Keine Alternative für Deutschland und Homosexuelle!

Immer mehr Schwule und Lesben machen sich mit der Alternative für Deutschland und ihren Positionen gemein. Doch diese Alternative ist keine für Deutschland und auch nicht für Homo-, Bi-, Trans-, Intersexuelle oder andere Minderheiten. Ein Kommentar, der vor den gestrigen Landtagswahlen entstand, aber durch deren Ergebnisse noch an Aktualität gewonnen hat.

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Es gibt tatsächlich immer mehr Schwule und Lesben, auch in meiner Facebooktimeline (warum funktioniert die Filterbubble eigentlich nicht, wenn es nötig wäre?), die sich mit der Alternative für Deutschland und ihren Positionen gemein machen. Da heißt es dann oft, dass diese Partei die einzige sei, die „uns“ vor homophoben Moslems schützt. Zuletzt gelesen in einem SPIEGEL ONLINE-Interview mit Mirko Welsch, dem Bundessprecher der „Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD“.

Betrachten wir doch zuallererst einmal die Ironie, dass man eine Partei dafür lobt gegen Homophobie zu kämpfen, die in den eigenen Reihen genug Homophobe vorweisen kann. Nicht nur an der Basis, sondern auch in Schlüsselpositionen. Beatrix von Storch, die stellvertretende Parteichefin und Berliner Vorsitzende, ist hier nur ein Beispiel. Diese ist (übrigens gemeinsam mit ihrem Mann Sven von Storch) Vorstand des Vereins „Zivile Koalition e.V.“. Dieser wiederrum ist u. a. Träger der „Initiative Familienschutz“, die unter Federführung von Hedwig Freifrau von Beverfoerde die „Demo für Alle“ organisiert.

Die „Demo für alle“ – freilich ein absurder Name, wenn man gegen die Akzeptanz von Minderheiten kämpft – setzt sich für einen Stopp der Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder ein. Deswegen bekämpft sie unter anderem die Darstellung sexueller Vielfalt an Schulen, welche ungefähr genauso viel mit Frühsexualisierung zu tun hat, wie die aktuelle Politik der CDU links ist.

Dieser Kampf gegen Frühsexualisierung und Gender-Ideologie, betrifft alle jungen Menschen, die auf der Suche nach ihrer Identität sind. Ihnen wird erschwert, sich und all die Veränderungen – die man eben irgendwann im frühen Alter mitmacht – richtig einzuordnen, weil kein offener Umgang mit Sexualität, dem Wandlungsprozess des eigenen Körpers und erstmalig auftretenden „neuen“ Gefühlen möglich ist.

Sexuelle Minderheiten leiden hierunter besonders, weil sie oftmals keine Menschen kennen, zumindest nicht bewusst, die ähnlich fühlen. Wo der persönliche Austausch fehlt, ist zumindest der im Unterricht – begleitet durch erfahrene Pädagogen oder Aufklärungsprojekte wie SchLAu NRW – eine Möglichkeit zu helfen. In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder hervorzuheben, wie wichtig Sichtbarkeit ist, um Ausgrenzung vorzubeugen.

Zwar behaupten die Organisator*innen der „Demo für Alle“ sehr beharrlich, dass sie überparteilich seien und mit der AfD nichts zu tun haben. Dennoch hat selbst Beatrix von Storch im Hamburger Wahlkampf ganz offen über ihre Involvierung in die Aktionen des Bündnisses gesprochen, wie queer.de berichtet. Vielleicht ist mit überparteilich aber auch einfach gemeint, dass der CDUler Guido Wolff ebenfalls ein Unterstützer ist.

Auch andere Menschen innerhalb der Partei machen durch Interviewäußerungen und fragliche Aktionen, ihre Position gegenüber sexuellen Minderheiten deutlich. So wollte die thüringische AfD-Abgeordnete Corinna Herold von der Landesregierung wissen, wie viele Homo-, Bi- und Transsexuelle in dem Bundesland leben. Das erinnert an bereits vergangene Zeiten, in denen die Registrierung selbiger normal war.

Unabhängig von diesen Menschen, lebt die AfD davon, vermeintlich einfache Lösungen auf komplexe Probleme zu geben. Sie lebt davon, bestimmte Gruppen verantwortlich zu machen und in Sippenhaft zu nehmen. Es würde nur ein Problem geben, wenn sich das Thema um Flüchtende und Migrant*innen „erledigt“ hätte. Schnell würde spürbar: Soziale Ungleichheit verschwindet nicht, wenn „die Ausländer*innen“ weg sind. Genauso wenig wie (an vielen Stellen strukturelle) Homophobie oder die Unzufriedenheit über eigene Lebensumstände.

Hier müssen die etablierten Parteien sich schon fragen, ob eine gerechtere Politik, die Diskriminierungsschutz und Gleichstellung für alle Menschen beinhaltet, nicht eine langfristige Antwort auf Parolen bietet, die Effekthascherei gleichkommen. Stattdessen schlagen viele Teile der Altparteien in die gleich Kerbe, indem sie eine Reduzierung der Zahlen an Flüchtenden als große Oberlösung verkaufen. Eine Einigung mit Europa zur Verteilung von Flüchtenden, mag ein Puzzleteil sein. Alleine wird aber auch dies keine Dauerlösung. Denn die „Sorgen der Menschen“, von denen oft gesprochen wird, liegen tiefer. Nicht umsonst gibt es immer mehr Nichtwähler*innen.

In den Medien ist sehr häufig die Rede davon, dass die Thematik um Flüchtende der AfD in die Karten spielt. Aus meiner Sicht ist es eine Kombination aus sozialer Ungleichheit, einer oft nicht greifbaren Unzufriedenheit mit dem eigenen Status und dem Gefühl, dass man nun auch noch mit neuen Mitbürger*innen „konkurrieren“ muss. Flüchtende dienen nun als Ventil und lösen einen Argwohn gegenüber „Fremden“ aus, bzw. verstärken diesen, denn er ist ja nicht einfach so vom Himmel gefallen. Das sagt aber meist weniger über die Flüchtenden und dazugehörige Vorurteile aus, sondern mehr über jene, die ganz vorne bei der Ausgrenzung dabei sind.

Gäbe es keine Flüchtenden mehr oder zumindest so viele weniger, dass nicht mehr von einer „Krise“ gesprochen werden kann, dann bliebe eine Leere. Das entstehende Vakuum müsste irgendwie wieder ausgefüllt werden. Mit den nächsten Sündenböcken. Es braucht eine Zielscheibe. Der Fokus verschiebt sich. Niemand kann sagen, dass Homo-, Bi-, Trans-, und Intersexuelle dann nicht plötzlich (noch mehr, sie tun es ja schon, wie oben beschrieben) im Spotlight stehen werden. Natürlich gilt das auch für andere Minderheiten.

Die AfD spielt damit, dass sie die Partei ist, die die „alten Werte erhält“ und befriedigt damit die Sehnsucht derer, die Angst vor Veränderung haben. Wir alle haben unsere Ängste und Sorgen im Leben. Wer aber mit dem Finger pauschal auf Schwächere zeigt, der ist nicht besser als die, die „uns“ verantwortlich machen, wo wir es nicht sind. Die Eheöffnung schadet auch keiner Familie. Unsere Sichtbarkeit keinen Kindern. Solche Argumentationen sind also ähnlich schlüssig, wie gewisse Ressentiments gegen Flüchtende.

Sie bietet also als Partei keine Alternative, in Form von vernünftigen Lösungen, für all das, was sie kritisiert. Schön beschrieben, was ihre Positionen für alle (nicht nur Minderheiten) bedeutet, ist das auf dem Campact Blog. Da hilft eben nur Ablenkung durch Stimmungsmache. Schaut auf die anderen. Dann schaut ihr nicht auf euch und auch nicht auf uns. So fällt gar nicht auf, wie viel heiße Luft zwischen den laut und aggressiv gesprochenen Zeilen steckt.

Nein, die AfD schützt „uns“ nicht vor Moslems. Und schon gar nicht davor, dass ihre Mechanismen auch uns immer stärker bedrohen. Die Saat wirkt gegen das Fremde und die Anderen. Im Zweifel werden auch „wir“ das mit der Zeit sein.

Lesetipp: Queer.de hat kurz nach der Fertigstellung dieses Artikels ausführlich beschrieben, dass die AfD neue Schwerpunkte setzen will. Interne E-Mails des Parteivorstands zeigen deutlich, dass auch Homo- und Transphobie dazugehören sollen. Es wird also immer offensichtlicher, wo die Reise hingeht.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

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Kein Platz für schwul-lesbischen Rassismus! – Offener Brief an die blu-Mediengruppe

Wie auch mehrere Medien vor ein paar Tagen berichtet haben, hat sich die rechtsextreme Partei pro Köln für den Cologne Pride 2013 angemeldet, was zu kontroversen Diskussionen geführt hat. Soll diese als Teilnehmer akzeptiert werden? Die blu-Mediengruppe, welche die schwul-lesbischen Szenemagazine rik, GAB und blu herausgibt, ist nun auf den Zug aufgesprungen, verteidigt die Teilnahme und macht Stimmung gegen Migranten – So nicht! Ein offener Brief an den Verbund!

mCruise GmbH
z. Hd. Olaf Alp
Rosenthaler Str. 36
10178 Berlin

via E-Mail: info@blu.fm, redaktion.koeln@blu.fm

Sehr geehrter Herr Alp, Sehr geehrte RedakteurInnen der blu-Mediengruppe,

mit Erstaunen habe ich Ihre Reaktion (Info: Die rik hat das Posting entfernt, auf der Seite der blu, gibt es weiterhin einen Artikel, der aber deutlich entschärft ist, was den Inhalt an sich, als auch die Wortwahl betrifft. Warum nur? Das ist feige! Eine Vertuschung des rassistischeren Textes macht die Sache nur schlimmer!)  auf die öffentliche Diskussion zur Teilnahme von pro Köln am Cologne Pride gelesen. Darin schreiben Sie, dass ein Ausschluss der rechtsextremen Partei rein rechtlich ohnehin nicht ohne weiteres durchsetzbar sei. Keine Frage, wir leben in einem demokratischem Staat, der verschiedene Meinungen aushalten muss. Ob und wie man pro Köln ausschließen könnte, das weiß ich nicht, weil ich kein Experte bin und mir die rechtlichen Kenntnisse fehlen, um darüber zu urteilen. Aber: Sollte es eine Möglichkeit geben, einen Ausschluss durchzusetzen, dann hat der Kölner Schwulen und Lesben Tag (KLuST) die Verpflichtung diesen durchzusetzen. Nicht nur, weil rechtsextreme Parteien sicher nicht für die rechtliche Gleichstellung oder gesellschaftliche Akzeptanz von schwulen, lesben, bi und trans* Personen sind, sondern auch, weil sie andere Minderheiten, vorrangig Menschen mit Migrationshintergrund, degradieren und Vorurteile gegen diese befeuern.

Sie schreiben allerdings, dass pro Köln „keine verbotene Organisation und die im Rat der Stadt vertretenen Mitgliedern demokratisch legitimiert“ sind – Richtig. Weiter: „Es offenbart einen geradezu peinlichen Mangel an Rechtsstaatlichkeit, eine Organisation nur deswegen auszuschließen zu wollen, weil einem deren politische Haltung nicht passt.“ – Falsch. Die Partei hat nämlich ein bestimmtes Ziel, welches sie mit ihrer Teilnahme am Cologne Pride verfolgt: Propaganda. Es ist völlig legitim, dass sich der KLuST dagegen wehrt, dieser demokratiefeindlichen und rassistischen Propaganda eine Plattform zu bieten. Zumal die Mitglieder von pro Köln mit einem Gedankengut sympathisieren, dass wir aus der Deutschen Vergangenheit kennen sollten. Damals war es auch keine besonders homofreundliche Zeit.

Den eigentlichen Anstoß für meinen Brief gibt allerdings etwas ganz anderes. Ich erwähnte gerade schon mal die Propaganda, welche pro Köln betreibt. Es scheint, als ob diese auch bei Ihnen wirkt. Wie kommt es dazu, dass sie schreiben „Es ist eine statistische Tatsache, dass überproportional viele homophobe Gewalttäter einen Immigrationshintergrund haben.“ In einem Kommentar auf der Facebookseite der rik schreiben Sie dann sogar, pro Köln sei „im übrigen nicht faschistisch, sondern fremdenfeindlich„. Das macht die Sache natürlich sehr viel besser. (Vielleicht sollte ich die Ironie in diesem Satz besser betonen, damit Sie es nicht falsch interpretieren)

Falsch interpretieren ist übrigens ein prima Stichwort. Sie behaupten, dass die letzte Studie des Antigewaltprojektes „Maneo“ aussagt, dass 40% der (von homophober Gewalt) Betroffenen, den Tätern eine nichtdeutsche Herkunft zuordnen. Glücklicherweise kann man, mit Hilfe diverser Suchmaschinen, sehr schnell auf die Ergebnisse der Studie kommen, die ganz anders lauten: „In 40 Prozent der Fälle haben die Betroffenen einen Einzeltäter identifiziert. (…) Um die Tätergruppen stärker einzugrenzen, wurden die Befragten gebeten, eine weitergehende Differenzierung vorzunehmen. (…) In einem offenen Feld haben dann 16 Prozent als Täter Personen „nichtdeutsche Herkunft“ vermerkt.

Kein Zweifel, homophobe Gewalt muss gestoppt werden. Wir brauchen Präventionsprojekte, Aufklärung und noch mehr, aber ich frage mich schon, wie man von „überproportional vielen homophoben Gewalttätern mit Immigrationshintergrund“ – wobei sie wohl Migrationshintergrund meinten – schreiben kann, wenn es sich um 16 Prozent handelt. Wo überhaupt von 40 Prozent die Rede ist, konnte ich gar nicht feststellen. Wahrscheinlich weil Sie falsch gelesen oder sich diese „Tatsache“ aus den Fingern gesogen haben.

Es gibt übrigens diverse Studien die belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht vermehrt gewalttätig sind. Wenn überhaupt, dann kann man vielleicht davon ausgehen, dass Menschen, die der unteren sozialen Schicht angehören, öfter dazu neigen. Das sind aber bestimmt nicht nur Migranten und ist auch nicht pauschal anzuwenden.

Abgesehen davon, dass man Statistiken vielleicht vorher genauer studieren sollte, bevor man sie nutzt, um eine bestimmte Menschengruppe zu verurteilen, hat schon Martin Niemöller gesagt: „Als sie die Kommunisten geholt haben, hab ich nichts gesagt. Ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten geholt haben, hab ich nichts gesagt. Ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Juden geholt haben,hab ich nichts gesagt. Ich war ja kein Jude. Als sie mich geholt haben, war niemand mehr da der hätte etwas sagen können.

Pro Köln versucht schon seit längerem Minderheiten gegeneinander auszuspielen. Mit Erfolg. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass rechtes Gedankengut und Schubladendenken nicht vor Schwulen und Lesben halt macht. Schon letztes Jahr hat Dr. Daniel K., ein schwuler Lehrer aus Dortmund, mit Pro Köln demonstriert und behauptet, der Islamismus sei die größte Gefahr für uns und der Rechtsextremismus sei doch eigentlich gar nicht so schlimm. Viel eher bestehe ein Problem, wenn wir blind bleiben und uns dieser Problematik nicht bewusst werden.

Gerade als schwuler Mann sollte man doch schnell erkennen, dass Homosexuelle nur als Propagandamittel genutzt werden und aus Sicht der Rechtsextremen auch keine „Extrawürste“, also gleichen Rechte, verdient haben. Schwule und Lesben sind nur so lange gut, wie pro Köln sie nutzen und sie diese für ihre Zwecke instrumentalisieren kann. Im Endeffekt werden wir ebenfalls niedergeschlagen.

Etwas gutes hat Ihre Provokation also: Es wird wieder sichtbar, dass wir innerhalb unserer Community(s) ein Rassismus-Problem haben. Wir gehören einer Minderheit an, die sich gerne mal andere sucht, auf denen sie rumtrampeln kann, um das eigene Selbstbewusstsein zu stärken. Seien es Tunten, HIV-positive, Fetischleute, Behinderte oder eben Migranten.

Die Geschichte von Minderheiten ähnelt sich oft. Von der Unterdrückung und dem Schmerz, zum Selbstbewusstsein und dem Kampf für die eigenen (Menschen)rechte. Gerade wir sollten zusammen stehen, statt unreflektierte Meinungen zu übernehmen und uns gegenseitig in Schubladen zu stecken. Lasst uns die Stärke unserer Vielfalt und der Gemeinsamkeiten sehen, bei allen Unterschieden die es ebenfalls geben mag.

Das gewisse schwul-lesbische Szenemagazine unpolitisch sind, ist die eine Sache, man muss sie ja nicht lesen. Dass Sie nun aber laut schreien, weil wir uns gegen undemokratische Rechtsextreme wehren und behaupten auch diese haben Toleranz verdient, ja die wahren Gegner wären Migranten, ist eine andere, eine ekelhafte, eine widerliche Sache. Das alles noch mit schlecht interpretierten und zitierten Studien. Vielleicht bleiben Sie lieber bei Ihren Modetrends, Einrichtungstipps und Partyauflistungen.

Mit freundlichen Grüßen.

Marcel D.

Update 24.05.2013: Mittlerweile hat sich Christian Knuth, als Chefredakteur, dazu geäußert. Ich habe eben einen zweiten Artikel dazu geschrieben, hier ist es nachzulesen!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

DANKE Homo-Hasser! DANKE liebe AIDS-Hilfe! (Gastbeitrag)

Heute hat mir jemand, der in Wolfsburg lebt, einen Kommentar über seine Gedanken – zu der Stadt aus der er kommt, den Positiven Begegnungen und der Gewaltattacke der vergangenen Samstag Nacht – zukommen lassen. Vielen Dank, dass ich diese Worte als Gastbeitrag verwenden darf!

DANKE Homo-Hasser! DANKE liebe AIDS-Hilfe!

(Ein zynischer, offenherziger, emotionaler und ehrlicher Kommentar)

Hier in Wolfsburg war es noch nie ein leichtes Pflaster für Schwule und Lesben. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es gibt keine Szene wo man sich trifft. Wagt man es, sich herzlich mit einer Umarmung zu begrüßen, hört mans schnell am ZOB aus den Ecken rufen: „Ey! SCHWUCHTEL!“. Beim Spazieren um den Allersee zieht man besser keine modischen Klamotten oder gar enge Jeans an, die einen also Homo outen könnten, sonst ist man schnell gezwungen, einen Schritt schneller zu gehen um den zwielichtigen, pöbelnden Gruppen zu entgehen.

Umso interessanter fand ich, Wolfsburg als Wahl zum Konferenzort der gesamten Deutschen AIDS-Hilfe zu machen. Denn hier gibt es nicht einmal einen CSD. Schwul und lesbisch ist man hier nicht. Der intellektuelle Homo wählt zwischen offenem Outing oder Karriere innerhalb der Volkswagen-Hierarchie. Kaum einer ist bereit, die Nachteile für ein offenes Outing in Kauf zu nehmen. Aber eins ist man hier in Wolfsburg ganz sicher nicht: Krank oder gar HIV positiv!

Aha! Eine Konferenz also! Danke AIDS Hilfe!

Ich möchte mich bei der gesamten Deutschen AIDS-Hilfe bedanken, dass ihr es in das große Industriedorf Wolfsburg geschafft habt, sowie für das außerordentliche Engagement. Eigentlich war alles friedlich. Bis zum Schluss. Bis einem alten und jungen Homo ordentlich die Fresse poliert wurde.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und mich bei den Homo-Hassern bedanken!

Danke Homo-Hasser!

Ich versuche mich seit einiger Zeit gegen das Klischee, Wolfsburg sei ein engstirniges, intolerantes, dekadentes Stück Erde, zur Wehr zu setzen (besonders gegenüber benachbarten Großstädtern). Danke, dass ihr es schafft, dass dieses Klischee nicht nur ein Klischee bleibt.

Auf den Webseiten der Tageszeitungen lese ich – in den Leserkommentaren – zu der Prügelattacke, wie beschränkt es von den Angreifern gewesen sei zuzuschlagen, schließlich könnten Sie sich mit HIV infizieren. wenn ihnen „Blutprobe ins Gesicht spritzt“.

Bitte macht euch keine Sorgen um eure Gesundheit. Sollten die beiden, die Ihr verdrescht habt, nicht nur schwul, sondern auch HIV positiv gewesen sein und ihr ein bisschen Blut beim Draufschlagen abbekommen haben, keine Angst! Euch wird nichts passieren. Ihr bleibt gesund.Eine Medikamenteneinnahme hilft nicht nur beim länger leben der positiven, sondern schützt effektiv die Infektion weiter zu verbreiten. Euer Risiko strebt also gegen null. Wie gut, dass die zwei nicht nur an sich selbst denken, sondern auch Ihr Umfeld schützen, also in diesem Fall euch.

Bitte macht euch keine Sorgen, dass Ihr mit ernsthaften Konsequenzen für diese Aktion rechnen müsst. Mit zwei Mal 2,0 Promille, seid Ihr ohnehin nicht voll schuldfähig. Außerdem werden die Anwälte eurer Eltern das schon wieder gerade biegen. Mein Tipp: Immer schön abstreiten. Mit der Aktion bekommt Ihr höchstens ein paar Sozialstunden. Voll peinlich. Und wie mickrig! Nicht dass Ihr noch wie Schlappschwänze dasteht.

Irgendwie kann ich euch ja verstehen. Fühlt man sich machtlos gegen „die da oben“ richtet sich der Hass schnell gegen „die da unten“. Im Übrigen sind die Homos ja auch gar keine richtigen Menschen und die mag eh keiner. Männer verhalten sich wie Frauen, Frauen wie Männer. Das schafft mancher Erwachsener nicht zu verarbeiten. Da rutscht einem schon mal die Hand aus. Man möge es den kleinen 19 Jährigen nachsehen.

Außerdem ist es völlig normal, dass man einen Schlagstock dabei hat. Gegen 1:35 Uhr muss man sich ja irgendwie gegen die schlechte Welt da draußen verteidigen. Da fangen wir doch gleich mal mit den Drecksschwuchteln an. Sie sind verkehrt herum und wollen auch noch für Richtig anerkannt werden. Frechheit! Ach! Wie herrlich einfach und simpel die Welt doch sein kann.

Zum Thema Wolfsburgs- aufgeschlossenes und offenes Image und so: Der Volksmund sagt: „Der erste Eindruck zählt.“ Der Psychologe weiß: „Der letzte Eindruck ist der, welcher bleibt.“

So gesehen hättet Ihr zum Abschluss der Veranstaltung nicht besser zum Ausdruck bringen können, wie weit wir vom Thema Offenheit entfernt sind und was es bedeutet, wenn Ablehnung in Hass umschlägt und wie wichtig der Kampf gegen Diskriminierung ist.

Danke Teilnehmer!

Danke, dass ihr euch getraut habt, öffentlich aufzutreten und dem Kongress und allen HIV infizierten ein Gesicht zu geben. Ihr seid für unsere Rechte eingestanden, habt dafür gekämpft und habt euch gegen Beleidigungen zur Wehr gesetzt und Gefahr ausgesetzt. Mit eurer Präsenz habt ihr der Öffentlichkeit versucht ein neues Bild zu vermitteln, dass HIV positive längst keine Gefahr mehr für Ihre Umwelt sind und daher Ängste unbegründet.

Ich habe leider als Teilnehmer gefehlt. Gerne wäre ich teil der Community gewesen, doch eigentlich bin ich in dem Punkt Öffentlichkeit auch nicht anders, als die vielen anderen hier. Ich habe einen sehr guten Job. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe mein Leben. Es dürften viele Schranken sein, die sich mir schließen, wenn ich offen mit meiner Infektion umgehen würde. Meine Lebensperspektiven würden sich vermutlich stark einschränken. Umso mehr bewundere ich die Leute, die es schaffen offen und ohne Wenn und Aber mit Ihrer Infektion umzugehen. Trotz aller Nachteile, trotz Ausgrenzung, trotz Arbeitsplatzverlust, trotz Demütigungen in der Familie.

Ich wäre gerne dabei gewesen, doch ich habe mich entschieden, dass es nicht das richtige ist. Vor meiner Infektion hätte ich sicherlich positive Leute gemieden wenn ich davon erfahren hätte. Nicht weil mein Kopf mir nicht gesagt hätte, dass ich mit der Information dass jemand positiv ist besser dran bin als ohne. Es ist vielmehr eine emotionale Angst gewesen, die diese Distanz hat aufkommen lassen bei dem bloßen Gedanken. Eine Art Selbstschutz. Jetzt da ich selbst positiv bin, tue ich mich schwer von jemand anderem etwas zu fordern, was ich vorher selbst nicht geben konnte. Nicht weil ich es nicht gewollt hätte, sondern weil ich es nicht konnte. Dennoch hätte ich die vielen Lebensgeschichten der positiven gerne gehört.

Ob ich mich eines Tages bekennen werde weiß ich nicht. Werde ich mir Dinge anhören müssen, warum gerade ich als Kondomprediger positiv geworden bin? Werde erklären müssen, weshalb das Kondom mich nicht vor der Infektion geschützt hat? Werden sich meine schwulen Freunde von mir abwenden, weil genau diese unbestimmte Angst auch in ihnen ist und sie sie nicht unterdrücken können? Wird alles reden umsonst sein?

Ich dachte immer ich verhalte mich besser als andere. Doch es hat mich erwischt. Ich werde nun anstelle einer totbringenden Krankheit eine chronische Krankheit haben. Dank der Medikamente. Ich bin so glücklich, dass ich noch ein paar Lebensjahre geschenkt bekomme. Praktisch eine normale Lebenserwartung, mit ein paar Wehwehchen mehr zwischendurch, sagen die Ärzte. Mit nur einer Tablette Täglich. Ich will immer noch etwas in dieser Welt erreichen. Dafür sorgen, dass diese kalte Welt wenigstens ein bisschen wärmer wird. Ich bin jetzt 25 und habe immer noch die Möglichkeit, diese Welt weiter zu gestalten und zu einem besseren Ort zu machen. Ohne Hass. Ohne Angst. Ich kann immer noch etwas für diese Gesellschaft leisten.

Bis zum Zeitpunkt meiner Infektion dachte ich noch: „Wer sich heute noch mit HIV infiziert, hat was falsch gemacht.“ Ich hatte keine Ahnung.

Ich wünsche mir, dass die Medikamente weiterhin so gut werden. Das HIV das wird, was heute Syphilis ist. Behandelbar, aber vor allem genauso seinen Schrecken verliert. Das die Gesellschaft keine Angst mehr davor hat. Denn rein logisch und von den Fakten her, braucht Sie sich schon lange nicht mehr vor einem positiven zu fürchten. Doch wahrscheinlich sind die Bilder und Ängste der 80er und 90er Jahre zu präsent. Als nicht Betroffener ist es wahrscheinlich an einem vorbei gegangen, dass positive behandelte praktisch keine Gefahr für eine Übertragung darstellen. Sie arbeiten, sind teilweise Mütter und Väter. Doch vor allem sind sie eins: Teil der Gesellschaft!