQ* dort präsentieren. Die Debatte gab es schon immer und sie flammt in unterschiedlichen Abständen auch immer mal wieder auf.

Im Detail sieht die Kritik nicht jedes Mal gleich aus. Hier sind die Tunten Schuld, dort ist zu viel nackte Haut das Problem und manchmal wird einfach zu viel gefeiert. Halbnackte, angetrunkene Tunten, die zu Madonna kreischen und tanzen (oder beides gleichzeitig, die können das, sogar richtig gut), sind für manch einen wohl der Super-GAU.

Etwas Geschichte vorweg: In der Stonewall Bar waren es vor allem Tunten, Drag Queens und Transvestiten, die sich zur Wehr gesetzt haben. Damit wurde eine selbstbewusste und sichtbare Bewegung geschaffen.

Es handelt sich also um nicht weniger als Geschichtsverdrehung, zu behaupten, dass diese uns das Leben schwer machen. Die heutigen CSDs würden ohne sie wohl kaum stattfinden. Im Grunde genommen würde es uns sogar schaden, wenn wir einen Teil „unserer“ Vergangenheit wieder unsichtbar machen würden.

Ich möchte, dass wir – im Alltag durch die Gesellschaft und juristisch vom Gesetzgeber – gleich behandelt werden, aber auch anders sein und bleiben dürfen. Jeder sollte das Recht haben, für sich den Lebensentwurf zu wählen und zu leben, der zu ihm passt und mit dem er oder sie am glücklichsten ist.

Ob offene Partnerschaften oder sexuelle Selbstbestimmung. Ob Tunte, Lederkerl, Diva, unauffällig oder eine bunte Mischung aus alledem. Das Letzte was wir brauchen, ist Akzeptanz durch Anpassung. Denn Vielfalt ist unsere Stärke!

Richtig ist, dass vor allem die großen CSDs sehr kommerzialisiert erscheinen oder auch sind. Aber machen wir uns doch nichts vor. Irgendwie muss man sich finanzieren. Kritisieren kann man natürlich, dass Unternehmen oder politische Parteien für sich werben, die nichts für uns leisten oder sogar gegen uns agieren.

Wer sich nicht für unsere Interessen einsetzt oder wessen Aktivitäten diesen sogar widersprechen, der hat schlichtweg nichts dort zu suchen. Ich bezweifle aber, dass man pauschal gesehen nicht gleichzeitig politisch und kommerziell sein kann.

In Bezug auf den Kommerz dreht sich die Kritik auch darum, dass es vielen nur um eine große Party geht. Aber wieso sollten wir unsere oben genannte Vielfalt nicht feiern dürfen? Wie großartig ist es bitteschön, verglichen mit der Vergangenheit, dass zumindest ein Teil der LGBTIQ* Menschen frei von bestimmten Sorgen ist.

Es ist doch toll, dass Menschen sie selbst sein können, ohne damit automatisch bedrohliche Gedanken zu verbinden. Denn für andere ist diese Art von Gedankengängen leider immer noch Alltag.

Alltag ist für manche LGBTIQ* auch, dass sie bereits einen „Happy Pride“ hatten, wenn sie ihn nur überleben. Ist diese Party, die wir hierzulande feiern, also überhaupt politisch? Oder nur ein Saufgelage, bei dem gevögelt wird? Ich finde wir sollten feiern und – wer es möchte – auch saufen und ficken. Warum? Weil wir es können!

Das ist in diesem Fall kein abgedroschener Satz, sondern tatsächlich eine Begründung. Alleine dass wir in einem Land leben, in dem die Polizei eine solche Demonstration begleitet, statt sie aufzulösen, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein hart erkämpftes Gut.

Party kann eben doch politisch sein. Genau dann, wenn Vielfalt, Liebe und das Leben gefeiert werden. Das war vor nicht allzu langer Zeit noch verboten. Wir sind sichtbar. Und Sichtbarkeit ist die Grundlage, auf die vieles aufbaut. Gleichberechtigung. Offenheit. Freiheit. Akzeptanz.

„Ich möchte dass ihr feiert. Oft ist unsere einzige Hoffnung, davon zu träumen, wie es sein könnte. Das macht manchmal traurig. Aber es macht auch Mut. Feiert, weil ihr es dürft. Wir würden es auch tun. Irgendwann werden wir es tun. Vielleicht ja alle zusammen.“

Diese Aussage stammt von einer nigerianischen Freundin von mir. Es ist wichtig die Vergangenheit zu kennen und um die Umstände an anderen Orten zu wissen. Denn dann kommen wir vielleicht auch davon weg, dass einige Personen in gute und schlechte CSD-Teilnehmer*innen oder Communitymitglieder*innen unterscheiden und denen in die Karten spielen, die uns sowieso nicht wohl gesonnen sind.

Bleiben wir also sexy, tuntig, provokativ, spießig und/oder politisch. Seid, wer ihr seid. Denn dies bereichert uns alle. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

In diesem Sinne wünsche ich allen viele tolle Erlebnisse‬. Trefft viele alte und neue Bekannte. Verführt und lässt euch verführen. Genießt die Sonne, die gute Laune, die Liebe und die Freundschaft. Aber vergesst bei alledem nicht die, die es nicht so leicht haben.

Ähnlicher Artikel: Merkels Verlogenheit zur #EheFürAlle bei #NetzFragtMerkel

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Kompassnadel für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE: Meine Laudatio inkl. Vorwort

Am Samstag wurde beim CSD-Empfang des Schwulen Netzwerk NRW die Kompassnadel an Falk Steinborn und die Print- und Onlineredaktionen des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL verliehen. Ich durfte die Laudatio für den/die letzteren Preisträger halten. Die Verleihung war sehr umstritten und auch ich war in der letzten Woche Vorwürfen ausgesetzt, dass ich zu jung bin um diese Laudatio zu halten und instrumentalisiert werde. Mein Vorwort, in dem ich darauf eingehe, und meine Laudatio könnt ihr hier lesen.

Foto: Michael Jähme

Foto: Michael Jähme

Vorwort

Bevor ich beginne, möchte ich ganz kurz auf eine Debatte eingehen, die es – aufgrund dessen, dass ich die Laudatio halte – im Vorfeld gegeben hat. Es wurde in offenen Briefen und Pressestatements geschrieben, dass ich zu jung sei, um das hier zu machen, schließlich habe ich die 80er Jahre nicht miterlebt, und dazu noch instrumentalisiert werde.

Es passiert mir nicht zum ersten Mal, dass mir Kompetenz wegen meines Alters abgesprochen wird, im Gegenteil. Was ich darüber denke? Ich glaube junge Menschen brauchen Freiräume, in denen sie kreativ sein können, auch Fehler machen dürfen. In denen sie sich auch verlaufen dürfen, auf dem Weg, sich und ihre Haltungen zu finden. Wer ihnen diesen Raum nicht geben will, der verhindert schon von vornherein, dass sie überhaupt Gutes erreichen können. Es wäre toll, wenn man respektiert, was ich denke und fühle. Denn ich respektiere es andersherum genauso, was sicherlich in der Laudatio gleich auch sichtbar wird.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob denen, die so etwas verbreiten, bewusst ist, welches Signal sie an junge Leute senden. Nämlich eines, dass sie zu gewissen Dingen nichts sagen dürfen, einfach weil sie zu jung sind. Ich muss, weil sich heute hier im Saal auch einige junge Leute befinden, mit folgendem Appell ein Gegensignal setzen:

Lasst euch davon nicht beirren und probiert euch aus. Bringt eure Ideen ein und setzt sie auch durch. Findet eure Position, egal wie kontrovers und provokativ sie ist. Oft dauert es ganz lange, bis man seine Haltung findet. Aber wenn man, so wie ich heute, hier oben steht und weiß, dass was man gleich sagt, dass ist keine Meinung eines anderen, sondern die eigene, über die man gerne streiten, aber zu der man auch stehen kann. Dann ist das ein unglaublich hohes Gut!

Außerdem sind wir die Zukunft. Alleine deswegen sind unsere Gedanken wichtig, berechtigt und gut genug, um sie zu äußern. Wir alle müssen verschiedene Meinungen aushalten, egal auf welcher Seite wir stehen. Ihr habt etwas zu sagen, dann traut euch auch bitte, es laut zu sagen.

Genau so laut möchte ich kurz auf den Vorwurf der Instrumentalisierung eingehen. Diese Bühne, die mir heute geboten wird, die nutze ich, weil ICH es will. Denn bei aller Kritik im Vorfeld möchte ich die Sache auch von einer anderen Seite beleuchten. All das was ich sage, kommt von mir und ist ehrlich gemeint. Nicht jedem wird das gefallen, aber: Ich bin echt. Ich spiele keine Rolle. Auch wenn es manchem nicht passt was ich sage.

Kurz vor dieser Laudatio, mit der ich jetzt sofort beginne, hat jemand zu mir gesagt: Dafür gibt man sich doch nicht her… Ich gebe mich nicht her, sondern es ist mir ein Anliegen heute hier zu stehen! Vielen Dank!

Laudatio

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Freundinnen und Freunde, Sehr geehrter Herr Dr. Verbeet,

der Landesvorsitzende der Aidshilfe NRW, Arne Kayser, hat den Konflikt, der dieser Preisverleihung vorangegangen ist, bereits angesprochen. Auch ich bin der Ansicht, dass die Diskussionen im Vorfeld des heutigen Tages wichtig waren und wir über den Umgang von Massenmedien mit Bildern vom Leben mit HIV im Gespräch bleiben sollten.

Die Emanzipation von Minderheiten ist immer ein ganzes Stück Arbeit, sie kostet Zeit und braucht auch Ausdauer. Das kann man z. B. an der Frauenbewegung beobachten, aber auch an der ersten Schwulenbewegung und den aktuellen schwul-lesbischen Debatten gut erkennen. Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir mit unseren Forderungen auch andere Lebensweisen, die für ihre Anerkennung plädieren, nicht aus dem Blick verlieren.

Hanns Joachim Friedrichs hat mal gesagt „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Vor diesem Hintergrund sind Sie, die SPIEGEL-Redakteure, gute Journalisten, die auch zu unseren Themen distanziert und engagiert zugleich berichten.

In der Vorbereitung auf diese Laudatio habe ich mich aber natürlich auch mit der Kritik an der Preisvergabe beschäftigt und intensiv mehrere Artikel des SPIEGEL, vielleicht sogar alle, aus den 80er Jahren durchforstet. In denen kann man z. B. von „Homosexuellen-Seuche“ lesen. In einer Veröffentlichung fragt ein Journalist: „Ist eine moderne Seuche in Sicht oder werden nur Homosexuelle dran glauben müssen?“. Nur Homosexuelle. Nur. Als ob das nicht schon genug wäre. Das waren, auch aus meiner Sicht, durchaus menschenverachtende Texte, die dazu führten, dass ein politisches und gesellschaftliches Klima gefördert wurde, welches man mit nur einem Wort beschreiben kann: Homophob.

Die Debatte hat auch gezeigt, dass der Schmerz und das Trauma von damals für viele Schwule, HIV-positive und an Aids Erkrankten keine entfernten Begriffe sind, sondern immer noch zur Gegenwart gehören. Ich weiß nicht, wie es sich damals angefühlt haben mag, dazu bin ich zu jung. Und dazu bin ich tatsächlich zu jung. Aber wenn ich die alten Artikel lese, dann macht das was mit mir. Es lässt mich verstehen, warum es für einige unerträglich ist, dass ein Magazin ausgezeichnet wird, das damals mit für Diffamierung und Ausgrenzung verantwortlich war.

Sehr geehrter Dr. Herr Verbeet, Sie, als Vertreter des SPIEGEL, haben sich vor dieser Veranstaltung auch mit Kritikern unterhalten. Hier im Saal gibt es einige Menschen, die wütend über diese Preisverleihung sind. Verletzt, wegen der Berichterstattung ihres Magazins. Meine Bitte ist: Nehmen Sie die Inhalte aus diesen Gesprächen mit. Ich glaube, Sie haben verstanden, was diese Menschen bewegt. Deswegen bin ich sicher, dass Sie solch eine Berichterstattung, die in den 80er Jahren durchaus Normalität beim SPIEGEL war, nie wieder zulassen würden.

Das was jetzt kommt ist wichtig. Es ist mir ein Bedürfnis dies zu fordern. Und zwar deutlich zu fordern. Ich finde auch, dass es Zeit für eine längst überfällige Entschuldigung ist. Nicht nur hier und heute, sondern am besten auch am Ort des Geschehens – im Blatt.

Auch wenn es nicht Sie und ihre heutigen Kollegen und Kolleginnen direkt waren, das möchte ich ausdrücklich betonen, die diese Artikel geschrieben haben. Dennoch wäre es ein wichtiges Zeichen der Versöhnung. Einer muss den ersten Schritt dazu machen. Erster Schritt, weil mir bewusst ist, dass damit nicht alles vom Tisch ist, sondern der Dialog erst angemessen beginnt. Umso besser, wenn dieser erste Schritt von jenen gemacht wird, die heute bei dem Magazin arbeiten, welches für den Schmerz verantwortlich ist. Und an die, die tief verletzt sind, auch eine Bitte: Wenn es passiert, nehmt es an. Aufeinander zugehen müssen dann beide Seiten. Was wir brauchen ist Aufarbeitung und Verständnis, auch wenn seitdem einige Jahre vergangen sind, in denen sich der SPIEGEL gewandelt hat.

Um Ihnen diesen Wandel, hin zu einer positiven Berichterstattung, zu verdeutlichen, möchte ich nun gerne persönlich werden: Als ich mit 12, 13, 14 Jahren in meiner Pubertät bemerkt habe, dass ich schwul bin, da war ich damit alleine. In den meisten Schulbüchern existierten als Beispiele nur heterosexuelle Paare. Auf dem Schulhof wurde (und ich glaube wird auch immer noch) schwul höchstens als Schimpfwort benutzt. Auch in meinem Freundes- und Familienkreis wurde das Thema totgeschwiegen.

In derselben Zeit bemerkt man als junger Mensch aber auch, dass Politik und Nachrichten nicht nur Pflichtstoff sind, den man von seinen Lehrern aufgezwungen bekommt, sondern die Beschäftigung damit auch Spaß machen kann. So war‘s auch bei mir.

Dann fällt einem sehr schnell auf, wie wichtig eine Berichterstattung sein kann, die einem aufzeigt, dass man vielleicht anders ist, als die anderen, aber das doch gar nicht so schlimm ist. Man muss nicht gleich sein, um gut zu sein.

Der SPIEGEL war DAS Medium, welches mich persönlich während meiner Selbstfindungsphase gestärkt hat. Plötzlich merkte ich, dass Homosexualität sehr wohl Thema sein kann, wenn auch nicht in meinem direkten Umfeld. Ich las Dinge, die ich beim Boulevard vermisste. Davon, dass natürlich auch ein Fußballprofi schwul sein kann und es sicherlich einen gibt, der es ist. Von Kritik an homophoben Kirchenvertretern. Und Berichten über unvorstellbar schwulenfeindliche Gesetze in anderen Ländern.

Hierzu muss ich kurz sagen, dass ich auf der Weltaidskonferenz in Amerika, AfrikanerInnen und OsteuropäerInnen kennengelernt habe, die genau von dieser Rechtssprechung betroffen sind. Für mich sind diese Gesetze also nicht irgendetwas, das weit weg ist und am anderen Ende der Welt passiert. Sondern ich verbinde damit Gesichter und Geschichte. Vor allem verbinde ich damit Freundschaften. Umso wichtiger dass man darüber spricht.

Als ich mit 20 Jahren dann meine HIV-Diagnose bekomme haben, war das genau zu der Zeit, in der Nadja Benaissa verhaftet und vorgeführt wurde. Sie erinnern sich sicher alle hier an diesem Moment, der uns auch weit in der Prävention zurück geworfen hat. Schauen Sie sich mal im Netz um. Sie finden auch heute noch Begriffe wie „Biowaffe“ und „Virusschleuder“. Das sind leider keine Phänomene von gestern. Beides Bezeichnungen, die stigmatisierend, beleidigend und schlichtweg falsch sind. Aber das waren Worte, die mir Boulevardmagazine als erstes vermittelt haben. Kurz nach meiner Diagnose war ich, zumindest aus der Sicht einiger Medien, der verantwortungslose „Todesengel“.

Nicht aber für den SPIEGEL, der inzwischen, ich betone inzwischen, einen für mich wichtigen Gegenpol darstellte. Ein Medium, welches nicht auf Sensationsjournalismus, sondern auf eine fundierte, ausgewogene und informative Berichterstattung setzt.

Sie, Herr Dr. Verbeet, und Ihre Kollegen und Kolleginnen erreichten und erreichen damit aber nicht nur mich oder uns als Community, sondern als Massenmedium unglaublich viele Leute. Keine Frage, auch andere Medien haben in diesem Sinne berichtet, doch der SPIEGEL ist nun mal im Printbereich und mit seinem Onlineportal nahezu unerreicht.

Für junge Leute ist zum Beispiel das Internet der erste Anlaufpunkt, um an Informationen zu kommen. Tageszeitungen oder TV-Nachrichten werden nur in seltenen Fällen gelesen oder geschaut. Ich weiß aber natürlich auch, dass viele andere Leute für Printmedien dankbar sind. Und gerade diese Dualität der herkömmlichen und der neuen Medien zeichnet ihre Redaktion aus. Damit erreichen Sie die, die wir erreichen wollen und müssen. Denn ihr Publikum ist vielfältig und kommt aus allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten.

Ihre Redaktion ist mit anderen Leuten besetzt als in den 80er Jahren. Der SPIEGEL hat sich gewandelt. Der Zeitgeist und wir, sowie die Situation in der wir uns befinden, ebenso. Das „spiegelt“ sich auch im Wandel Ihrer Berichterstattung.

Die Diskussionen um die morgige CSD-Parade hier in Köln sowie über bundespolitische Themen der Gleichstellung in den letzten Wochen und Monaten haben gezeigt, dass wir lange noch nicht alles erreicht haben. Die Angleichung an die Ehe ist wichtig, weil gleiche Pflichten auch gleiche Rechte bedeuten müssen, aber sie beendet nicht die Homophobie, die in vielen Köpfen fest verankert ist. Gesetze sind also ein richtiges symbolisches Zeichen, aber sie reichen alleine nicht aus, um unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern.

Wir sind demnach weit gekommen, aber dürfen jetzt nicht an Fahrt verlieren. Wir wollen gleich behandelt werden, aber auch anders sein und bleiben dürfen. Jeder sollte das Recht haben, für sich den Lebensentwurf zu wählen und zu leben, der zu ihm passt und mit dem er oder sie am glücklichsten ist. Ob offene Partnerschaften, Beziehungen, die von mehr als zwei Personen geführt
werden, oder sexuelle Selbstbestimmung. Ob Tunte, Lederkerl, Diva, unauffällig oder eine bunte Mischung aus all dem. Das letzte was wir brauchen, ist Akzeptanz durch Anpassung. Denn Vielfalt ist unsere Stärke!

Und indem Sie im SPIEGEL und bei SPIEGEL Online diese unterschiedlichen Lebensweisen einer breiten, zumeist heterosexuellen Leserschaft näher bringen, wirken Sie daran mit, dass die Gesellschaft sich für diese anderen Lebensformen öffnet.

Sie müssen sich also nicht mit uns gemein machen. Aber mit dieser Kompassnadel werden Sie dafür ausgezeichnet, zu (be)schreiben, und zwar realistisch zu beschreiben wie wir sind.

Schreiben Sie weiter darüber, wie es ist, heute als Jugendlicher der unreflektierten Homophobie Gleichaltriger auf dem Schulhof zu begegnen. Schreiben Sie wie es ist, als junger Mann mit HIV auf viele Vorurteile und Stigma, selbst unter Schwulen, zu stoßen. Schreiben Sie wie es ist, trotz gleicher Pflichten noch nicht überall gleiche Rechte zu bekommen.

Kurz: Schreiben Sie immer wieder darüber, wie wir sind. Ich. Die Leute im Saal. Die Menschen draußen auf dem Straßenfest. Denn wir alle wollen als Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* Personen, mit all der Unterschiedlichkeit und Vielfalt die uns ausmacht, in diesem Land und überall auf der Welt offen und akzeptiert leben.

Für mich als jungen, schwulen HIV-Aktivisten ist es wichtig, ein Medium wie den SPIEGEL an meiner Seite zu wissen.

Deswegen, sehr geehrter Herr Dr. Verbeet, gratuliere ich Ihnen und natürlich allen Kollegen und Kolleginnen aus Ihren Redaktionen in Hamburg ganz herzlich zum Erhalt der Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW – Herzlichen Glückwunsch!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Kein Platz für schwul-lesbischen Rassismus! – Offener Brief an die blu-Mediengruppe

Wie auch mehrere Medien vor ein paar Tagen berichtet haben, hat sich die rechtsextreme Partei pro Köln für den Cologne Pride 2013 angemeldet, was zu kontroversen Diskussionen geführt hat. Soll diese als Teilnehmer akzeptiert werden? Die blu-Mediengruppe, welche die schwul-lesbischen Szenemagazine rik, GAB und blu herausgibt, ist nun auf den Zug aufgesprungen, verteidigt die Teilnahme und macht Stimmung gegen Migranten – So nicht! Ein offener Brief an den Verbund!

mCruise GmbH
z. Hd. Olaf Alp
Rosenthaler Str. 36
10178 Berlin

via E-Mail: info@blu.fm, redaktion.koeln@blu.fm

Sehr geehrter Herr Alp, Sehr geehrte RedakteurInnen der blu-Mediengruppe,

mit Erstaunen habe ich Ihre Reaktion (Info: Die rik hat das Posting entfernt, auf der Seite der blu, gibt es weiterhin einen Artikel, der aber deutlich entschärft ist, was den Inhalt an sich, als auch die Wortwahl betrifft. Warum nur? Das ist feige! Eine Vertuschung des rassistischeren Textes macht die Sache nur schlimmer!)  auf die öffentliche Diskussion zur Teilnahme von pro Köln am Cologne Pride gelesen. Darin schreiben Sie, dass ein Ausschluss der rechtsextremen Partei rein rechtlich ohnehin nicht ohne weiteres durchsetzbar sei. Keine Frage, wir leben in einem demokratischem Staat, der verschiedene Meinungen aushalten muss. Ob und wie man pro Köln ausschließen könnte, das weiß ich nicht, weil ich kein Experte bin und mir die rechtlichen Kenntnisse fehlen, um darüber zu urteilen. Aber: Sollte es eine Möglichkeit geben, einen Ausschluss durchzusetzen, dann hat der Kölner Schwulen und Lesben Tag (KLuST) die Verpflichtung diesen durchzusetzen. Nicht nur, weil rechtsextreme Parteien sicher nicht für die rechtliche Gleichstellung oder gesellschaftliche Akzeptanz von schwulen, lesben, bi und trans* Personen sind, sondern auch, weil sie andere Minderheiten, vorrangig Menschen mit Migrationshintergrund, degradieren und Vorurteile gegen diese befeuern.

Sie schreiben allerdings, dass pro Köln „keine verbotene Organisation und die im Rat der Stadt vertretenen Mitgliedern demokratisch legitimiert“ sind – Richtig. Weiter: „Es offenbart einen geradezu peinlichen Mangel an Rechtsstaatlichkeit, eine Organisation nur deswegen auszuschließen zu wollen, weil einem deren politische Haltung nicht passt.“ – Falsch. Die Partei hat nämlich ein bestimmtes Ziel, welches sie mit ihrer Teilnahme am Cologne Pride verfolgt: Propaganda. Es ist völlig legitim, dass sich der KLuST dagegen wehrt, dieser demokratiefeindlichen und rassistischen Propaganda eine Plattform zu bieten. Zumal die Mitglieder von pro Köln mit einem Gedankengut sympathisieren, dass wir aus der Deutschen Vergangenheit kennen sollten. Damals war es auch keine besonders homofreundliche Zeit.

Den eigentlichen Anstoß für meinen Brief gibt allerdings etwas ganz anderes. Ich erwähnte gerade schon mal die Propaganda, welche pro Köln betreibt. Es scheint, als ob diese auch bei Ihnen wirkt. Wie kommt es dazu, dass sie schreiben „Es ist eine statistische Tatsache, dass überproportional viele homophobe Gewalttäter einen Immigrationshintergrund haben.“ In einem Kommentar auf der Facebookseite der rik schreiben Sie dann sogar, pro Köln sei „im übrigen nicht faschistisch, sondern fremdenfeindlich„. Das macht die Sache natürlich sehr viel besser. (Vielleicht sollte ich die Ironie in diesem Satz besser betonen, damit Sie es nicht falsch interpretieren)

Falsch interpretieren ist übrigens ein prima Stichwort. Sie behaupten, dass die letzte Studie des Antigewaltprojektes „Maneo“ aussagt, dass 40% der (von homophober Gewalt) Betroffenen, den Tätern eine nichtdeutsche Herkunft zuordnen. Glücklicherweise kann man, mit Hilfe diverser Suchmaschinen, sehr schnell auf die Ergebnisse der Studie kommen, die ganz anders lauten: „In 40 Prozent der Fälle haben die Betroffenen einen Einzeltäter identifiziert. (…) Um die Tätergruppen stärker einzugrenzen, wurden die Befragten gebeten, eine weitergehende Differenzierung vorzunehmen. (…) In einem offenen Feld haben dann 16 Prozent als Täter Personen „nichtdeutsche Herkunft“ vermerkt.

Kein Zweifel, homophobe Gewalt muss gestoppt werden. Wir brauchen Präventionsprojekte, Aufklärung und noch mehr, aber ich frage mich schon, wie man von „überproportional vielen homophoben Gewalttätern mit Immigrationshintergrund“ – wobei sie wohl Migrationshintergrund meinten – schreiben kann, wenn es sich um 16 Prozent handelt. Wo überhaupt von 40 Prozent die Rede ist, konnte ich gar nicht feststellen. Wahrscheinlich weil Sie falsch gelesen oder sich diese „Tatsache“ aus den Fingern gesogen haben.

Es gibt übrigens diverse Studien die belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht vermehrt gewalttätig sind. Wenn überhaupt, dann kann man vielleicht davon ausgehen, dass Menschen, die der unteren sozialen Schicht angehören, öfter dazu neigen. Das sind aber bestimmt nicht nur Migranten und ist auch nicht pauschal anzuwenden.

Abgesehen davon, dass man Statistiken vielleicht vorher genauer studieren sollte, bevor man sie nutzt, um eine bestimmte Menschengruppe zu verurteilen, hat schon Martin Niemöller gesagt: „Als sie die Kommunisten geholt haben, hab ich nichts gesagt. Ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten geholt haben, hab ich nichts gesagt. Ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Juden geholt haben,hab ich nichts gesagt. Ich war ja kein Jude. Als sie mich geholt haben, war niemand mehr da der hätte etwas sagen können.

Pro Köln versucht schon seit längerem Minderheiten gegeneinander auszuspielen. Mit Erfolg. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass rechtes Gedankengut und Schubladendenken nicht vor Schwulen und Lesben halt macht. Schon letztes Jahr hat Dr. Daniel K., ein schwuler Lehrer aus Dortmund, mit Pro Köln demonstriert und behauptet, der Islamismus sei die größte Gefahr für uns und der Rechtsextremismus sei doch eigentlich gar nicht so schlimm. Viel eher bestehe ein Problem, wenn wir blind bleiben und uns dieser Problematik nicht bewusst werden.

Gerade als schwuler Mann sollte man doch schnell erkennen, dass Homosexuelle nur als Propagandamittel genutzt werden und aus Sicht der Rechtsextremen auch keine „Extrawürste“, also gleichen Rechte, verdient haben. Schwule und Lesben sind nur so lange gut, wie pro Köln sie nutzen und sie diese für ihre Zwecke instrumentalisieren kann. Im Endeffekt werden wir ebenfalls niedergeschlagen.

Etwas gutes hat Ihre Provokation also: Es wird wieder sichtbar, dass wir innerhalb unserer Community(s) ein Rassismus-Problem haben. Wir gehören einer Minderheit an, die sich gerne mal andere sucht, auf denen sie rumtrampeln kann, um das eigene Selbstbewusstsein zu stärken. Seien es Tunten, HIV-positive, Fetischleute, Behinderte oder eben Migranten.

Die Geschichte von Minderheiten ähnelt sich oft. Von der Unterdrückung und dem Schmerz, zum Selbstbewusstsein und dem Kampf für die eigenen (Menschen)rechte. Gerade wir sollten zusammen stehen, statt unreflektierte Meinungen zu übernehmen und uns gegenseitig in Schubladen zu stecken. Lasst uns die Stärke unserer Vielfalt und der Gemeinsamkeiten sehen, bei allen Unterschieden die es ebenfalls geben mag.

Das gewisse schwul-lesbische Szenemagazine unpolitisch sind, ist die eine Sache, man muss sie ja nicht lesen. Dass Sie nun aber laut schreien, weil wir uns gegen undemokratische Rechtsextreme wehren und behaupten auch diese haben Toleranz verdient, ja die wahren Gegner wären Migranten, ist eine andere, eine ekelhafte, eine widerliche Sache. Das alles noch mit schlecht interpretierten und zitierten Studien. Vielleicht bleiben Sie lieber bei Ihren Modetrends, Einrichtungstipps und Partyauflistungen.

Mit freundlichen Grüßen.

Marcel D.

Update 24.05.2013: Mittlerweile hat sich Christian Knuth, als Chefredakteur, dazu geäußert. Ich habe eben einen zweiten Artikel dazu geschrieben, hier ist es nachzulesen!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Mitte 2016 schreibe ich an meinem ersten Buch.