Rehabilitation der §175-Opfer: Generationenübergreifende Geschichte geschrieben!

Das Bundeskabinett beschloss heute, die Opfer des § 175 zu entschädigen. Die Zustimmung des Bundestags ist nur noch formeller Natur. Damit erfahren nicht nur jene Gerechtigkeit, die verurteilt wurden oder unter dem Klima des sogenannten „Schwulenparagraphen“ litten. Es hat auch Bedeutung für die Freiheit der heutigen, jüngeren Generation. Denn es gibt keine geteilte Freiheit.

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Offene Rechnung: Die Kampagne zu Rehabilitation und Entschädigung von §175-Opfer der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren.

Hiermit wird Geschichte geschrieben

2001 bemerkte ich gerade „irgendwie anders“ zu sein. Damals konnte ich dieses Gefühl aber nicht definieren. Mit 11 Jahren hatte das Wort „schwul“ erst mal noch nichts mit mir zu tun. Deswegen habe ich die damalige Einführung des Lebenspartnerschaftsgesetzes auch nicht wirklich wahrgenommen.

Die heute im Kabinett beschlossene Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer des
§ 175 hingegen, ist auch für mich (obwohl ich seit Jahren aktivistisch unterwegs bin) ein Gänsehautmoment. Erstmals habe ich das Gefühl, einen historischen Moment, was LSBTIQ*-Politik in Deutschland angeht, hautnah mitzuerleben. Denn hiermit wird Geschichte geschrieben.

Eine Geschichte, die von vielen Verbänden, z. B. der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren, der Deutschen AIDS-Hilfe oder dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, den dort engagierten Menschen, aber auch Aktivist*innen von außerhalb geschrieben wurde. Sie handelt von Unrecht, welches in der Vergangenheit geschehen ist und erst 1994, durch die komplette Abschaffung des § 175, gestoppt wurde. Dennoch hat diese Geschichte auch mit jenen zu tun, die ohne diesen Straftatbestand aufgewachsen sind.

Nur eine Gesellschaft, in der alle ihre Rechte erhalten,
ist eine Gesellschaft, 
von der wir alle profitieren

Für mich war es nicht immer ein wichtiges Anliegen, auch für Andere einzustehen. Lange habe ich egoistisch nur eigene Probleme, selbst erlebte Diskriminierung und politische Forderungen, von denen ich persönlich profitiere, in den Blick genommen.

Dabei darf man jedoch eines nie vergessen: Nicht wir haben über unsere Hautfarbe, unsere Herkunft, unseren Körper, unsere sexuelle/geschlechtliche Identität, den Ort oder den Zeitpunkt unserer Geburt entschieden. Es war Glück. Das ist kein Verdienst. Dies bringt die Pflicht mit sich, auch ein Auge auf die zu werfen, die dieses Glück nicht hatten.

Gemeinsam mit ihnen sollten wir für sie und gleichzeitig uns kämpfen. Denn nur eine Gesellschaft, in der alle ihre Rechte erhalten, ist eine Gesellschaft, von der wir alle profitieren.

Die Betroffenen waren schon immer Opfer und noch nie Täter

Für die noch lebende Vorgeneration schwuler Männer freue ich mich. Natürlich für die, welche verurteilt wurden und die nun eine Chance auf Rehabilitation und Entschädigung haben. Aber auch jene, solche „nur“ im Klima, dass der §175 schaffte, aufgewachsen sind. Denn auch ohne Verurteilung hatte dieser Paragraph Einfluss auf Leben, Gefühle und Karrieren vieler dieser Menschen.

Natürlich kommt es für zahlreiche von ihnen, die bereits verstorben sind, zu spät. Es ist jedoch wichtig, dass einige noch miterleben können, wie das Unrecht als solches benannt und aufgehoben wird. Denn sie waren schon immer Opfer und noch nie Täter.

Es gibt keine geteilte Freiheit

Ihre früheren Kämpfe führten sie auch für uns heute. Unsere heutigen Kämpfe führen wir deswegen auch für sie. Es gibt keine geteilte Freiheit, einerseits die unsere und andererseits die ihre. Die eine ist stark mit der anderen verbunden. Das gilt übrigens auch für LSBTIQ*-Rechte weltweit.

Danke an alle, die sich jahrelang für diesen Moment eingesetzt haben. Ihr habt Geschichte geschrieben. Herzliche Glückwünsche an alle, die, wenn auch späte, Gerechtigkeit erfahren. Ihr habt es verdient! ❤

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LSBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.

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Mr. Gay Germany ist nicht Manns genug…

Pascal aus München ist Mr. Gay Germany. In Kommentaren wird er als als Milchbubi, zu jung und zu wenig Mann bezeichnet. Das ist nichts anderes als Bodyshaming und Altersdiskriminierung, von denen nicht nur ältere und/oder fülligere Menschen betroffen sind.

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Mr. Germany 2016: Pascal aus München. (Foto: https://facebook.com/mrgaygermany)

Schönheit ist subjektiv

Die Attraktivität einer Person kann ich erst einmal nur für mich beurteilen. Selbst die gesellschaftliche Vorstellung von selbiger unterliegt dem Wandel der Zeit. Gewinner*innen von Schönheitswettbewerben sind also einerseits das Spiegelbild eines derzeit geltendes Ideals. Andererseits angewiesen darauf, dass sie den individuellen Nerv und Geschmack der jeweiligen Jury treffen.

Offensichtlich ist das dem 21-jährigen Pascal aus München bei der Wahl zum „Mr. Gay Germany“ gelungen. Am vergangenen Wochenende kürte ihn die Jury in Köln zum Sieger des diesjährigen Wettbewerbs. Neben seiner Optik, kam scheinbar auch seine Kampagne „Don’t hide“ gut an, jene sich um Anlaufstellen in Schulen und Jugendzentren für LSBTIQ*-Jugendliche (Lesbische, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Queere) dreht.

Das dies für Pascal kein Modethema ist, beweist er allein durch sein Engagement als Gruppenleiter in Münchens queerem Jugendzentrum „diversity“. Hier bringt er sich bereits seit 2 1/2 Jahren aktiv ein.

Ein Milchbubi ohne Ausstrahlung und Lebenserfahrung

Zugegebenermaßen erfuhr ich eher durch Zufall von Pascals Erfolg. Das Ergebnis war Teil der Kategorie „Bild des Tages“ auf dem Nachrichtenportal Queer.de, welches ich regelmäßig besuche. Ohne die anderen Kandidaten und ihre Inhalte zu kennen, gefiel mir der Einsatz des Gewinners für junge LSBTIQ*.

Unter dem Artikel und auf Facebook konnte man verschiedene Kommentare zum Sieg von Pascal lesen. Mich wundert es natürlich nicht, dass ein Wettbewerb, in dem es auch (vielleicht sogar vor allem, das kann ich nicht beurteilen) um Aussehen geht, ein Echo hierauf erzeugt. Die Themen ähneln sich sehr.

Alter.

„Ich bin dafür, dass eine Mindestaltersgrenze von 30 eingeführt wird. Dann hat das wenigstens was mit Mann zu tun, hat genug Lebenserfahrung und bringt genug Ausstrahlung mit!“

Körperbild.

„Zu jung….Zu dünn….Zu wenig Mann“

Mangelnde Männlichkeit.

„Was für ein Schönling, ein Mann ist das nicht“

Diese drei Aussagen sind nur Beispiele für zahlreiche Reaktionen. Immer wieder dreht es sich darum, dass ein Mr. ein Mann sein muss, der Sieger keiner sei und sein Aussehen sowie Alter ihn sowieso bei den Schreibenden durchfallen lassen.

Bezüglich des Alters bin ich fair. Ich würde auch die Organisator*innen der Mr. Gay Germany Wahl, die nur Kandidaten bis 40 Jahren zulassen, gerne mal auf einen Trip durch die Kölner Altstadtszene und über ihren Horizont mitnehmen. Dort gibt es Paradebeispiele von Sexiness über alle Körperbilder und Altersklassen hinweg. Apropos, bald ist wieder Bear Pride in Köln. Die Zeit im Jahr, in der ich besonders viel und erfolgreich flirte.

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Die Szene ist nicht frei von Lookism

Lookism nennt man es, wenn Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person ist. Diejenigen, welche bestimmte Vorstellungen von Attraktivität nicht erfüllen, wertet man verbal oder körperlich ab. Das ist an vielen Stellen Alltag. Die Szene kann hier nicht als Ausnahme betrachtet werden. „Keine Tunten, Fetten, Alten, Schwarzen und Asiaten“ oder „Schau in den Spiegel, bevor Du mir schreibst“, stehen in nicht wenigen Profilen auf Datingplattformen wie Gayromeo oder Grindr.

Ich hab in den Spiegel geschaut. Fand mich ganz annehmbar, deswegen weiß ich aber nicht automatisch, ob dies auch Deinem Geschmack entspricht. So richtig (!) tuntig werde ich nach zwei Kölsch (vorher vielleicht in unbeobachteten Situationen). Wie hoch jedoch Deine Testosteronlatte liegt und ob ich ihr gewachsen bin? Gute Frage…

Bodyshaming ist in alle Richtungen möglich

Bemerkenswert viele Menschen erteilen solchen Ansagen mittlerweile eine Absage. Es ist weitgehend Konsens, dass die Abwertung aufgrund von Körperform, Kilozahl oder Gesichtszügen keine akzeptable Sache ist. Dachte ich zumindest.

Philipp Kienzl beschrieb im Juli 2016 auf Ze.tt, mit welchen Bezeichnungen für seinen Körper er sich auseinandersetzen muss. Wir alle haben schon hunderte Artikel darüber gelesen, wie sich fülligere Personen zur Wehr setzen. Philipp allerdings gilt als das Gegenteil. Ihm wird oft Untergewicht vorgeworfen, weshalb man ihn als „Zahnstocher“, „Lauchstange“ oder „Spargeltarzan“ bezeichnet. Klingt lustig, beleidigt ihn aber.

Ebenso wie man niemandem „Fleischwalze“, „Schwabbelbacke“ oder „Adipösi“ an den Kopf werfen sollte, versteht sich dies umgekehrt. Dünne Zeitgenossen sind kein Freiwild, die vermeintliche Scherze oder Beleidigungen über sich ergehen lassen müssen.

Wie wäre es also, wenn man jenes Phänomen auf die aktuelle Mr. Gay Wahl überträgt? Stellen wir uns vor, ein älterer, beharrter Bär hätte den Titel ergattert. Ein Mannsbild, für das der Begriff „Straight Acting“ oder der Ausruf „Woof“ quasi erfunden wurden. Manche Leute hätten den „Opa“ ausgelacht oder sich über den „fetten Körper“ echauffiert.

Darauf wären zurecht die Vorwürfe des Bodyshamings und der Altersdiskriminierung erhoben worden. Andersherum, sobald jemand als Milchbubi bezeichnet wird, handelt es sich ebenfalls darum. Es ist Abwertung einer Person und in dem Falle sogar ganzen Gruppe, behauptet man, erst ab 30 könnte ein Mann ein Mann sein, Lebenserfahrung besitzen und Ausstrahlung haben.

Hier werden im Übrigen heteronormative Stereotype übernommen, die auf Geschlechterrollen aufbauen. Es sind dieselben Argumente, die viele Homophobe nutzen. Auch sie wollen keine „verweichlichten“, sondern nur „richtige“ Männer akzeptieren. Wo das Problem liegt, beide Arten von Männern (und Frauen) nebeneinander existieren zu lassen, konnte mir noch niemand plausibel erklären.

Mir ist dieses Vorurteil bewusst, junge Menschen, vor allem junge schwule Männer, seien immer total von ihrer Attraktivität überzeugt und gehen entsprechend arrogant mit anderen um. Es gibt jedoch genügend von ihnen, die sich aus den verschiedensten Gründen nicht wohl in ihrer Haut fühlen. Deine Worte prallen also nicht an einer Wand ab, sondern verletzen möglicherweise. Es ist nicht zu viel verlangt, sich darüber Gedanken zu machen.

Die Mr. Gay Germany Wahl ist kein spezieller Fall, in dem Höflichkeit und Respekt nicht zählen

Darf es denn im speziellen Fall der Mr. Gay Germany Wahl, nicht auch eine spezielle Reaktion geben? Nehmen wir an, jemand, der es sonst nie tun würde, macht abfällige Bemerkungen über das Aussehen von Pascal. Mit der Begründung, dieser Stelle sich ja einem Wettbewerb, in dem es vorrangig um die Optik geht. Also müsse er auch damit leben, dass er manchen eben nicht gefällt.

Nein, das kann keine Begründung sein. Wir müssen alle akzeptieren, nicht den Geschmack jeglicher Menschen zu treffen. Optisch oder zwischenmenschlich. Es gibt aber einen großen Unterschied, zwischen nicht gefallen und herabsetzen. Im Endeffekt geht es um das äußern einer Ich-Perspektive, die niemand pauschalisieren kann.

Mir hätte (äußerlich) ein anderer Typ Mann als Mr. Gay Germany mehr zugesagt. Dennoch wurde von anderen entschieden. Die eben genauso ihre eigene subjektive Wahrnehmung haben. Wer das versteht und akzeptiert, dem fällt auch leichter, trotzdem Glückwünsche an Pascal zu senden.

Auch an Orten, wo es um Sexualität und körperliches Begehren geht, sollte eine faire Atmosphäre herrschen. Im Cruisingclub wird es auch nicht akzeptiert, Leute zu beleidigen, die unseren ästhetischen Nerv nicht treffen, nur weil dort das Aussehen eine wichtige Komponente spielt. Selbst will man so ja auch nicht behandelt werden.

Jede*r hat das Recht auf einen eigenen Geschmack. Aber niemand besitzt ein Recht, die Mitmenschen deswegen abzuwerten

Natürlich kann man, ganz unabhängig der Mr. Thematik und auf allgemeiner Ebene gesehen, argumentieren, dass sexuelle und optische Vorlieben Geschmackssache sind. Jede*r hat das Recht auf einen eigenen Geschmack. Aber niemand besitzt ein Recht, die Mitmenschen deswegen abzuwerten. Ich ficke auch nur mit Leuten, die mir gefallen. Der Unterschied ist, dass ich den Fokus genau darauf lege.

Manche Profiltexte lesen sich so negativ. Es stellt sich die Frage, ob diese Personen bei der Bestellung im Restaurant aufzählen, was sie alles auf gar keinen Fall bekommen möchten, geschweige denn essen würden. Es reicht doch völlig aus, die Speisen zu wünschen, welche einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Das Sexleben wird auch nicht besser, wenn ich mich ausführlich mit allem was mich abturnt beschäftige.

Nicht auszuschließen ist, dass sich jemand bei Dir meldet, der nicht in Dein Raster passt. Das kann jedoch ebenso passieren, obwohl er Deinen theoretischen Wünschen nach Alter, Bartwuchs, (Schwanz)Größe und Haarfarbe entspricht. Manchmal passt es nicht. Ein einfaches „Du bist nicht mein Typ“ hilft an dieser Stelle. Es erfüllt seinen Zweck, ganz ohne irgendwen zu verletzten.

Wo liegt eigentlich das Problem, wenn Du eine Nachricht von einer für Dich unattraktiven Person bekommst? Warum greift es Dich so an? Weil er glaubt, bei Dir eine Chance haben zu können, während Du in einer soooo viel höheren Liga spielst? Sieh es positiv: Jede Nachricht ist ein Zeichen Deiner unfassbaren Attraktivität. Auf dieses Kompliment darf man guten Gewissens höflich reagieren.

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00 Januar 2016

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Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit September 2017 arbeite ich an einem Konzept für mein erstes Buch.