Keine Alternative für Deutschland und Homosexuelle!

Immer mehr Schwule und Lesben machen sich mit der Alternative für Deutschland und ihren Positionen gemein. Doch diese Alternative ist keine für Deutschland und auch nicht für Homo-, Bi-, Trans-, Intersexuelle oder andere Minderheiten. Ein Kommentar, der vor den gestrigen Landtagswahlen entstand, aber durch deren Ergebnisse noch an Aktualität gewonnen hat.

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Es gibt tatsächlich immer mehr Schwule und Lesben, auch in meiner Facebooktimeline (warum funktioniert die Filterbubble eigentlich nicht, wenn es nötig wäre?), die sich mit der Alternative für Deutschland und ihren Positionen gemein machen. Da heißt es dann oft, dass diese Partei die einzige sei, die „uns“ vor homophoben Moslems schützt. Zuletzt gelesen in einem SPIEGEL ONLINE-Interview mit Mirko Welsch, dem Bundessprecher der „Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD“.

Betrachten wir doch zuallererst einmal die Ironie, dass man eine Partei dafür lobt gegen Homophobie zu kämpfen, die in den eigenen Reihen genug Homophobe vorweisen kann. Nicht nur an der Basis, sondern auch in Schlüsselpositionen. Beatrix von Storch, die stellvertretende Parteichefin und Berliner Vorsitzende, ist hier nur ein Beispiel. Diese ist (übrigens gemeinsam mit ihrem Mann Sven von Storch) Vorstand des Vereins „Zivile Koalition e.V.“. Dieser wiederrum ist u. a. Träger der „Initiative Familienschutz“, die unter Federführung von Hedwig Freifrau von Beverfoerde die „Demo für Alle“ organisiert.

Die „Demo für alle“ – freilich ein absurder Name, wenn man gegen die Akzeptanz von Minderheiten kämpft – setzt sich für einen Stopp der Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder ein. Deswegen bekämpft sie unter anderem die Darstellung sexueller Vielfalt an Schulen, welche ungefähr genauso viel mit Frühsexualisierung zu tun hat, wie die aktuelle Politik der CDU links ist.

Dieser Kampf gegen Frühsexualisierung und Gender-Ideologie, betrifft alle jungen Menschen, die auf der Suche nach ihrer Identität sind. Ihnen wird erschwert, sich und all die Veränderungen – die man eben irgendwann im frühen Alter mitmacht – richtig einzuordnen, weil kein offener Umgang mit Sexualität, dem Wandlungsprozess des eigenen Körpers und erstmalig auftretenden „neuen“ Gefühlen möglich ist.

Sexuelle Minderheiten leiden hierunter besonders, weil sie oftmals keine Menschen kennen, zumindest nicht bewusst, die ähnlich fühlen. Wo der persönliche Austausch fehlt, ist zumindest der im Unterricht – begleitet durch erfahrene Pädagogen oder Aufklärungsprojekte wie SchLAu NRW – eine Möglichkeit zu helfen. In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder hervorzuheben, wie wichtig Sichtbarkeit ist, um Ausgrenzung vorzubeugen.

Zwar behaupten die Organisator*innen der „Demo für Alle“ sehr beharrlich, dass sie überparteilich seien und mit der AfD nichts zu tun haben. Dennoch hat selbst Beatrix von Storch im Hamburger Wahlkampf ganz offen über ihre Involvierung in die Aktionen des Bündnisses gesprochen, wie queer.de berichtet. Vielleicht ist mit überparteilich aber auch einfach gemeint, dass der CDUler Guido Wolff ebenfalls ein Unterstützer ist.

Auch andere Menschen innerhalb der Partei machen durch Interviewäußerungen und fragliche Aktionen, ihre Position gegenüber sexuellen Minderheiten deutlich. So wollte die thüringische AfD-Abgeordnete Corinna Herold von der Landesregierung wissen, wie viele Homo-, Bi- und Transsexuelle in dem Bundesland leben. Das erinnert an bereits vergangene Zeiten, in denen die Registrierung selbiger normal war.

Unabhängig von diesen Menschen, lebt die AfD davon, vermeintlich einfache Lösungen auf komplexe Probleme zu geben. Sie lebt davon, bestimmte Gruppen verantwortlich zu machen und in Sippenhaft zu nehmen. Es würde nur ein Problem geben, wenn sich das Thema um Flüchtende und Migrant*innen „erledigt“ hätte. Schnell würde spürbar: Soziale Ungleichheit verschwindet nicht, wenn „die Ausländer*innen“ weg sind. Genauso wenig wie (an vielen Stellen strukturelle) Homophobie oder die Unzufriedenheit über eigene Lebensumstände.

Hier müssen die etablierten Parteien sich schon fragen, ob eine gerechtere Politik, die Diskriminierungsschutz und Gleichstellung für alle Menschen beinhaltet, nicht eine langfristige Antwort auf Parolen bietet, die Effekthascherei gleichkommen. Stattdessen schlagen viele Teile der Altparteien in die gleich Kerbe, indem sie eine Reduzierung der Zahlen an Flüchtenden als große Oberlösung verkaufen. Eine Einigung mit Europa zur Verteilung von Flüchtenden, mag ein Puzzleteil sein. Alleine wird aber auch dies keine Dauerlösung. Denn die „Sorgen der Menschen“, von denen oft gesprochen wird, liegen tiefer. Nicht umsonst gibt es immer mehr Nichtwähler*innen.

In den Medien ist sehr häufig die Rede davon, dass die Thematik um Flüchtende der AfD in die Karten spielt. Aus meiner Sicht ist es eine Kombination aus sozialer Ungleichheit, einer oft nicht greifbaren Unzufriedenheit mit dem eigenen Status und dem Gefühl, dass man nun auch noch mit neuen Mitbürger*innen „konkurrieren“ muss. Flüchtende dienen nun als Ventil und lösen einen Argwohn gegenüber „Fremden“ aus, bzw. verstärken diesen, denn er ist ja nicht einfach so vom Himmel gefallen. Das sagt aber meist weniger über die Flüchtenden und dazugehörige Vorurteile aus, sondern mehr über jene, die ganz vorne bei der Ausgrenzung dabei sind.

Gäbe es keine Flüchtenden mehr oder zumindest so viele weniger, dass nicht mehr von einer „Krise“ gesprochen werden kann, dann bliebe eine Leere. Das entstehende Vakuum müsste irgendwie wieder ausgefüllt werden. Mit den nächsten Sündenböcken. Es braucht eine Zielscheibe. Der Fokus verschiebt sich. Niemand kann sagen, dass Homo-, Bi-, Trans-, und Intersexuelle dann nicht plötzlich (noch mehr, sie tun es ja schon, wie oben beschrieben) im Spotlight stehen werden. Natürlich gilt das auch für andere Minderheiten.

Die AfD spielt damit, dass sie die Partei ist, die die „alten Werte erhält“ und befriedigt damit die Sehnsucht derer, die Angst vor Veränderung haben. Wir alle haben unsere Ängste und Sorgen im Leben. Wer aber mit dem Finger pauschal auf Schwächere zeigt, der ist nicht besser als die, die „uns“ verantwortlich machen, wo wir es nicht sind. Die Eheöffnung schadet auch keiner Familie. Unsere Sichtbarkeit keinen Kindern. Solche Argumentationen sind also ähnlich schlüssig, wie gewisse Ressentiments gegen Flüchtende.

Sie bietet also als Partei keine Alternative, in Form von vernünftigen Lösungen, für all das, was sie kritisiert. Schön beschrieben, was ihre Positionen für alle (nicht nur Minderheiten) bedeutet, ist das auf dem Campact Blog. Da hilft eben nur Ablenkung durch Stimmungsmache. Schaut auf die anderen. Dann schaut ihr nicht auf euch und auch nicht auf uns. So fällt gar nicht auf, wie viel heiße Luft zwischen den laut und aggressiv gesprochenen Zeilen steckt.

Nein, die AfD schützt „uns“ nicht vor Moslems. Und schon gar nicht davor, dass ihre Mechanismen auch uns immer stärker bedrohen. Die Saat wirkt gegen das Fremde und die Anderen. Im Zweifel werden auch „wir“ das mit der Zeit sein.

Lesetipp: Queer.de hat kurz nach der Fertigstellung dieses Artikels ausführlich beschrieben, dass die AfD neue Schwerpunkte setzen will. Interne E-Mails des Parteivorstands zeigen deutlich, dass auch Homo- und Transphobie dazugehören sollen. Es wird also immer offensichtlicher, wo die Reise hingeht.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

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2015 geht’s um mehr als Eheöffnung!

Islamischer Staat, Boko Haram, EU-Krise, Ukraine-Krise, Nahost-Krise, PEGIDA-Bewegung oder Fanatiker, die zuletzt in Paris gezeigt haben, was sie von unseren Werten halten. All das wird 2015 mit Sicherheit öfter Thema sein. Aber auch was LGBTIQ* (Lesben, Schwule, Bi-, Trans*- und Intersexuelle, Queerpersonen ) Themen angeht wird es ein wichtiges Jahr.

Regenbogen kleinere Größe

Im gerade vergangenen 2014 ist eines aufgefallen: Der Ton wird schärfer. Gleichzeitig werden alte Vorurteile neu und manchmal subtiler verpackt. Hass wird unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit verkauft. Angeblich menschliche Ängste werden als Vorwand benutzt um auszugrenzen.

Unter Adjektiven wie „besorgt“, gehen Eltern und andere Menschen auf die Straße, die gegen sexuelle Vielfalt in Schulplänen sind. Das klingt immer gut. Wir erwarten schließlich von Eltern – eigentlich von der Gesellschaft insgesamt – dass sie sich um den Nachwuchs sorgen. Kinder sind schließlich nicht nur unsere Zukunft, sondern bis zu einem bestimmten Alter schlicht abhängig von Erwachsenen.

Ich bin übrigens auch besorgt. Ebenfalls um die Kinder. Aber aus einem anderen Grund. Ich möchte rufen: „Schützt eure Kinder vor euch selbst!“. Denn was werden diese fühlen, wenn sich herausstellt, dass sie lesbisch, schwul, bi-, trans*- oder intersexuell sind und ihre Eltern gegen die Sichtbarkeit genau dieser Gruppen auf die Straße gehen? Man möchte es sich gar nicht erst vorstellen.

„Sichtbarkeit“ ist übrigens ein gutes Stichwort. Auf ihr baut fast alles auf. Deswegen ist sie so wichtig. Und sollte dort verteidigt werden, wo sie bereits herscht. Dort erkämpft, wo sie noch fehlt. Aber was macht Sichtbarkeit so wichtig?

Nehmen wir Deutschland stellt man fest, dass die Gesellschaft überwiegend für Gleichstellung ist, es herrscht ein offeneres Klima als früher. Auch wenn es natürlich einen Teil Radikaler gibt, die niemals Pro, sonder immer Contra sein werden.

Wenn wir die letzten 20 Jahre anschauen, dann hat sich das nahezu rasant entwickelt. Von der Abschaffung des §175, über die Einführung der Lebenspartnerschaft, bis hin zu aktuellen Diskussionen um die komplette Eheöffnung oder eben die Darstellung sexueller Vielfalt in Lehrplänen.

Der Kampf um Sichtbarkeit und Solidarität, den Aidshilfen, Verbände und Aktivist*innen vor Jahrzehnten kämpften – wofür man heute nur dankbar sein kann – spielt dabei wahrscheinlich die größte Rolle. Sie machten sich bemerkbar, standen für sich und uns heute ein und starteten eine Welle, die 1994 mit der kompletten Abschaffung der Kriminalisierung, also des §175, so richtig Fahrt aufnahm.

Sichtbarkeit sorgt dafür, dass Menschen überhaupt die Möglichkeit haben sich mit einem Thema auseinander zu setzen, es zu verstehen, sich dafür zu öffnen und es schließlich auch zu akzeptieren. Das fällt besonders im Vergleich mit Russland und anderen Staaten auf, die LGBTIQ* durch Verschärfungen von Gesetzen immer weiter in die Unsichtbarkeit drücken. Wer will sich schon dort outen, wo Verfolgung oder Repression die Folge sind?

Was Menschen nicht kennen, lehnen sie oft leider ab. Nicht zwingend, es gibt natürlich zum Glück auch neugierige, offene Leute, aber häufig fällt auch das Gegenteil auf. Dies ist bei uns übrigens nicht anders, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Was Aufgeschlossenheit gegenüber Migrant*innen betrifft, sind Bürger*innen in den Bundesländern mit den höchsten Anteilen an Ausländer*innen am offensten. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, die dort am meisten Zulauf haben, wo die wenigsten Ausländer*innen leben, lassen grüßen.

Dies ist so, weil Sichtbarkeit und Zusammenleben sensibilisieren und Vorurteile abbauen. Die russische Regierung z. B. unterdrückt in Bezug auf sexuelle Vielfalt diese Möglichkeit mit ihrer Gesetzgebung und Panikmache. Durch staatliche Zensur, auch medialer Form, nimmt sie der Bevölkerung eine wichtige Möglichkeit, das Andere und vor allem die Anderen kennen und akzeptieren zu lernen.

Worum geht es also, wenn Menschen fordern, dass sexuelle Vielfalt nicht an Schulen thematisiert werden darf? Wenn sich wieder Männer und Frauen darüber aufregen, dass „die kleine Minderheit“ an Lesben, Schwulen, Bi-, Trans*- und Intersexuellen zu viel mediale Aufmerksamkeit bekommt, weil es angeblich Wichtigeres gibt? Es geht um die Bekämpfung von Sichtbarkeit. Jene ist – wie gesagt – die Grundlage, auf die vieles aufbaut. Gleichberechtigung. Offenheit. Freiheit. Akzeptanz.

2015 wird der Kampf um diese, für uns hier, aber auch für viele andere Menschen an verschiedenen Orten auf der Welt, weitergehen. Vielleicht ist es der wichtigste Kampf, der seit der Aids-Krise bestritten wurde. Davor habe ich Respekt, weil es um einiges geht. Aber es macht auch Lust auf die Auseinandersetzung, weil sie uns voranbringen kann.

Wir sollten uns mit anderen Minderheiten zusammentun. Migrant*innen, Menschen mit Behinderung oder einfach alle die, die es schwer haben und unter Stigmatisierung leiden. Denn auch für sie gilt Sichtbarkeit als eines der wichtigsten Mittel, um ein realistisches Bild von sich zu zeigen und so auf weniger Diskriminierung zu hoffen.

PEGIDAner*innen greifen nicht nur Ausländer an. Besorgte Eltern nicht nur LGBTIQ*-Personen. Antisemit*innen nicht nur Personen jüdischen Glaubens. Sie alle greifen – weil ihre Parolen nicht selten die Menschenwürde antasten – unsere Verfassung und unsere Werte an. Dagegen müssen wir uns gemeinsam stellen. Laut und vor allem: Sichtbar!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.