„Ich liebe Schwule!“ – Gott im Interview

Gott wird seit vielen Jahrhunderten als Argument für menschenverachtende Positionen herangezogen. Ich habe mit ihm über die Bibel, seine Meinung zu LSBTIQ*, das Verhältnis zum Teufel und die „Ehe für Alle“ gesprochen.

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Gott: „Nehmen Sie dieses Bild, da liegen meine Haare gut…“ (Foto: Christian Anderl)

Ich freue mich sehr, dass Sie Zeit für ein Interview gefunden haben. Zunächst einmal bin ich etwas unsicher, wie ich Sie ansprechen soll?

Ich habe vollstes Verständnis für Ihre Verunsicherung. Es liegt sicherlich auch an meinen vielen Bezeichnungen, die in der Welt kursieren. Das war auch alles ein großes Missverständnis, denn irgendjemand hat einfach den Namen meines Grindrprofils („Allah“, Anmerkung der Redaktion) in Umlauf gebracht. Ich hatte ihn gewählt, um anonym zu bleiben. Da ich aber unvorsichtig handelte und sehr schnell Facepics verschickte, war ich dies natürlich nicht lange. Die Szene ist ein Dorf. Das spricht sich schnell rum. Nennen Sie mich einfach Gott.

Kommen wir zu einem Thema, welches alle brennend interessieren dürfte. Viele behaupten „Gott hasst Schwule!“. Jetzt, wo ich Sie hier vor mir habe, möchte ich die Chance nutzen, um zu erfahren, ob da etwas dran ist.

Was? Nein! Ich liebe Schwule! Hat nicht einer von denen das Haargel erfunden? Ich starte direkt eine Petition im Internet, um einen bundesweiten Feiertag für diese wichtige Leistung einzuführen. Übrigens gilt meine Liebe auch lesbischen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen. Das ist hier doch ein vielfältiger Blog, oder? Also bitte auch alle mitdenken!

Entschuldigung, ich hatte vermutet sie mit dem LSBTIQ*-Buchstabenkürzel zu überfordern!

Wieso das denn? Ich habe sie doch alle gemacht! Viel schlimmer finde ich Parteienkürzel, die nicht halten was sie versprechen. Schreibt nicht christlich drauf, wo es nicht drin ist. Ich lasse mich ungern als Feigenblatt benutzen.

Ihre Einstellung überrascht mich. Schließlich findet man in der Bibel schon ein paar Stellen, die eine Abneigung gegenüber LSBTIQ* vermuten lassen könnten.

Bibel? Das sagt mir nichts! Nennen Sie mir bitte eine entsprechende Stelle aus dem Buch.

Da wäre zum Beispiel diese hier: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel.“

Wer hat das denn geschrieben? Klingt wie jemand, der sich schwer mit Twitter tut und nicht adäquat in 140 Zeichen auszudrücken weiß. Keine Buchempfehlung von mir. Die Menschen sollten bei J. K. Rowling und Stephen King bleiben. Das ist wenigstens unterhaltsame Fiktion.

Wo wir gerade von Feiertagen sprachen. Es ist kein klassischer Feiertag, aber wenn ich sie richtig verstehe, dann haben Sie demnach auch nichts gegen den CSD?

Auf gar keinen Fall! Der kommt auf meiner Favoritenliste direkt nach Liza Minelli und den Golden Girls.

Es ist Ihnen auch nicht zu viel Nacktheit, Party und Sex?

Himmel nein, ich habe euch doch nicht gemacht, damit ihr euch wie Heteros benehmt. Wobei die ja zum Glück auch immer häufiger ihre strengen Vorgaben zu Sexualität und Beziehungen überdenken. Vergeht ja kaum ein Tag, an dem kein Artikel dazu auf ze.tt oder bento veröffentlicht wird. Die sind doch repräsentativ, oder?

Das ist toll. Könnten Sie dies auch Ihren Anhänger*innen vermitteln?

Wissen Sie, dass probiere ich seit Ewigkeiten. Wir hatten ja früher nüschts. Leider auch keine Medizinkenntnisse, weshalb sie in meinen Jugendjahren noch sehr fehleranfällig war. Seit einer Mandeloperation leide ich an einem Sprachfehler und werde öfter falsch verstanden. Es stimmt, ich spreche zu den Menschen. Jedoch sagte ich „Homosexualität ist Freude pur…“ und nicht „Homosexualität ist gegen die Natur…“, wie so viele behaupten.

Hoffentlich lesen das hier dann die richtigen Menschen!

Das hoffe ich auch. In der Vergangenheit schrieb ich bereits diverse Verlage an, um meine frohe Botschaft unter die Leute zu bringen. Aber als „Gott“ erhalte ich nie eine Antwort auf meine Manuskripteinsendungen. Wahrscheinlich nimmt mich keiner ernst, weil es für ein Pseudonym gehalten wird. Wenn ich allerdings unter anderem Namen veröffentliche, dann nehmen dies wiederum die Glaubensgemeinschaften nicht ernst. Die sagen ja immer „Gott steht über allem“. Dabei bin ich gar kein Top, sondern Versatile Bottom. Es ist ein Teufelskreis.

Gibt es diesen Teufel eigentlich?

Klar, aber auch er kämpft mit Vorurteilen. Gut, ich habe nach unserer Trennung etwas schlecht über ihn geredet, vielleicht auch die ein oder andere Lüge über seine Penislänge verbreitet. So sind Tunten halt. Allerdings können wir heute wieder normal miteinander umgehen.

Das ist schön zu hören. Möchten Sie zum Abschluss noch eine Botschaft an die Leute richten?

Ich würde lieber eine Frage stellen. Da mir der Sinn von Selbstkasteiung ja noch nie so richtig klar war, würde ich gerne wissen, warum Sie diese „Ehe für Alle“ wollen? Aber eigentlich kann es mir ja egal sein, wenn Sie sich in dasselbe Unglück stürzen wie die heterosexuelle Mehrheit. Meinen Segen dafür haben Sie!

Vielen Dank für das Gespräch!

Anderes Interview: „HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

„HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

Die beiden schwulen Socken „Socke und Schuss“ haben ihre eigene Facebookseite, auf der sie aus ihrem Leben berichten und häufig Sex, HIV und Szenegeschehen thematisieren. Ich habe mit ihnen über ihr Dasein zwischen Waschgängen und Sexabenteuern gesprochen.Socke und Schuss

Ihr beiden habt euch während eines Waschgangs kennengelernt. Sockes Partner erging es wie vielen anderen von eurer Art: Er verschwand einfach in der Waschmaschine. Nun führt ihr eine Zweckgemeinschaft. Ich stelle mir das als ein Art Waschtrauma vor. Habt ihr keine Angst, dass sich diese Geschichte wiederholt und einer verloren geht?

Socke: Da sagst du was Marcel. Schwule Jungs und Männer und auch wir als schwule Socken, haben ja manchmal besonders Angst jemanden zu verlieren und wieder alleine durch’s Leben zu müssen!

Schuss: Ja, aber dafür haben wir uns ja nun einen Sockenschuss zugelegt. Kennste oder? Das is ‘ne Pistole, die uns beiden mit einem kleinen Faden aneinander heftet. Also „Safer Wasch“ in der Maschine sozusagen!

Wenn man die Steckbriefe zu euch auf eurer Website liest, bekommt man schnell den Eindruck, dass ihr sehr verschieden seid. Nun heißt es ja auch, dass sich Gegensätze anziehen. Bereichern Unterschiedlichkeiten eure Beziehung?

Schuss: Also ich bin schon eher der dominantere Typ, auch nach dem Waschgang.

Socke: Mir kommt das entgegen, ich lasse mich gerne mal einfach fallen und auf links krempeln! Von daher sind unsere unterschiedlichen Rollen beim Sex SEHR bereichernd und anregend.

Socke hat eine positive HIV-Diagnose bekommen. Was hat sich dadurch für Dich verändert? Und wie stand Dir dabei Schuss zur Seite?

Socke: Um ehrlich zu sein, standen wir irgendwann vor der Entscheidung, ob wir unsere Beziehung öffnen wollen. Wir haben uns entschieden es zu tun, um unsere Auswärtsspiele entspannter genießen zu können. Und bei ‘ner schnellen Nummer im Darkroom können Schwanz und Gehirn auf Sex, anstatt auf Kommunikation schalten.
Das Testergebnis fühlte sich trotzdem wie ‘ne kalte Dusche an, aber Schuss hat mir geholfen und sozusagen den Schonwaschgang eingestellt. Erstmal alles sortieren, miteinander reden und das Wichtigste, er steht zu mir. Weil ich offen mit meiner HIV-Infektion umgegangen bin, habe ich das Gefühl, dass wir seitdem auch offener über Wünsche und Bedürfnisse reden können.

Wenn ich Menschen von meinem HIV-Status erzähle, dann höre ich oft, dass sich viele gar nicht trauen zum Test zu gehen. Einerseits, weil es ihnen unangenehm ist mit dem oder der Berater*in über die Thematik zu sprechen. Anderseits aber auch, weil sie Angst vor dem Ergebnis haben. Was würdet ihr diesen Personen raten?

Socke: Wir haben in unserem kleinen virtuellen zu Hause ja eine ganze Reihe von tollen Anlaufstellen gesammelt, wo man sich auf HIV und auch andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen kann. Da sitzen gut ausgebildete ehren- und hauptamtliche schwule Männer, die praktisch alles schon mal gehört haben, was sich im Bereich zwischen Socken und Kopf bei Männern abspielen kann. Also keine Sorge!

Schuss: Eins steht fest, je schneller man sein positives Testergebnis weiß, umso schneller wird man handlungsfähig und kann auf die Infektion reagieren! Das ist bei den guten Therapiemöglichkeiten heutzutage durchaus wichtig geworden.

Was ist denn für euch der größte Benefit der HIV-Therapie?

Schuss: Seit Socke unter der Nachweisgrenze ist, benutzen wir keine Kondome mehr. Denn wir wissen, dass diese geringe Viruslast eine Ansteckung verhindert: Hier ein guter Link!.

Socke: Die Pillen ermöglichen mir im Endeffekt ein genauso langes Leben, wie allen anderen Socken, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen sind.

Auf Facebook teilt ihr Gedanken zum Jahreswechsel, zur LSBTIQ*-Szene, informiert über Depressionen und andere psychische Erkrankungen oder verleiht Auszeichnungen an Szenelokalitäten. Ist euch die Mischung an Themen wichtig und wenn ja warum?

Schuss: Gut recherchiert! Wir lieben aufmerksame Follower!

Socke: Die Mischung macht‘s halt! Wer hat schon nur weiße Socken im Schrank. Die Szene ist bunt, es gibt einiges rund um Sexualität zu erzählen und wir wollen auf schwule Lebenswelten aufmerksam machen.

Wie kriegt ihr diese Offenheit hin, was Themen zu Liebe und Sex angeht?

Schuss: Offenheit? Bei uns wird jedes offene Loch sofort gestopft!

Socke: OMG! Ich würde es eher so ausdrücken: Nur wer spricht, dem kann geholfen werden. Wir haben immer öfter das Gefühl, dass in der Szene weniger kommuniziert wird. Wir wünschen uns den Dialog zwischen den Generationen, einen Kampf für gleiche Rechte, der aber nicht auf Kosten derer stattfinden kann, die anders sind und dies auch bleiben wollen. Das wir in einem Land leben, in dem man mittlerweile offen über sexuelle Identitäten reden kann, ist etwas, das wir uns nicht nehmen lassen werden. Denn da gibt es ja immer wieder Menschen und auch ein paar faule Socken, die uns das streitig machen wollen.

Wenn es um Sex geht, dann geht es ja auch um Fragen zu Vorlieben. Mich stört es, wenn andere in sozialen Netzwerken als „zu tuntig, fett, alt“ oder für ihre Fetische abgewertet werden. Wie ist eure Haltung dazu?

Schuss: Fetische und Kinks sind geilst, soll doch jeder das machen, worauf er Lust hat, so lange es beiden oder wie vielen auch immer Spaß macht.

Socke: Ich denke, die Abgrenzung zu Tunten, dickeren Menschen oder Männern mit Bart, Brille oder was sonst noch alles nicht gemocht werden könnte, hat viel mit einer vermeintlich eigenen Aufwertung zu tun. Mit dem Finger auf andere zeigen, lenkt von eigenen Schwächen ab. Aber das ist jedenfalls kein Thema für einen Kurzwaschgang!

Da habt ihr Recht. Wenn man eure Beiträge weiterhin verfolgt, wird man ja immer wieder auf eure Haltung dazu stoßen. Welche weiteren Themen haltet ihr für – gerade in der Szene – zu wenig diskutiert, obwohl sie eigentlich häufig vorkommen?

Schuss: Als ich mich mit der HIV-Infektion von Socke auseinander gesetzt habe, ist mir eigentlich erst da bewusst geworden, wie sehr Positive nach wie vor ausgegrenzt und abgewertet werden. Sie verschweigen die Infektion immer noch häufig im Bekannten- und Freundeskreis und auch die Familie weiß oft nicht Bescheid. Selbst in der Szene, wo jeder „einen“ kennt, der „einen“ kennt, halten sich Tabus hartnäckig.

Socke: HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat. Nach ganz vielen Jahren der Information und Auseinandersetzung mit dem Thema ist es überraschend, dass diese Mischung nach wie vor Gründe für Stigmatisierung liefern kann.

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Reaktionen freundlich sind. Was macht ihr, wenn jemand sich homophob äußert oder zum Beispiel Socke wegen seiner Infektion angreift? Ignorieren, in den Dialog gehen oder Konversation durch blocken unterbinden?

Socke: Den Dialog zu führen, ist immer noch genauso wichtig wie vor dreißig Jahren, wenn auch zu anderen Themen, die unsere Szene aktuell bewegen. Geblockt werden bei uns Trolle und Nutzer, die Hetze gegen Minderheiten mit Meinungsfreiheit verwechseln. Das kam zum Glück so gut, wie nie vor. Wir finden unsere Fans ein wenig vergleichbar mit Buntwaschmittel. Sie sind bunt in der Zusammensetzung und dürfen uns in Diskussionen und Kommentaren gerne den Kopf waschen, aber nicht zu heiß, dann schalten wir wirklich auf Schonwaschgang oder einfach aus.

Schuss: Word!

Zum Abschluss eine lockere Frage: Ist der Sebi von „Kasalla“ in real genauso süß, wie er in eurem Interview aussieht? Habt ihr seine Nummer? Frage für einen Freund!

Schuss: Ich sage dir eins, mir qualmte bei dem Interview nicht nur die Socke!

Socke: Schuss! A propos Schuss, der Sebi ist wirklich einer!

So ihr beiden, ich muss mich jetzt auf die Socken machen. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin Erfolg!

Socke und Schuss ist ein Präventionsprojekt von Herzenslust NRW, dass sich an Schwule und Männer, die Sex mit Männern haben richtet.
Facebookseite von Socke und Schuss: https://bit.ly/SockeUndSchuss
Website von Socke und Schuss: https://sockeundschuss.de

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Merkels Verlogenheit zur #EheFürAlle bei #NetzFragtMerkel

Angela Merkel spricht davon, dass „wir“ viel erreicht haben. Dabei war es ihre Partei, die das Lebenspartnerschaftsgesetz verhindern wollte und bis heute – in Sachen Gleichstellung Homosexueller – vom Bundesverfassungsgericht vor sich hergetrieben wird.

Am Montag hat YouTuber „LeFloid“ sein Interview mit Angela Merkel veröffentlicht. Es gab leider – obwohl das auch zu erwarten war – keine besonders neuen Erkenntnisse, daher möchte ich mich auf einen kleinen Teil dessen konzentrieren, um den es inhaltlich ging.

Im Interview nimmt dieser Teil etwas mehr als zwei Minuten ein. Wenn in der Kürze die Würze liegt, dann hat sie in diesem Fall bei mir für Magenverstimmung gesorgt, um mal auf bestimmte Bauchgefühle anzuspielen.

In Sachen Ehe für alle sagt Angela Merkel (im Interview ab 4.15) zunächst:

„Ich bin erst mal jemand, der sehr stark dafür ist, dass wir alle Diskriminierung abbauen.“

Diesen Satz hat sie bereits mehrfach gesagt und er war schon immer fragwürdig. Angela Merkel und ihre Partei sind gegen die Gleichstellung Homosexueller. Das ist Diskriminierung. Wobei ich persönlich mich dabei ungern auf die Ehe beschränke. Die fehlende Rehabilitation der Opfer des § 175, zählt für mich dazu. Aber auch der nicht ausreichende Schutz vor Diskriminierung.

Was ich aber viel schlimmer und auch irgendwie dreister finde ist, was sie danach sagt:

„Wir haben ja viel geschafft“

Dabei bezieht sie sich auf die letzten 25 Jahre. Aber Nein! Nicht wir haben viel erreicht und schon gar nicht die CDU oder Angela Merkel!

Was bei den ganzen Debatten um die Eheöffnung auffällt ist, dass ein Großteil der Unionspolitiker*innen darauf verweist, wie angeblich fortschrittlich das Lebenspartnerschaftsgesetz ist. 2001 galt das vielleicht noch, aber sicher keine 14 Jahre später mehr. Heute haben uns viele Staaten, von denen man es damals nicht gedacht hätte, sogar überholt.

Mit diesem Argument wird auch versucht die Gemüter zu beruhigen. Gleiche Rechte stehen euch zwar nicht vollständig zu, aber ein halb leeres Glas könnte man doch auch als halb voll betrachten. Dieser Optimismus geht manchmal so weit, dass einige dieser Gleichstellungsblockierer fast vor Stolz platzen, so toll geht es LGBTIQ* in unserem Land.

Es sind die Parteien CDU und CSU und teilweise auch genau dieselben Abgeordneten, die damals massiv gegen dieses Gesetz gekämpft haben. Sich damit zu schmücken, wie weit „wir“ gekommen sind und so zu tun, als hätte man irgendeinen Anteil daran, obwohl dem nicht so ist, ist ziemlich scheinheilig.

Dasselbe gilt übrigens auch für all die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. In den letzten Jahren war genau dieses der Motor, was die Gleichstellung in Deutschland angeht. Ich bin ziemlich sicher, dass es das weiterhin bleiben wird. Abgesehen von der Behebung kosmetischer Mängel, spielt nämlich auch die SPD in der aktuellen Regierung keine Glanzrolle.

Es wird eine Zeit kommen, in der wird die Gleichstellung Homosexueller so normal sein wie das Frauenwahlrecht. Niemand wird es hinterfragen. Vielleicht werden sich die Menschen nicht mal mehr vorstellen können, wie es heutzutage war.

Wir können uns sicher darauf freuen, dass Politiker*innen, die überhaupt nichts gegen Diskriminierung geleistet haben, sich irgendwann damit brüsten.

Mein Gefühl sagt mir, dass die Kanzlerin überhaupt gar kein Problem mit Homosexuellen, der Ehe für alle und auch dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare hat. Nach fünf Kölsch – wenn sie geübt ist zehn – würde sie das auch zugeben. Aber auch wenn sie es „nur“ tut, um gewisse Kreise nicht zu verärgern, möchte ich das nicht akzeptieren. Und natürlich muss man sich an seinen Taten messen lassen.

Diskriminierung muss so benannt werden. Wer diskriminiert, soll wenigsten das Rückgrat haben es zuzugeben. Und bitte nicht so tun, als ob er oder sie eine Art Kämpfer*in gegen Ungleichbehandlung sei. Das macht mich persönlich nur noch wütender, weil es unglaublich verlogen ist.

Ähnlicher Artikel: 2015 geht’s um mehr als Eheöffnung!

Lesetipps: Beim Zaunfink habe ich bereits etwas über dieses Thema gelesen. Er hat auch einen Artikel des Tagesspiegel verlinkt, der meinem thematisch ähnelt und detaillierte Hintergründe beinhaltet. Zu guter Letzt hat Merkel auch beim „Bürgerdialog“ etwas zur Eheöffnung gesagt.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Ich bin privatsexuell!

Wo fängt Privatsphäre an? In der Regel respektiert jeder die Antwort, dass jeder Mensch – ist er nicht gerade Bundespräsident – das für sich selbst beantworten muss. Aber versucht man es in die Praxis umzusetzen… – Ein Gastbeitrag von KWiNK!

Gastautor „KWiNK“

Hier konkret, worum es geht: Eine größere Zahl Menschen (20.000 bei YouTube, weitere 4.500 bei Twitter und 2.500 bei Facebook – das macht mich nicht wirklich prominent, eher milde bekannt mit künstlichem Prominenzaroma, aber immerhin) verfolgen das, was ich im Internet so treibe. Sie stellen mir auch Fragen über das, was ich dort tue, und zu meiner Person. Manche beantworte ich gerne, bei anderen muss ich möglichst freundlich vermitteln, dass das niemanden außer mir und meinem nächsten Umfeld etwas angeht. Letztere Antwort gebe ich auch auf die Frage nach meiner sexuellen Orientierung. Und das überrascht viele.

Im Internet, wo „GAY!“ noch immer als gängige und vernichtende Kritik zählt, halten die meisten User es mittlerweile für völlig selbstverständlich, dass man sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ganz klar bekennt, ob man schwul, hetero, bi, trans oder was auch immer ist. Schließlich ist das ein ziemlich elementarer Teil der Identität. Man sollte doch stolz darauf sein. Oder wie oder was?

Nein, sage ich. Ist es nicht und bin ich nicht. Weil es in meinen Posts und Videos nicht um meine sexuellen Erlebnisse und Bedürfnisse geht. Weil ich 99% der Leute, die sich für das, was ich online mache, interessieren, nie im wahren Leben treffen werde und mit noch sehr viel weniger, wenn überhaupt, werde ich ins Bett gehen oder woanders Nackt-Artistik praktizieren. Welchen Unterschied macht es demnach, was für Menschen mich anziehen? Und überhaupt, warum sollte ich stolz auf die Veranlagung sein, mit der ich geboren wurde?

Der Punkt ist, dass die User noch immer gewisse Wertevorstellungen mit der Sexualität eines Menschen verbinden. Wenn sie wissen, ob ich in diese oder jene Richtung tendiere, können sie mich einordnen, mir ein weiteres Etikett aufkleben und sehen meine Videos oder lesen meine Posts in dem Wissen, dass ich das als Homo-/Hetero-/Bi-/Trans-/Irgendwassexueller von mir gebe. Die einen werden mich deswegen weniger hoch ansehen, einige vielleicht sogar verachten (Grüße an jenen Menschen, der mir schrieb, ich müsse mir Hilfe suchen und mich von meiner Homosexualität heilen lassen), wieder andere werden sich in ihrer Toleranz sonnen, dass sie die Videos dieses anderssexuellen anschauen und Freunden gegenüber sagen können: „Ist ja nichts dabei.“

Diese Befriedigung gebe ich den Leuten aber nicht. Weil es nicht wichtig ist, was ich bin, sondern was ich sage. Könntet Ihr, wenn ich mit Euch rede, bitte in meine Augen und nicht auf meinen Penis schauen? Tausend Dank.

Meistens stoße ich damit zumindest vordergründig auf Verständnis. Die Antwort, ich würde meine Sexualität nicht öffentlich machen, weil zu viele Leute da Wertvorstellungen mit verbinden, beendet meist Diskussionen. Den Folgekommentar „Wenn du es nicht sagst, bist du also schwul!“ kenne ich allerdings auch. Das sind die Leute, die noch immer denken, Schwule, Bis und Transen hätten Grund, sich zu verstecken. Und es könne keine Heterosexuellen geben, die jeden Verdacht der Homosexualität nicht sofort weit von sich wiesen (wie der oben Gegrüßte, dem ich, außer dass ich mich nicht festlegen wollte, keinen Anhaltspunkt gegeben hatte, dass ich schwul sein könnte). Genau die verkrusteten Rollenbilder, die ich zu boykottieren versuche.

Diese Leute enthüllen mir aber in der Regel mehr über sich, als ich ihnen von mir preisgebe. Für solche Leute habe ich mir noch eine Antwort angewöhnt. Wenn jemand unter eines meiner YouTube-Videos „GAY!“ schreibt, antworte ich mit „Homophob!“ Wer von uns hat das Problem? Nuff said.

KWiNK, 18. Januar 2012