„HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat.“ – Socke und Schuss im Interview!

Die beiden schwulen Socken „Socke und Schuss“ haben ihre eigene Facebookseite, auf der sie aus ihrem Leben berichten und häufig Sex, HIV und Szenegeschehen thematisieren. Ich habe mit ihnen über ihr Dasein zwischen Waschgängen und Sexabenteuern gesprochen.Socke und Schuss

Ihr beiden habt euch während eines Waschgangs kennengelernt. Sockes Partner erging es wie vielen anderen von eurer Art: Er verschwand einfach in der Waschmaschine. Nun führt ihr eine Zweckgemeinschaft. Ich stelle mir das als ein Art Waschtrauma vor. Habt ihr keine Angst, dass sich diese Geschichte wiederholt und einer verloren geht?

Socke: Da sagst du was Marcel. Schwule Jungs und Männer und auch wir als schwule Socken, haben ja manchmal besonders Angst jemanden zu verlieren und wieder alleine durch’s Leben zu müssen!

Schuss: Ja, aber dafür haben wir uns ja nun einen Sockenschuss zugelegt. Kennste oder? Das is ‘ne Pistole, die uns beiden mit einem kleinen Faden aneinander heftet. Also „Safer Wasch“ in der Maschine sozusagen!

Wenn man die Steckbriefe zu euch auf eurer Website liest, bekommt man schnell den Eindruck, dass ihr sehr verschieden seid. Nun heißt es ja auch, dass sich Gegensätze anziehen. Bereichern Unterschiedlichkeiten eure Beziehung?

Schuss: Also ich bin schon eher der dominantere Typ, auch nach dem Waschgang.

Socke: Mir kommt das entgegen, ich lasse mich gerne mal einfach fallen und auf links krempeln! Von daher sind unsere unterschiedlichen Rollen beim Sex SEHR bereichernd und anregend.

Socke hat eine positive HIV-Diagnose bekommen. Was hat sich dadurch für Dich verändert? Und wie stand Dir dabei Schuss zur Seite?

Socke: Um ehrlich zu sein, standen wir irgendwann vor der Entscheidung, ob wir unsere Beziehung öffnen wollen. Wir haben uns entschieden es zu tun, um unsere Auswärtsspiele entspannter genießen zu können. Und bei ‘ner schnellen Nummer im Darkroom können Schwanz und Gehirn auf Sex, anstatt auf Kommunikation schalten.
Das Testergebnis fühlte sich trotzdem wie ‘ne kalte Dusche an, aber Schuss hat mir geholfen und sozusagen den Schonwaschgang eingestellt. Erstmal alles sortieren, miteinander reden und das Wichtigste, er steht zu mir. Weil ich offen mit meiner HIV-Infektion umgegangen bin, habe ich das Gefühl, dass wir seitdem auch offener über Wünsche und Bedürfnisse reden können.

Wenn ich Menschen von meinem HIV-Status erzähle, dann höre ich oft, dass sich viele gar nicht trauen zum Test zu gehen. Einerseits, weil es ihnen unangenehm ist mit dem oder der Berater*in über die Thematik zu sprechen. Anderseits aber auch, weil sie Angst vor dem Ergebnis haben. Was würdet ihr diesen Personen raten?

Socke: Wir haben in unserem kleinen virtuellen zu Hause ja eine ganze Reihe von tollen Anlaufstellen gesammelt, wo man sich auf HIV und auch andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen kann. Da sitzen gut ausgebildete ehren- und hauptamtliche schwule Männer, die praktisch alles schon mal gehört haben, was sich im Bereich zwischen Socken und Kopf bei Männern abspielen kann. Also keine Sorge!

Schuss: Eins steht fest, je schneller man sein positives Testergebnis weiß, umso schneller wird man handlungsfähig und kann auf die Infektion reagieren! Das ist bei den guten Therapiemöglichkeiten heutzutage durchaus wichtig geworden.

Was ist denn für euch der größte Benefit der HIV-Therapie?

Schuss: Seit Socke unter der Nachweisgrenze ist, benutzen wir keine Kondome mehr. Denn wir wissen, dass diese geringe Viruslast eine Ansteckung verhindert: Hier ein guter Link!.

Socke: Die Pillen ermöglichen mir im Endeffekt ein genauso langes Leben, wie allen anderen Socken, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen sind.

Auf Facebook teilt ihr Gedanken zum Jahreswechsel, zur LSBTIQ*-Szene, informiert über Depressionen und andere psychische Erkrankungen oder verleiht Auszeichnungen an Szenelokalitäten. Ist euch die Mischung an Themen wichtig und wenn ja warum?

Schuss: Gut recherchiert! Wir lieben aufmerksame Follower!

Socke: Die Mischung macht‘s halt! Wer hat schon nur weiße Socken im Schrank. Die Szene ist bunt, es gibt einiges rund um Sexualität zu erzählen und wir wollen auf schwule Lebenswelten aufmerksam machen.

Wie kriegt ihr diese Offenheit hin, was Themen zu Liebe und Sex angeht?

Schuss: Offenheit? Bei uns wird jedes offene Loch sofort gestopft!

Socke: OMG! Ich würde es eher so ausdrücken: Nur wer spricht, dem kann geholfen werden. Wir haben immer öfter das Gefühl, dass in der Szene weniger kommuniziert wird. Wir wünschen uns den Dialog zwischen den Generationen, einen Kampf für gleiche Rechte, der aber nicht auf Kosten derer stattfinden kann, die anders sind und dies auch bleiben wollen. Das wir in einem Land leben, in dem man mittlerweile offen über sexuelle Identitäten reden kann, ist etwas, das wir uns nicht nehmen lassen werden. Denn da gibt es ja immer wieder Menschen und auch ein paar faule Socken, die uns das streitig machen wollen.

Wenn es um Sex geht, dann geht es ja auch um Fragen zu Vorlieben. Mich stört es, wenn andere in sozialen Netzwerken als „zu tuntig, fett, alt“ oder für ihre Fetische abgewertet werden. Wie ist eure Haltung dazu?

Schuss: Fetische und Kinks sind geilst, soll doch jeder das machen, worauf er Lust hat, so lange es beiden oder wie vielen auch immer Spaß macht.

Socke: Ich denke, die Abgrenzung zu Tunten, dickeren Menschen oder Männern mit Bart, Brille oder was sonst noch alles nicht gemocht werden könnte, hat viel mit einer vermeintlich eigenen Aufwertung zu tun. Mit dem Finger auf andere zeigen, lenkt von eigenen Schwächen ab. Aber das ist jedenfalls kein Thema für einen Kurzwaschgang!

Da habt ihr Recht. Wenn man eure Beiträge weiterhin verfolgt, wird man ja immer wieder auf eure Haltung dazu stoßen. Welche weiteren Themen haltet ihr für – gerade in der Szene – zu wenig diskutiert, obwohl sie eigentlich häufig vorkommen?

Schuss: Als ich mich mit der HIV-Infektion von Socke auseinander gesetzt habe, ist mir eigentlich erst da bewusst geworden, wie sehr Positive nach wie vor ausgegrenzt und abgewertet werden. Sie verschweigen die Infektion immer noch häufig im Bekannten- und Freundeskreis und auch die Familie weiß oft nicht Bescheid. Selbst in der Szene, wo jeder „einen“ kennt, der „einen“ kennt, halten sich Tabus hartnäckig.

Socke: HIV ist und bleibt eine Infektionskrankheit, die mit Ficken, Moral und Schuld zu tun hat. Nach ganz vielen Jahren der Information und Auseinandersetzung mit dem Thema ist es überraschend, dass diese Mischung nach wie vor Gründe für Stigmatisierung liefern kann.

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle Reaktionen freundlich sind. Was macht ihr, wenn jemand sich homophob äußert oder zum Beispiel Socke wegen seiner Infektion angreift? Ignorieren, in den Dialog gehen oder Konversation durch blocken unterbinden?

Socke: Den Dialog zu führen, ist immer noch genauso wichtig wie vor dreißig Jahren, wenn auch zu anderen Themen, die unsere Szene aktuell bewegen. Geblockt werden bei uns Trolle und Nutzer, die Hetze gegen Minderheiten mit Meinungsfreiheit verwechseln. Das kam zum Glück so gut, wie nie vor. Wir finden unsere Fans ein wenig vergleichbar mit Buntwaschmittel. Sie sind bunt in der Zusammensetzung und dürfen uns in Diskussionen und Kommentaren gerne den Kopf waschen, aber nicht zu heiß, dann schalten wir wirklich auf Schonwaschgang oder einfach aus.

Schuss: Word!

Zum Abschluss eine lockere Frage: Ist der Sebi von „Kasalla“ in real genauso süß, wie er in eurem Interview aussieht? Habt ihr seine Nummer? Frage für einen Freund!

Schuss: Ich sage dir eins, mir qualmte bei dem Interview nicht nur die Socke!

Socke: Schuss! A propos Schuss, der Sebi ist wirklich einer!

So ihr beiden, ich muss mich jetzt auf die Socken machen. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin Erfolg!

Socke und Schuss ist ein Präventionsprojekt von Herzenslust NRW, dass sich an Schwule und Männer, die Sex mit Männern haben richtet.
Facebookseite von Socke und Schuss: https://bit.ly/SockeUndSchuss
Website von Socke und Schuss: https://sockeundschuss.de

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.

Safer Sex ohne Kondom, Schutz durch Therapie, Kombinierte Prävention.

Ich habe gestern, auf der Mitgliederversammlung der Deutschen AIDS-Hilfe, einen Inputvortrag zum Thema „Kombinierte Prävention, Schutz durch Therapie“ gehalten. Diesen möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten. Et voilà, hier gibt es die schriftliche Version!

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Eines der Bilder aus der „Wussten Sie eigentlich?“-Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe.

Was ist der Schutz durch Therapie?

Safer Sex war schon immer vielfältig. Die dazugehörigen Botschaften von Aidshilfen ebenfalls. Es gab nie nur „die eine“ Botschaft, welche vermittelt wurde. Das liegt natürlich auch daran, dass jede/r andere Risiken eingeht und somit nicht für alle jeweils eine Pauschalbotschaft gelten kann. Die klassischen Safer-Sex-Botschaften lauten: „Beim Geschlechtsverkehr Kondome benutzen, beim Oralverkehr kein Sperma in den Mund gelangen lassen.“

Nun ist es aber so, dass Wissenschaft und Forschung immer neue Erkenntnisse mit sich bringen. Im Bereich der Prävention von sexuell übertragbaren Infektionen, vor allem was HIV/Aids betrifft, hat sich einiges in den letzten Jahrzehnten getan.

Auch wenn ich glaube, dass die meisten Anwesenden heute folgende Infos schon kennen, möchte ich diese noch mal kurz einbringen: HIV-Medikamente blockieren die Vermehrung von HIV im Blut. Nach einer gewissen Zeit (diese variiert von Person zu Person, manchmal handelt es sich um Wochen, manchmal auch um Monate) sind mit den gängigen Verfahren meist keine Viren mehr nachweisbar, man sagt dann, dass die Viruslast sich unter der Nachweisgrenze befindet. Wenn eine Therapie sogar mehrere Monate lang gut wirkt, sind auch in Körperflüssigkeiten (z. B. Sperma) und Schleimhäuten (z. B. Scheiden- oder Analschleimhaut) keine oder nur sehr wenige Viren zu finden. Da für eine HIV-Übertragung erhebliche Mengen HI-Viren notwendig sind, ist eine Übertragung in diesem Fall extrem unwahrscheinlich.

Diese Schutzwirkung der HIV-Therapie ist mittlerweile wissenschaftlich bewiesen. Die Studie „HPTN 052“ hat im Jahr 2011 gezeigt: Eine gut wirksame HIV-Therapie senkt das Risiko der Übertragung um 96 Prozent. Weltweit ist nur ein Fall beschrieben, bei dem es trotz wirksamer HIV-Therapie zu einer Übertragung gekommen ist.

Kondome senken das Risiko einer HIV-Übertragung bei souveräner Handhabung um etwa 95 Prozent. Kommen Anwendungs- oder Materialfehler hinzu, dann beeinträchtigen diese die Schutzwirkung. Hinzu kommen „kleine Risiken“ (z. B. beim Oralverkehr), die durch das Kondom nicht abgedeckt werden. Mittlerweile weiß man also, dass eine wirksame antiretrovirale Therapie (ART) beim Sex genauso effektiv vor einer HIV-Übertragung schützt wie Kondome.

Erhöhen andere sexuell übertragbare Infektionen das Risiko einer HIV-Infektion? Und hilft das Kondom nicht außerdem generell, sich vor anderen Infektionen als HIV zu schützen?

Nun könnte man natürlich sagen: Bei unbehandelten HIV-Positiven erhöhen Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen die Übertragungswahrscheinlichkeit von HIV erheblich. Das ist auch richtig. Bei HIV-Positiven, die aber unter Therapie sind, scheinen dieselben Infektionen hingegen nicht ins Gewicht zu fallen. Das sagen neuere Forschungsergebnisse aus. Dieser Wissenstand wird zurzeit auch durch weitere Studien abgesichert.

Prävention kann aber auch schon heute darauf hinweisen, dass andere sexuell übertragbare Infektionen beim Thema „Schutz durch Therapie“ kaum eine Rolle spielen. Entscheidend ist: In Studien wie in Arztpraxen sind bisher, mit einer Ausnahme, keine HIV-Übertragungen dokumentiert – und zwar auch dann nicht, wenn andere sexuell übertragbare Infektionen vorlagen.

Natürlich muss man auch immer wieder deutlich machen, dass es absolute Sicherheit beim Sex prinzipiell nie geben wird. Weder beim Kondomgebrauch, noch beim Schutz durch Therapie. So was sollten wir nicht unter den Tisch fallen lassen. Wobei mir immer wieder auffällt, dass besonders beim Schutz durch Therapie auf das Restrisiko verwiesen wird, welches man doch unmöglich hinnehmen kann. Beim Kondom kommt genau dieses Restrisiko eher seltener zur Sprache.

Da ich jetzt die ganze Zeit über HIV spreche, möchte ich aber auch sagen, dass generell folgendes gelten sollte: Man kann sich natürlich auch mit anderen sexuell übertragbaren Infektionen anstecken. Das Risiko sich mit diesen zu infizieren, kann durch den Kondomgebrauch gesenkt werden. Dies gehört selbstverständlich thematisiert.

Zugleich müssen wir dabei deutlich machen, dass Kondome nur teilweise vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen (zum Beispiel 60 Prozent bei Syphilis , 40 bis 60 Prozent bei Tripper). Die Syphilis wird beim Sex unter Männern auch leicht oral übertragen.

Deshalb empfiehlt die Deutsche AIDS-Hilfe regelmäßige Untersuchungen auf sexuell übertragbare Infektionen. Dies dient nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern ist auch ein Beitrag zu Unterbrechung von Infektionsketten und zur HIV-Prävention. Die Deutsche AIDS-Hilfe fordert daher die Kostenübernahme für regelmäßige Untersuchungen und mehr niedrigschwellige Test- und Untersuchungsangebote. Die Diagnostik sexuell übertragbarer Infektionen für schwule Männer ist in Deutschland nach der EMIS-Studie (2010) völlig unzureichend.

Der Schutz durch Therapie darf nicht dazu führen, dass man HIV-Positive Menschen einem Zwang aussetzt, die HIV-Therapie zu beginnen!

Wo wir aufpassen müssen ist, dass diese Botschaften keinen Therapiezwang unterstützen. In der internationalen Fachwelt wird die Schutzwirkung der HIV-Therapie häufig mit einem anderen Fokus diskutiert. Die zentrale Aussage lautet dort: Möglichst viele Menschen auf HIV zu testen und gegebenenfalls zu behandeln verhindert neue Infektionen. Diese Sichtweise kann dazu führen, dass Persönlichkeits- und Patientenrechte missachtet werden.

Es ist natürlich toll, dass die Medizin zur Verhinderung von Infektionen führen kann. Allerdings liegt die freie Entscheidung, über den Beginn und den Zeitpunkt des Beginns einer HIV-Therapie beim Einzelnen. Verständliche Informationen über Vor- und Nachteile eines individuellen Therapiestarts  also gerne, einen Zwang aber bitte nicht. Das hat immer diesen Unterton, dass Positive doch die Gesellschaft schützen können und ihrer Verantwortung gegenüber der Volksgesundheit nachkommen sollen. Absolut abzulehnen!

Kurz gesagt: Es gibt keine guten und schlechten HIV-Positiven Menschen. Diese moralische Spaltung, in die einerseits Therapierten und andererseits Unbehandelten, ist menschenverachtend.

Klassische Safer-Sex-Botschaften werden von einer Erweiterung nicht bedroht. Es gibt nicht die bessere oder schlechtere Botschaft. Aber: Die Voraussetzung dafür, dass Menschen selbstbestimmt handeln können, ist Wissen!

So, was machen wir nun damit?

Die klassischen Safer-Sex-Botschaften habe ich eingangs bereits erwähnt, die neuen Infos sollten dafür sorgen, dass eine dritte hinzukommt. Mir ist besonders wichtig hier das „hinzukommen“ ganz deutlich zu betonen. Denn: Es geht nicht darum die eine Botschaft gegen die andere auszuspielen. Das Kondom soll als Präventionswerkzeug also nicht verschwinden. Aber: Wenn wir von Safer Sex sprechen, dann meinen wir, dass das Risiko einer HIV-Übertragung reduziert wird. Dies gewährleisten sowohl die klassischen Botschaften, als auch die HIV-Therapien.

Genau so wenig wie irgendwer das Recht hat, das Kondom zu verbannen und darüber quasi eine unausgesprochene Zensur walten zu lassen, dürfen die belegbaren Erkenntnisse zu den HIV-Therapien verschwiegen werden. Es geht hier ja auch nicht um eine Empfehlung auf Kondome zu verzichten, ganz im Gegenteil. Worum es geht ist Wissen. Wissen ist Macht. Das Recht auf Wissen hat jede/r. Ich finde Aidshilfe hat die Pflicht die Menschen zu informieren, damit diese sich dann selbstbestimmt entscheiden können, wie sie mit diesem Wissen umgehen. Die Entscheidung, welche Möglichkeit jemand ergreift, kann nur er oder sie selbst treffen.

Es ist wichtig, darüber zu sprechen!

Wir müssen aber die Schutzwirkung der Therapie offen kommunizieren. Denn sie kann einige Vorteile haben:

  • Sie kann Ängste von Menschen mit HIV und deren PartnerInnen lindern und damit zu Gesundheit, Wohlbefinden und einer erfüllten Sexualität beitragen.
  • Sie kann dazu beitragen, dass Menschen mit HIV weniger Zurückweisung erfahren, die meist auf Angst zurückzuführen ist.
  • Sie kann die Kommunikation über (Safer) Sex fördern.
  • Sie kann die Bereitschaft zum HIV-Test erhöhen. Damit steigt die Chance auf frühzeitige Erkennung von HIV-Infektionen und rechtzeitige medizinische Behandlung, die wiederum zur Vermeidung weiterer Infektionen beiträgt.

Das Rechtssystem darf den Schutz durch Therapie nicht weiter ignorieren!

Eine besondere Bedeutung kommt dem Wissen von der Schutzwirkung der HIV-Therapie im Rechtssystem zu. Menschen mit HIV können für Sex ohne Kondom bestraft werden, wenn sie ihre Infektion nicht offengelegt haben. Das gilt sogar wenn keine Übertragung stattfindet.

Die Deutsche AIDS-Hilfe lehnt diese Praxis ab. So lange sie jedoch besteht, müssen Gerichte verlässlich anerkennen: Die HIV-Therapie ist ein wirksamer Schutz des Partners bzw. der Partnerin. Wenn eine HIV-Übertragung so gut wie ausgeschlossen ist, darf auch niemand bestraft werden. Der Kondomgebrauch wird zurecht als wirksamer Schutz akzeptiert – es gibt keinen Grund, die Schutzwirkung der Therapie anders zu beurteilen.

Die Botschaften zu erweitern und zu vermitteln wird nicht leicht, aber es ist möglich!

Ich möchte nun ganz kurz anschneiden, was ich glaube woher die Vorbehalte gegen den Schutz durch Therapie kommen. Denn ich glaube dass diese eine wichtige Rolle spielen werden, wenn man sich über diesbezügliche Präventionsbotschaften Gedanken macht.

1. Das Kondom ist sichtbar. Heißt also, ich kann es mir aktiv überstülpen oder sehen, dass es da ist und genutzt wird. Man kann es auch schmecken und riechen. Oder soll ich sagen leider schmecken und riechen? In den meisten Fällen finde ich persönlich genau das nicht so angenehm. Aber gut. Beim Schutz durch Therapie muss man zuallererst miteinander sprechen und dann natürlich auf die Infos aus diesen Gesprächen vertrauen können. Meiner Ansicht nach ist gerade das Vertrauen für viele Leute ein Problem. Es geht also um ein Gefühl, mit dem man sich wohlfühlen muss. So lange keine eindeutige Kommunikation stattfindet, ist aber die Verwendung von Kondomen zu empfehlen.

2. Es gab schon so viele Sensationsmeldungen über HIV/Aids. Ob es nun um eine Heilung, Impfung oder sonst was ging. Vollkommen egal. Ich denke wer jahrelang immer wieder feststellen musste, dass solche Meldungen im Nachhinein doch zu einem Großteil relativiert werden mussten, dem fällt es schwer nun die, über die wir heute sprechen, anzunehmen. Den Beleg, dass es nicht um eine Vermutung, sondern um Fakten geht, haben wir bereits. Nun kommt es darauf an, ob wir es schaffen, das Wissen auch vom Kopf in den Bauch zu bekommen. Vielleicht müssen wir noch mehr daran arbeiten, alte Schreckensbilder zu durchbrechen, damit dieses Glauben leichter fällt.

3. Nach 30 Jahren mit der Kondombotschaft, erzeugt die Aussage, auch kondomloser Sex könne Safer Sex sein, große Ängste, zum Beispiel vor einem Anstieg der HIV-Infektionen. Gerade Menschen mit HIV haben oft verinnerlicht, dass sie unter keinen Umständen auf Kondome verzichten dürfen. Solche Ängste sind allzu verständlich und müssen offen diskutiert werden können. Es gilt dabei deutlich zu machen: Niemand will von Kondomen abraten. Es geht um sachliche Informationen zu einer weiteren Möglichkeit sich zu schützen.

Mir ist bewusst dass die Botschaften – nicht nur wegen der eben drei genannten Punkte – nicht gerade einfach zu kommunizieren sind, aber wir haben meiner Ansicht nach, wie eben schon gesagt, die Pflicht dieses Wissen zu verbreiten.

Weitere Infos:
Safer Sex geht auch anders, Kampagne zum 30. Geburtstag der Deutschen AIDS-Hilfe.

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00 Januar 2016

Ich bin Marcel und schreibe über das Weltgeschehen und/oder mein persönliches Leben. Gleichzeitig veröffentliche ich auf YouTube Videos. Meistens dreht es sich um mein Leben mit HIV, LGBTIQ*-Geschehnisse oder andere gesellschaftlich relevante Themen. 2013 habe ich den „Medienpreis“ der Deutschen AIDS-Stiftung und 2014 den „Smart Hero Award“ von Facebook gewonnen.

Außerhalb der virtuellen Welt bin ich Teil der Jury des HIV-Community-Preises und referiere regelmäßig zu Aktivismus (in Zeiten des Internets) und Menschenrechtsthemen bei Aidshilfen, Selbsthilfekongressen und ähnlichen Anlässen. International bin ich bisher bei der Welt-Aids-Konferenz und UNAIDS aktiv gewesen. Seit Anfang 2017 schreibe ich an meinem ersten Buch.