Rehabilitation der §175-Opfer: Generationenübergreifende Geschichte geschrieben!

Das Bundeskabinett beschloss heute, die Opfer des § 175 zu entschädigen. Die Zustimmung des Bundestags ist nur noch formeller Natur. Damit erfahren nicht nur jene Gerechtigkeit, die verurteilt wurden oder unter dem Klima des sogenannten „Schwulenparagraphen“ litten. Es hat auch Bedeutung für die Freiheit der heutigen, jüngeren Generation. Denn es gibt keine geteilte Freiheit.

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Offene Rechnung: Die Kampagne zu Rehabilitation und Entschädigung von §175-Opfer der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren.

Hiermit wird Geschichte geschrieben

2001 bemerkte ich gerade „irgendwie anders“ zu sein. Damals konnte ich dieses Gefühl aber nicht definieren. Mit 11 Jahren hatte das Wort „schwul“ erst mal noch nichts mit mir zu tun. Deswegen habe ich die damalige Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes auch nicht wirklich wahrgenommen.

Die heute im Kabinett beschlossene Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer des
§ 175 hingegen, ist auch für mich (obwohl ich seit Jahren aktivistisch unterwegs bin) ein Gänsehautmoment. Erstmals habe ich das Gefühl, einen historischen Moment, was LSBTIQ*-Politik in Deutschland angeht, hautnah mitzuerleben. Denn hiermit wird Geschichte geschrieben.

Eine Geschichte, die von vielen Verbänden, z. B. der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren, der Deutschen AIDS-Hilfe oder dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, den dort engagierten Menschen, aber auch Aktivist*innen von außerhalb geschrieben wurde. Sie handelt von Unrecht, welches in der Vergangenheit geschehen ist und erst 1994, durch die komplette Abschaffung des § 175, gestoppt wurde. Dennoch hat diese Geschichte auch mit jenen zu tun, die ohne diesen Straftatbestand aufgewachsen sind.

Nur eine Gesellschaft, in der alle ihre Rechte erhalten,
ist eine Gesellschaft, 
von der wir alle profitieren

Für mich war es nicht immer ein wichtiges Anliegen, auch für Andere einzustehen. Lange habe ich egoistisch nur eigene Probleme, selbst erlebte Diskriminierung und politische Forderungen, von denen ich persönlich profitiere, in den Blick genommen.

Dabei darf man jedoch eines nie vergessen: Nicht wir haben über unsere Hautfarbe, unsere Herkunft, unseren Körper, unsere sexuelle/geschlechtliche Identität, den Ort oder den Zeitpunkt unserer Geburt entschieden. Es war Glück. Das ist kein Verdienst. Dies bringt die Pflicht mit sich, auch ein Auge auf die zu werfen, die dieses Glück nicht hatten.

Gemeinsam mit ihnen sollten wir für sie und gleichzeitig uns kämpfen. Denn nur eine Gesellschaft, in der alle ihre Rechte erhalten, ist eine Gesellschaft, von der wir alle profitieren.

Die Betroffenen waren schon immer Opfer und noch nie Täter

Für die noch lebende Vorgeneration schwuler Männer freue ich mich. Natürlich für die, welche verurteilt wurden und die nun eine Chance auf Rehabilitation und Entschädigung haben. Aber auch jene, solche „nur“ im Klima, dass der §175 schaffte, aufgewachsen sind. Denn auch ohne Verurteilung hatte dieser Paragraph Einfluss auf Leben, Gefühle und Karrieren vieler dieser Menschen.

Natürlich kommt es für zahlreiche von ihnen, die bereits verstorben sind, zu spät. Es ist jedoch wichtig, dass einige noch miterleben können, wie das Unrecht als solches benannt und aufgehoben wird. Denn sie waren schon immer Opfer und noch nie Täter.

Es gibt keine geteilte Freiheit

Ihre früheren Kämpfe führten sie auch für uns heute. Unsere heutigen Kämpfe führen wir deswegen auch für sie. Es gibt keine geteilte Freiheit, einerseits die unsere und andererseits die ihre. Die eine ist stark mit der anderen verbunden. Das gilt übrigens auch für LSBTIQ*-Rechte weltweit.

Danke an alle, die sich jahrelang für diesen Moment eingesetzt haben. Ihr habt Geschichte geschrieben. Herzliche Glückwünsche an alle, die, wenn auch späte, Gerechtigkeit erfahren. Ihr habt es verdient! ❤

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LSBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Mr. Gay Germany ist nicht Manns genug…

Pascal aus München ist Mr. Gay Germany. In Kommentaren wird er als als Milchbubi, zu jung und zu wenig Mann bezeichnet. Das ist nichts anderes als Bodyshaming und Altersdiskriminierung, von denen nicht nur ältere und/oder fülligere Menschen betroffen sind.

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Mr. Germany 2016: Pascal aus München. (Foto: https://facebook.com/mrgaygermany)

Schönheit ist subjektiv

Die Attraktivität einer Person kann ich erst einmal nur für mich beurteilen. Selbst die gesellschaftliche Vorstellung von selbiger unterliegt dem Wandel der Zeit. Gewinner*innen von Schönheitswettbewerben sind also einerseits das Spiegelbild eines derzeit geltendes Ideals. Andererseits angewiesen darauf, dass sie den individuellen Nerv und Geschmack der jeweiligen Jury treffen.

Offensichtlich ist das dem 21-jährigen Pascal aus München bei der Wahl zum „Mr. Gay Germany“ gelungen. Am vergangenen Wochenende kürte ihn die Jury in Köln zum Sieger des diesjährigen Wettbewerbs. Neben seiner Optik, kam scheinbar auch seine Kampagne „Don’t hide“ gut an, jene sich um Anlaufstellen in Schulen und Jugendzentren für LSBTIQ*-Jugendliche (Lesbische, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Queere) dreht.

Das dies für Pascal kein Modethema ist, beweist er allein durch sein Engagement als Gruppenleiter in Münchens queerem Jugendzentrum „diversity“. Hier bringt er sich bereits seit 2 1/2 Jahren aktiv ein.

Ein Milchbubi ohne Ausstrahlung und Lebenserfahrung

Zugegebenermaßen erfuhr ich eher durch Zufall von Pascals Erfolg. Das Ergebnis war Teil der Kategorie „Bild des Tages“ auf dem Nachrichtenportal Queer.de, welches ich regelmäßig besuche. Ohne die anderen Kandidaten und ihre Inhalte zu kennen, gefiel mir der Einsatz des Gewinners für junge LSBTIQ*.

Unter dem Artikel und auf Facebook konnte man verschiedene Kommentare zum Sieg von Pascal lesen. Mich wundert es natürlich nicht, dass ein Wettbewerb, in dem es auch (vielleicht sogar vor allem, das kann ich nicht beurteilen) um Aussehen geht, ein Echo hierauf erzeugt. Die Themen ähneln sich sehr.

Alter.

„Ich bin dafür, dass eine Mindestaltersgrenze von 30 eingeführt wird. Dann hat das wenigstens was mit Mann zu tun, hat genug Lebenserfahrung und bringt genug Ausstrahlung mit!“

Körperbild.

„Zu jung….Zu dünn….Zu wenig Mann“

Mangelnde Männlichkeit.

„Was für ein Schönling, ein Mann ist das nicht“

Diese drei Aussagen sind nur Beispiele für zahlreiche Reaktionen. Immer wieder dreht es sich darum, dass ein Mr. ein Mann sein muss, der Sieger keiner sei und sein Aussehen sowie Alter ihn sowieso bei den Schreibenden durchfallen lassen.

Bezüglich des Alters bin ich fair. Ich würde auch die Organisator*innen der Mr. Gay Germany Wahl, die nur Kandidaten bis 40 Jahren zulassen, gerne mal auf einen Trip durch die Kölner Altstadtszene und über ihren Horizont mitnehmen. Dort gibt es Paradebeispiele von Sexiness über alle Körperbilder und Altersklassen hinweg. Apropos, bald ist wieder Bear Pride in Köln. Die Zeit im Jahr, in der ich besonders viel und erfolgreich flirte.

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Die Szene ist nicht frei von Lookism

Lookism nennt man es, wenn Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person ist. Diejenigen, welche bestimmte Vorstellungen von Attraktivität nicht erfüllen, wertet man verbal oder körperlich ab. Das ist an vielen Stellen Alltag. Die Szene kann hier nicht als Ausnahme betrachtet werden. „Keine Tunten, Fetten, Alten, Schwarzen und Asiaten“ oder „Schau in den Spiegel, bevor Du mir schreibst“, stehen in nicht wenigen Profilen auf Datingplattformen wie Gayromeo oder Grindr.

Ich hab in den Spiegel geschaut. Fand mich ganz annehmbar, deswegen weiß ich aber nicht automatisch, ob dies auch Deinem Geschmack entspricht. So richtig (!) tuntig werde ich nach zwei Kölsch (vorher vielleicht in unbeobachteten Situationen). Wie hoch jedoch Deine Testosteronlatte liegt und ob ich ihr gewachsen bin? Gute Frage…

Bodyshaming ist in alle Richtungen möglich

Bemerkenswert viele Menschen erteilen solchen Ansagen mittlerweile eine Absage. Es ist weitgehend Konsens, dass die Abwertung aufgrund von Körperform, Kilozahl oder Gesichtszügen keine akzeptable Sache ist. Dachte ich zumindest.

Philipp Kienzl beschrieb im Juli 2016 auf Ze.tt, mit welchen Bezeichnungen für seinen Körper er sich auseinandersetzen muss. Wir alle haben schon hunderte Artikel darüber gelesen, wie sich fülligere Personen zur Wehr setzen. Philipp allerdings gilt als das Gegenteil. Ihm wird oft Untergewicht vorgeworfen, weshalb man ihn als „Zahnstocher“, „Lauchstange“ oder „Spargeltarzan“ bezeichnet. Klingt lustig, beleidigt ihn aber.

Ebenso wie man niemandem „Fleischwalze“, „Schwabbelbacke“ oder „Adipösi“ an den Kopf werfen sollte, versteht sich dies umgekehrt. Dünne Zeitgenossen sind kein Freiwild, die vermeintliche Scherze oder Beleidigungen über sich ergehen lassen müssen.

Wie wäre es also, wenn man jenes Phänomen auf die aktuelle Mr. Gay Wahl überträgt? Stellen wir uns vor, ein älterer, beharrter Bär hätte den Titel ergattert. Ein Mannsbild, für das der Begriff „Straight Acting“ oder der Ausruf „Woof“ quasi erfunden wurden. Manche Leute hätten den „Opa“ ausgelacht oder sich über den „fetten Körper“ echauffiert.

Darauf wären zurecht die Vorwürfe des Bodyshamings und der Altersdiskriminierung erhoben worden. Andersherum, sobald jemand als Milchbubi bezeichnet wird, handelt es sich ebenfalls darum. Es ist Abwertung einer Person und in dem Falle sogar ganzen Gruppe, behauptet man, erst ab 30 könnte ein Mann ein Mann sein, Lebenserfahrung besitzen und Ausstrahlung haben.

Hier werden im Übrigen heteronormative Stereotype übernommen, die auf Geschlechterrollen aufbauen. Es sind dieselben Argumente, die viele Homophobe nutzen. Auch sie wollen keine „verweichlichten“, sondern nur „richtige“ Männer akzeptieren. Wo das Problem liegt, beide Arten von Männern (und Frauen) nebeneinander existieren zu lassen, konnte mir noch niemand plausibel erklären.

Mir ist dieses Vorurteil bewusst, junge Menschen, vor allem junge schwule Männer, seien immer total von ihrer Attraktivität überzeugt und gehen entsprechend arrogant mit anderen um. Es gibt jedoch genügend von ihnen, die sich aus den verschiedensten Gründen nicht wohl in ihrer Haut fühlen. Deine Worte prallen also nicht an einer Wand ab, sondern verletzen möglicherweise. Es ist nicht zu viel verlangt, sich darüber Gedanken zu machen.

Die Mr. Gay Germany Wahl ist kein spezieller Fall, in dem Höflichkeit und Respekt nicht zählen

Darf es denn im speziellen Fall der Mr. Gay Germany Wahl, nicht auch eine spezielle Reaktion geben? Nehmen wir an, jemand, der es sonst nie tun würde, macht abfällige Bemerkungen über das Aussehen von Pascal. Mit der Begründung, dieser Stelle sich ja einem Wettbewerb, in dem es vorrangig um die Optik geht. Also müsse er auch damit leben, dass er manchen eben nicht gefällt.

Nein, das kann keine Begründung sein. Wir müssen alle akzeptieren, nicht den Geschmack jeglicher Menschen zu treffen. Optisch oder zwischenmenschlich. Es gibt aber einen großen Unterschied, zwischen nicht gefallen und herabsetzen. Im Endeffekt geht es um das äußern einer Ich-Perspektive, die niemand pauschalisieren kann.

Mir hätte (äußerlich) ein anderer Typ Mann als Mr. Gay Germany mehr zugesagt. Dennoch wurde von anderen entschieden. Die eben genauso ihre eigene subjektive Wahrnehmung haben. Wer das versteht und akzeptiert, dem fällt auch leichter, trotzdem Glückwünsche an Pascal zu senden.

Auch an Orten, wo es um Sexualität und körperliches Begehren geht, sollte eine faire Atmosphäre herrschen. Im Cruisingclub wird es auch nicht akzeptiert, Leute zu beleidigen, die unseren ästhetischen Nerv nicht treffen, nur weil dort das Aussehen eine wichtige Komponente spielt. Selbst will man so ja auch nicht behandelt werden.

Jede*r hat das Recht auf einen eigenen Geschmack. Aber niemand besitzt ein Recht, die Mitmenschen deswegen abzuwerten

Natürlich kann man, ganz unabhängig der Mr. Thematik und auf allgemeiner Ebene gesehen, argumentieren, dass sexuelle und optische Vorlieben Geschmackssache sind. Jede*r hat das Recht auf einen eigenen Geschmack. Aber niemand besitzt ein Recht, die Mitmenschen deswegen abzuwerten. Ich ficke auch nur mit Leuten, die mir gefallen. Der Unterschied ist, dass ich den Fokus genau darauf lege.

Manche Profiltexte lesen sich so negativ. Es stellt sich die Frage, ob diese Personen bei der Bestellung im Restaurant aufzählen, was sie alles auf gar keinen Fall bekommen möchten, geschweige denn essen würden. Es reicht doch völlig aus, die Speisen zu wünschen, welche einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Das Sexleben wird auch nicht besser, wenn ich mich ausführlich mit allem was mich abturnt beschäftige.

Nicht auszuschließen ist, dass sich jemand bei Dir meldet, der nicht in Dein Raster passt. Das kann jedoch ebenso passieren, obwohl er Deinen theoretischen Wünschen nach Alter, Bartwuchs, (Schwanz)Größe und Haarfarbe entspricht. Manchmal passt es nicht. Ein einfaches „Du bist nicht mein Typ“ hilft an dieser Stelle. Es erfüllt seinen Zweck, ganz ohne irgendwen zu verletzten.

Wo liegt eigentlich das Problem, wenn Du eine Nachricht von einer für Dich unattraktiven Person bekommst? Warum greift es Dich so an? Weil er glaubt, bei Dir eine Chance haben zu können, während Du in einer soooo viel höheren Liga spielst? Sieh es positiv: Jede Nachricht ist ein Zeichen Deiner unfassbaren Attraktivität. Auf dieses Kompliment darf man guten Gewissens höflich reagieren.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LSBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Kampagnenstart: “Offene Rechnung: § 175 StGB. Wir kämpfen um Rehabilitation.“ | BISS im Interview

BISS ist der „bissige“ Name für die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren. Der Verein steht für eine selbstbewusste Generation an älteren schwulen Männern. Ich habe mit Vorstandsmitglied Wolfgang Vorhagen über Vereinsgründung, politische Ziele, die heute startende Kampagne „Offene Rechnung: §175 StGB“, und die Community gesprochen, in der das Thema „Älter werden“ oft Tabu ist und Stoff für Stigmatisierung bietet.

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Lieber Wolfgang, die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS) vertritt, wie der Name schon sagt, die ältere Generation. Selbst ist BISS allerdings noch sehr jung. Am 1. Juni 2016 feiert der Verein sein 1-jähriges. Wie kam es hierzu?

Seit 2011 führt die Akademie Waldschlösschen, zusammen mit der Schwulenberatung und finanziert über die Deutsche AIDS-Hilfe, jährlich das bundesweite Treffen der Gruppen von schwulen Männern 50 + („Wir haben noch viel Saft…“) durch. Da gibt es inzwischen eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppen älterer Schwuler in Deutschland, die sich nun zunehmend auch vernetzen. Und aus diesem Treffen heraus ist die Idee gekommen, einen Bundesverband älterer Schwuler zu gründen. Schließlich sind wir die erste Generation schwuler Männer (und auch lesbischer Frauen), die selbstbewusst ihre Homosexualität lebt – und dies soll auch im Alter so bleiben.

Musstet ihr vor der Gründung die berühmten dicken Bretter bohren, um ausreichend Unterstützung zu bekommen oder seid ihr in Politik und Community sofort auf offene Ohren und Türen gestoßen?

Die Politik – v.a. das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend – hat sofort bei unserem ersten Besuch in Berlin sehr positiv reagier. Bei unserer Gründungsveranstaltung am 1. Juli letzten Jahres in Frankfurt/Main bekamen wir von dem zuständigen Staatssekretär Dr. Kleindiek gleich eine finanzielle Unterstützung noch für das 2. Halbjahr 2015 zugesagt, sodass wir zügig mit unserer Arbeit loslegen konnten. In der Community hat die Gründung von BISS ebenfalls einiges an Aufmerksamkeit erzeugt, allerdings glaube ich, dass es da noch viel zu tun gibt, um das „Angstthema Älterwerden“ offensiv anzugehen, der gar nicht so seltenen Diskriminierung von älteren Schwulen in der Szene entgegen zuwirken und z.B. deutlich zu machen, unter welchen Bedingungen die heutige Generation schwuler Männer über 60 ihr Coming out bewerkstelligen musste. Das gehört mit zur Geschichte der 2. Schwulenbewegung dazu, die ein Teil der heute über 60-70-jährigen Schwulen initiiert hat.

Bevor ich die Interviewfragen zusammenstelle, spreche ich mit Freund*innen über die Themen und Gesprächspartner. Gerade meine heterosexuellen Bekanntschaften haben oft gesagt, dass sie nicht wissen, wie sinnvoll eine explizit homosexuelle Seniorenvertretung ist, da wir aus ihrer Sicht – egal ob homo oder hetero – doch alle gleich seien. Eine Haltung, die der LGBTIQ*-Community an vielen Stellen entgegenschlägt. Welche Rolle spielt die Unterscheidung der sexuellen Identität und sind unter euren Bündnispartnern auch Organisationen für Senioren im Allgemeinen?

Dass alle gleich sind, egal welche sexuellen Lebensstile bevorzugt werden, ist Unsinn. Wir leben in einer heteronormativen Gesellschaft, in der es bis heute noch lange nicht selbstverständlich ist, z.B. schwul oder lesbisch zu sein. Und das betrifft natürlich auch den Bereich der Altenpflege. Es gibt etliche Berichte von älteren schwulen Paaren oder auch Singles über Diskriminierungserfahrungen in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Bei vielen Mitarbeiter_innen ist das Thema noch nicht wirklich im Bewusstsein und auch hier ist für BISS noch einiges zu tun. Wir haben inzwischen auch mit den Wohlfahrtsverbänden Kontakt aufgenommen, die ja neben den Kirchen viele Einrichtungen für ältere Menschen betreiben. Großes Interesse auf Zusammenarbeit zeigt sich auch bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO).

Viele Menschen innerhalb eures Vereins kommen aus der Zeit, in der die Aids-Krise stattfand. Damals haben sich viele Gruppen (Schwule, Frauen, Drogengebrauchende Menschen etc.) zusammengetan, um gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen und Erkrankte zu unterstützen. Wie sieht das bei euch aus? Habt ihr bzw. sucht ihr nach Bündnissen mit Partner*innen, die auf den ersten Blick nicht viel mit euch gemeinsam haben?

Zunächst einmal ist Aids natürlich ein Thema bei BISS, denn es stimmt, dass viele von uns älteren Schwulen die Aids-Krise von Beginn an erlebt haben, ja z.T. traumatisiert wurden. Entweder durch die heftigen Erkrankungen, die sie selbst erlitten haben und natürlich durch den Verlust von Freunden und Wegbegleitern. Und da hat es in der Tat Bündnisse gegeben, die bis heute beispielhaft sind (z.B. Drogengebraucher*innen, Sexarbeiter*innen etc.). Wichtig ist, dass, so unterschiedlich die Lebenswelten sein mögen, es um einen gemeinsamen Nenner geht – politisch wie gesellschaftlich. Und da spielen die Organisationen und Selbsthilfegruppen, die es im Altenbereich gibt, eine wichtige Rolle, von bundesweiten Vernetzungen und Vertretungen wie Wohlfahrtsverbänden und Senioren-Organisationen bis hin zu Stadtteilarbeit in Altenselbsthilfegruppen. Das wird ja schon von regionalen Gruppen von älteren Schwulen seit längerer Zeit gemacht. Mitmischen und sichtbar sein ist die Devise – nur so verändert sich auch die Situation älterer Schwuler und Lesben.

Mir würden natürlich auch viele spezielle Dinge einfallen, die ich mit einem Leben als schwuler Senior verbinde. Ihr beschäftigt euch also sicher mit einer großen Bandbreite an Inhalten. Hat eure Arbeit dennoch besondere Schwerpunkte und wie sehen diese aus?

Die regionalen Gruppen, die ja bereits vor der Gründung von BISS existierten und die ja auch wichtige Impulse zur Gründung geliefert haben, dienen ja schon der Vernetzung vor Ort, aber auch darüber hinaus. Strukturen zu stärken, Neugründungen  von Initiativen und Gruppen vor Ort zu unterstützen, z.B. auch durch bundesweite Treffen und Fachtagungen – das ist ein wichtiger Aufgabenbereich von BISS. Politisch und gesellschaftlich für altersgerechte Wohnformen für Schwule einzutreten ist ein weiterer Aufgabenbereich, was u.a. bedeutet, hier zur Diskussion einzuladen und Ansätze vor Ort zu unterstützen. Bei allem geht es um gesellschaftliche Teilhabe und politische Partizipation. Des Weiteren geht es darum, die Geschichte und Lebenssituation älterer Schwuler nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und uns für die Wiedergutmachung der Opfer des § 175 einzusetzen.

Jährlich findet am 17. Mai der Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie statt. Das Datum wurde zur Erinnerung an den 17. Mai 1990 gewählt, als die Weltgesundheitsorganisation beschloss, Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen. Hat diese Bezeichnung – die sicher auch gesellschaftlichem Klima entsprach, von dem vor allem die ältere Generation betroffen war – trotz ihrer Streichung noch bis in die heutige Zeit spürbare Nachwirkungen?

Es leben heute noch viele schwule Männer und lesbische Frauen unserer Generation versteckt, die die Zeiten der gesellschaftlichen Kriminalisierung, Diskriminierung und des Makels Homosexualität als Krankheit erlebt und verinnerlicht haben. Ihre Biografie ist eine gebrochene, geprägt von Selbsthass und einem heimlichen und oft reduzierten Sexleben. Mit wurde das vor kurzem wieder am Rande eines Seminars hier im Waldschlösschen deutlich, in dem ein älterer schwuler Mann mir seine Geschichte erzählte mit Scheinheirat, einem heimlichen  und nur marginal praktizierten Sexleben, Selbstmordversuchen und einer nur ganz langsamen Versöhnung mit seiner Homosexualität. Aber vor dem Hintergrund der Brüchigkeit gesellschaftlicher Toleranz und Akzeptanz sind auch junge Schwule und Lesben vor der Selbststigmatisierung noch keineswegs gefeit.

Da Du auch das Sexleben ansprichst. Ihr plädiert dafür, auch mit einem Blick in die Vergangenheit, den Begriff der sexuellen Vielfalt zu nutzen, statt ihn – wie es der CSD Deutschland vorschlug – durch menschliche Vielfalt zu ersetzen. Was würde aus eurer Sicht verloren gehen, wenn dies sich ändert?

Da kann ich nur aus einer unserer Stellungnahmen zitieren: „Wenn „sexuelle Vielfalt“ durch „menschliche Vielfalt“ ersetzt wird, wird die Sexualität von Schwulen und Lesben wieder ins Private zurückgedrängt.“ Und genau da wollen uns u.a. konservative und rechtspopulistische gesellschaftliche Kräfte wie z.B. die sog. „besorgten Eltern“, AfD etc. haben. Sexualität(en) sind aber auch politisch, immer dann, wenn sie gegen den gesellschaftlichen Mainstream gelebt werden und Anfeindungen unterworfen sind, gegen die es gilt, sich zur Wehr zu setzen. Sexuelle Vielfalt muss sich öffentlich zeigen und auch so benannt werden, nur dann findet ein gesellschaftlicher Diskurs statt, ansonsten haben wir verloren! „Die menschliche Sexualität in ihrer lebendigen Vielfalt bleibt das identitätsstiftende Merkmal unserer Community“.

Du hast eben als Schwerpunkt von der Thematik rund um den § 175 gesprochen. Er ermöglichte die strafrechtliche Verfolgung von Schwulen und wurde erst 1994 vollständig gestrichen. Zuletzt fand in Berlin ein von euch organisiertes Hearing mit Politik und Verbänden zum Thema statt. Dieses hatte zum Ziel, eine gemeinsame politische Vorgehensweise zur Aufhebung der Urteile nach 1945 zu entwerfen. Kannst Du uns kurz sagen, welche Ergebnisse oder zumindest Pläne für weitere Schritte es gab?

Es hat sich ein Facharbeitskreis aus dem Hearing von BISS Anfang des Jahres gebildet, der mit Unterstützung von Politikern (parteiübergreifend), dem LSVD, der Deutschen AIDS-Hilfe, der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und anderen Akteur*innen nun sehr gezielt unter dem Motto “Offene Rechnung: § 175“ weitere Schritte und politische Strategien diskutieren und umsetzen will, um möglichst zeitnah eine Aufhebung der Urteile nach § 175 StGB nach 1945 und damit eine Rehabilitierung der noch lebenden Betroffenen zu erreichen, die ja inzwischen in hohem Alter sind. Am 11. April fand bereits ein weiteres Treffen in Berlin statt.

Das Thema Rehabilitation von Opfern und Verurteilten des §175 bewegt mich auch persönlich. Gleichzeitig bemerke ich, dass viele junge, als auch ältere Menschen, sich nicht damit beschäftigen. Wandel findet leichter statt, wenn er von einer breiten Masse mitgetragen wird. Habt ihr Strategien, um die Solidarität mit dieser wichtigen politischen Forderung in der Community zu verstärken?

Sicher ist das Thema nicht besonders „sexy“ und es ist nicht einfach, die Verdrängungsmechanismen, die es auch in der Community gibt, zu durchbrechen. Schließlich scheint es uns heute doch fast allen gut zu gehen, warum sich also mit einem Thema aus der dunklen Vergangenheit beschäftigen. Schaut man sich allein das Familienbild der AfD an, die Reaktionen der sogenannten besorgten Eltern auf das Thema „sexuelle Vielfalt“ im Sexualkundeunterricht oder Medienkampagnen aus dem konservativen Lager, dann müsste es Schwulen und Lesben dämmern, das wir uns mit unseren gesellschaftlichen Gleichstellungsbestrebungen auch weiterhin auf brüchigem Eise befinden. Unter anderem das kann auch ein Bewusstsein schaffen für die Geschichte von Unterdrückung und Kriminalisierung von Schwulen in der Vergangenheit. Die Strategie heißt vor allem Informieren, vor Ort Veranstaltungen zu diesem Thema machen, in Medien präsent zu sein, auf den CSDs mit diesem Thema zu erscheinen und die Community über unsere weitere Arbeit zu informieren. Du siehst, es liegt noch viel Arbeit vor uns!

Umso schöner, dass unter anderem ihr sie so kraftvoll angeht! Wolfgang, ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Euch weiterhin viel Erfolg bei der Arbeit mit BISS.

Zu meinem letzten Interview: „HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!
Zur Kampagnenwebsite „Offene Rechnung: § 175 StGB“: http://www.offene-rechnung.org/
BISS Website: http://schwuleundalter.de/
BISS auf Facebook: https://www.facebook.com/schwuleundalter

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.